Petition (Bild: neuesgeld [CC BY-SA 2.0], via Flickr)

Beendet den Petitionswahn!

Weit über 200.000 Menschen unterzeichnen eine Petition gegen einen deutschen TV-Moderator. Ein Missbrauch eines wertvollen demokratischen Tools, der Folgen haben könnte. // von Julian Heck

Petition (Bild: neuesgeld [CC BY-SA 2.0], via Flickr)

Eine Demokratie lebt von der Partizipation der Bürger. Das größte demokratische Element ist die Wahl, die in den vergangenen Jahrzehnten aber stetig Nutzer verloren hat. Die Demokratie in der Krise? Mit dem Internet haben sich neue Möglichkeiten der Beteiligung ergeben, wie zum Beispiel die Online-Petition, die sehr einfach umsetzbar ist. Zu einfach? Zu unüberlegt? So scheint es zumindest, wenn man sich die Anzahl der Unterzeichnungen ansieht, welche die Online-Petition „Raus mit Markus Lanz aus meinem Rundfunkbeitrag“ bisher angesammelt hat.


  • Die Kritik gegen Markus Lanz mag nachvollziehbar sein, die Petition nicht.
  • Eine inflationäre, sinnlose Nutzung von Petitionen schadet diesem demokratischen Tool.
  • Der Petitionswahn muss beendet werden, aber bitte ohne Petition.

Geld verliert an Wert, wenn es inflationär vorhanden ist. Ein teures Luxusprodukt verliert für dessen gut situierten Inhaber an Bedeutung, wenn es sich plötzlich jeder leisten kann. Und ein demokratisches Tool verliert an Bedeutung, wenn dieses Tool für jeden Pups, bei jeder kurzzeitigen Aufregung genutzt wird. Genau das ist bei der Lanz-Petition der Fall. Zwar muss man sich bewusst werden, dass außer der offiziellen (Online)Petitionen des Deutschen Bundestages und der Landtage keine Petition eine rechtswirksame Wirkung hat. Petitionsplattformen wie openPetition, auf der auch die Lanz-Petition gestartet wurde, haben eher einen öffentlichkeitswirksamen, aber nicht zu unterschätzenden Charakter. Dennoch leidet die Petition als solche unter dieser inflationären Nutzung.

Die Netzgemeinde ist sehr emotional, ja. Auf Twitter oder Facebook kann sich sehr schnell etwas hochschaukeln, besonders dann, wenn traditionelle Medien auf diese Schaukel aufsteigen und mitschwingen. Christian Jakubetz spricht auf Cicero Online von der „digitalen Erregungsdemokratie“ und fragt sich, welche Petitionen der erfolgreichen Lanz-Petition wohl noch folgen werden: „Petitionen gegen das Wetter und für eine neue Regel in der Bundesliga, nach der jeder Gegner von Bayern München mit einem Vorsprung von zwei Toren ins Spiel gehen darf?“

Man mag von Markus Lanz und seinen journalistischen Fähigkeiten halten, was man will. Man kann sein Interview mit Sarah Wagenknecht zurecht kritisieren und sich darüber empören. Aber ein demokratisches Element dafür zu missbrauchen, das schadet mehr, als es nutzt. Wer nimmt eine richtige, wichtige Petition im politischen Alltag noch wahr und ernst, wenn sie in einem Gewimmel von Wetter-, Moderatoren-, Bayern München – und anderen Pups-Petitionen untergehen? Was wird aus diesem Tool, wenn es gegen jede Petition eine Gegen-Petition gibt und gegen den Petitionswahn auch noch eine Petition? Das haben sich wohl auch die Betreiber von „openPetition“ gedacht und deshalb die Nutzungsbedingungen geändert, sodass nur noch für oder gegen Sachen, nicht mehr für oder gegen Personen, Petitionen gestartet werden können – mit der Konsequenz, dass einige Lanz-Ableger-Petitionen gesperrt wurden. Bleibt zu hoffen, dass wir damit wieder auf einem guten Weg für die Petition als ein sinnvolles Demokratietool sind – ganz ohne Petition für den Erhalt der Petition.


Teaser & Image by neuesgeld (CC BY-SA 2.0)


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Julian Heck

Julian Heck

ist freier Journalist, Dozent und Lehrbeauftragter an der Hochschule Darmstadt. Er schreibt über die Themen Medien, Technik und digitale Wirtschaft. Zu seinen Auftraggebern gehören unter anderem etailment.de, LEAD digital, Mobilbranche, das Medium Magazin, MobileGeeks.de und die Friedrich-Ebert-Stiftung. Vom Medium Magazin wurde der Südhesse 2013 unter die "Top 30 bis 30" Nachwuchsjournalisten gewählt.

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