Der Öffentlichkeit verpflichtet

Gestern habe ich beim Presserat eine Beschwerde über die Zeitschrift „Der Spiegel“ eingereicht. Dabei geht es darum, dass „Der Spiegel“ in enger Kooperation mit Wikileaks über die Depeschen des US-Außenministeriums berichtet. Im Fall der Irakakten fand ich das noch nachvollziehbar. In diesem Fall jedoch finde ich das Vorgehen problematisch.

Es ist die schiere Masse an Information, die das „Cablegate“ so besonders und so schwierig macht:
Noch nie hat ein Whistleblower so viele als vertraulich eingestuften Dokumente an die Öffentlichkeit weitergegeben.
Noch nie wurde eine staatliche Organisation mit einer so schwerwiegenden und so offenkundigen IT-Sicherheitslücke konfrontiert. Noch nie hat eine Whistleblower-Plattform so viele Dokumente bearbeiten müssen – und wurde mit derart harten Sanktionen bedroht.
Noch nie mussten Redaktionen mit einer solchen Masse vertraulich umgehen können und sich dabei abstimmen. Die Masse verlangt ganz klar einen neuen Umgang mit den Informationen – von allen Beteiligten…

Bislang scheint der Erfolg der gewählten Methode Recht zu geben. Wikileaks macht seit zwei Wochen permanent Schlagzeilen. Doch nach dem ersten Veröffentlichungsschwung werden nun täglich so wenige Depeschen veröffentlicht, dass bislang erst 0,5 Prozent des Gesamtkonvoluts veröffentlicht wurde. Dass die geleakten Dokumente nun nur von einer Handvoll von Redaktionen voraussichtlich über Monate hinweg ausgewertet werden soll, scheint wenig angemessen zu sein. Dadurch können nämlich Journalisten und Politikwissenschaftler ihre speziellen Fragestellungen nicht verfolgen, die neue Bezüge, neue Themen jenseits des Masseninteresses erschließen könnten. Sie sind hingegen in ihrer Recherche immer an die Vorauswahl von Wikileaks bzw. den Redaktionen gebunden.

Vermutlich war diese Vorgehensweise die Konsequenz aus den Afghanistan-Dokumenten, als kritisiert wurde, dass Informanten nur unzureichend geschützt wurden sowie aus der Irak-Datenbank, die bei Journalisten wenig Anklang fand. Die „lessons learned“ aus den Cablegate sollte jedoch sein, dass keine Exklusivvereinbarungen über einen derart langen Zeitraum mit einer Handvoll Redaktionen getroffen werden sollten. „Al Jazeera“ etwa hätte sicherlich kompetente Journalisten für die Themen des Nahen und Mittleren Ostens, doch auch sie sind von einer Auswertung ausgeschlossen.

Im Prinzip will Wikileaks Öffentlichkeit herstellen, doch das sollte Wikileaks ähnlich wie John Young mit seiner Website Cryptome für alle tun. Ein guter Kompromiss hätte darin bestehen können, die besten Geschichten in ein, zwei Veröffentlichungen zu bringen, um dann alle Dokumente sukzessive rasch frei zugeben. Das hätte vermutlich zwar die Vorbereitungszeit um einige Monate verlängert, da man die Dokumente ja hinsichtlich der Hinweise auf Informanten hätte bereinigen müssen. Damit hätten der Spiegel und die anderen beteiligten Redaktionen aber gegenüber allen eine – hinsichtlich des Informantenschutzes und vermutlich auch hinsichtlich eines strafbaren Landesverrats – vertretbare Transparenz hergestellt. Letztlich sind Journalisten nämlich der Öffentlichkeit verpflichtet – und einem Optimum an Transparenz.

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Christiane Schulzki-Haddouti

Christiane Schulzki-Haddouti

ist freie Journalistin. Ihre Berichterstattung befasst sich mit der gesellschaftlichen Relevanz von Informationstechnologien und Technologietrends.

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