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China: Das Reich der Internetzensur

Zensur (adapted) (Image by stevepb [CC0 Public Domain] via pixabay)

Knapp jeder fünfte Internetnutzer auf der Welt sitzt hinter dem weltweit größten und ausgeklügelten System für Netzzensur. Im Internet-Freiheits-Ranking der Nichtregierungsorganisation Freedom House belegt China dank massiver Anstrengungen, bestimmte Inhalte aus der Wahrnehmung der eigenen Bürger zu streichen, weltweit den letzten Platz. Aufgrund Chinas ökonomischer Stärke und dem ausgeprägten politischen Willen, neueste Technik zur Verhinderung von Protesten zu nutzen, ist das chinesische System zum – wie es beschönigt heißt – „sozialen Management“ durchaus bemerkenswert.

Vor allem seit den Aufständen des Arabischen Frühlings, bei denen Social Media durchaus eine wichtige Rolle spielte, ist die chinesische Führung aufgrund der potenziellen Macht digitaler Kanäle besorgt. Hinzu kommt ein schwach ausgeprägtes Bewusstsein für Menschenrechte im Land, sodass die Zensurhürden für das Regime vor allem technischer Natur sind. Schon die Enthüllungen von Edward Snowden zeigten, dass selbst in liberalen Demokratien eine umfassende Überwachung möglich ist – und der öffentliche Aufschrei und die politischen Konsequenzen sich in Grenzen halten.

The Great Firewall of China

Selbst unternehmerische Riesen wie Google kommen nicht gegen die Macht des chinesischen Regimes an, das bereits wenige Monate nach dem Start des Internet im Land mit dem Blockieren von Websites begonnen hat. Schon 1997 prägte das Magazin Wired einen plakativen Begriff für die chinesischen Zensurmaßnahmen im Netz: „The Great Firewall of China“ – in Anlehnung an die bekannteste Sehenswürdigkeit des Landes. Das heutige System existiert in seiner Form jedoch erst seit Anfang der 2000er und setzt sich auch verschiedenen Komponenten zusammen. Die Blockade von unerwünschten Webseiten ist ein Standbein chinesischer Zensurbemühungen: von den 1.000 meistbesuchten Internetseiten der Welt werden laut der Nonprofit-Organisation Greatfire.org 176 in China blockiert. 15 der 18 global operierenden Nachrichtenseiten sind ebenfalls nicht zugänglich.

Dasselbe Bild ergibt sich bei sozialen Netzwerken. Von den 15 Diensten mit der weltweit größten Nutzerbasis werden sieben blockiert – davon profitiert natürlich vor allem die chinesische Internetindustrie. Fünf dieser acht nicht gesperrten Social Media-Anbieter stammen aus China. Prinzipiell hat man in China als Social Media-Anbieter nur zwei Möglichkeiten: sich aus dem aufgrund seiner Größe attraktiven Markt zurückziehen oder im Sinne des Regimes für das Verschwinden unerwünschter Inhalte sorgen.

Allerdings lässt sich die „Great Firewall“, die auch die Blockade bestimmter Ausdrücke wie „Tiananmen“ bzw. „June 4“ (Keyword Blocking) beinhaltet, durchaus mithilfe von VPN-Diensten oder schlicht der Nutzung anderer Ausdrücke für geächtete Begriffe umgehen. In keinem anderen Land der Welt gibt es so viele VPN-Nutzer wie in China. Zwar werden auch diese regelmäßig blockiert, jedoch lässt die chinesische Regierung auch Freiräume zu. Darüber hinaus gibt es für sämtliche amerikanische Social Media-Dienste chinesische Pendants, auf denen die Bürgerinnen und Bürger weitgehend unbeeinflusst von der Blacklist der Behörden kommunizieren können. Der Einfluss der „Great Firewall“ auf die öffentliche Meinungsäußerung ist laut Forschern entsprechend gering. Hierfür hat das chinesische Regime ein deutlich effektiveres System entwickelt.

Kritik zulassen, Proteste verhindern

Interessanterweise fand die Sperrung großer sozialer Netzwerke oft nach aufsehenerregenden Aufständen statt: YouTube im Nachgang der Proteste in Tibet, Facebook und Twitter nach den Unruhen in Xinjiang. Hinter diesem Vorgehen der chinesischen Regierung steckt ein größerer Zusammenhang: denn letztlich dürfte die größte Angst des kommunistischen Regimes darin liegen, dass sich Menschen im Internet organisieren und es dadurch zu Protesten kommt. Die entsprechende Handlungsmaxime: solche „kollektiven Handlungen“ („collective action“, wie es in der Forschung heißt) sollen um jeden Preis verhindert werden. Hierfür hat der Staat ein aufwändiges System der Nachzensur kreiert, das beinahe mit militärischer Präzision funktioniert. Der Großteil der Nachzensur erfolgt innerhalb von nur 24 Stunden, die das Potenzial zu „kollektiven Handlungen“ haben. Vor allem die Betreiber sozialer Netzwerke sind hier in der Pflicht: beim chinesischen Twitter-Pendant Weibo sind laut Berichten 150 Mitarbeiter in Zwölf-Stunden-Schichten für die Zensur verantwortlich.

In einer bahnbrechenden Studie gelang es Forschern der Harvard University vor einigen Jahren den weitverbreiteten Irrglauben zu widerlegen, dass das Zensieren regimekritischer Stimmen das oberste Ziel sei. Gary King, Jennifer Pan und Margarete Roberts fanden mithilfe einer umfangreichen Vorher-Nachher-Analyse chinesischer Social Media-Posts heraus, dass sich die Zensur positiver und negativer Kommentare zum Regime über alle untersuchten Themen hinweg die Waage hält. Bei heiklen Sachverhalten wird im Schnitt gerade mal jeder vierte Post zensiert, über alle Themen hinweg 13 Prozent. Solche Themen allerdings, die potenziell zum Zusammenschluss von Menschen führen könnten, kommen auf eine 60-prozentige Zensurquote – egal ob Pro oder Contra. Vor allem nach bestimmten Ereignissen wie der Verhaftung des Dissidenten Ai Weiwei schießen die Zensurmaßnahmen entsprechend der höheren öffentlichen Aufmerksamkeit in die Höhe. Die Schlussfolgerung: schlecht auszusehen scheint für das Regime nicht schlimm zu sein, solange man kollektives Handeln unterbinden kann.

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Image by King/ Pan/ Roberts (2013), How Censorship in China Allows Criticism but Silences Collective Expression: S. 337

Gezielte Ablenkung

Einen weiteren Beweis dafür, dass das chinesische Regime die Mechanismen des Internet verstanden hat, ist eine erst kürzlich erschienene Studie, ebenfalls durchgeführt vom Harvard-Dreigespann rund um Gary King. Ein weiteres Standbein der Verhinderung kollektiver Handlungen ist das Prinzip der systematischen Ablenkung. Lange wurde die sogenannte „50c-Party“ verdächtigt, gegen Bezahlung (50 Cent pro Post) positive Kommentare über das Regime zu verfassen – dafür gab es jedoch keine Beweise, weshalb vor allem Gerüchte die Berichterstattung dominierten.

Die Harvard-Forscher analysierten vor kurzem einen umfangreichen Leak aus dem Büro für Internetpropaganda, wobei sich zwei Umstände offenbarten. Erstens, die „50c-Party“ existiert und besteht hauptsächlich aus Regierungsmitarbeitern. Zweitens, das Verfassen der geschätzt 448 Millionen Posts jährlich hat nicht das Ziel, gegen skeptische Stimmen zu argumentieren, sondern für Ablenkung zu sorgen. Das einfache Ziel: die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf andere Themen lenken und bloß nicht die Narrative aus der Hand geben. Hier schließt sich auch wieder der Kreis zur Zensur: solche Kommentare häufen sich ebenfalls nach Ereignissen, die Potenzial für „collective action“ haben.

Zuletzt darf man die Wirkung der Selbstzensur nicht unterschätzen. Social Media-Dienste müssen von ihren Nutzern Realnamen und die persönliche ID verlangen, die dann mit den Datenbanken der Behörden abgeglichen werden. Das Verbreiten von Gerüchten wird beispielsweise drakonisch bestraft, Aktivisten werden für ihre Handlungen verhaftet, Webseiten werden von Hackern angegriffen. Solche Maßnahmen führen natürlich dazu, dass Menschen sich auf Social Media-Kanälen eher zurückhalten.


Image (adapted) „Zensur“ by stevepb (CC0 Public Domain)


 

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Wohlfühlmaßnahmen bei der Arbeit: So funktioniert es nicht

Two sporty women doing exercise abdominal crunches, pumping a press on floor in gym concept training (adapted) (Image by Nayana Thara k [CC0 Public Domain] via Flickr)

Wohlbefinden am Arbeitsplatz ist ein sehr wichtiges Thema. Immer mehr Firmen führten bereits Maßnahmen ein, um das Wohlbefinden der Mitarbeiter zu steigern. Dazu zählen unter anderem eine kostenlose Mitgliedschaft im Fitnessstudio sowie eine Gesundheitsversicherung, um auf die Bedürfnisse der Mitarbeiter eingehen zu können.

Die Denkweise hinter diesen Maßnahmen hat sehr viel mit einer Steigerung der Produktivität zu tun. Mein Kollege Cary Cooper schrieb, dass Kulturen, die das Wohlbefinden verbessern wollen, „eine entscheidende Rolle innehaben und dies nicht nur eine nette Begleiterscheinung, sondern verpflichtend sein muss.“

Genau diese Quintessenz ist wichtig. Aber nicht immer sind diese Maßnahmen, die in erster Linie die Leistung der Organisation verbessern sollten, vereinbar mit dem Wohlbefinden der Mitarbeiter. Neueste Studien von Mitarbeitern einer großen Mittelschule zeigen, dass es mindestens zwei Arten von Wohlbefinden innerhalb einer Organisation gibt:

Es gibt eine „rationale“ Art von Wohlbefinden, die mit Produktivität und Leistungsfähigkeit verbunden ist. Diese Art wird durch Angebote wie einer kostenlosen Mitgliedschaft im Fitnessstudio oder einer Krankenversicherung verstärkt. Es gibt auch eine „emotionale“ Art von Wohlbefinden, die wir nur grob ausmachen können und die die Basis für eine gute Zusammenarbeit ist. Diese wird durch ein gegenseitiges Verhältnis, das nicht auf Ausbeutung beruht, einem respektvollen Miteinander sowie gegenseitiger Unterstützung gefördert. Dieses Wohlbefinden ist sehr wichtig für eine liebevolle Umgebung und schafft Freiraum für Kreativität.

Die meisten Firmen konzentrieren sich auf die rationale Art des Wohlbefindens, die die emotionale Seite des Wohlbefindens in drei wichtigen Punkten vernachlässigt:

1. Alles dreht sich nur um Produktivität

Maßnahmen bezüglich des Wohlbefindens der Mitarbeiter werden sehr oft von einer rationalen Herangehensweise auf die Produktivität und die Leistungsfähigkeit abgeleitet. Diese Maßnahmen können sehr hilfreich sein, um die besten Mitarbeiter zu gewinnen und zu behalten.

In der untersuchten Schule fanden wir heraus, dass einige Maßnahmen für das Wohlbefinden in Verbindung mit professioneller Entwicklung sowie mit Gesundheitsprogrammen stehen, um Mitarbeiter wieder schneller zurück an den Arbeitsplatz zu bringen. Sich um das Wohlbefinden der Mitarbeiter zu kümmern, ist sehr wichtig. Warum also sollten Arbeitgeber nichts für diese Bemühungen tun, um das Wohlbefinden zurückzubekommen?

Spätestens dann, wenn sich Mitarbeiter wie Verbrauchsgüter fühlen, aus denen so viel wie möglich herausgeholt werden soll, gibt es ein Problem. Wohlfühlmaßnahmen nur aufgrund der Hintergedanken bezüglich Produktivität zu fördern, kann dem Mitarbeiter das Gefühl vermitteln, nicht persönlich wertvoll zu sein. Das wiederum kann die emotionale Ebene des Wohlbefindens beeinflussen.

Es spricht nichts dagegen, die emotionale und die rationale Art des Wohlbefindens zu verbinden. Eine Voraussetzung dafür ist jedoch ein behutsamer Umgang mit dem Mitarbeiter. Zudem sollte man sich nicht nur auf bestimmte Maßnahmen beschränken oder die Idee nur im Schein unterstützen. Die Erfahrung zeigt, dass es die Angestellten nicht sonderlich gutheißen, wenn ihnen deutlich gemacht wird, dass ihnen nur etwas ermöglicht wird, damit sie anschließend eine Gegenleistung erbringen oder um die Verpflichtungen gegenüber des Arbeitgebers zu vermeiden.

2. In die Privatsphäre eindringen

Manche Menschen empfinden Maßnahmen bezüglich des Wohlbefindens als Eindringen in ihre Privatsphäre, speziell in Firmen, die gentechnische Tests sowie kostenlose Fitbits, die Daten rund um die Bewegung aufzeichnen, anbieten.

Bei der untersuchten Organisation zeigte sich, dass circa die Hälfte der Mitarbeiter sogar die angebotenen Krankenversicherungsmaßnahmen ablehnten. Der Grund dafür ist das Misstrauen des Managements und der vermeintliche Wunsch, die jeweiligen Mitarbeiter wieder zum Arbeiten zu bewegen. Die Mitarbeiter waren besorgt, dass das Management möglicherweise Zugriff zu den persönlichen und gesundheitsrelevanten Daten von ihnen oder ihren Angehörigen erhalten könnte.

Ein weiterer Punkt des Wohlfühlprogramms war die Standardisierung des Unterrichts mit einem Vier-Punkte-Plan rund um einen „ausgezeichneten Unterricht“. Die Idee dahinter war, den Lehrern das Unterrichten zu erleichtern und Möglichkeiten für professionelle Entwicklung und Wohlbefinden zu schaffen. Die Mitarbeiter merkten jedoch, dass das den Autonomiestatus verringerte und ließen wegen des fehlenden Vertrauens viele Gefühle unbeachtet.

3. Nicht zu bewältigende kulturelle Angelegenheiten

Wohlfühlmaßnahmen können zu sehr auf die individuelle Ebene gerichtet sein. Diese Maßnahmen beziehen sich nicht immer auf organisatorische, kulturelle oder gruppenbezogene Angelegenheiten. Im schlimmsten Fall können diese Maßnahmen vom Arbeitgeber ausgenutzt werden, um den eigenen Einfluss auf krankheitsbedingte Ausfälle der Mitarbeiter herunterzuspielen. 

Wir haben in unserer Studie herausgefunden, dass sich Mitarbeiter nach jener Zeit sehnen, in der der Betrieb als Familie verstanden wurde. Eine Zeit, in der Wohlfühlangelegenheiten auf betrieblicher statt auf individueller Ebene behandelt wurden. Statt auf Wohlfühlmaßnahmen durch das Bereitstellen von betrieblicher Gesundheitspolitik einzugehen, würden sich Mitarbeiter freuen, wenn direkt auf innerbetriebliche Probleme eingegangen werden würde – etwas, das durch die Professionalisierung sowie die Standardisierung völlig in den Hintergrund gedrängt wurde.

Wenn Wohlfühlmaßnahmen weiterhin auch nur aus betriebsbedingten Gründen angeboten und die Angelegenheiten der Mitarbeiter nicht miteinbezogen werden, können diese das Wohlbefinden der Mitarbeiter sogar verschlechtern und das Gefühl der Autonomie gefährden. Dies kann zu Diskrepanzen zwischen Management und Mitarbeitern führen – und so hat niemand etwas davon.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation“ unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) „Two sporty women doing exercise abdominal crunches, pumping a press on floor in gym concept training“ by Nayana Thara k (CC0 Public Domain)


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Warum Drohnen in Zukunft zur Gefahr werden könnten

Drone (Image by Harald_Landsrath[CC0Public Domain] via Pixabay)

Drohnen werden aufgrund ihrer tollen Luftaufnahmen immer beliebter. Sie bieten eine neue Perspektive,  mit der man hinter Zäune schauen und die Welt von oben betrachten kann. Zudem werden sie technisch immer ausgefeilter und durch die sinkenden Preise auch für durchschnittliche Verbraucher interessant. Außerdem werden sie für viele praktische Einsätze wie zur Paketzustellung oder zur Inspektion von Brücken genutzt. Doch neben den vielen positiven Aspekten muss man sich auch über ihre Gefahren bewusst sein. Sie werden nämlich auch häufig unsachgemäß genutzt oder sogar missbraucht, vor allem in der Nähe von Flughäfen kann ihre Verwendung sehr gefährlich werden.

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Christian Caballero findet die Kennezeichnungspflicht für Drohnen sinnvoll.(Image by Christian Caballero)

Christian Caballero ist Geschäftsführer der Caballero & Hesselbarth Consulting GmbH. Seine Leidenschaft sind Entrepreneurship und Innovationen im Bereich unbemannte Luftfahrt. Vor seinem Studium zum Sicherheitsmanagement war er Offizier bei der Bundeswehr. Dort erlangte er durch seine internationale Ausbildung Spezialwissen aus den verschiedensten Bereichen der Luftfahrt.

Caballero weiß, dass ein gefährlicher Eingriff in den Luftverkehr schwerwiegende Folgen haben kann und sich dessen nur wenige Nutzer bewusst sind. „Ein Gefährdungspotential geht dennoch vom Gerät selbst und vom Nutzer aus. Betrachten wir es sachlich, können die Propeller eines ,Multikopters‘ verheerende Verletzungen hervorrufen.“, sagt er.

Auch deutsche Sicherheitsbehörden betrachten Drohnen mit Skepsis, da sie für terroristische Angriffe verwendet werden könnten. Laut einem Sprecher des Bundeskriminalamtes (BKA) reichen denkbare Szenarien, die von Drohnen ausgeführt werden können, von Störungen von Veranstaltungen über Ausspähungen bis hin zu möglichen terroristischen Anschlägen, zu denen auch Großveranstaltungen gehören können. Das BKA verfügt bereits über eine Stelle, die den Markt für Drohnenabwehrsysteme beobachtet und Erkenntnisse über das Aufspüren und Abwehren der Länder und des Bundes bündelt.

Drohnen können ohne Probleme mit explosivem Material, giftigen Gasen oder nuklearen, chemischen und biologischen Stoffen ausgestattet werden. Es gab in Deutschland bisher zwar noch keine Terrorangriffe mit Drohnen, aber das BKA hält Großveranstaltungen jeglicher Art für ein wahrscheinliches Ziel. Auch Caballero geht davon aus, dass eine Drohne in Deutschland missbräuchlich für einen Anschlag genutzt werden kann. Jedoch lässt sich seiner Meinung nach die Eintrittswahrscheinlichkeit für einen solchen Fall in Deutschland schwer ermitteln. Sie korreliere jedoch mit der stetig wachsenden terroristischen Bedrohung in unserem Land.

Um dem missbräuchlichen Gebrauch von Drohnen entgegenzuwirken, werden zurzeit viele Drohnen-Abwehrmaßnahmen getestet. Laut Caballero ist die Vision einiger Entwickler ein umfassendes  „Geofencing“ und diese trifft als virtueller Zaun die Sicherheitsbedürfnisse einiger außenstehender Parteien. „Weiterhin wird an einem neuen ,Air-Traffic-Management-System‘ gearbeitet, um den Luftverkehr auch in den unteren Höhen kontrollieren oder besser gesagt leiten zu können.“, erklärt Caballero.

Aufgrund der vielen Zwischenfälle mit Drohnen möchte Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) die Nutzung nun strenger regeln. Deshalb müssen zukünftig alle Geräte ab 250 Gramm mit einem Kennzeichen ausgestattet werden, auf dem der Name und die Adresse des Eigentümers stehen. Dadurch sollen die Eigentümer bei Missbrauch oder Unfällen identifiziert werden können.

Christian Caballero findet diese Kennzeichnungspflicht sehr sinnvoll. Er fügt hinzu, dass auf dem Markt und unter den tragenden Verbänden dieser Branche große Einigkeit bestehe, dass es auch eine Ausbildung für die Nutzer geben soll. Seiner Meinung nach sollte es für die Integration in den zivilen Luftraum vor allem Aufklärungsarbeit und präventive Maßnahmen geben, sodass Nutzer eine Art Luftfahrtbewusstsein entwickeln und sich umfänglich mit den Regeln und Pflichten vertraut machen.

Eine andere Abwehrmaßnahme ist das Fangen von Drohnen mithilfe von Greifvögeln. In den Niederlanden wird dies bereits von dem Projekt „Guards from Above“ ausprobiert. Der Vorteil an der Maßnahme ist, dass die Drohne sofort außer Gefecht ist, sicher von dem Adler entfernt wird und nicht unkontrolliert vom Himmel stürzt.

Drone interception (Imagy via Guard From Above- Maarten van der Voorde)
Drone interception (Image via Guard From Above- Maarten van der Voorde)

Der tierische Instinkt von Greifvögeln ist einzigartig, sie können mühelos schnelle Beute überwältigen. „Die Greifvögel haben Schuppen auf ihren Krallen, die sie auf natürliche Weise vor den Bissen ihrer Opfer schützen. Es besteht also keine Gefahr beim Fangen von COTS Drohnen (Commercial off-the-shelf drones).“, erklärt Sjoerd Hoogendoorn, CEO und Gründer des Projekts. Für das Fangen von besonders großen und professionellen Drohnen sucht das Unternehmen bereits nach einer zusätzlichen Möglichkeit, die Vögel zu beschützen. Inzwischen wurden hunderte Drohnen während der Trainingseinheiten gefangen. Dabei wurde kein einziger Vogel verletzt – einige Drohnen aber durchaus.  

Die Vögel werden jeden Tag von Experten trainiert. Bis ein Vogel eine Drohne erfolgreich fängt, vergeht im Schnitt ein Jahr. Dies sei aber von Vogel zu Vogel unterschiedlich, so Hoogendoorn. Er führt aus, dass man die Vögel nicht dazu zwingen kann, Drohnen zu fangen. Wenn sie keinen Spaß daran hätten, würden sie es nicht machen. Wird eine Drohne erfolgreich gefangen, werden die Vögel mit Futter belohnt.

Ein Aspekt, der bei der zunehmenden Nutzung von Drohnen ebenfalls sehr wichtig ist, ist der Schutz der Privatsphäre. Fakt ist, dass diese Geräte den Benutzern Einblicke ermöglichen, die man sonst nicht so einfach bekommt. Daher scheint es schon fast eine logische Schlussfolgerung, dass es immer mehr Drohnen geben wird, so Caballero. Derzeit würden in Deutschland etwa 400.000 Drohnen genutzt und nach Angaben des Instituts für unbemannte Systeme (IuS) werden es bis 2020 vermutlich noch mal 2 Millionen sein.

Caballero ist überzeugt, dass diese Problematik auch Auswirkungen auf unsere Privatsphäre haben wird: „Die Nutzer müssen den Begriff ,Privatgrundstück‘ einfach nur respektieren und diese Bereiche meiden oder sich für dort eine Genehmigung erteilen lassen. Der grundsätzliche Überflug über ein Grundstück ist nicht verboten, jedoch kann dies schnell zu einer Irritation führen, da für den Nutzer nicht klar ist, was die Kamera gerade anschaut“. Denn schließlich, fasst Caballero zusammen, will sich niemand einer fremden Beobachtung ausgesetzt wissen. Neugierige sollten sich über die Geldstrafen für diese Handlungen bewusst sein. Man darf gespannt sein, wie sich die Haltung hierzu in Zukunft entwickelt.


Image „Drone“ by Harald_Landsrath (CC0 Public Domain)


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Paradoxe Interventionen gegen Steuerungsobsessionen

Dr Who Cybermen (adapted) (Image by Chad Kainz [CC BY 2.0] via flickr)

In Reaktion auf den allerletzten Live-Hangout der „Weltgeschichte“ über kybernetische Technokraten bin ich auf Facebook ermahnt worden, doch etwas demütiger vor die Großdenker der kybernetischen Front zu treten. Gemeint ist dabei vor allem Stafford Beer, der eine kybernetische Managementlehre predigte: „Tja Gunnar …. der ‚olle’ Stafford …… ;-) ich erwarte von Dir nicht, dass Du Beers Framework über das Potenzial der Integration einer fraktalen Selbstähnlichkeit verstehst … zumal das VSM auch eine Nähe zu den ‚Laws of Form’ besitzt … anstatt von Naivität zu sprechen, wäre etwas Demut wohl besser gewesen.

Lenkbare Kleintiere

Die fraktale Replik haut mich jetzt nicht vom Hocker. Soll ich in ersatzreligiöser Anbetung auf die Knie gehen vor den Thesen eines Mannes, der von Selbstregulation und diskreter Steuerung redete und begeistert war von bio-mathematischen Experimenten mit Wasserflöhen, die von Kybernetikern mit Eisenspänen gefüttert wurden? Völlig überraschend lassen sich die Bewegungen der hüpfenden Kleintierchen in metallisierten Schwärmen mit einem Magneten an einen gewünschten Ort leiten, um sie dort wieder ihrer Eigendynamik zu überlassen. Kybernetiker werten das als eine selbstregulierende Dynamik des Schwarms, die man einer zweckgerichteten Maschine unterordnet. Für Stafford Beer werden durch diese Möglichkeiten des Umgangs mit natürlichen Körpern vollkommen andersartige Verkettungen vorstellbar.

Parasitäre Strategien

So könnten Manager auf die Selbstregulierung zugreifen und eine zweckgerichtete Lenkung bewirken. Der Manager stülpt das Interesse seines Unternehmens in einer parasitären Strategie der organischen Selbstregulierung über. Funktioniert die Verbindung als Maschine, wird der Organismus in seinem Gleichgewicht kaum beeinträchtigt und bleibt seinem Parasiten lange Zeit erhalten. Leider mutiert der selbstregulierende Organismus so weit, dass das parasitäre Unternehmen nicht mehr den erwünschten Nutzen aus ihm ziehen kann. Der Wasserfloh geht an den Eisenspänen zugrunde.

Worthülsen auf Wasserfloh-Niveau

Egal, welche Begriffskaskaden Stafford Beer und seine Jünger nachlieferten, etwa die Homöostase zur Aufrechterhaltung eines Gleichgewichtszustandes eines offenen sowie dynamischen Systems „durch einen regelnden Prozess“, ob sie noch eine Portion Ethos in ihre Zirkelschluss-Aussagen draufpacken oder aus Arschloch-Unternehmen vernünftige Organisationen stricken wollen, es sind Modellschreiner auf Wasserfloh-Niveau. Ihren Worthülsen fehlen schlüssige und überprüfbare Theorien und saubere Beweisführungen. Jede Annahme steht unter Voraussetzungen, die ihrerseits wieder hinterfragt werden müssen.

Disputation und Rechtfertigung

Auch das Geschäft der Kybernetiker, die sich in der Managementlehre austoben, Menschen und sogar Staaten regulieren wollen oder gar sozialwissenschaftliche Ausflüge unternehmen, steht unter der Bedingung der Rechtfertigung. Mit Demut kann sich eine Disputation nicht entfalten. Wer das verlangt, sollte häufiger den Gottesdienst besuchen und mich in Ruhe lassen. Das Notiz-Amt nimmt sich die Freiheit, Geistesgrößen wie Stafford Beer oder den Google-Chefdenker Ray Kurzweil unter die Lupe zu nehmen. So erklärt Kurzweil Eingriffe in den menschlichen Geist für wünschenswert, weil dadurch Charakterfehler behoben und Leistungssteigerungen ermöglicht werden könnten. Klingt irgendwie nach der Psychotherapie im Zukunftsroman „Clockwork Orange“ von Anthony Burgess. Es ist an der Zeit, solche Steuerungsheinis in der Öffentlichkeit mit einer kritischen Debatte zu konfrontieren. Helfen könnten paradoxe Interventionen: Steuerungssysteme entlarven, so dass ihre Modelle ins Leere laufen. Systeme mit Daten zu scheißen, so dass am Ende falsche Muster rausspringen. Mein eigenes Verhalten kann dafür sorgen, dass das System durch die Aufdeckung der dahinter stehenden Logik nicht mehr funktioniert – ganz ohne Demut.


Image (adapted) „Dr Who Cyberman“ by Chad Kainz (CC BY 2.0)


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Steigt das Interesse am Lokaljournalismus durch News Voices?

Typical wayside picnic area along the Garden State Parkway of New Jersey (adapted) (Image by Boston Public Library [CC BY 2.0] via Flickr)

Mit “News Voices: New Jersey” versucht die Medien-NGO Free Press einen Lokaljournalismus, der “gemeindebestimmt statt nachrichtenbestimmt” ist.

Bei allen Diskussionen rund um die Veränderungen im Nachrichtengeschäft ist die Interessengruppe Free Press der Meinung, dass eine Gruppe viel zu oft vergessen wird: die Kunden selbst. Daraus folgte, dass Free Press ein 18-monatiges Pilotenprogramm erstellt hat. Es nennt sich News Voices: New Jersey und nutzt gemeindeorganisierte Strukturen, um sich mit den Lesern im ganzen Garden State zusammenzuschließen. Sie sollen sich wieder für Lokaljournalismus interessieren.

Wir hatten vor, diese Idee möglichst gemeinde- statt nachrichtenbestimmt aufzubauen”, meint Mike Rispoli, der zusammen mit Fiona Morgan die Free Press leitet. “Wie können wir die Rolle des Journalismus als publizierende Gewalt bewahren? Wir glauben, dass ein Projekt wie die News Voices das tatsächlich schaffen kann, indem man dem Publikum gestattet, an der Diskussion um die Zukunft des Journalismus teilzunehmen. Wir haben die Hoffnung, dass das Publikum, wenn wir es in unsere Reihen mit aufnehmen, in die Zukunft des Journalismus investieren wird.

Im kommenden Herbst wird News Voices Gesprächsrunden in sechs Städten in ganz New Jersey abhalten, um jeden der Wahlkreise zu erreichen. Der Grundgedanke ist, dass diese Foren News Voices helfen, die Gemeinden näher an ihre Lokalberichterstattung heranzuführen. Obwohl das Projekt noch recht jung ist, meint Rispoli bereits, dass er sich vorstellen kann, dass man mit Ratgebern seine Leser instruieren kann, wie man sich erfolgreich mit Redaktionen verknüpft, indem man Artikel dort unterbringt oder hilfreiche Leserpost verfasst.

Wir versuchen es einfach und wollen sehen, was dabei herauskommt, wenn diese Leute zusammenarbeiten”, sagt Rispoli. “Das kann beispielsweise in Form von Gemeinschaftsprojekten geschehen. Wie bei Projekten, in denen die Redaktionen mit den Gemeinden zusammenarbeiten. Wir wollen aber ebenso eine Diskussion jenseits der Foren anstoßen, anstatt nur Vorschläge zu machen, was man tun könnte.” News Voices will auch zwei Forschungsarbeiten herausbringen, die über den Kurs der Maßnahme berichten. Eines soll das Medienökosystem in New Jersey beurteilen, das andere soll auf den Ergebnissen der Forendiskussionen basieren und welche Schlüsse man aus diesem Projekt zieht.

Neben der Konzentration auf die Gemeinde will News Voices zudem mit allen möglichen Nachrichtenorganisationen in ganz New Jersey zusammenarbeiten, egal wie groß die Redaktionen sind. Rispoli, der selbst als Journalist in New Jersey gearbeitet hat, sagt, er habe bereits vorläufige Gespräche im ganzen Land geführt, vom Star-Ledger in Newark bis hin zum Online-Startup Jersey Shore Hurricane News.

Obwohl News Voices noch keine festen Vereinbarungen mit den Nachrichtenunternehmen festgelegt hat, berichtet Rispoli bereits von Verkaufsstellen, die sich für die Ideen, die News Voices hervorgebracht hat, interessieren. Sie sagten, dass sie ganz besonders der Gedanke reizen würde, dass die Gemeindemitglieder ihre eigenen Sachen verfechten könnten.

Ich war mir nicht sicher, wie die Redaktionen auf diese Idee reagieren würden. Ich glaube, es gibt diesen natürlichen und sehr verständlichen Reflex gegen die Dinge, die zu sehr nach Verteidigung klingen, wenn es doch eigentlich um Journalismus geht” und das wäre auch in Ordnung, sagte er. “Ich verstehe das. Ich glaube aber auch, dass es eine Denkweise ist, bei der man als erfolgreiche Medienstelle auf jeden Fall von den örtlichen Gemeinden angenommen werden muss.

News Voices wird unter anderem von der Geraldine R. Dodge Foundation, Democracy Fund  und der Knight Foundation unterstützt. (Übrigens: die Knight Foundation unterstützt auch das Nieman Lab.) Was die Dodge-Stiftung angeht, hier passt News Voices sehr gut in ihr Programm hinein, mit der Medienprojekte in ganz New Jersey unterstützt werden.

Das ist Teil einer größeren Strategie, die wir in New Jersey aufbauen”, meint Molly de Aguiar , die Chefin für die Zuschüsse für Medienprojekte in der Dodge-Foundation. In der vergangenen Woche verfasste sie einen Blogpost, der weitere Spendenempfänger ermutigen sollte, sich mit News Voices zu verknüpfen:

Eine Nachricht an alle Spendenempfänger von Dodge: Es gibt programmübergreifend immer wieder Beschwerden darüber, wie wenig verwertbare Nachrichten und Informationsmaterial Sie über ihre tägliche Arbeit erhalten. Nun gibt es die Möglichkeit, sich hier einzubringen und die Lokalberichterstattung und Bügerinitiativen umzugestalten. Dies ist nicht nur ein journalistisches Projekt für Journalisten – wir können zusammenarbeiten, um ein besseres New Jersey zu schaffen.

Das Ökosystem in Jersey ist recht einzigartig, denn der Bundesstaat ist zwischen den Medienuntenehmen von New York und Philadelphia aufgeteilt. Daher haben kleinere Medienunternehmen einen übergroßen Einfluss und die Dodge-Stiftung trifft hier auf fruchtbaren Boden, um den Lokaljournalismus zu unterstützen.

Daher also wird News Voices in New Jersey von Dodge und der Free Press in New Jersey herausgebracht. Und schließlich kann, sollte das Startprojekt erfolgreich sein, dies auch eine Ausweitung auf andere Märkte bedeuten. “Wir glauben, dass die Gemeindeorganisation uns neue Modelle und Hilfsmittel bescheren kann, um über Anstellungen nachzudenken”, sagt Josh Stearns, der Chef der Abteilung für Journalismus und Nachhaltigkeit bei der Dodge-Stiftung. “Das Handwerk und die Taktiken, die lange auch für den Aktivismus benutzt wurden, können wir auch in den Redaktionen nutzen.

Dieser Artikel erschien zuerst auf NiemanLab. Übersetzung von Anne Jerratsch.


Image (adapted) “Typical wayside picnic area along the Garden State Parkway of New Jersey” by Boston Public Library (CC BY 2.0)


 

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