Protest gegen die Vorratsdatenspeicherung (Bild: ozeflyer [CC BY 2.0], via Wikimedia Commons)

Die gefährliche Macht der Metadaten

Viele Menschen nehmen an, die reine Sammlung von Metadaten sei nicht so riskant wie die Überwachung von Kommunikationsinhalten – ein gefährlicher Irrtum. // von Annika Kremer

Protest gegen die Vorratsdatenspeicherung (Bild: ozeflyer [CC BY 2.0], via Wikimedia Commons)

Metadaten sind Informationen, die bei der Nutzung von Telekommunikation über die eigentlichen Kommunikationsinhalte hinaus anfallen. Sie werden heute vielfach überwacht, gespeichert und analysiert. Diese Überwachung wird oft als harmlos dargestellt mit Hinweisen wie „es wird ja nicht überwacht, was gesagt oder geschrieben wird„. Sie ist es aber auf keinen Fall. Auch Metadaten lassen umfangreiche Rückschlüsse auf unser Leben zu und können zur Gefahr werden.


Warum ist das wichtig? Metadaten sagen mehr über uns aus, als den meisten von uns bewusst ist – und die Überwacher wissen das.

  • Unser soziales Netzwerk und unsere Kontaktpersonen werden durch Metadaten offen gelegt.

  • In den Zeiten mobiler Kommunikation lassen sich mit Hilfe gesammelter Metadaten umfangreiche Bewegungsprofile erstellen.

  • Die verharmlosende Darstellung einer Metadaten-Überwachung in der Öffentlichkeit erlaubt den Behörden mitunter fast unkontrollierte Datensammlungen.


Was genau sind Metadaten?

Bei jedem Telefongespräch, jeder SMS und jeder E-Mail fallen Informationen an, die über den eigentlichen Inhalt des Gesprächs oder der Textnachricht hinausgehen. Das sind sogenannte Metadaten, in Deutschland manchmal auch als Verbindungsdaten bezeichnet. Dazu gehört beispielsweise, wer mit wem kommuniziert, wann diese Kommunikation stattgefunden hat und wie lange sie gedauert hat. Werden mobile Geräte genutzt, gehört auch der Ort, an dem sich die Personen zum fraglichen Zeitpunkt befunden haben, dazu.

Überwachung von Metadaten

Viele Überwachungsprogramme zielen auf Metadaten ab. Dazu gehört beispielsweise die in großen Teilen Europas praktizierte (in Deutschland aber derzeit ausgesetzte) Vorratsdatenspeicherung. Diese sieht eine anlasslose Speicherung sämtlicher Verbindungsdaten für mehrere Monate durch die Telekommunikations-Dienstleister vor. Beim Verdacht einer Straftat dürfen die Ermittlungsbehörden auf die Vorratsdaten zugreifen.

Auch die berüchtigten Geheimdienste NSA (USA) und GCHQ (Großbritannien) sammeln in großem Umfang Metadaten. Und erst kürzlich wurde bekannt, dass auch der deutsche Auslandsgeheimdienst BND in großem Umfang derartige Datensammlungen durchführt – und die Informationen anschließend an die NSA weitergibt.

Die Geheimdienste wissen genau, was sie mit Metadaten tun und in welchem Umfang diese Rückschlüsse auf die Menschen zulassen. Wären diese Daten so harmlos, wie vielfach behauptet wird, wären sie für Geheimagenten wohl kaum interessant.

Der ehemalige NSA-Chef Michael Hayden: „We kill people based on metadata!“

Ich weiß, was du letzten Sommer getan hast

Viele Menschen glauben, solange die Gesprächs- und sonstigen Nachrichteninhalte nicht angetastet werden, sei eine Überwachung harmlos, sei ihre Privatsphäre noch einigermaßen geschützt. Natürlich wird dies von den Überwachungs-Befürwortern in der politischen Landschaft gerne bestärkt.

Diese Ansicht ist allerdings ein gefährlicher Irrtum. Man nehme nur einmal die Tatsache, dass schon Metadaten unser soziales Netz in gefährlichem Umfang offen legen, indem sie dokumentieren, mit wem wir wann, wie oft und wie lange kommunizieren. Geht es dabei nur um unseren Freundes- und Bekanntenkreis, mag eine solche Offenlegung zwar unangenehm, aber noch einigermaßen harmlos sein. Ernster wird es aber zum Beispiel, wenn wir Kontakt zu Berufsgeheimnisträgern aufnehmen und beispielsweise einen Anwalt, einen Arzt oder eine psychologische Beratungsstelle kontaktieren. Schlimm genug, wenn dies den Überwachern bekannt wird und diese es womöglich später gegen uns verwenden können. Aber es geht noch schlimmer. Was, wenn die Daten nicht ausreichend abgesichert sind – kein unwahrscheinliches Szenario angesichts der Flut von Berichten über spektakuläre Hacker-Angriffe in den letzten Jahren – und Kriminellen in die Hände fallen? Oder was, wenn die Menschen wissen, das sie beim Kontakt mit solchen Gesprächspartnern überwacht werden, und sich aus Angst und Scham dringend benötigte Hilfe nicht holen?

Nicht nur unser soziales Netz wird durch Metadaten offen gelegt. Im Zeitalter zunehmender mobiler Kommunikation – kaum jemand kommt heutzutage noch ohne Smartphone aus – zeigen Metadaten auch, wo wir uns aufhalten und wem wir dabei begegnen. Schon mehrfach wurde gezeigt, dass alleine mit Verbindungsdaten umfangreiche Bewegungsprofile einer Person erstellt werden können.

Diese Überwachung ist umfangreich und dementsprechend riskant. Auch wer nichts verbrochen hat, hat durchaus etwas zu verbergen. Wir alle haben kleine Geheimnisse, haben menschliche Schwächen, die wir vielleicht lieber für uns behalten wollen, oder schätzen einfach das Gefühl, in gewissen Situationen ganz für uns zu sein. Das ist weder unnormal noch verwerflich. Nimmt man die Risiken einer missbräuchlichen Nutzung der Daten, eines Hacker-Angriffs und einer irrtümlichen Verdächtigung durch die entstehende Datenflut hinzu, wird klar, wieso auch eine Überwachung von Metadaten alles andere als harmlos ist.

Darüber hinaus birgt auch diese Form der Überwachung – wie jede andere auch, sobald sie den Menschen bewusst ist und ihnen Angst macht – das Risiko einer Selbstzensur. Auf kontroverse Handlungen wird verzichtet, Angst und Konformismus gewinnen die Oberhand. Das kann für das Individuum ernste Folgen haben, wenn, wie erwähnt, beispielsweise auf die Hilfe bestimmter Vertrauenspersonen verzichtet wird. Aber auch die Gesellschaft als Ganzes leidet auf lange Sicht, da sie freie Meinungsäußerung, mutiges Verhalten und kreative Impulse benötigt, um zu wachsen und sich zum Besseren zu verändern.

Verharmlosung entgegen treten

Das nächste Mal, wenn ein Überwachungsprogramm (beispielsweise die Neueinführung einer Vorratsdatenspeicherung) mit dem Verweis darauf, dass nur Verbindungsdaten gesammelt werden, für harmlos erklärt werden soll, müssen wir dieser Darstellung daher entschieden entgegen treten. Es handelt sich bei solchen Aussagen um eine vorsätzliche Täuschung der Bevölkerung. Diese Daten sind alles andere als harmlos – und sollten dementsprechend behandelt werden.


Teaser & Image by ozeflyer (CC BY 2.0)


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Annika Kremer

Annika Kremer

schreibt regelmäßig über Netzpolitik und Netzaktivismus. Sie interessiert sich nicht nur für die Technik als solche, sondern vor allem dafür, wie diese genutzt wird und wie sie sich auf die Gesellschaft auswirkt.

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