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Legal Tech als Trend: Wenn Anwälte durch Algorithmen ersetzt werden

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Sie heißen „frag-einen-anwalt.de”, „geblitzt.de” oder „Jurato” und sind eine der am meist gehypten Entwicklungen im digitalen Start-up-Bereich: Legal-Tech-Unternehmen. Unternehmensgründung, Mietrecht, Bußgelder: Rechtliche Fragen begegnen uns ständig im Alltag und wer nicht die Mittel für einen Anwalt oder die Zeit und Geduld zur Eigenrecherche hat, ist damit oft überfordert. Genau hier sehen viele Legal Tech-Start-ups eine Marktlücke. Sie wollen Verbrauchern automatisierte rechtliche Unterstützung anbieten.

Jetzt also auch noch Legal Tech?

Mit Algorithmen oder künstlicher Intelligenz helfen die Applikationen und Webseiten dieser Unternehmen Nutzern auf der Suche nach rechtlichem Ratschlag. Schneller, besser und günstiger als viele Anwälte das könnten, behaupten die Gründer hinter diesen Start-ups. Nach Medtech und Fintech, jetzt also auch noch Legal Tech? Das sei nur eine logische Entwicklung, sagt Michael Grupp vom Start-up Lexalgo dem Anwaltsblatt: „Tech und Jura haben heutzutage sehr viel mehr Verbindungen als noch vor zehn Jahren. In vielen Rechtsbereichen gibt es Tech-Fragen, vom Datenschutz bis zur IT als Unternehmenswert, von denen man im juristischen Studium wahrscheinlich nichts gehört hat.” Doch Legal Tech geht weit über die juristische Beratung von IT-Unternehmen hinaus. Das Angebot allein in Deutschland scheint schier endlos. Es reicht von Plattformen, auf denen Anwälte und Verbraucher zusammenfinden können über Nischenangebote zu sehr speziellen Rechtsfragen bis hin zu Tools, die Anwälten selbst die Arbeit abnehmen können.

Von der Plattform bis zum Nischenangebot: Legal Tech mischt die Rechtsszene auf

Auf Jurato können Nutzer zum Beispiel Beratungsangebote zum Festpreis buchen oder sie stellen eine offene Anfrage und mehrere Anwälte bewerben sich nach dem Ebay-Prinzip um die Beratung. Auch Webseiten wie „frag-einen-anwalt.de“ bemühen sich darum, Anwälte mit Ratsuchenden zusammenzubringen. Unter dem Motto „Jeder hat ein Recht auf Recht“ wollen sie den Zugang zur rechtlichen Beratung demokratisieren. „Rechtsberatung wird oft aus einem Elfenbeinturm heraus betrieben. Wir aber glauben an einen freien Zugang zum Recht für alle, unabhängig von Bildung, Geld und Beziehungen”, verspricht das Start-up auf seiner Webseite.

Neben diesen allgemeinen Plattformen haben sich einige Start-ups auf gewisse Rechtsfragen spezialisiert. So bekommen User auf „geblitzt.de“ rechtliche Hilfe bei ihren Bußgeldverfahren. Auf „Smartlaw“ finden Nutzer rechtlichen Beistand zur Unternehmensgründung und Start-ups wie „Bahnbuddy“ kümmern sich um Bahnfahrer, die bei Bahnverspätungen ein Recht auf Erstattung haben.

Die dritte Kategorie von Unternehmen im Legal Tech wiederum entwickelt smarte Tools für Anwälte selbst.„Lexalgo“ aus Darmstadt etwa hat Softwareprogramme entwickelt, sogenannte „Rule Engines“, die Anwälten dabei hilft, Daten zu organisieren, kategorisieren und Regelwerke zu erstellen. Diese Software soll Anwälten oder Kanzleien „helfen, eine juristische oder stark regelbezogene Entscheidung schneller, einfacher und verlässlicher treffen zu können“, behauptet das Start-up auf seiner Webseite. Ebenfalls aus Hessen kommt das Frankfurter Start-up „BusyLamp“, das von Unternehmen aus mehr als 100 Ländern, wie etwa der New York Times oder der Holtzbrinck Verlagsgruppe, genutzt wird. BusyLamp hat sich darauf spezialisiert, Managementtools für Rechtsfirmen zu erstellen, die ihnen dabei helfen, die Zusammenarbeit mit selbstständigen Anwälten sowie die eigenen Ausgaben zu organisieren.

Doch das ist wahrscheinlich nur der Anfang. Der nächste große technische Wandel für Juristen ist schon absehbar: Legal Chatbots. Auf DoNotPay, Visabot oder Robotlawyerlisa können Bots jetzt schon Nutzern in Rechtsfragen mit Rat und Tat zur Seite stehen.

Legal Tech: Chance oder Bedrohung?

So unterschiedlich diese Legal Tech-Unternehmen im Einzelnen arbeiten, eins haben sie alle gemeinsam: Von Algorithmen über künstliche Intelligenz bis hin zur Plattform-Ökonomie nutzen sie technische Möglichkeiten, um komplizierte rechtliche Prozesse zu automatisieren. Damit wollen sie einfacher und im Endeffekt auch kostengünstiger werden. Justice-as-a-Service nennt sich das Prinzip dahinter und sorgt unter Experten sowohl für Bewunderung als auch für Kritik.

Einer der größten Befürworter von Legal Tech in Deutschland ist Stephan Breidenbach. Er hat den Lehrstuhl für Bürgerliches Recht, Zivilprozessrecht und Internationales Wirtschaftsrecht an der Europa-Universität Viadrina inne. Breidenbach sieht große Gemeinsamkeiten zwischen der Arbeit von Juristen und Algorithmen. Schließlich tauchen gerade beim Recht wiederkehrende Prüfungen und Lösungsstränge auf. Vom Lernen von unzähligen Paragraphen mal ganz abgesehen. Auch Juristen arbeiten also – genau wie Algorithmen – sehr formelhaft. „Recht ist Code“, sagt daher Breidenbach. Um den hiesigen Juristen die Chancen hinter Legal Tech zu zeigen, hat Stephan Breidenbach deshalb „Berlin Legal Tech“ ins Leben gerufen. Eine Mischung aus Rechtskonferenz und Hackathon, auf der Programmierer und Anwälte zusammenkommen können.

Die Fans von Legal Tech sehen die technischen Möglichkeiten also ganz klar als große Hilfe. Ihrer Meinung nach können nicht nur Verbraucher, sondern auch Anwälte von der technischen Unterstützung durch Legal Tech-Unternehmen profitieren.

Doch bisher sehen viele Anwälte in Deutschland die Entwicklung im Bereich Legal Tech eher skeptisch. Einige kritisieren, dass die Digitalisierung des Rechts, die Arbeit der Anwälte allein auf Auswendiglernen und Herunterbeten von Paragraphen reduziere. Andere wiederum heben hervor, dass kein Computerprogramm die Kreativität von Anwälten ersetzen könne. Und natürlich fühlen sich auch viele in ihrer beruflichen Existenz bedroht. Denn wenn ein Chatbot oder ein Algorithmus ihre Arbeit besser machen kann – wer braucht dann noch einen Anwalt?

Ist Legal Tech also eine Bedrohung oder eine Chance? Patrick Prior, Jurist und Legal Tech-Berater beantwortet das so: „Im Rückblick hat jede industrielle Revolution zunächst Arbeitsplätze gekostet, bis sich der Arbeitsmarkt auf die neue Situation eingestellt hat und neue Berufe oder Berufsfelder geschaffen wurden. Dies wird wohl auch bei Legal Tech langfristig nicht anders sein.“


Image (adapted) „Anwalt“ by energepic.com (CC0 Public Domain)


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FollowUs – Die Netzpiloten-Tipps aus Blogs & Mags

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  • ROOMBAS wired: Roombas sollen private Wohnungen für Google und Amazon scannen: Das Unternehmen iRobot hat seit seiner Gründung schon viele Haushaltsroboter verkauft, am erfolgreichsten die der Reihe Roomba, die die Wohnungen autonom reinigen können und durch Infrarotsensoren Hindernisse, wie Möbel und Kanten, in der Wohnung erkennen. Seit 2015 gibt es eine kleine Neuerung, wobei die Roombas über ein Karten- und Visualisierungssystem verfügen, so kann die Wohnung kartografiert werden und die Reinigung geht noch schneller und hindernisloser. Interessant sind diese Lagepläne für Google, Apple und Co., die ihre intelligenten Assistenten wie Alexa damit optimieren könnten. Ein Problem be dem Datenschutz könnte es jedoch geben, da private Raumaufzeichnungen bestehen.

  • CHROME t3n: Chrome hat den Browser-Krieg gewonnen – sagt der ehemalige Technikchef von Mozilla: Der ehemalige Technikchef Andreas Gal nimmt Stellung zu dem Konkurrenzkampf um Chrome und Firefox. Firefox habe demnach keine Chance mehr gegen Chromes Marketing gehabt. Messen kann man den Verlust von Firefox daran, dass im Vergleich zu den Jahren davor 22 Prozent weniger Firefox-Installationen aktiv waren. Die genauen Zahlen des Verlaufes veröffentlichte Andreas Gal zuletzt auf Github. Eine Verbesserung für Firefox scheint nicht in Sicht zu sein, da Goole und Chrome es verstehen würden ihre Monopolstellung geschickt zu nutzen um Eigenwerbung zu betreiben.

  • EPLAYER horizont: ProSiebenSat.1 Puls 4 und 4Sports vermarkten ePlayer von Perform Media Germany: Ab jetzt investieren ProSiebenSat.1 Puls 4 und 4 Sports in die Online Vermarktung des ePlayers der Perform Group, die monatlich um die 120 Millionen User erreicht. Der Inhalt von ePlayer bezieht sich unter anderem auf digitale Sportinhalte und ihre Zusammenarbeit sei ein wichtiger Schritt in Richtung Zukunft, so die Leitung 4Sports, Sportvermarktung bei ProSiebenSat.1 Puls 4. Zu unterschätzen ist der ePlayer nicht, denn er ist im deutschsprachigen Raum der mit dem attraktivsten Videocontent, der einer der größten europäischen Fußball-Ligen wie die LaLiga, die Premier League und die Serie A mit innehat.

  • UBER NGIN: Japanischer Tech-Konzern will Milliarden-Anteil an Uber übernehmen: Der japanische Telekommunikations- und Medienkonzern Softbank soll jetzt bei Uber einsteigen, etwa ein neuer Großinvestor? Spekulationen blieben offen, bis jetzt hat sich keiner der beiden Parteien dazu geäußert und auch das Wall Street Journal beruft sich auf Insiderwissen. Genauere Pläne seien nach dem Wall Street Journal zwischen den beiden Konzernen sowieso erst zu machen, wenn der Vortsnad neu besetzt worden ist. Aufgrund der Anschuldigungen im Thema Sexismus und Diskriminierung schadet der Mitgründer Travis Kalanick dem Ruf des Unternehmens zunehmend.

  • GROUPIFY gruenderszene: Dieser Gründer liefert Onlineshops mit einer smarten Idee deutlich mehr Kunden: Gemeinsam shoppen? Das hat der Groupify-Gründer Alex von Harsdorf erfunden. Mit dem neuen Start-up können Freunde zu einem Onlineshop eingeladen werden, so sollen sich unter anderem die Versandkosten geteilt werden. Trotz des großen Potenzials hat das Unternehmen bis jetzt auf Investoren oder Investitionen in das Marketing von außerhalb verzichtet, ein Gespräch mit einigen Investoren schien aber bereits schon gemacht worden zu sein.

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Warum Industrie 4.0-Lobbyisten mehr denken sollten – Nachtrag zum #ctk2016

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Haben Strategen im 21.Jahrhundert ausgedient? Weit gefehlt. Sie dürfen nur nicht den Regeln von mechanistischen Modellen folgen. Das war schon immer ein Fehler. Erfolgreiche Unternehmer haben das zu allen Zeiten unkonventionell gehandelt. Schnelligkeit, Stärken nutzen, Erfahrung, Urteilskraft, siebter Sinn und Intuition kann man nicht planen. Unternehmerisches Handeln ist nur schwer zu systematisieren. Wie gute Unternehmer handeln und entscheiden, ist häufig von Zufällen abhängig und widerspricht dem ideologischen Weltbild von Planungsfanatikern.

Am völligen Versagen der Wirtschaftsforschungsinstitute bei der Vorhersage der Finanzkrise kann man erkennen, wie wenig formelhafte Theorien für das Wirtschaftsleben taugen. Wer das praktiziert, landet in der Bürokratiefalle. Denn sehnen sich die Mechanisten in den Chefetagen der Konzerne und mittelständischen Firmen nach Kennziffern, Regeln, Methoden, Benchmarks und Best Practise-Ratschlägen, ums Paradies der Effizienz, Effektivität und Profitmaximierung. Sie hören Begriffe wie Industrie 4.0, Lean Management oder Kaizen und ordnen es direkt in ihre System-Schubladen ein für Erfolg und Glückseligkeit.

Technokratisches Wortgeklingel

Denken kommt dabei leider nicht an erster Stelle, moniert Guido Bosbach in einer Session des Change to Kaizen-Forums in Mannheim, die er gemeinsam mit mir präsentierte. Es regiert technokratisches Wortgeklingel, um wieder zur Tagesordnung übergehen zu können.

Industrie-Vordenker in Wirtschaft, Politik und Wissenschaft ergötzen sich an Formeln. Sie besichtigen eine Produktionshalle von Toyota, hören das geheimnisvolle Credo von Kaizen, wandeln das Ganze in einen „kontinuierlichen Verbesserungsprozess“ um und fixieren es mit 80 Regeln, die in einem Lastenheft dokumentiert werden. Leerformeln abspulen, statt über die Sinnhaftigkeit des eigenen Tuns zu grübeln.

Aber genau das steckt hinter der Jahrhunderte alten Kultur von KAIZEN, erläuterte der Industrie-Fachmann Mario Buchinger auf der Mannheimer Fachtagung im Technoseum. „Es geht um die Veränderung zum Guten – gemeinsam besser werden. Das klingt für deutsche Manager schon viel zu philosophisch.“

Egozentrische Manager hassen Kaizen und lieben Tastendrücker

In Deutschland spricht man lieber von der Qualitätsmethodik. Sich selbst zu hinterfragen, kleine Schritte zu gehen und das Wohl der Gesamtheit im Auge zu behalten, sei für egozentrische Manager Gift. Da wird das so genannte Humankapital dann doch lieber zur Kennziffer im Controlling degradiert. Der Mensch als Faktor der Verschwendung wird mit Prinzipien-Huberei entweder in der Speedfactory eliminiert oder zum optimierten Tastendrücker in „Shopfloors“ montiert.

Shopfloor klingt irgendwie eleganter als Werkstatt oder Fertigungshalle. Der kosteneffiziente Tastendrücker taucht in den Präsentationsfolien der schlanken Industrie 4.0-Propagandisten als „Dirigent der Wertschöpfungskette“ auf. Ist in der Realität zwar immer noch langweilig, kann aber als Tätigkeit mit Gamification-Tools zu olympischen Höchstleistungen gebracht werden. Einen kleinen Unterschied zu früher gibt es dennoch.

Maschine und Werkstück als Dirigenten der Wertschöpfungskette

Die Anweisungen bekommt der Tastendrücker nicht mehr von hausmeisterlichen Vorarbeitern, sondern von einem Werkstück oder einer Maschine. Dem „Dirigenten“ wird die Rolle zugewiesen, auf optische und akustische Signale zu reagieren und vorbestimmte Handlungsmuster auszuführen auf Basis von Prozessinformationen und Algorithmen.

„Mitarbeiter werden zu Objekten. Es ist der Mensch in der Fabrik, der sich an die Vorstellung gewöhnen muss, dass das Werkstück bestimmt, was wer wann und wo zu tun hat. Die Aufgaben des Vorgesetzten übernimmt dann das Material, das bearbeitet werden möchte. Ein seltsames Verständnis von Dirigententum“, kritisierte Professor Andreas Syska in seinem Vortrag beim Kaizen-Symposium. Gewinner sind in diesem industriellen Denkmuster die Ingenieure. Kaizen sehen sie eher als überflüssige „Räucherstäbchen-Runden“.

„Begeistert sind all jene, die Betriebsführung mit der Gestaltung von technischen Systemen verwechseln und lieber mit Technik als mit Menschen zu tun haben. Industrie 4.0 ermöglicht den Führungsschwachen die langersehnte Flucht vor ihren eigenen Mitarbeitern“, so Syska.

Fehlanzeige bei Kommunikationskompetenz

Mit dieser fabrikfixierten Nabelschau werden die Industrie 4.0-Flötisten allerdings scheitern. „Industrie 4.0 ist ein Kind der Stückfertigung kleiner Serien nach dem Verrichtungsprinzip. Dort liegen die geistigen Wurzeln“, erläutert Produktionsexperte Syska. Aber genau da fängt das Problem an. Das Thema wird auf die Fabrik beschränkt, ohne über notwendige Kompetenz für digitale Plattformen, neue Märkte, Vernetzungsintelligenz oder Wissensmangement in Schwärmen nachzudenken. Es wird den deutschen Unternehmen in offenen Strukturen schwerfallen, ihre Fertigungshoheit zu verteidigen. Mit den Ichlingen des Ingeniuerswesens gelingt das mit Sicherheit nicht. Das sind Ego-Dirigenten, die sich im Kreis drehen.

Wahre Führungspersönlichkeiten haben Follower und verstecken sich nicht hinter „schlanken“ Prozessen, Musterlösungen, linearen Methoden und Routinen. „Führung ist vor allem Kommunikation, Vernetzung und die Ermöglichung des Lernens voneinander“, schreibt Josephine Hofmann vom Fraunhofer Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation. An den technischen Hochschulen sollte Philosophie als Pflichtfach eingeführt werden. Das Notiz-Amt sieht hier Reformbedarf.


Image „Spielsteine-Netzwerk-vernetzt“ by geralt (CC0 Public Domain)


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Die Bibliothek erfindet sich als Ort der Arbeit neu

(image by Tobias Schwarz[CC BY 4.0]

Das Analoge und das Digitale sind keine sich gegenseitig ausschließenden Sachverhalte, viel mehr beeinflussen sie sich gegenseitig, da sie sich entweder miteinander verbinden oder zumindest deckungsgleich zueinander verhalten. Am Beispiel der Bibliothek kann man erkennen und nachweisen, wie sich digitale Innovationen auf die analogen Entwicklungen auswirken. Bibliotheken haben auch fast 20 Jahre nach der Gründung von Google (1998) und der Wikipedia (2001) nichts von ihrer Bedeutung bei der Informationsbeschaffung verloren.

Das Aufgabenspektrum der Bibliotheken hat sich in den letzten 20 Jahren massiv gewandelt. Die Bibliothek ist schon lange nicht mehr nur das Haus des gedruckten Buches, neben die analogen Angebote treten zunehmend auch digitale Angebote. Hier liegen künftig große Aufgaben bei der Erfassung und Vermittlung der Angebote und Leistungen der Bibliotheken.

– Dr. Frank Simon-Ritz, Vorsitzender des Deutschen Bibliotheksverbands

Die Bibliothek wandelt sich – sowohl digital als auch analog

Die digitale Nutzung von Bibliotheken ist der digitale Aspekt des Wandels dieses einzigartigen, nichtkommerziellen, kommunalen Raums. Die Gestaltung des Raumes selbst ist das analoge Pendant des gleichen Wandels. „Die Aneignung von Wissen, auch das Wissen selbst, haben sich generell sehr stark verändert“, erklärte Corinna Haas, Bibliotheksleiterin am Institute for Cultural Inquiry, im Interview auf Netzpiloten.de, und mit ihr auch die „Lern- und Arbeitsformen, Raumangebote, digital verfügbare Materialien und Lernplattformen.

Dass das Digitale oft nur als ein Katalysator für das Analoge fungiert, zeigt hierzulande die Stadtbibliothek Köln, die im Jahr 2015 als ‚Bibliothek des Jahres‘ ausgezeichnet wurde. Wissensvermittlung beschränkt sich hier nicht auf (digitalisierbare) Medien, sondern wird auch in Form von Kursen und neuen Räumen praktiziert. Die Kölner Stadtbibliothek hat sich um einige von Coworking Spaces inspirierte Arbeitsflächen und einen den Wandel fassbar machenden Makerspace zum Erlernen von digitalen Fähigkeiten strategisch erweitert.

Diese Entwicklung beeindruckt, denn das Digitale wird hier weder zur Überhöhung seiner Bedeutung vom Analogen getrennt, noch zur Abwertung vom Analogen isoliert. Das Digitale kann nur ein Abbild des Analogen sein, dies muss sich dafür durch das Digitale auch verändern lassen, denn es ist nicht mehr oder weniger real als es das Digitale an sich ist. Die Veränderung der Bibliothek, seiner Räume, Funktionen und Angebote, ist deshalb nur logisch und konsequent. Dieser Wandel ist übrigens stetig und niemals zu Ende.

Die Bibliothek der Zukunft muss es deshalb verstehen, diese mächtigen Verbindungen des Digitalen mit dem Analogen zu erkennen und gestalten zu können. Auf einer Pressereise des Deutschen Bibliotheksverbands durch Bibliotheken in den Niederlanden und Belgien Mitte September konnte ich interessante Beispiele für die Nutzung dieser wirkungsvollen Verschränkungen kennenlernen: die Bibliothek der Technischen Universität Delft und die öffentliche Bibliothek DOK Delft, sowie das interne Lernzentrum der Universität Leuven.

Die Bibliothek als Coworking Space neu gedacht: TU Delft

Liesbeth Mantel, Head of Open Space an der Universitätsbibliothek der TU Delft, betrachtet ihren Arbeitsplatz als riesiges Coworking Space „mit verschiedenen Abteilungen wie Ruheräumen, Arbeitsplätzen zum Zusammenarbeiten und Basteltischen.“ Für wahrscheinlich jede Person und jede Aktivität gibt es einen Raum in der Bibliothek. Den Wandel hat sie eingeleitet, nachdem sie seit 2009 vor allem in den sozialen Netzwerken Facebook und Twitter immer mehr über neue Methoden des Arbeitens in Unternehmen las.

Die Bibliothek besteht aus einem großen Raum, in dem vor allem gearbeitet wird. Hier sitzen auch die Mitarbeiter der Bibliothek, die keine eigenen Büros mehr haben. „Wir wollten neue Wege des Arbeitens einschlagen, um fröhlichere Mitarbeiter zu haben (…) und für mich war ein eigenes Büro nie praktisch“, erklärt sie. Darum sind Computer- und Projekträume verteilt, die sowohl für die Bibliotheksnutzer als auch für die Mitarbeiter gedacht sind. Die riesige Bücherwand am Ende des Raums hat fast nur noch dekorative Zwecke.

(image by Tobias Schwarz[CC BY 4.0]
„Ort der Arbeit statt Lesesaal: die Universitätsbibliothek der TU Delft“ (Bild: Tobias Schwarz, CC BY 4.0)
Bereits 2010 verzichtete die Bibliotheksdirektorin auf ein eigenes Büro und mit ihr das gesamte Management der Bibliothek. Seitdem wurde jährlich eine weitere Büroebene der Verwaltung in Projekträume umgewandelt: „Wir gestalten unsere geschlossenen Büroräume mit einer neuen Einrichtung neu und wandeln sie in hybride Büroflächen um, die tagsüber von unseren Mitarbeitern und abends sowie am Wochenende von den Studierenden genutzt werden können.“ Mantels Kollegen nahmen die neuen Arbeitsplätze im Offenen sehr gut an.

Die Bibliothek wird vor allem von Studierenden genutzt, für die der Zugang zur Bibliothek kostenlos ist. Grundsätzlich steht sie aber jedem offen. Das Angebot wird angenommen, da die Bibliothek sieben Tage die Woche geöffnet ist, auch an Feiertagen. Dazu kommt das ebenfalls an Coworking Spaces erinnernde Community- und Event-Management. „Wir wollen Treffen wieder einen Sinn geben“, erklärt Liesbeth Mantel ihr Bestreben, sowohl Kurse als auch Lesungen und Ausstellungen zu organisieren und den Menschen Freiraum zu geben.

Wo Menschen sich begegnen und kennenlernen: DOK Delft

Ähnlich würde es wohl Marijke Timmerhuis von der öffentlichen Stadtbibliothek Delft beschreiben. Deshalb gilt hier eine für eine Bibliothek sehr ungewöhnliche Regel: den Bibliotheksnutzern ist es erlaubt, zu reden und zu essen. „Dies gestatteten wir, da wir davon ausgehen, dass es bei einer Bibliothek vor allem darum geht, andere Menschen kennenzulernen und nicht um Ruhe und ums Studieren. Dafür haben wir in Delft die Bibliothek der Technischen Universität sowie andere Orte zum Studieren.“, sagt Timmerhuis.

(image by Tobias Schwarz[CC BY 4.0]
„Die Stadtbibliothek Delft möchte ein Ort für Menschen und nicht der Bücher allein sein“ (Bild: Tobias Schwarz, CC BY 4.0)
Mit diesem Konzept, das das Miteinander auf einer von Arbeit unabhängigen Ebene in den Vordergrund stellt, möchte sich die Bibliothek von ähnlichen Institutionen unterscheiden: „Wenn man Menschen sich wohlfühlen lassen möchte, dann müssen sie sich frei und in dem, was sie machen, uneingeschränkt fühlen. Ich glaube, dass Essen und Reden, wann man möchte, dazugehört.“ Und die Menschen nehmen das Angebot an. Wie auch die Bibliothek der TU Delft, verzeichnet das DOK Delft ein Mitgliederwachstum.

Die freiere Nutzung der Räume macht, wieder ähnlich wie bei der Universitätsbibliothek der TU Delft, auch nicht vor den eigenen Mitarbeitern halt: „Die Büroebene ist mehr ein Versammlungsraum für die Mitarbeiter, als ein Ort, um still zu arbeiten. Es ist sehr wichtig, seine Kollegen zu treffen, sich miteinander zu beschäftigen und zusammenzuarbeiten.“, schildert Timmerhuis den Arbeitsalltag unter den Angestellten. „Jetzt ist alles ungezwungener und dadurch schneller, als wenn man stets formelle Treffen ansetzt.

Die Bibliothek hat sich von der Fläche her verkleinert und mit einer Musikschule einen Untermieter gefunden, der in das Konzept passt, Kinder heute auf die Zukunft vorzubereiten. Das Leitmotiv der DOK Delft ist es, „die Lebens- und Lernumgebung der Kinder zu beeinflussen und sie spielerisch dazu anzuregen, ihre Phantasie und Kreativität zu entdecken.“ Denn sie werden einmal in einer Gesellschaft arbeiten, die sich von der heutigen darin unterscheidet, „dass es weniger um Wissen und mehr um Kreativität gehen wird.

Bibliotheken übernehmen neue Funktionen in der Gemeinde

Die belgischen Bibliotheken, die wir auf der Pressereise kennenlernten, wirkten viel mehr wie Gemeindezentren ihrer Kommunen, deren wichtigste Aufgabe die vom Staat seit Jahrzehnten versäumte Integration von hier Zuflucht suchenden Menschen so gut es ging nachzuholen. Dies fiel vor allem in der Antwerpener Bibliothek Permeke auf, in einem Viertel mit der weltweit höchsten Verdichtung an unterschiedlichen Nationalitäten und Sprachen, sowie an der Bibliothek des Brüsseler Stadtteils Molenbeek.

(image by Tobias Schwarz[CC BY 4.0]
„Die Bibliothek Permeke bedient eine unvergleichbar multikulturelle Gemeinde“ (Bild: Tobias Schwarz, CC BY 4.0)
Die Universitätsbibliothek Leuven wirkte im Vergleich sehr klassisch, zeichnete sich in erster Linie weder durch neue gesellschaftliche Funktionen oder innovative Raumkonzepte aus – mit Ausnahme des neu geschaffenen Lernzentrums Agora, das laut dessen Leiter Peter Verbist vor allem Studierende dabei unterstützen soll, besser zu lernen. Hier wurden verschiedene Räume mit unterschiedlichen Nutzungskonzepten entwickelt, um Studierenden einen individuell für sie passenden Ort zum Studieren anbieten zu können.

Und die Serviceangebote des Lernzentrums für Studierende wurden um Hackathons, Wirtschaftsplanspiele und ähnliche Veranstaltungen erweitert. „Diese Veranstaltungen finden alle als nicht formale Kurs statt. Studierende können sich hier selbst organisieren und gemeinsam Wissen schaffen. Wir betrachten sie als junge Professionelle, die sich im Agora zu besseren Studierenden und jungen Erwachsenen weiterentwickeln können“, schildert Verbist die Mission des Lernzentrums. Das Studium, als Freiraum zur Selbstermächtigung gedacht.

Ob aber nun Ort für die Integration oder als Coworking Space der Arbeit –  diese Bibliotheken in den Niederlanden und Belgien reagieren auf den Einfluss des digitalen Wandels auf das Konzept Wissensvermittlung mit neuen Strategien für den analogen Raum. Neben digitalisierten Wissensbeständen und dem Zugang zu digitalen Medien wird vor allem versucht, den Menschen und seine Aktivitäten in einer Bibliothek neu zu definieren. Die jede Veränderung antreibende Frage ist, wie Bibliotheken (noch) genutzt werden können.


Images: Tobias Schwarz/Netzpiloten, CC BY 4.0


Die Pressereise erfolgte auf Einladung des Deutschen Bibliotheksverbands und wurde von diesem vollständig mit Mitteln des Bundesministeriums für Bildung und Forschung finanziert.

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