Nico Lumma

Bildung ist auch nicht mehr das, was sie mal war

In seiner Kolumne beschäftigt sich Nico Lumma mit dem Medienwandel und Kompetenzen die damit einhergehen. Nicht nur im Beruf, sondern auch in der Schule und Familie.

Schulbank (Bild: Bernd Hutschenreuther [CC BY-SA 3.0], via Wikimedia Commons)

Mein Vater ist noch mit einer Schiefertafel in die Schule gegangen, hat also quasi das Etch-a-Sketch der damaligen Zeit nutzen dürfen, um im Unterricht mitzuschreiben. Auf der Schiefertafel war alles vergänglich, nur das Wichtigste wurde in ein Schulheft übertragen, denn Schulhefte waren teuer nach dem Krieg. Schulbücher waren kaum vorhanden und wenn, dann mussten sie lange halten und sind nicht vergleichbar mit den Unterrichtsmaterialien von heute.

Alles wird anders - Nico LummaKaum 60 Jahre später bietet sich ein ganz anderes Bild von der Schule und den Herausforderungen im Bildungssystem. Die Schule ist mitten in einem Umbruch, der Lehrer und Eltern vor neue Herausforderungen stellt. Waren zu meiner Schulzeit Overhead-Projektoren noch allgegenwärtig, so sind mittlerweile in vielen Klassenzimmern Whiteboards und Computer vorhanden, ebenso gibt es immer häufiger dezidierte Computerräume oder mobile Laptop-Wagen. Während die Schulen allerdings noch dabei sind, herauszufinden, wie man diese Tools in den Unterricht integrieren könnte, dreht sich das Rad munter weiter und nun werden zunehmend Forderungen laut, dass künftig eigentlich jedes Schulkind ein Laptop oder ein Tablet benutzen sollte. Verbunden mit dieser Forderung ist auch der Hinweis, dass künftig digitale Lehrmittel zum Einsatz kommen sollten.

Die Vorstellung, dass Kinder künftig nicht mehr kiloweise Bücher und Arbeitshefte zur Schule schleppen müssen, ist verlockend und ermöglicht sicherlich völlig neue Formen der Didaktik im Unterricht, die besser zugeschnitten sind auf das individuelle Lerntempo der Schülerinnen und Schüler. Digitale Bildung wird einer der Hauptschauplätze der Disruption und dem damit verbundenen Kampf um Marktanteile in den kommenden Jahren sein, denn hier entsteht ein völlig neues Segment, bei dem die alteingesessenen Schulbuchverlage über Jahrzehnte sich olgipolartige Strukturen geschaffen haben.

Digitale Bildung hat allerdings den Vorteil, dass Kinder nicht nur weniger schleppen müssen, sondern dass die Inhalte auch leichter auf die Endgeräte transferiert werden können und damit für Lehrerinnen und Lehrer mehr Vielfalt bei den Unterrichtsmaterialien entstehen könnte. Allerdings laufen wir gerade Gefahr, die bestehenden Strukturen durch neue limitierende Strukturen zu ersetzen, die leider nicht für digitale Lehrmittelfreiheit sorgen werden. Die Einführung des neuen Bildungstablets von Amplify, einer Tochterfirma der Newscorp zeigt, wie die Phantasie der beteiligten Firmen aussieht: der Kaufpreis des Tablets beträgt 299$ und dazu ist eine jährliche Abo Gebühr von 99$ fällig.

Nun stellt sich die Frage, ob ein derartiges Szenario wirklich für eine verbesserte Qualität bei den Unterrichtsmaterialien sorgt, oder nur neue Abhängigkeiten schaffen wird? Ein Tablet mit einem offenen Betriebssystem wie Android oder Firefox OS sollte eine ungeahnte Vielfalt an Apps und Services erlauben, die nicht für eine dauerhafte Verbandelung mit einem Anbieter führen müssen. Dieser Markt giert nach Disruptionen, bei aller Zurückhaltung bei Lehrern, Bildungspolitikern und Eltern. Wenn man Bildung als Teil der App-Infrastruktur begreift, dann wird deutlich, wie groß dieser Markt sein kann. Allerdings sind jetzt die richtigen Schritte zu tun, um die Vielfalt in der Zukunft zu gewährleisten.


Image by Bernd Hutschenreuther (CC BY-SA 3.0)


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Nico Lumma

arbeitet als COO des next media accelerator (http://nma.vc) in Hamburg. Er bloggt auf lumma.de und ist seit 1995 eigentlich nicht mehr offline gewesen. Er ist Mitglied der Medien- und netzpolitischen Kommission des SPD Parteivorstandes und Co-Vorsitzender des Vereins D64 – Zentrum für digitalen Fortschritt. Unter @Nico findet man ihn auf Twitter.

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