4 coole MMORPG Klassiker – Eine kleine MMO-Zeitreise

In meinen mittlerweile fast 15 Jahren MMORPG-Erfahrung habe ich viele Titel ausprobiert. Der MMORPG Klassiker World of Warcraft war dabei nie „mein Ding“, auch wenn ich seine Qualitäten durchaus sehe. Das Genre selbst hat mich aber über all die Jahre begeistert. Dass mich World of Warcraft speziell nicht so ansprach, öffnete mir immerhin viele andere Welten. Mit dem Fokus auf Rollenspielserver war das nur nicht immer leicht. Die Rollenspiel-Community war nicht überall groß und wanderte gerne zwischen den Spielen her. Ich bin da selbst keine Ausnahme. Einige Spiele nehmen trotzdem noch immer einen besonderen Platz in meinem Herzen ein.

Beim Schreiben des Artikels war ich selbst etwas überrascht, dass ein Großteil dieser alten und größtenteils nicht übermäßig erfolgreichen MMORPG Klassiker bis heute noch gespielt werden. Das ein oder andere besuche ich bestimmt auch bald nochmal, um die Erinnerung aufzufrischen. Sie alle haben etwas Besonderes und bewegen sich teils außerhalb der Standards, die World of Warcraft für das Genre gesetzt hat.

Star Wars Galaxies (Sony Online Entertainment, 2003)

Ein Spiel dass ich leider erst entdeckt habe, als die MMORPG Klassiker von Sony Online Entertainment bereits seine besten Tage hinter sich hatte. Bei Star Wars Galaxies handelte es sich um ein Sandbox MMORPG mit riesigen Freiheiten. Ich konnte zahlreiche bekannte Planeten des Star Wars Universums bereisen und diese mit dem grandiosen Housing-System frei besiedeln. Es entstanden richtige Städte und manche Spieler waren sehr kreativ. Ich sah beispielsweise eindrucksvolle Kronleuchter, die aus geschickt verschachtelten Stühlen gebaut wurden.

Dazu kamen massenweise Fahrzeuge, eine breite Auswahl an Völkern und Anpassungen, beispielsweise über Kleidung, Hautfarben (z.B bei den Twi’leks) und vielen mehr. Obwohl ich auch viel Zeit in Star Wars: The Old Republic verbracht habe, fehlt mir dort noch immer einiges im Vergleich zu SWG. Was nicht bedeutet das Star Wars: The Old Republic schlecht ist. Es war eines der ersten MMORPGs, das bei Quests und Vertonung an Singleplayer-Rollenspielen heranreichte. Es fehlen nur nach wie vor viele Freiheiten und Möglichkeiten eines Star Wars Galaxies. Dort gab es sogar die Charakterklasse des Entertainers, die man ganz ohne zu kämpfen hochleveln konnte. Eines der wenigen MMORPG Klassiker, bei denen ich tatsächlich das Level-Cap erreicht habe.

Eine Schlacht in Star Wars Galaxies
Star Wars Galaxies ist eindeutig in der ursprünglichen Trilogie beheimatet. Image by Sony Online Entertainment via IGDB.

Ein MMORPG Klassiker mit tragischem Ende

Dass ich erst von dem Spiel erfuhr, als es schon länger auf dem Markt war, spricht für eine ziemlich schlechte Vermarktung trotz der großen Marke Star Wars. Auf der anderen Seite startete das Spiel auch in einem Jahr, wo ich selbst noch nicht aktiv MMORPGs spielte. Meine Eltern hätten sich auch geweigert die Zahlung über ihr Konto laufen zu lassen. Das zweite Problem war das NGE Update im Jahr 2005.

NGE stand für New Game Enhancements und sollte die Spielerfahrung verbessern und neue Spieler anlocken. Stattdessen vertrieb es einen nicht unerheblichen Teil der Spielerschaft. Starre Klassen ersetzten die zuvor frei kombinierbaren Berufe. Auch das Kampfsystem stieg von rundenbasiert auf Echtzeit und die Sandbox-Erfahrung durch festere Questreihen eingeschränkt. Freiheit wurde der Zugänglichkeit geopfert. Das alles geschah aber vor meiner Zeit und ich kann keinen eigenen Vergleich ziehen, wie die Erfahrung davor war. Als Rollenspieler begeisterte mich der MMORPG Klassiker nämlich trotzdem – auch wenn die Server bereits sehr leer waren.

Das finale Sterben des MMORPG Klassikers im Star Wars Setting begann mit dem Konkurrenz-MMO Star Wars: The Old Republic von Bioware. Obwohl die beiden Spiele mit Sandbox und Themepark zwei ganz unterschiedliche Zielgruppen ansprachen, beschloss Lucas Arts, dass nur ein Star Wars MMO existieren darf.

Trotz feststehendem Ende veröffentlichte Sony Online Entertainment trotzdem noch ein riesiges Update, mit einem Feature, das bereits in Arbeit war, als die Entwickler vom Ende erfuhren. Das Update ermöglichte erstmals das Fliegen der eigenen Raumschiffe auf den Planeten – ein richtig großes Ding! Das machte den Abschied umso trauriger.

Dass beide MMORPGs prima nebeneinander hätten existieren können, machen Fan-Server deutlich.SWG Emu bietet die Erfahrung vor dem NGE-Update mit vielen inhaltlichen Erweiterungen die danach kamen. SWG Legends nimmt das Spiel nach dem NGE-Update als Basis und erweitert es stetig um neue Inhalte. Allein das macht deutlich, dass beide Star Wars MMORPGs auch bestens nebeneinander existiert hätten. Heute ist das natürlich mehr für Liebhaber, da die Grafik alles andere als Zeitgemäß ist.

Der Herr der Ringe Online (Turbine, 2007)

Ja zugegeben, Der Herr der Ringe Online (oder auch HdRO oder LotRO) ist in dieser Liste das mit Abstand mainstreamigste Spiel. Wenn auch nach Star Wars Galaxies erschienen, war es jedoch der erste MMORPG Klassiker den ich wirklich aktiv spielte. Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung lag der letzte Film der Trilogie nur wenige Jahre zurück und war damit noch immer aktuell. Der Herr der Ringe Online ließ uns die Geschichte nochmal neu und aus einem anderen Blickwinkel erleben. Die Hauptstory bewegt sich parallel zu der des Ringträgers, streift sie aber eher nur. Dazu kommen viele Nebenquests, in denen wir die große Welt Mittelerde besser kennenlernen.

Diese verkommt in den Filmen nämlich meist nur zur Kulisse. Abseits der Heldengruppe bleibt in den Filmen wenig Zeit, die Welt und das Leben der Menschen, Elfen, Zwerge und Hobbits in ihr besser kennenzulernen. Vor allem das Auenland ist ein wirklich einzigartiges Startgebiet der Hobbits. Zum einen ist das Auenland mit sehr viel Liebe zum Detail belebt worden – mit all den unterschiedlichen Großfamilien und ihren Eigenheiten. Zum anderen ist es auch ein Anfangsgebiet, in dem ihr nicht wirklich viel zur Waffe greift. Das trifft eben den friedlich-geborgenen Charme des Auenlandes.

Ebenfalls großartig: Das Spiel orientiert sich stark an den Büchern und führt uns auch in den alten Wald zu Tom Bombadil, einem der mächtigsten und kuriosesten Gestalten Mittelerdes, die im ersten Buch eine wichtige Rolle einnimmt, in den Filmen aber nicht einmal eine Randnotiz wert war.

Durch den Monsun

Von der allgemeinen Spielerfahrung erfand Der Herr der Ringe Online das MMORPG nun wirklich nicht neu. Es blieb aber angenehm bodenständig. Die Waffen waren nie überdimensioniert, standen nicht in Flammen und schossen keine Blitze. Die Rüstungen und Kleidungen blieben der Welt treu und muteten teils sogar etwas bieder an. Damit hielt sich das Spiel aber lange Zeit eine treue Spielerschaft und feierte kürzlich sein 13-jähriges Bestehen.

Auch Housing und Handwerk setzte das Spiel sehr angenehm um. Das Housing hatte ganze Nachbarschaften, die sehr hübsch gestaltet waren. Einziger Nachteil: Über die Zeit verkamen diese Nachbarschaften zu Geisterdörfern durch inaktive Spieler. Gezielt eine aktive Community dort zu sammeln gestaltete sich schwer. Auch konnte man die Häuser nicht völlig frei gestalten, sondern nur an bestimmten Slots einrichten. Da war Star Wars Galaxies viele Schritte voraus.

Beim Handwerk gab es die MMORPG Klassiker zum Erschaffen von Rüstungen und Waffen, aber auch den Ackerbau. Beim Ackerbau durftet ihr auf den Feldern nicht nur Zutaten zum Kochen anbauen, sondern auch Pfeifenkraut. Gerade die teureren Sorten kamen mit schönen Animationen, die ganz eindeutig von der berühmten Pfeifenszene am Anfang des ersten Filmes inspiriert waren.

Am coolsten fand ich aber das Musiksystem. Die im Spiel verfügbaren Instrumente ließen sich nämlich über mehrere frei auf der Tastatur belegbaren Oktaven spielen. Für weniger musikalische Spieler ließen sich auch fertige Lieder als .abc-Dateien abspielen. Leider führte es dazu, dass zu der Zeit in Bree meist an jeder Ecke „Durch den Monsun“ von Tokio Hotel gedudelt wurde. Trotzdem war es das bislang beste Musiksystem, dass ich je in einem Spiel nutzen durfte. Es gab sogar Ingame-Konzerte ganzer Gruppen! Auch wenn ich HdRO seit vielen Jahren nicht gespielt habe, nimmt das Musiksystem noch immer einen wichtigen Platz in meinem Gamerherz ein.

Age of Conan (Funcom, 2008)

Zu den MMORPGs von Funcom verbindet mich eine regelrechte Hassliebe. Auf der einen Seite weichen die Spiele angenehm vom Einheitsbrei ab, auf der anderen Seite versaute sich das Studio viel durch unfertige Produkte.

Age of Conan zeigte das am besten. Ein MMORPG Klassiker für Erwachsene. Passend zum Setting in der Welt des wohl bekanntesten Barbaren gab es viel nackte Haut und rollende Köpfe (außer in der Deutschen Version trotz FSK18!), ein sehr dynamisches Kampfsystem, eine einzigartige Welt und erstmals in der MMO-Geschichte eine richtige Vertonung.

Letzteres war zumindest der Plan. Leider ging dem Studio das Budget aus und lediglich das Anfangsgebiet Tortage hatte diese starke Vertonung und war auch sonst das absolute Highlight des Spiels. In dem Piratennest gab es unter anderem auch eine Taverne in Form eines Schiffwracks – Einfach nur schön.

Der Rest des Spiels war zwar auch nicht schlecht, konnte aber diesen extrem hohen Standard der ersten Stunden nicht mehr gerecht werden. Auch der Bau eigener Städte hielt nicht das, was ursprünglich an Freiheiten und Belagerungen versprochen wurde. Dazu kamen viele Bugs, die auch in der langen Zeit nie gefixt wurden.

Dass Addon Rise oft he Godslayer riss zumindest wieder einiges raus. Vor allem das asiatisch geprägte Khitai als neues Land, näherte sich wieder mehr der Tortage-Erfahrung an.

Ein schöner Aspekt des Spiels ist übrigens, dass es zwar Fraktionen in Form der Charakterherkunft gibt, aber trotzdem keine Barrieren gezogen werden und auch Gilden nicht auf eine Fraktion beschränkt sind. Trotz geringer Spielerzahlen läuft das Spiel noch 12 Jahre später. Mit Onslaught bekam es sogar kürzlich sein größes Update seit Jahren mit einem ganz neuen Areal.

The Secret World (Funcom, 2012)

Funcom zum zweiten. The Secret World führt uns ausnahmsweise nicht in eine klassische Fantasywelt, sondern in die heutige Zeit. Wir spielen in London, Tokio, Ägypten oder Transsilvanien. Allerdings gibt es tatsächlich Horrorgestalten wie Zombies, Vampire, Mumien und vieles mehr – auch wenn Geheimorganisationen wie die Illuminaten oder Templer sich beste Mühe geben, das zu vertuschen.

Ich bin eigentlich absolut kein Horror-Fan und wurde von einem alten Age of Conan-Kumpel darauf aufmerksam gemacht. Am Ende holte ich mir vor Release schon die Lifetime-Subscription und habe es nie bereut. Und auch wenn stark von Lovecraft und Co inspiriert, hält sich der Horror-Faktor in Grenzen. Es ist mehr die allgemeine Stimmung, die sehr düster ist. Einige echt skurille Charaktere lockern das auch immer wieder auf.

Auch The Secret World macht vieles anders, als man es gewohnt ist. Und damit meine ich nicht einmal das ungewohnte aber faszinierende Setting. Es verzichtet komplett auf Klassen und gibt es stattdessen eine Vielzahl an Waffengattung, die jeweils eigene passive und aktive Skills mit sich bringen. Während aktive an die Waffe gebunden sind, von denen ihr zwei zugleich ausgerüstet habt, lohnen sich passive Skills auch oft ohne ausgerüstete Waffe. Fortgeschrittenere Skills sind dabei selten mächtiger, sondern profitieren vor allem durch Wechselwirkung mit anderen Skills.

Einzigartiges Quest-Design

Absolutes Highlight sind für mich die Quests. Einzig stören tut mich daran, dass wir in den Dialoge nur selten direkt angesprochen werden, ob wir helfen können. Trotzdem sind die Dialoge mit meist hoher Qualität vertont und die Quests meist mehrschrittig und fast durchgehend ohne „Töte 5 XYZ“-Aufgaben. Das Sahnehäubchen sind aber die Investigativquests, die mehr Hirnschmalz erfordern, als die meisten Point & Click Adventures. Beispiel: Recht früh im Spiel gibt es eine Quest, in der uns in einem Gebäude eine stillstehende Uhr auffallen muss. Diese Uhrzeit ist ein Hinweis auf eine Stelle in der Bibel. Diese müssen wir online selbst nachschlagen, um die Koordinaten eines Verstecks zu finden. Eine andere Quest gibt einen Hinweise auf den Lieblingsautor eines Charakters, dessen Botschaft nach dem Prinzip aus einem bekannten Buch des Autors verschlüsselt ist. Ich habe fast eine Stunde die Botschaft mit Stift und Papier entschlüsselt.

Vermutlich ist dieser hohe Anspruch ein Grund, warum The Secret World nicht die Massen angesprochen hat. Es war in manchen Dingen zu komplex für eine Spielerschaft, die meist nur einen anspruchslosen Zeitvertreib nach Arbeit oder Schule sucht. Mit der Vollvertonung hatte das Spiel zudem einen hohen Produktionswert für seine Nische. Es gibt übrigens einige Guides für den MMORPG-Klassiker wo ihr euch nur Hinweise zur Lösung der Investigativquests geben lassen könnt. So bekommt ihr Hilfe, müsst aber trotzdem noch selbst auf die Lösung kommen.

Mit dem Überraschungserfolg Conan Exiles nahm Funcom nochmal etwas Geld in die Hand und versuchte mit TSW Legends einen Reboot. Erneut schlechte Vermarktung und eine nicht wirklich begeisterte Spielerschaft ließen die Neuauflage jedoch floppen. Zudem machte auch nur ein Teil der alten Spieler den Sprung auf die neuen Server. Die Community zerriss es.

Trotzdem ist The Secret World immernoch ein Geheimtipp, da der MMORPG Klassiker selbst solo wunderbar funktioniert und mit das beste Questdesign in Onlinerollenspielen bietet. Für Fans von Lovecraft und Co ist das Spiel durch die zahlreichen Referenzen sowieso ein absolutes Must-Have. Und das sage ich als jemand, der damit eigentlich nicht so viel anfangen kann.


Image by Funcom

Stefan Reismann

Das Internet ist sein Zuhause, die Gaming-Welt sein Wohnzimmer. Der Multifunktions-Nerd machte eine Ausbildung zum Programmierer, entdeckte dann aber vor allem die inhaltliche Seite für sich. Nun schreibt er für die Netzpiloten und betreibt nebenher einen Let's Play-Kanal, auf dem reichlich gedaddelt wird.


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