Netlabel (Bild: James Bastow [CC BY-SA 2.0], via Flickr)

Netlabels: Von Überzeugungstätern, Pandas und schöner Qualität (Teil I)

Engagierte, professionell arbeitende Netlabels und deren Geschichte, Gegenwart und Zukunft – das war das Thema der letzten Episode meiner Kolumne. Heute schauen oder besser hören wir uns einige davon an. // von Marco Trovatello

Netlabel (Bild: James Bastow [CC BY-SA 2.0], via Flickr)

Neben Jamendo, Soundcloud und Bandcamp, auf den Musikerinnen und Musiker ihre Werke selbst veröffentlichen und promoten können, gibt es immer noch – oder immer wieder – zahlreiche Netlabels, die mit viel Liebe zur Musik und zum Detail „handgemachte“ Klänge unters digitale Volk bringen. Sie heißen beispielsweise La bèl, Bad Panda, rec72, Headphonica, ideology und aaahh records und sie verbindet eins: Alle veröffentlichen bemerkenswerte Musik – unter Creative Commons-Lizenzen und meist ohne obligatorisch dafür Geld zu verlangen. Ab sofort werde ich in unregelmäßigen Abständen Netlabels, die aus der Masse herausragen, vorstellen.


  • La bèl: „Quality Netlabel“ aus Italien mit Sinn fürs folkig-experimentelle.
  • Bad Panda Records: Verrückte Idee, noch verrücktere Umsetzung: 1 freier Song oder mehr jeden Montag, und das seit 2009.
  • rec72: Feine Electronica aus aller Welt, mit Leidenschaft kuratiert in Köln.

La bèl

„Quality Label“ untertiteln Elisabetta Luciani („Elisa Luu“) aus Rom und Adriano Bossola („Di Bos“) aus Biella ihr 2010 gegründetes Netlabel La bèl – zurecht, wie ich finde. Ich wurde über Old Splendifolias „Utterly Heartbreaking“ vor einiger Zeit auf sie aufmerksam. Kopf des Duos ist der Berliner Musiker FS Blumm, dessen Musik ich schon länger verfolge und der als unabhängiger, hauptberuflicher Musiker sein Einkommen neben Konzerten bisher eher über die Musikverwertungsgesellschaft GEMA bezog – oder besser: es versuchte. In einem Interview schilderte er mir die Umstände, weshalb es für ihn mittlerweile sehr wichtig geworden ist, neue, alternative Label und Vertriebsformen für seine Musik zu finden – wie beispielsweise La bèl.

21, zum überwiegenden Teil in die Genres Experimental, Folk, Indie oder Post-Rock einzuordnende Releases kann das Label bisher vorweisen. Neben den oben bereits erwähnten Veröffentlichungen von FS Blumm – gemeinsam mit Jana Plewa als Old Splendifolia oder in einem anderen Projekt mit Lucrecia Dalt – vermittelt folgende Auswahl einen guten Eindruck:

Die digitalen Veröffentlichungen werden immer wieder durch liebevoll handgemachte Tonträger-Kleinstauflagen begleitet und können wahlweise umsonst via archive.org, via Bandcamp „Pay what you want“ heruntergeladen oder aber zu fairen Preisen auf CD erworben werden. Als Elisa Luu und Di Bos steuerten die beiden Labelbetreiber übrigens auch eigene Releases bei.

Bad Panda Records

Wir bleiben in Italien: „One free song every Monday“ – mit dieser Idee startete Claudio Gallo aus Rom sein Netlabel im Jahr 2009. Das Ziel: Underground-Musik zu promoten, die ihm selbst gefiel. In der Zwischenzeit dürfte Bad Panda Records eines der populärsten aktiven Netlabels sein. Für seine digitalen Releases nutzt es in der Hauptsache Soundcloud und ist mit oben genanntem Prinzip irrsinnig erfolgreich.

Claudio GalloIn der Hauptsache begründet sich dies durch die hochqualitative Musikauswahl von Indiepop über Experimental bis hin zu Post-Rock und Elektronik. Schnell war mit dem Track „Radical Leap“ des Psych-Rock-Duos Dumbo Gets Mad ein grandioser Hit da und das ursprünglich als fixe Idee gedachte Label ging durch die Decke: Nach nunmehr vier Jahren freuen sich knapp 165.000 Follower auf Soundcloud jeden Montag auf eine neue digitale Single, Maxi oder EP – die Zahl der Releases liegt mittlerweile bei mehreren Hundert – und Vinyl-Freunde können via Big Cartel diverse Alben erwerben, unter anderem von eben erwähnten Dumbo Gets Mad. „Pressing beautiful things“ nennt Claudio Gallo das. Was treibt ihn an, warum macht er das? „Leidenschaft für Musik,, Liebe für Creative Commons und der Wille, etwas Neues in der Musik zu schaffen“ („Music passion, Creative Commons love and the will to make something new for music“), sagte Claudio in einem Interview mit dem Online-Magazin Netlabelism in 2011. Ein Netlabel mache einen nicht reich an Geld, aber reich auf andere Art und Weise – denn Kunst und Kultur sind dafür bestimmt, geteilt zu werden, ergänzt er.

rec72

marcomedkourMarco Medkour aus Köln betreibt sein Netlabel rec72 seit 2007 und hat sich auf hochqualitative elektronische Musik spezialisiert – von Ambient über Breakbeats bis zu abstrakten Electronica oder Instrumental Hip-Hop ist so ziemlich alles dabei. Im Laufe der vergangenen Jahre ist das Label immer freizügiger geworden und lotet die Grenzen freier Kultur aus, in dem es seine Musik seit 2011 unter einer der freiesten Creative Commons-Lizenzen (CC-BY-SA) veröffentlicht. Sie erlaubt auch die Weiterverwendung zu kommerziellen Zwecken, solange die Inhalte der Öffentlichkeit wieder unter gleichen Bedingungen bzw. unter gleicher Lizenz zur Verfügung gestellt werden („share alike“). Als akustikfilm unterstützt Marco Medkour seine Musiker mit Visuals – in Form von Webvideo beziehungsweise Musikvideoclips oder auch im Rahmen gemeinsamer Liveperformances. Seine Visuals sind ebenfalls unter CC-Lizenzen im Netz zu finden.

Pandacetamol – First Breach from akustikfilm on Vimeo.

Zu den aktuellen und sehr empfehlenswerten Releases zählen die spukigen Acidbeats des Schotten Paul Alexander aka Pandacetamol („Breaching Airwaves“), Ambient Noise von Pleiades M, Instrumental Hip-Hop von deef, der Big Beat-Kracher „Take Off Your Make Up“ des Köln-Stuttgarter Produzentenduos Spiedkiks oder sanfte Indietronics von Small Colin. Etwa alle ein bis zwei Monate wunderschöne, hochqualitative elektronische Musik – einfach umsonst, gratis, frei zum Weiterverteilen, solange damit kein Geld verdient wird. Medkour und seine Künstler müssen Überzeugungstäter sein.


Teaser & Image by James Bastow (CC BY-SA 2.0)


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Marco Trovatello

Marco Trovatello

schreibt die monatliche Kolumne 'Netzmusik' für die Kölner Stadtrevue und hilft das Kölner Netaudio-Label 'Der kleine grüne Würfel' zu betreiben. Beruflich beschäftigt er sich mit der Kommunikation von Wissenschaft und Technologie im Rahmen der Weltraumforschung und ist für die für Online-, Social- und Cross-Media Kommunikation beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) zuständig. Privat bloggt Marco auf Superpolar.org.

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