Was ist digitale Souveränität?

Dank unserer zunehmend vernetzen Welt sind wir mit Menschen auf dem gesamten Globus verbunden. Was dabei neben Textnachrichten, Sprachmemos und Social Media-Posts die digitale Reise antritt? Unsere Daten. 

Diese werden von Cloud-Diensten gespeichert, verarbeitet und aufbewahrt. Sie bleiben nicht auf dem eignen Computer, sondern hausen in riesigen Rechenzentren. Die meisten Cloud-Anbieter und Rechenzentren befinden sich allerdings nicht in Europa – eine Herausforderung für die europäische Kontrolle über die eigenen Daten. 

Aus diesem Grund – und um im Digitalisierungs-Rennen nicht abgehängt zu werden – setzte sich die Europäische Kommission im vergangen Jahr zusammen und erarbeitete Ziele, um die digitale Souveränität Europas zu stärken. 
Der Begriff Souveränität beschreibt grob das Recht zur Selbstbestimmung. Für diese muss eine gewisse Unabhängigkeit gegeben sein. Nur so können Menschen, Einrichtungen oder auch Staaten frei ihre eigenen Entscheidungen treffen. 

Bei der digitalen Souveränität bezieht sich diese durch Unabhängigkeit genährte Selbstbestimmung vorwiegend auf die Nutzung und Kontrolle von Technologien. Es wird eine unabhängige, sichere und rechtskonforme Nutzung angestrebt.  
In Europa bekommen wir momentan den Großteil unserer Hard- und Software von nicht europäischen Ländern. Somit besteht aktuell eine Abhängigkeit von Dritten, welche die digitale Souveränität der EU einschränkt. 

Wir erklären euch warum eine digitale Souveränität so wichtig ist, welche Länder bei den digitalen Märkten die Nase vorne haben und welche Voraussetzungen souveräne Anbieter erfüllen müssen. 

Warum ist sie so wichtig? 

Um eine digitale Souveränität zu sichern, bedarf es einem vielfältigen und zugleich gleichwertigen Angebot an Alternativen. Die Wahl des Dienstes sollte bei den Nutzer*innen liegen, sie sollen auch in der digitalen Welt selbstbestimmt handeln können. Aus diesem Grund sollten sie auch die Möglichkeit haben, zwischen verschiedenen Anbietern frei zu wechseln. Diese Pluralität dient als Grundpfeiler für die digitale Souveränität.  

Nehmen wir das Beispiel der Datensicherung: Würde es nur einen Cloud-Dienst geben der zentral alle Daten speichert, hätte dieser eine Monopolstellung. Er könnte alleinig Preise festlegen, Bedingungen ändern oder den Service sogar komplett einstellen. Das wird besonders dann problematisch, wenn öffentliche Einrichtungen – wie Behörden – Nutzerinnen einen solchen Dienstes sind. Denn Behörden sollten nicht erpressbar sein, oder gemacht werden. Die digitale Souveränität sichert also nichts geringeres als die digitale Unabhängigkeit der Europäischen Union. 

Wie schwierig es allerdings sein kann den altvertrauten Anbieter zu wechseln – gerade dann, wenn die Alternativen vergleichsweise unbekannt sind – zeigt auch die soziale Abhängigkeit von Social-Media-Plattformen. Aus diesem Grund ist es wichtig insbesondere europäische Anbieter zu stärken, um ein vielfältiges Angebot garantieren zu können. Da die Netzwerke sich der sozialen Abhängigkeit bewusst sind, lehnen sie weitgehend offene Schnittstellen ab, die eine anbieterübergreifende Vernetzung ermöglichen würden. Dabei ist die Technologie dank Mastodon und Co schon da.

Digitale Souveränität soll digitale Infrastrukturen und Informations-, Kommunikations- und Internetanbieter den Raum geben unabhängig zu handeln – solange sie die geltenden Standards und Rechtsordnungen einhalten. Sie soll Vertrauen in einer zunehmend digitalisierten Welt schaffen, dabei die individuelle Handlungsfähigkeit stärken und die Selbstbestimmung unterstützen. Somit soll die digitale Souveränität unsere Gesellschaft auf rechtlicher, organisatorischer, wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Ebene vorantreiben. 

Der aktuelle Zustand 

Europa ist in den Bereichen Hardware und Software noch immer stark von außereuropäischen Ländern abhängig, allen voran China und die USA. Der größte Hardware- und Elektronikmarkt der Welt ist der chinesische. Ein Großteil der weltweiten Smartphones, Router und Serverkomponenten stammen aus dem ostasiatischen Land. Deutschland belegt, noch vor dem Vereinigten Königreich und Frankreich, immerhin noch den fünften Platz im globalen Ranking. 

Besonders elektronische Bauteile, seltene Erden und andere kritische Rohstoffe werden in China unter gefährlichen Arbeitsbedingungen abgebaut und weiterverarbeitet. Dies ist auch in vielen anderen Ländern Asiens und auch Afrikas der Fall. Kritiker sprechen dabei von digitalem Kolonialismus  

In Sachen Software und Cloud- und Rechenzentren-Hardware führen die USA mit großem Abstand den Markt an. Über 95 Milliarden US-Dollar nahm das Land nur durch seinen Rechenzentrumsmarkt im Jahr 2023 ein. Zum Vergleich, der deutsche Rechenzentrumsmarkt erwirtschaftete im selben Jahr “nur” etwas mehr als 15 Milliarden US-Dollar. Und das, obwohl bei uns mit zweitausend Stück die meisten Rechenzentren in Europa stehen.

Die EU möchte aber wettbewerbsreif werden und in ihrem Fortschritt nicht abgehängt – oder abhängig – werden. Digitale Souveränität soll dabei die unabhängige Wettbewerbsfähigkeit im europäischen Raum stärken und zu einem vielfältigen Angebot führen.  
In unserem Podcast sprach SPD-Fraktionsvorsitzender Armand Zorn über die Digitalisierung, und die damit einhergehende digitale Souveränität in Deutschland und Europa. Er sieht neben einer risikoarmen Mentalität auch den Föderalismus in unserem Land als Herausforderung für eine digitale Weiterentwicklung, der es erschwert gesamtdeutsche Lösungen zu finden. Ähnliches lässt sich auch über Europa sagen, dessen diverse Mitgliedstaaten den Prozess der Entscheidungsfindung zerstückeln. 

Doch nicht in allen digitalen Aspekten werden wir abgehängt: In Deutschland sind wir bei den Punkten Robotik, Klimapolitik und auch AI-Agenten weit vorne. Der deutsche Robotikmarkt ist der größte in Europa und der fünftgrößte weltweit.

Der Cloud-Markt 

Die meisten Cloud-Dienste stammen jedoch noch aus den USA. Die drei Hyperscaler Amazon Web Services (AWS), Microsoft Azure und Google Cloud machen zusammen 63% des globalen Cloud-Marktes aus. Anführer dabei ist AWS mit einem alleinigen Marktanteil von 28% in diesem Jahr. Europa ist in den Top Ten nur einmal vertreten, auf Platz neun landet das baden-württembergische Unternehmen SAP 

Der Cloud-Markt ist milliardenschwer, allein im ersten Quartal diesen Jahres flossen nach Angaben der Synergy Research Group knappe 129 Milliarden US-Dollar in ihn. Das sind etwa 36 Milliarden Dollar mehr als im ersten Quartal vergangenen Jahres und entspräche einem Jahresumsatz von über einer halben Billion US-Dollar. Und die Tendenz steigt, 2021 machte der Markt noch nur 40% seiner jetzigen Größe aus. 

Während Deutschland und das Vereinigten Königreich die größten Cloud-Märkte in Europa sind, verzeichnen Irland, Norwegen und Polen das größten Wachstum. 
Deutschlands SAP – Europas Nummer eins Anbieter – macht jedoch lediglich 2% des EU-Marktanteils aus. Während alle EU-Anbieter zusammen es nur auf 13% schaffen, bespielen die drei Hyperscaler aus den USA etwa 70%. Demnach gehen, wenig überraschen, um die 80% der Unternehmensausgaben der EU ins Ausland an US-Anbieter. Eine höhere digitale Souveränität der EU würde demnach auch mehr Geld in die eigenen Kassen spülen.  

Souveräne Cloud-Dienste überzeugen mit modernsten Verschlüsselungstechnologien und der unabhängigen und vollständigen Kontrolle über die ihnen anvertrauen Daten. Die Verarbeitung der Daten bleibt bei ihnen in lokalen Rechenzentren. Somit wird sichergestellt, dass sensible Daten dem europäischen Rechtsraum unterliegen, indem Regelungen – wie die DSGVO – für ihren Schutz sorgen. Realistisch ist gerade die DSGVO jedoch durch unterbesetzte Behörden und eine Menge Bürokratie nicht ganz so effektiv wie sie es gerne wäre.  

Wie wird sie gemessen? 

Digitale Souveränität bewertet nicht nur den Umgang mit Daten und die Technik der Cloud-Anbieter, sondern ihre gesamte Wertschöpfungskette. Also wie und wo die Ressourcen der Hardware beschaffen werden. Als Rahmenwerk für die Cloud-Souveränität wurden von der Europäischen Kommission im vergangenen Jahr acht Souveränitätsziele festgelegt. Sie sollen öffentlichen Einrichtungen helfen die digitale Souveränität bestimmter Anbieter zu bewerten, deren Dienste sie in Anspruch nehmen möchten.  

Die Souveränitätsziele gelten für Cloud-Dienste und mittlerweile auch den Bereich der Künstlichen Intelligenz. Betreiber*innen der Dienste sollen ihre Vorgänge souverän und selbstbestimmt gestalten, betreiben und kontrollieren. Dabei sollen die Ziele ihnen helfen eine sichere und rechtskonforme Nutzung von ihren Technologien und den ihnen anvertrauten Daten anzustreben. 

Souveränitätsziele und SEALs 

Aus diesem Grund beschreiben die Souveränitätsziele auch die rechtlichen und regulatorischen Rahmenbedingungen, die Anbieter erfüllen müssen. Denn es ist wichtig, dass bei ihnen EU-Recht durchgesetzt werden kann. Zudem bewerten die Ziele, inwieweit entsprechende Anbieter in der EU verankert sind und wie viel Einfluss dritte, nicht-europäische Staaten auf ihre Finanzierung, Entwicklung und Lieferkette haben. Eine unabhängige und widerstandsfähige Lieferkette ist dabei der Aspekt, der von der EU-Kommission am stärksten gewichtet wird. 
Außerdem bewertet die Kommission wie nachhaltig und ressourceneffizient Anbieter ihre Infrastruktur betreiben. Der Umwelt- und Nachhaltigkeitsaspekt fällt allerdings im Vergleich zu den restlichen sieben Zielen am wenigsten ins Gewicht. 

Das Bewertungssystem arbeitet dabei mit Sovereignty Effective Assurance Levels, kurz SEALs. Diese gehen von SEAL-0 bis zu SEAL-4. Das letzte und höchste Level bescheinigt Anbietern eine vollständig europäische Lieferkette, Kontrolle und natürlich Souveränität. Je niedriger das Level, desto abhängiger sind die Anbieter von dritten, nicht-europäischen Staaten.  

Für jedes der acht Souveränitätsziele wird das SEAL individuell evaluiert. Abhängig vom Anspruch der Klienten gibt es ein Minimum-SEAL, ein Mindest-Sicherheitslevel, welches erfüllt werden muss. Ist das nicht der Fall, kommen die entsprechenden Anbieter zwar nicht in Frage für entsprechende öffentliche Aufträge, dürfen ihre Dienste aber trotzdem an private Kunden innerhalb der EU verkaufen. Im aktuellen Kontext geht es dabei hauptsächlich um Cloud- und KI-Verträge. 

Die SEALs sind also Vergabekriterien bei öffentlichen Ausschreibungen und sollen helfen unsere Daten bestmöglich zu schützen. Das große Ziel dabei ist die Stärkung eines digital-souveränen Europas. 

Ein Blick in die Zukunft 

Das im letzten Jahr ins Leben gerufene Bundesministerium für Digitales und Staatsmodernisierung widmet sich intensiv – wie der Name vermuten lässt – der Digitalisierung unseres Landes. Weniger Bürokratie soll schnellere Prozesse und mehr Innovationsmöglichkeiten, gerade im Cloud-Bereich, bedeuten. Auch Cybersicherheit ist ein Punkt, den das Ministerium als essenziell für eine selbstbestimmte digitale Zukunft bewertet. 

Mit mehr Kontrolle über die eigenen Daten kommt ein großes Umdenken in Staatsprozessen einher. “Souveränität hat einen Preis und dem müssen wir uns immer wieder bewusst sein”, sagt auch Armand Zorn. Und das ist nicht immer der billigste, sondern eben der, der die Souveränität nachhaltig gewährleistet.  

Während die digitale Souveränität in Behörden, Schulen und Co selbst steuerbar ist, gibt es in der privaten App-Nutzung ein Problem: Der Nutzer selbst entscheidet, ob er die deutschen und europäischen Lösungen nutzt. Gerade bei sozialen Netzwerken gibt es kaum Gründe für Nutzer, auf Netzwerke zu wechseln, welche zwar die gleiche Funktion bieten, aber auf denen weder die Freude, noch internationale Unternehmen oder Stars unterwegs sind. Daher sollte man nicht nur Trends nachlaufen, sondern besser noch selbst die Trends setzen. 

Die starke und vielfältige industrielle Basis in Deutschland und Europa, gepaart mit einem guten Bildungssystem, bildet aber in einigen Bereichen eine gute Voraussetzung für digitale Souveränität. Trotz des Fortschritts darf aber der Aspekt der Nachhaltigkeit und des Umweltschutzes nicht aus den Augen verloren werden. Denn gerade Rechenzentren stellen eine große Belastung für unsere Umwelt dar. Unser Nachhaltigkeitsbewusstsein – welches oftmals als Hindernis für den Fortschritt angesehen wird – kann in dem Zuge das Fundament für eine langlebige und widerstandsfähige digitale Zukunft in Europa bilden. 


Image by Petrit Nikolli via pexels

Studiert Medien und Kommunikation in Hamburg. Interessiert sich besonders für digitale Trends und Entwicklungen und dafür, wie sie unsere Welt verändern.


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