Digitale Disruption im TV: Wie können die Nachrichtensender reagieren?

Das Fernsehen sollte ursprünglich ganz anders sein. Es sollte widerstandsfähiger gegenüber digitaler Disruption sein als die Printmedien. Eine Zeit lang war es das auch, nun jedoch nicht mehr. Heutzutage muss sich auch das Fernsehen dem Sturm kreativer Zerstörung und digitaler Umwälzungen stellen, in einem Ausmaß, dass anderen Medienindustrien ebenfalls bekannt ist. Das Fernsehen ist noch immer ein wichtiges Medium und wird es auch in den nächsten Jahren sein, allerdings wird es nicht die dominierende Kraft innehaben, die es in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gewesen ist.

Der Fernsehkonsum ist in Ländern wie den USA und dem Vereinigten Königreich seit 2012 jährlich um vier Prozent gesunken. Dieser Rückgang ist mit dem der Printmedien in den 2000ern vergleichbar. Über 10 Jahre betrachtet, sind die Zuschauerzahlen um ein Viertel oder mehr zurückgegangen. Der durchschnittliche Fernsehzuschauer vieler Nachrichtenprogramme ist inzwischen älter als der Durchschnittsleser der meisten Zeitungen. Der Rückgang junger Zuschauer ist beim Fernsehen im Allgemeinen und insbesondere bei Nachrichtensendungen besonders gravierend.

Unterdessen sehen wir jedoch einen starken Anstieg der Zuschauer von Onlinevideos auf Video-Portalen, kostenpflichtigen Streamingseiten und in sozialen Netzwerken, die eingebettete Videos beinhalten. Der Wandel zu einer “Post-Broadcast-Demokratie” wurde mit dem Anstieg des Kabel- und Satellitenfernsehens in den 1990ern und den 2000ern eingeläutet, geht jedoch inzwischen über in eine “Post-Fernsehen-Demokratie”, da digitale Medien dabei sind, das Fernsehen als wichtigste Nachrichtenquelle abzulösen.

Die Auswirkungen auf den Journalismus könnten durchaus tiefergehend sein. Sogar als die Zeitungsauflagen sanken und digitale Medien in den 1990ern und den frühen 2000ern zunahmen, blieb das Fernsehen in vielen Ländern die einzige, wichtigste und weit verbreitetste Nachrichtenplattform. Private sowie öffentliche Nachrichtenanbieter investierten hohe Summen in den Journalismus, der sein internationales, nationales und lokales Publikum mit Nachrichten versorgte. In den kommenden Jahren werden sowohl die Reichweite als auch die Erträge deutlich sinken.

Da sich das Fernsehen generell verändert, wird sich auch der Fernsehjournalismus anpassen müssen. Heute bestimmen bessere Internetverbindungen, bessere Geräte und bessere Dateikomprimierungsformate in Verbindung mit der enormen Zunahme von Onlinevideoangeboten und Video-on-Demand-Services wie Netflix und sozialen Netzwerken wie Facebook einen beschleunigten Wandel des Fernsehens und der Nachrichtenanbieter.

Da wir uns in Richtung einer zunehmend wettbewerbsfähigen, aufteilenden und abrufbereiten medialen Umwelt bewegen, wird der TV-Journalismus immer weniger von großen Zielgruppen anderer Programme profitieren und die Ressourcen, die in den Fernsehjournalismus investiert wurden, wahrscheinlich weiter abnehmen.

Gewissermaßen ist dies ein goldenes Zeitalter der Fernsehinhalte — man denke an Game of Thrones und House of Cards oder Downton Abbey und The Night Manager. Vor allem Onlinevideos an sich nehmen zu und stehen immer mehr im Fokus unserer digitalen Medienerfahrung.

Es wird immer weniger ersichtlich, ob TV-Nachrichten in dieser sich stetig verändernden Umgebung einen Platz haben.

In einer neuen Studie des Reuters-Instituts analysieren wir, wie sich das traditionelle Fernsehen wandelt, untersuchen den Anstieg von Onlinevideos und schauen uns Beispiele an, wie Nachrichtenanbieter – sowohl traditionelle Nachrichtensendungen als auch Zeitungen, etablierte digitale Mitstreiter und neue Startups – neue Wege finden, digitalen Videojournalismus, aufbauend auf ältere Formen des Fernsehens und der TV-Nachrichten, aber auch indem sie diese hinterfragen, zu be- und vertreiben.

Obwohl viele traditionelle TV-Anbieter nur begrenzte Investitionen in digitale Medien geleistet haben und online über eine kleinere Zielgruppe verfügen als offline, sind dennoch interessante Experimente innerhalb des Videojournalismus zu sehen. Sie beinhalten sowohl kommerzielle Medien wie CNN und öffentliche Medien wie BBC, als auch neue Initiativen von Zeitungen wie der New York Times und dem Daily Telegraph, etablierte digitale Mitstreiter wie Vice und Startups wie NowThis News.

Obwohl beeindruckende Projekte zu beobachten sind, ist das wichtigste Ergebnis unseres Berichts, dass es nicht das eine Rezept für Online-Nachrichtenvideos gibt.

Die Tatsache, dass bisher niemand die richtige Mischung für die Erstellung von Online-Nachrichtenvideos in einer sich so stetig verändernden Umgebung gefunden hat, heißt nicht, dass eine Anpassung nicht notwendig ist. Eine Generation, die im Genuss von digitalem, sozialem und mobilem Videokonsum auf Abruf über verschiedenste Geräte aufgewachsen ist, bevorzugt nicht irgendwann live stattfindende, lineare, vorgeschriebene Programme auf einem einzigen Gerät, nur weil sie älter wird. Wenn sich TV-Nachrichten-Anbieter dieser Sache nicht annehmen, riskieren sie es, an Bedeutung zu verlieren.

TV-Nachrichtensender stehen der nächsten Welle digitaler Umwälzungen gegenüber, die Hindernisse, wie beispielsweise bekannte Marken, kreative Talente und tiefgreifende Archive qualitativ hochwertiger Inhalte mit  einschließen. Zudem riskieren sie Einschränkungen aufgrund ihrer veralteten Ordnung und Kultur. Formate, die auf Programme oder sich ständig aktualisierende Nachrichten und auf Bildschirme mit hoher Auflösung im eigenen Zuhause ausgelegt sind, eignen sich nur selten für Online-Nachrichtenvideos. Da diese über Apps und soziale Netzwerke verbreitet und oft auf mobilen Geräten angeschaut werden.

Da sich die Umstände momentan so beträchtlich verändert und es keine klaren Angaben gibt, wie damit am besten umgegangen werden kann, ist die einzig richtige Reaktion der Nachrichtenanbieter, sicher zu stellen, dass ihre Organisationen fähig sind, sich dem anhaltenden Wandel immer wieder anzupassen. Standardisierte Arbeitsabläufe und Organisationsformen sind zwar effektiv, jedoch nicht zum experimentieren geeignet.

An dieser Stelle können TV-Nachrichtenanbieter von dem profitieren, was wir bereits über Innovationen wissen – zum Beispiel von Michael Tushmans Untersuchung zum Thema “ungewöhnlich geschickte Organisationen”, die für Effizienz und Erforschung aufgebaut wurden, David Starks Arbeit bezüglich der Reflexivität von Organisationen oder Lucy Küngs Untersuchung, die einige Merkmale aufdeckt, die innovative digitale Nachrichtenorganisationen gemeinsam haben.

Diese Versuche des Experimentierens, Entdeckens und Neuerfindens können dazu beitragen, TV-Journalismus und TV-Nachrichtenanbieter mit den Herausforderungen zu konfrontieren, die sich den TV-Nachrichten nach mehr als einem Jahrzehnt ununterbrochener Dominanz stellt – wie dessen Kern und seine politische Mission neu erfunden und wie Wege zur Umsetzung gelingen können. Man sollte nicht fragen, was die traditionellen TV-Nachrichten ablösen wird. Denn ersetzen wird sie nichts. Die Frage sollte lauten: Wie können wir das Fernsehen, so wie wir es bisher kannten, hinter uns lassen?

Dieser Artikel erschien zuerst auf “Nieman Journalism Lab” unter CC BY-NC-SA 3.0 US. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image “Nicht Televisiion” (adapted) by Stock Tookapic.com (CC BY-NC 2.0)


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Rasmus Kleis Nielsen

Rasmus Kleis Nielsen

ist Forschungsleiter am Reuters Institut für Journalismusstudien der Universität von Oxford und Chefredakteur des International Journal of Press/Politics.

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Richard Sambrook

Richard Sambrook

ist Professor für Journalismus an der Fakultät für Medien und Kultur der Universität von Cardiff und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Reuters Institut für Journalismusstudien.

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