Facebook und WhatsApp: Der Zwang der Antwort

Zwingen Messenger-Dienste und Nachrichten-Zentralen uns mit der neuen „Gelesen-Offenbarung“ auf Mitteilungen zu reagieren? Und wenn ja, was bezwecken die Anbieter damit?

facebook und whats app - der zwang zur antwort

Zugegeben: Durch “Text over IP”-Apps wie WhatsApp, den Facebook Messenger oder Apples iMessage werden unsere Handyrechnungen schon seit geraumer Zeit ernorm geschont. Sobald wir in einem WLAN-Netzwerk sind oder über unsere Datenflat surfen, können wir simsen und chatten, was die Tasten hergeben. So weit, so praktisch. Eher unpraktisch ist hingegen die “Gesehen”-Funktion beim Facebook Messenger oder auch die “Zuletzt online”-Information bei WhatsApp.

Mal ganz von datenschutzrechtlichen Bedenken, die hier tatsächlich einmal angebracht wären, abgesehen: Wie verändert sich unser Chatverhalten, wenn wir wissen, dass der Gegenüber Einblick in dieses hat?

Wer keine Lust hat, auf eine Facebook-, WhatsApp- oder iMessage-Nachricht zu antworten, der muss sich aktuell ganz genau überlegen, ob er diese öffnet oder einfach ungelesen ignoriert. Denn der Gegenüber, also der Absender, ist über diese Apps in der Lage nachzuvollziehen, wann wir seine Mitteilung gelesen haben. Facebook, WhatsApp und Apple entziehen uns mit “Gesehen: Heute, 09:15 Uhr”, “zul. online heute 22:19 Uhr” oder “gelesen 13:46 Uhr” jegliche Ausrede, die Nachricht unbeantwortet zu lassen. Diesen könnte mit “aber du hast ja…”, “aber ich habe doch gesehen, dass du…”, “du warst doch…” alle Glaubwürdigkeit entzogen werden. Damit ich nicht falsch verstanden werde: Wer dem Gegenüber nicht antworten möchte, der sollte wenigstens die Courage haben, ihm dies auch offen und ehrlich mitzuteilen. Doch schon das Entziehen einer rein hypothetischen Ausrede setzt uns unter enormen Druck.

Es ist wie ein Zwang, dass man auf eine Nachricht reagieren muss, weil der Gegenüber weiß, dass wir gerade am Handy sind, dass wir seine Frage in diesem Moment vor Augen haben. Wem das gefällt und wer das als nützlich ansieht, dürfte damit keine Schmerzen haben. Das Problem hierbei sind eher diejenigen Nutzer, die eben kein Interesse an den Funktionen haben. WhatsApp gibt im appinternen FAQ dazu nur folgende Auskunft:

    „Zur Zeit ist es nicht möglich, diese Zeitstempel abzustellen.“
    WhatsApp-FAQ

Und auch Facebook sieht die “Gesehen”-Funktion nicht als Option, sondern setzt sie einfach ungefragt und obligatorisch voraus (im übrigen nicht nur im Chat, sondern in der gesamten Nachrichtenzentrale). Findige Freunde gepflegter Privatsphäre haben inzwischen aber eine Lösung gefunden: Mit Browser Add-ons wie beispielsweise “blocksite” oder “AdBlock Plus” für Firefox einfach

    http://www.facebook.com/ajax/mercury/change_read_status.php (bzw. “https”, falls “sicheres Durchstöbern” aktiviert ist)

blockieren und der Zeitstempel verschwindet. Doch warum muss das so umständlich sein? Der Nutzen für Facebook und WhatsApp liegt auf der Hand: Wer unter Druck steht, der antwortet. Wer antwortet, der verbringt mehr Zeit auf der Plattform oder in der App. Druck schafft Zeit schafft Daten schafft Geld, könnte hier die vereinfachte Devise sein. Doch ist dieser Plan zu kurz gedacht. Es nervt die Nutzer, dass sie sich kontrollieren lassen müssen und dass sie keine Chance haben, diese Kontrolle (ohne Umwege) abzustellen.

Apple macht es seinen iMessage-Nutzern in dieser Hinsicht schon einfacher. Die Lesebestätigung ist standardmäßig ausgeschaltet. Wer iMessage aktiviert, wird dann per Push-Notification nach der Aktivierung gefragt. Die Auswahlmöglichkeiten: “Ja” und “Später”. Es wird erst gar nicht in Betracht gezogen, dass man die Funktion auch später nicht nutzen will. Immerhin: Selbst wenn man es aus Versehen aktiviert hat, kann man es unter Einstellungen -> Nachrichten -> Lesebestätigung wieder rückgängig machen.

Ob es nun Lesebestätigung, “Gesehen”-Funktion oder Zeitstempel heißt: Die Privatsphäre wird hier nicht hinreichend berücksichtigt. Wer nicht antworten will, der sollte sich nicht unter Druck gesetzt fühlen, dies tun zu müssen. Apple hat hier einen guten Mittelweg gefunden, den man sich so auch von WhatsApp und Facebook erhoffen würde. Die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt.

P.S.: Schreibt mir doch bitte in die Kommentare, wann ihr diesen Beitrag gelesen habt!


Dieser Beitrag ist zuerst erschienen auf tobiasgillen.de


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Tobias Gillen

Tobias Gillen

ist freiberuflicher Medien- und Technikjournalist und Blogger. Nebenher schreibt er Bücher und E-Books und ist bei Twitter, Facebook und Google+ zu finden.

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