Wacken World Wide – Ein Festival in Extended Reality

Die Anwohner der 2000 Einwohner kleinen Gemeinde „Wacken“ werden dieses Jahr die Rufe nach „Heeelgaaaa!“ mit Sicherheit vermisst haben. Das zu den größten Musikfestivals der Welt zählende Wacken Open Air fiel dieses Jahr dem Corona-Virus zum Opfer. Allerdings nicht ganz. Da der Festivalsommer ohne Wacken einfach nicht geht, fand kurzerhand das Wacken World Wide (WWW) statt – eine Onlineausgabe des Festivals. Mit einer XR-Stage soll ein bisschen Festival-Feeling auch auf den Bildschirm gebracht werden. Wir verraten euch, wie das funktionierte und vor allem, wie die Fans dieses hoffentlich einzigartige Online-Wacken erlebt haben.

Kostenloses Online Wacken mit Top Bands

Schon das Line-Up des Metal-Spektakels ließ sich sehen. Internationale Größe wie Alice Cooper, Anthrax, Lordi und Sabaton gaben sich die Klinke in die Hand. In Extremo ließ die Dudelsäcke aufheulen, Rapper Alligatoah sorgte für Genre-Abwechslung und auch Blind Guardian beendete ihre längere Bühnenabstinenz mit einem Auftritt beim Wacken World Wide.

Gewissermaßen waren noch einige weitere Bands mit dabei in Form von alten, aufgezeichneten Konzerten quer durch die 30-jährige Wackengeschichte – Darunter Motörhead, Judas Priest und Powerwolf. Die geballte Metaldröhnung also. Und das komplett kostenlos in Zusammenarbeit mit Magenta Music 360 von der Telekom, die bereits in vergangenen Jahren einige Konzerte vom Wacken Open Air auch ins Netz brachten. Im Rahmen des Wacken World Wide gab es außerdem auch die ein oder andere Video-Premiere diverser Bands, so zum Beispiel eine Zusammenarbeit der Bands Schandmaul und D’Artagnan, die echt verdammt gut zusammen harmonieren.

In Extremo beim Wacken World Wide auf der XR-Stage
In Extremo rockten als erstes die XR-Stage. Natürlich auch mit Pyros! Image by Magenta Music 360

Wacken XR-Stage mit Crowd und Pyros aus der Dose

Eines der Highlights dieses ersten Wacken World Wide war ganz klar die XR-Stage. XR steht dabei für Extended Reality und geht einen Schritt weiter als der klassische Greenscreen. Die Band befindet sich mit ihren Instrumenten in einem Raum, der virtuell erweitert wird. In diesem Fall als stilisiertes Wackengelände mit einer vereinfacht dargestellten Crowd und virtuellen Pyroeffekten. Das sah im großen und ganzen schon beeindruckend aus, auch wenn man natürlich deutlich sah, dass die Effekte aus der Dose kamen. Vor allem Sabaton konnten mit ihrer martialischen Kriegskulisse im Hintergrund für Schauwerte sorgen.

Welcher Aufwand hinter der XR-Stage steckt, zeigt dieses Video vom offiziellen YouTube-Kanal des Festivals:

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Trotzdem wirkte es auch ein wenig steril und die virtuellen Pyros konnten bei mir selbst nicht völlig zünden. Auch die Bands waren auf ihrer XR-Stage doch etwas eingeengt, was die Bewegung anging. Da sah ich während der Corona-Zeit schon packendere Konzerte, wie etwa das Release-Konzert der mittelalterlichen Spaßbarden von Feuerschwanz. Mit einer Kickstarter-Kampagne haben die ein richtiges Open Air-Konzert finanziert, dass auf der selben Burg stattfand, wo dieses Jahr das Feuertanz-Festival gewesen wär. Ich sah aber auch schon Streamkonzerte vor kleinerer Kulisse, die dafür mehr Interaktion mit dem Chat zuließen.

Auch biss sich das pralle Programm teils selbst, weil einige Konzerte äußerst kurz gerieten. Während die längsten Auftritte eine gute Stunde Zeit hatten, mussten andere Bands in 15 Minuten ihr ganzes Pulver verschießen. Mit Energie waren aber alle am Start. Auch Konzerte abseits der XR-Stage waren äußerst sehenswert. Fiddlers Green spielte (viel zu kurz) vor einer Irish-Pub-Kulisse und Alligatoah legte eine wahnwitzige Show in einer Art leerstehenden Villa hin, mit absurder Kameraführung mitten im Geschehen.

XR-Stage weiter gedacht: Virtual Reality-Erlebnis

Die Idee der XR-Stage brachte mich auf Gedankenspielereien. Ich erinnere mich noch an das Musik-Feature im MMORPG Herr der Ringe Online, mit dem man sogar synchronisiert als Band auftreten konnte. Andere Spieler gingen dazu mit Tanzanimationen ab, während ich als Rollenspieler auch gerne selbstgeschriebene „Emotes“ dazu bevorzugte. Unterm Strich war es aber schon ein großer Spaß, auch wenn man damals aus allen Ecken auch ein uninspiriertes „Durch den Monsun“ von einer fertigen Musikdatei dudeln hörte. Einige Bands machten aber richtig coole eigene Arrangements.

Verknüpfen wir diese Erfahrung aus einem schon ziemlich alten Onlinespiel mit den Möglichkeiten der VR, ergeben sich ganz neue Möglichkeiten. Zuschauer könnten sich mit beispielsweise einer Oculus Quest-Brille ins Konzert einloggen und finden sich in einer virtuellen Konzert-Location wieder, sehen die Avatare anderer Besucher und können gemeinsam abgehen. Auch für die Band wäre das eine Möglichkeit, das Publikum zu sehen. Das ginge etwa wie bei der XR-Stage, indem die Band durch Bildschirme Location und Avatare um sich sieht oder ebenfalls durch VR-Brillen. Nur müsste Bühne, Set und Co entsprechend mit dargestellt werden, damit die Musiker nicht noch stolpern oder mit den Drumsticks in die Luft schlagen. Die Band würde man dann allerdings mit VR-Headsets auf dem Kopf sehen, wenn sie nicht ebenfalls als Avatare dargestellt werden.

VR-Lösung nicht ohne Hürden

Es wäre auch kein Problem eine solche Location für Nutzer ohne VR-Brille zugänglich zu machen. VR wäre nur die Kirsche auf der Torte für den vollen Genuss. Probleme macht eher die Verzögerung zwischen Eingabe und Ausgabe, die ein mitsingen vom Publikum kaum möglich macht und Reaktionen im Rhythmus zur Musik ein wenig verzögert. Aber vielleicht ja eine Art Jubeltaste, die je nach Gesamtzahl dynamisch Publikumsreaktionen erstellt um ein geiles Solo gebührend zu feiern? Eventuell auch eine Art virtuelles Festivalgelände, auf dem man mit den Kumpels einfach etwas abhängen kann?

Klar dass es weder in der Kürze der Zeit möglich war eine VR-Umgebung zu schaffen, noch dass es für ein einziges Event lohnen würde. Ich fänd es aber irgendwie spannend und es könnte auch eine Plattform für Bands der Generation Twitch werden, die damit auf ganz neue Art ihre Konzerte stattfinden lassen können. Gerne auch mit virtuellen Festivalbändchen und Aufnähern für die digitale Metalkutte um den eigenen Avatar zu individualisieren.

Bedenken hätte ich, dass die VR-Events ein wenig stark ausufern, da man mit der Narrenfreiheit einer virtuellen Umgebung gerne Unfug anstellt. Aber daraus können sich für Bands und Besucher auch herrlich absurde Erinnerungen ergeben, weil manche Situationen eben in echt nicht möglich wären.

So haben die Fans das erste Wacken World Wide gefeiert

„Instagram it, or it didn’t happen!”, heißt es gerne. Wo man ist und was man macht wird fleißig in den sozialen Netzwerken dokumentiert. Dabei wäre es manchmal besser, einfach nur den Moment zu genießen, anstatt ständig mit dem Smartphone beschäftigt zu sein.

Beim Wacken World Wide war die Situation natürlich ganz anders. Den Bands wurde aus der Ferne zugeschaut, alleine oder in kleiner Gruppe. Da war kein Gelände, auf dem man Freunden und Festival-Bekanntschaften über den Weg laufen konnte, keine Zeltplätze auf denen gute Stimmung, der Geruch gegrillten Fleisches (oder Dosenravioli) und Musik unterschiedlicher Subgenres sich vermischten. Auch die zahlreichen Absurditäten, die auf einem Festival geschehen fielen weg.

Die sozialen Medien waren beim Wacken World Wide die beste Möglichkeit, ein Stück von dieser für Festivals so wichtigen Zwischenmenschlichkeit zu bewahren. So wurde nicht nur fleißig kommentiert, sondern auch geteilt, wie man sich Zuhause sein eigenes Wacken-Feeling schafft. Ob allein…

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Oder gemeinsam auf dem eigenen kleinen Holy Ground im Garten:

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Reaktionen der Fans wurde auch immer wieder zwischendurch eingeblendet, um sie ein Stück weit am Geschehen mitwirken zu lassen. Die Performance der Künstler stand natürlich trotzdem im Vorderund.

Wacken World Wide war ein großer Erfolg – Auch nach Corona denkbar?

Insgesamt war das erste Wacken World Wide ein riesiger Erfolg und konnte insgesamt 11 Millionen Live-Content-Views verzeichnen. Natürlich ersetzt ein Online-Festival nicht das Gefühl eines echten Festivals mit Klappstuhl, Bier und Wall of Death. Und es war sicher auch noch nicht alles perfekt umgesetzt. Doch auch die Festival-Branche betritt gerade Neuland und das Wacken World Wide musste in kurzer Zeit auf die Beine gestellt werden. Zwischendurch gab es auch Blicke hinter die Kulisse, wo die XR-Techniker auch erzählten, dass sie mit jedem Konzert ganz viel dazulernen.

Man hat aus dem Jahr 2020 einfach noch das beste gemacht. Das Lineup stimmte, die Streams liefen problemlos und vor allem hatten die Fans ihren Spaß und haben zum Teil selbst für ihr eigenes Festival-Feeling gesorgt.

2021 geht es hoffentlich wieder zur Normalität zurück. Nicht nur für Wacken, sondern auch für die vielen anderen kleinen und großen Festivals, für die Konzerthallen und die Theater. Trotzdem bin ich gespannt, welche Innovationen auch in der Kultur nach Corona bleiben werden. Denn so hart dieses Jahr auch ist – es hat uns dazu gezwungen in vielen Bereichen einen Schritt nach vorne zu machen und die Möglichkeiten unserer digitalisierten Welt zu nutzen.


Image by Magenta Music 360.

Stefan Reismann

Das Internet ist sein Zuhause, die Gaming-Welt sein Wohnzimmer. Der Multifunktions-Nerd machte eine Ausbildung zum Programmierer, entdeckte dann aber vor allem die inhaltliche Seite für sich. Nun schreibt er für die Netzpiloten und betreibt nebenher einen Let's Play-Kanal, auf dem reichlich gedaddelt wird.


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