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Der Fall Zoe.Leela: Eine Bestandsaufnahme

Zoe.Leela aus Berlin ist nicht nur eine Sängerin mit Band und professionellen Produzenten. Zoe.Leela ist auch ein Projekt, das etablierte Strukturen im Musikbusiness auf den Kopf stellt. // von Marco Trovatello

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Zoe.Leela war und ist das Vorzeigeprojekt, wenn es um Creative Commons-lizenzierte Musik im kommerziellen Umfeld geht. 2009 veröffentlichte sie ihr Debütalbum auf dem Kölner Netlabel rec72 – und löste eine bis heute anhaltende mediale Welle aus, bei der gelegentlich die Person Zoe.Leela und das Projekt dahinter stärker im Mittelpunkt standen als die Musik. Einerseits zu Recht, andererseits zu Unrecht: Zoe.Leelas Musik ist fett produzierter Elektropop mit Chartpotenzial, ihre politische Haltung gegenüber dem traditionellen Musikbusiness sowie Medienpräsenz sind allerdings ebenso bemerkenswert.


  • Zoe.Leela ist das Vorzeigeprojekt, wenn es um Creative Commons-lizenzierte Musik im kommerziellen Umfeld geht.
  • High-End Produktion und Chartpotenzial treffen auf DIY und Selbstorganisation.
  • Funktioniert der Mix aus Eigenvertrieb, Selbstvermarktung und der Kooperation mit dem etablierten Indielabel Motor Music?

Freie Musik als Kampfansage an den Mainstream

Von Anfang an: Das Kölner Netlabel rec72 veröffentlichte 2009 das Zoe.Leela-Debüt „Queendom come“. Das Minialbum stach unter den bisherigen Releases des Labels hervor. Den vom Label als „New Plastic Soul“ beschriebenen lasziven, fett produzierten Elektrorock (vergleiche die Single „Destroy She Says“) hatte man bisher nicht im Programm. Und auch sonst wurde Professionalität großgeschrieben: Songwriting, Produktion, Mastering, Design, Promotion – alles auf qualitativ hohem Niveau und damit in der Lage, es mit der Mainstream-Liga aufzunehmen. Auftritte in den Medien, der Öffentlichkeit sowie auf Konzerten und Festivals machten in der Folge schnell klar, dass es dem Projekt um mehr als den bekannten Promotion-Effekt von Creative Commons-lizenzierter, freier Musik ging. Der Verwertungsgesellschaft GEMA, Majorlabels und eingeschränkten Nutzungsmöglichkeiten erteilte man via Presseinfo und Social Media eine Kampfansage und betonte, dass man an „Selbstermächtigung, Selbstorganisation, Eigeninitiative“, DIY und das Teilen von Kreativität glaube.

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Ende 2011 zementierten Zoe.Leela und Manager Thomas Ternes (Bild links) dieses Modell, gingen aber auch ein Wagnis ein. Das Album „Digital Guilt“ wurde, wie auch sein Vorgänger, erneut unter einer CC-Lizenz, die eine Weiternutzung im nicht-kommerziellen Rahmen und zu Remix-Zwecken erlaubt, veröffentlicht – im Eigenvertrieb als kostenpflichtiger Download auf Bandcamp, gleichzeitig aber auch über die klassischen Vertriebswege: Tim Renners Label Motor Music brachte es als CD in die Läden und auch in den iTunes Store, allerdings zu deutlich höheren Preisen als auf Bandcamp. Möglich wurde dies durch das von Motor Music angebotene „Rent A Record Company“-Geschäftsmodell. Der Name ist Programm. Miete Dir Deine Plattenfirma, heißt: Beteilige sie an den Umsätzen (wie genau steht hier), sie erledigt den Rest für Dich und Du kannst Dich ganz auf die Musik konzentrieren. So weit, so optimierungsbedürftig, findet zumindest Zoe.Leela Manager Thomas Ternes.

Die „Digital Guilt“-Kampagne, verantwortet von Ternes, spielt gekonnt auf der Promotion-Klaviatur: Das fängt bereits bei Titel und Inhalt des Albums an und hört bei den zeitgleich mit dem Album veröffentlichten „Vier Thesen zur GEMA“ auf. Es folgen ungezählte Auftritte auf Urheberrechtspanels, Festivals und Workshops, eine Berufung Ternes’ als Gastdozent an die Universität der Künste Berlin sowie Interviews und Statements von Zoe.Leela in Leitmedien wie Tagesthemen, Deutschlandfunk oder der Süddeutschen Zeitung, von Blogosphäre und Social Media Buzz einmal ganz abgesehen.

Creative Commons und visionäres Geschäftsmodell

Ist Zoe.Leela nun also die Blaupause zeitgemäßer, wirklich unabhängiger Musikvermarktung? Kann man so etwas wie eine Bilanz des (kommerziellen) Erfolgs dieses Projekts ziehen, das den waghalsigen – und noch nicht beendeten – Versuch wagt, sich mit Mainstream-Vermarktung und traditioneller Musikverwertung anzulegen?

Der Mythos von kostenlosen Gütern und deren Nicht-Wirtschaftlichkeit ist definitiv falsch“, läßt mich Thomas Ternes wissen. „Wir bekommen stetig Lizenzierungsanfragen, unter anderem von Premium-Marken. Diese generieren Einnahmen, die wir wiederum in das Projekt Zoe.Leela investieren, beispielsweise in Form aufwändiger Videoproduktionen – wir sind immer im Plus und machen keine Schulden“, ergänzt er. Er räumt ein, dass es für den Lebensunterhalt aller Projektbeteiligten nicht reiche, sie das aber auch nicht daran hindere, weiterzumachen: „Klar hat jeder von uns auch andere Standbeine im Leben, die es uns aber trotzdem erlauben, in puncto Musik und eben auch kulturpolitisch sehr aktiv und, ja, erfolgreich zu sein“, sagt Ternes.

Tatsache ist: Zoe.Leela bleiben sich, dem Creative Commons-Modell und ihrem, nun ja, visionären Geschäftsmodell treu: „Wir geben gewiss nicht auf, auch wenn wir immer wieder attraktive Angebote bezüglich einer Zusammenarbeit bekommen, die dann aber fordern, dass wir die CC-Lizenz fallen lassen.“ Eine enge Zusammenarbeit mit der alternativen Verwertungsgesellschaft C3S, die CC-Lizenzen explizit unterstützt, sei ihnen dabei sehr wichtig, betont Ternes.

Kooperation mit Motor Music

Auf die Kooperation mit Motor Music angesprochen, reagiert Ternes zurückhaltend: „Das hätte besser laufen können. Letztlich haben auch hier die im Rahmen der Vermarktung unserer kostenlosen EP ‚Queendom Come’ auf rec72 gewonnenen Erfahrungen sehr dabei geholfen, das aktuelle Album ‚Digital Guilt’ gut in die traditionellen Vertriebskanäle zu bringen“, erzählt er.

Nach einem Resümee gefragt, antwortet Ternes: „Mir ist kein Musikprojekt bekannt, das im Popkontext mitmischt und unabhängiger ist als wir. Ab und an habe ich allerdings das Gefühl, dass Zoe.Leela zwischen den Welten geparkt ist, zwischen Selbstvermarktung und den kommerziellen Möglichkeiten, die eine Booking-Agentur oder ein Label mit sich bringen würde. Das wir für ‚Digital Guilt’ einen Partner gefunden haben, der die Musik auf CD presst und bundesweit in die Läden stellt, ist zwar als Erfolg zu verbuchen, nur waren unsere ersten direkten Erfahrungen mit der Industrie eben nicht einfach. Nicht zuletzt gibt uns die Gründung der C3S Hoffnung, die vielen Vorurteile abzubauen und Interesse zu wecken, neue Möglichkeiten auszuschöpfen – für uns und andere.


Teaser & Image by Thomas Ternes


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Marco Trovatello

Marco Trovatello

schreibt die monatliche Kolumne 'Netzmusik' für die Kölner Stadtrevue und hilft das Kölner Netaudio-Label 'Der kleine grüne Würfel' zu betreiben. Beruflich beschäftigt er sich mit der Kommunikation von Wissenschaft und Technologie im Rahmen der Weltraumforschung und ist für die für Online-, Social- und Cross-Media Kommunikation beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) zuständig. Privat bloggt Marco auf Superpolar.org.

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