Technologie im Büro – Hilfe oder Hindernis?

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Die große Studie der IBM, in der über 2500 CIOs befragt wurden zu den Aufgaben und Chancen, die die Informationstechnologie gelöst hat bzw. noch lösen muss, hat Business Intelligence und Virtualisierung in den Vordergrund gerückt. Das erste ist der Umgang mit Betriebskennzahlen und das zweite ist das Auslagern von Aufgaben an virtuelle Server. Das eigentliche Thema, das die Menschen betrifft, die täglich ins Büro fahren, wird damit kaum fokussiert: Vereinfacht Technologie die täglichen Aufgaben oder macht es ihre Lösung schwieriger oder langwieriger?



Denn wer im Büro am Rechner sitzt hat meistens mehrere Browserinstanzen auf: da ist eine Sicht für SAP, um Tabellen und Listen im System zu aktualisieren, dann noch das Intranet der Firma, um nachzusehen, was es zum Mittag gibt, was es Neues in der Abteilung zu wissen gibt, warum der Parkplatz schon wieder umstrukturiert wird, warum die Kollegen aus dem Geschäftsbereich 13 jetzt doch in den ersten Stock ziehen und vieles mehr. Wer hat da schon Zeit für ein wenig Flurfunk? Seelig sind diejenigen, die noch immer rauchen, die treffen sich draußen und reden abteilungsübergreifend. Manchmal überlegt man sich, ob es nicht schlauer wäre, wieder mit dem Rauchen anzufangen. Ungefilterte echte Nachrichten von Mensch zu Mensch, das waren noch Zeiten …


Aber auch da hat die Studie von IBM eine Antwort, denn all die Firmen, die in den vergangenen Jahren viel Geld für Collaboration und Kommunikation per Web investiert haben, haben auch signifikant steigendes Wachstum zu verzeichnen. Firmen mit hohem Wachstum integrieren ihre IT und die Firmentätigkeit um 94 Prozent häufiger. Um 94 Prozent häufiger? Die Studie gibt einen Faktor mit einer Prozentzahl an?


Irgendwas stimmt da nicht, oder haben Sie auch gerade 84 Prozent häufiger ein Problem gesehen als ich?


Das Problem der Softwarewelt im Büro besteht aber zunächst nicht hauptsächlich darin, dass Unternehmen, die enorm wachsen, auch enormes Geld für IT ausgeben – was nur möglicherweise einen Zusammenhang hat, der auch ursächlich sein kann. Das Problem ist der Umgang mit Technologie.


Gerade in Meetings wird immer wieder deutlich, dass die Generation Y (also die nach 1980 Geborenen) kein Problem damit hat, mitten in der Besprechung das Smartphone zu zücken und diversen Funktionen zu nutzen. LexisNexis hat Anfang des Jahres seine Studie zum Umgang mit Technologie im Firmenumfeld veröffentlicht. Ein großer Unterschied besteht nicht im kenntnisreichen Umgang der „Digital Natives“ mit der digitalen Welt sondern mit den Etiquetten, also den Umgangsformen mit Technologie, die ein Überdenken erfordern. Zwei Drittel der 44–60jährigen Baby Boomers geben an, dass der Gebrauch von PDAs und Smartphones wie BlackBerries und iPhones oder gar Laptops eher die sozialen Umgangsformen im Büro stören – bei Gesprächen ganz allgemein und bei Besprechungen im Besonderen. Diejenigen die unter 28 Jahre alt sind, sind nur zur Hälfte mit dieser These einverstanden. 17 Prozent der Baby Boomers gehen davon aus, dass im Gegenteil der Gebrauch dieser Mittel im Gespräch eher nutzt und fast 33 Prozent der sogenannten Net–Generation würden diese Einschätzung unterschreiben.


Spannend wird es beim Bloggen, denn nur 28 Prozent der Über–44–Jährigen glauben, dass das Schreiben von Blogartikeln über arbeitsrelevante Themen akzeptabel ist, die junge Generation ist zu über 40 Prozent damit einverstanden. Es wäre also an dieser Stelle eine hilfreiche Maßnahme, von den seltsamen Hypothesen über Digital Natives mit besonderen Hirnfunktionen und außerordentlich libertären Ansichten Abstand zu nehmen und das Wesentliche rund um den Gebrauch von Social Media in den Blick zu nehmen. Denn zunächst soll die Form der Kommunikation über Blogs, Soziale Netzwerke und andere niedrigschwelligen Softwaretools ja einen Austausch befördern. Es scheint aber noch nicht mal in der vermeintlich IT-affinen Generation klare Mehrheiten zu geben, die den Einsatz solcher Werkzeuge uneingeschränkt wünschen oder unterstützen oder gar betreiben.


Der geneigte Leser möge sich also genau überlegen, wie er diesen Widerspruch zwischen galoppierendem Enthusiasmus für solche Werkzeuge mit dem Bedarf und der moralischen Verfasstheit der Menschen in einen Kontext bringt. Es geht hier weniger um eine technikfeindliche Haltung, als um eine realistische Einschätzung von Social Software hinsichtlich ihrer Akzeptanz bei bestimmten Themengebieten und Aufgaben. Und die Zahlen von LexisNexis legen den Verdacht nahe, dass gerade Mentoring-Programme, in denen Ältere ihr Wissen an Jüngere übertragen sollen/können/dürfen/müssen, nicht unbedingt durch Onlinetools eine Verbesserung erfahren.


Das liest sich schon allein an der Zeit ab, die die Generation Y (Digital Natives) mit Sozialen Netzwerken, Foren und Blogs verbringen (über 10 Stunden) im Vergleich zu den alten Knackern über 44 Jahre, bei denen es gerade mal über 5 Stunden sind. Ich halte beide Zahlen für sehr stark überzogen, da ein offenes Tab von Facebook oder eines Blogs noch lange nicht bedeutet, dass man das 10 Stunden lang wirklich verfolgt. Wohingegen E–Mails und Twitter eine deutliche höhere Potenz haben, die Leute beim Problemlösen zu stören, weil der always–on–Charakter viele Leute verführt, direkt und umgehend auf neue Nachrichten zu reagieren. Es ist und bleibt eine Frage der Dispziplin, die zum Beispiel Mac–Nutzer dazu veranlasst so etwas wie macfreedom zu nutzen, das einem für eine definierte Zeit am Tag völlige Ruhe vor dem Netz verschafft indem es den Monitor und den Webzugang sperrt. Die Menschen erkennen, dass es eines kontrollierten Umgangs mit PC und Web bedarf, um sich selbst und andere zur Reflexion und Bewertung von Inhalten zu bringen – nur dann ist das Social Web eine Erweiterung der realen menschlichen Kontakte. Andernfalls hat es großes Potenzial zu einem Ersatz zu werden, was eine normale Betrachtung der Etiquette rund um Technologie schnell zu einem ideologischen Streit werden lässt, weil man dem ein oder anderen die Nabelschnur zur digitalen Identität nimmt. Das ist im beruflichen Umfeld genauso schlimm wie bei den Jugendlichen, die viele Büromenschen mitleidig anschauen, weil sie von ihrem Word Of Wacraft nicht wegkommen. Ihre eigene starke Fokussierung auf den digitalen Arbeitsplatz reflektieren sie aber gar nicht mehr. Darin besteht eine latente Gefahr, die der Sucht nach Onlinespielen in nichts nachsteht.


Über die Hälfte der Studienteilnehmer bei LexisNexis gaben an, dass sie durch die viele Technologie am Arbeitsplatz, den sie ja per Laptop, PDA und Smartphone auch mit ins Auto und mit nach hause nehmen, zu Multitasking gezwungen werden – gegen ihren Willen. Wenn man die Zeit zusammenrechnet, die üblicherweise am Tag mit E–Mail, Office, Instant Messaging und am Browser verbracht wird um arbeitsrelevante Informationen und Kommunikation zu erfahren und zu verteilen, kommt man auf über 15 Stunden. Insofern ist der Einsatz der modernden Technologien schon längst ein Fall für das Arbeitsrecht.

Jörg Wittkewitz

  ist seit 1999 als Freier Autor und Freier Journalist tätig für nationale und internationale Zeitungen und Magazine, Online-Publikationen sowie Radio- und TV-Sender. (Redaktionsleiter Netzpiloten.de von 2009 bis 2012)


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