Von der neuen Sichtbarkeit

Ebenso minimalistisch wie effektvoll hat der Musiker Oneohtrix Point Never in diesem Jahr der Gesellschaft mit drei Musikvideos einen erschreckenden Spiegel vorgehalten. // von Thomas Vorreyer

Oneohtrix Point Never Image

Es ist nicht nur Weihnachts-, sondern auch Jahresrückblickszeit. Im Bereich Musik hat die Kategorie „Musikvideo“ – trotz aller großen Spektakel anderswo – der US-amerikanische Avantgardmusiker Daniel Lopatin alias Oneohtrix Point Never abgeräumt. Die drei Videos zu seinem aktuellen Album „R Plus Seven“ sind nicht weniger als künstlerische Meilensteine einer intramedialen Nutzungs- und Gesellschaftskritik. Immer auf hoch emotionale, oftmals subtile, teilweise aber auch brachiale Weise. Einige (weniger besinnliche) Gedanken.


  • Steter Begleiter beim Betrachten der Musikvideos von Oneohtrix Point Never ist ein fortwährendes Unbehagen.
  • Einige wenige Smileys reichen, um das ganze Dilemma moderner Liebeskommunikation zu offenbaren.
  • Statt seichte Kost zu bieten, führt uns das „Still Life (Betamale)“ an die blinden Flecken des Internets – und der menschlichen Psyche.

Nach den Negativbeispielen aus dem letzten Aufschlag dieser Kolumne, soll es nun also um positive Exempel, um das Wie-besser-machen? gehen. Lopatin, der seit einigen Jahren bereits, von der Kritik goutiert, die ästhetische und politische Sprengkraft von Ambientmusik mittels Samples und elektronischer Grenzgänge für die Gegenwart freilegt, hat dazu mit drei verschiedenen Regisseuren drei durch die Bank weg sehr interessante Ansätze vorgelegt. Steter Begleiter bei der Betrachtung: ein eigentümliches Unbehagen.

Dieses stellt sich bereits bei der ersten Auskoppelung „Problem Areas“ ein, die der Video- und Animationskünstler Takeshi Murata visualisiert hat. Sein Video greift auf Muratas eigene, zwischen 2011 und 2012 enstandene Arbeiten zurück. Sie zeigen täuschend echte, hochrealistische, aber am Computer entstandene Stillleben, nicht selten in blaues oder violettes Licht getaucht. Die glänzenden Objekte in satten Farben sind Pillendosen, Sport- und Musikgeräte, Uhren. Ihnen allen haftet ein kleiner Makel an, eine optische Täuschung. Da zerläuft etwa ein Fahrrad und eine Würfelkette bildet ein unmögliches, sogenanntes Penrose-Dreieck. Das perfekte Leben trägt somit in den am glattesten polierten Flächen die tiefsten Risse.

Um Risse bzw. Trennungen geht es dann auch im jüngst veröffentlichten Musikvideo zu „Boring Angel„, eine Fingerübung des Minimalismus. Lopatins Musik, die in einem Song gleich mehrere Figuren und Stimmungen auftauchen lässt, wird hier zum Soundtrack einer unerfüllten Liebeshoffnung. Ein weiterer Video- und Animationskünstler, John Michael Boling, hat diese mithilfe des Smileys-Satzes des allseits bekannten bzw. verwendeten Instant-Messengers „WhatsApp“ in Szene gesetzt. Jenem Tool also, mit dem nicht wenige Nutzer sich dank Zuletzt-online-Status gegenseitig kontrollieren.

Es beginnt mit einem einzigen, ausdruckslosen gelben Gesicht auf weißem Grund, dessen Laune sich weiter und weiter verschlechtert. Ein Smartphone-Symbol erscheint anstelle des Smileys, dann wieder dieser. Er scheint auf eine Nachricht zu warten, immer unglücklicher. Dann: ein Lautsprecher, ein Klingeln, die Angebetete erscheint. Lächeln, Lächeln … nein, Moment … sie sieht es anders als er, will keinen Kontakt. Ein Kommunikationsfehler. Es folgen in schneller Abfolge: diverse Alkoholsorten, Geldscheine, Pillen, Spritzen etc. Gegen Ende sehen wir die Zeichenfrau glücklich mit einem anderen, tätsächlich Anwesenden. Für unseren gelben Freund ist aus dem erwartungsvollen Starren auf den Bildschirm die absolute, reale Vereinsamung geworden.

So weit, so noch leicht zu verdauen. Anders sieht es bei Jon Rafmans Video zu „Still Life (Betamale)“ aus, das zwischen den beiden eben Genannten erschien. Das Ansehen ist tatsächlich nur Erwachsenen mit starkem Magen zu empfehlen, denn Ekel regt sich bereits zu Beginn: Rafman eröffnet seine große, sehr explizite Fetisch-Collage mit Aufnahmen von mit Müll bis hin zu Hautresten übersähten, dreckigen und fettigen Tastaturen und Schreibtischen, die zu NEETs (Abkürzung für: Not in Education, Employment or Training.), Dauercomputernutzern ohne gesellschaftliche Aufgabe wie Beruf und Ausbildung, gehören. Eine Konstruktion etwa wurde direkt an eine Matratze angebaut, das Leben reduziert sich hier auf die Bedürfnisse von Schlafen, Essen, Klicken – und Masturbieren. „You do not move your eyes from the screen. You have become invisible.„, kommentiert eine zusätzlich eingefügte, weibliche Computerstimme. Eine Reise in die Abgründe des Internets beginnt. Rafman lässt Bilder von Crossdressern mit geister- und puppenhaften Masken oder in „sexy“ Hundeganzkörperkostümen beim Staubsaugen verschwimmen mit Comic-Zeichnungen von mit miteinander korpulierenden Flugzeugen, von gewaltsamen Sexfantasien, von strangulierten Hundefrauen, von nackten, gliedmaßenlosen Jungenkörpern, aufgespießt wie Tischkickerfiguren, an Schläuchen saugend, die Augen verbunden, die Bäuche und Glieder geschwollen.

Der Künstler hat sie auf Youtube gefunden, bei Tumblr und in GUROchan, einem anonymen Imageboard wie 4chan, spezialisiert auf äußerst grafische und fast ausschließlich pornografische Gewaltdarstellungen einer grenzlosen Fantasie. Nicht erst in der Montage ergeben sie eine unglaubliche Irritation wie sie das an sich eher harmlose Format Musikvideo bislang nur selten zu erzeugen wusste. Das Werk legt jene Teile des Internets, aber auch der menschlichen Seele offen, die dem normalen Nutzer sonst verborgen bleiben.

Oneohtrix Point Never – Problem Areas from Warp Records on Vimeo.

Sinn des Ganzen ist es sicherlich nicht, die einzelnen Fetische zu diskreditieren. Das Video zu „Still Life“, in dem sich auch ein nackter Mann mit Mädchenunterwäsche über dem Kopf zwei Pistolen an selbigen hält, stellt vielmehr zwei fundamentale Fragen: Wo beginnt die Entgrenzung, die Ablösung eines Menschen vom humanen Subjekt? Und inwiefern befeuert das Internet diese?

Oder, vor dem Hintergrund der zwei anderen Oneohtrix-Point-Never-Videos anders ausgedrückt: Was ist die letzte Konsequenz unserer gegenwärtigen Kultur? Und: Worauf warten wir eigentlich?

Eine Frage, über die es sich draußen, an der frischen Luft, wohl am besten nachdenken lässt. Bei einem Weihnachtsspaziergang? Vielleicht. Denn nicht nur die angesprochene Community diskutiert bereits rege.


Image & Teaser by Oneohtrix Point Never


Thomas Vorreyer

schreibt als freier Journalist vor allem über Kultur und Gesellschaft im Angesicht der Digitalisierung.


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