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Mobile VR kann von Microsofts Mixed Reality noch viel lernen

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Mobile Virtual Reality für Android-Smartphones wird immer besser. Doch stationäre Lösungen für Windows-Rechner bleiben vorerst das Maß der Dinge. Nach den Mond-Preisen während der Innovations-Phase erreichen nun erschwingliche PC-Headsets von OEM-Herstellern wie Acer, Asus, Lenovo, Dell und HP den Massenmarkt. Sie basieren auf Microsofts Konzept der Mixed Reality, für das es bislang nur die teure HoloLens gab. Während der IFA 2017 bot sich mir die Gelegenheit, das neue Mainstream-Modell von Acer auszuprobieren. Es unterscheidet sich von den Mitbewerbern nur durch das Gehäuse, während die inneren Werte identisch sind.

So einfach und gut kann Positionserkennung im Raum sein

Nicht nur Kopfbewegungen, sondern auch andere Regungen des Anwenders dreidimensional zu erfassen, ist derzeit ein Schwerpunktthema im VR-Bereich. Denn erst dadurch kann ein vollständiges Mittendrin-Gefühl entstehen. Doch die Verortung des Anwenders im Raum ist technisch nicht trivial. Anders als viele andere VR-Systeme setzen die Brillen für Mixed Reality nach dem Microsoft-Prinzip nicht auf zwei externe Sensoren, sondern auf zwei im Headset eingebaute Kameras. Sie erfassen den Raum und berechnen den Abstand zu realen Objektiven. Schon beim Pionierprodukt HoloLens gelang Microsoft auf diese Weise ein sehr genaues Tracking. Die Leistung des OEM-Modells von Acer liegt auf einem vergleichbar hohen Niveau. So wird etwa die Entfernung zu einer Wand sehr akkurat dargestellt, sodass eine versehentliche Kollision praktisch ausgeschlossen ist. Auch die Position meiner Hände bzw. der beiden leuchtenden Controller tracken die Stereokameras in Acers Lösung tadellos. Selbst, wenn die Controller den erfassten Tracking-Bereich verlassen, tauchen sie sofort an der richtigen Stelle auf, sobald sie sich wieder im Sichtfeld befinden.

Micrsoft Mixed Reality Controler
Die Bewegungserkennung des MR-Controllers funktioniert gut. Image by Mika Baumeister

Leider sind die günstigeren OEM-Brillen im Gegensatz zur HoloLens nur mit einer Kabelverbindung am PC nutzbar. Damit teilen sie zwar einen Nachteil mit den VR-Platzhirschen Oculus Rift und HTC Vive. Doch in anderer Hinsicht funktioniert das Inside-Out-Tracking bei den MR-Brillen von Acer und den anderen OEM-Herstellern viel einfacher und reibungsloser als der Ansatz bei Oculus und HTC. So lässt sich durch die integrierten Sensoren bei der Acer-Brille viel leichter ein Szenario aufbauen, in dem reale Objekte mit den digital eingefügten Elementen zusammen angezeigt werden. Bei einer reinen Virtual-Reality-Brille wie der Oculus Rift müsste dafür erst sehr langwierig der ganze Raum eingescannt werden. Zudem ist dieser Prozess fehleranfällig. Denn wehe, wenn sich ein Objekt zwischen Einrichtung und Benutzung bewegt! Dann ist die Messung hinfällig und muss wiederholt werden. Bei den integrierten Sensoren von Brillen nach dem Microsoft-Prinzip ist das kein Thema.

Handcontroller unhandlich

Im Gegensatz zu anderen Tracking-Lösungen arbeitet die Mixed-Reality-Plattform mit sichtbarem Licht, damit die Kameras die Position im Raum zuverlässig wahrnehmen kann. Daher sind auch die Controller mit sehr hellen, weißen Leuchtdioden ausgestattet. Was für die Erkennungsleistung von Vorteil ist, erhöht grundsätzlich den Bedarf an Energie. Dass Anwender die Akkus häufiger laden müssen als bei anderen Lösungen, ist daher nicht auszuschließen. Am Messestand entschied sich Microsoft möglicherweise aus gutem Grund, die Controller dauerhaft per USB-C-Kabel mit Strom zu versorgen. Sollte das auch im Praxiseinsatz ständig nötig sein, wäre das ein gravierender Nachteil. Die Haptik der Mixed-Reality-Controller ist dem Anfassgefühl der Steuereinheiten einer Oculus Rift deutlich unterlegen. Die Steuereinheiten von Acer sind nicht sehr handlich, erledigen aber ihren Job. Der Griff an sich ist recht dünn, normale Hände umgreifen ihn mehr als einmal. Hier wäre eine etwas weniger filigraner Formfaktor wünschenswert, damit die Fingernägel sich bildlich gesehen nicht in die Hand bohren. Der LED-Ring am äußeren Rand ist ähnlich aufgebaut wie der äußere Ring des Rift-Controllers und stört die Bewegungen nicht.

Mixed Reality Controller
Controller für Mixed Reality. Image by Mika Baumeister

Beim Tasten-Layout folgt der Mixed-Reality-Controller dem Vorbild der Produkte anderer Hersteller. Es gibt einen Trigger für den Zeigefinger, einen Drucksensor für Ring- und Mittelfinger und auf der Oberseite einen Joystick sowie zwei Tasten, die mit dem Daumen betätigt werden können. Ein Windows-Knopf bringt den Nutzer zurück in das Hauptmenü. Dieses trägt den Namen „Cliffhouse“, mutet wie ein virtuelles Apartment an und ermöglicht dem Nutzer, sich virtuell zwischen verschiedenen Apps zu bewegen. Das klappt gut und intuitiv.

Zwischen Apps wechseln im „Cliffhouse“

Die Einrichtung der Mixed-Reality-Brillen ist übrigens in wenigen Minuten erledigt: Per USB- und HDMI-Kabel wird das Head-Mounted-Display mit dem PC oder Laptop verbunden. Die Software startet unmittelbar, sie ist in Windows 10 direkt integriert. Nach einer kurzen Einrichtung geht es umgehend los. Im virtuellen Apartment Cliffhouse lassen sich Apps und Spiele an der Wand „befestigen“ und durch einen Klick auswählen. Bislang gibt es einige spannende VR-Erfahrungen. Auch der Internetbrowser Edge ist bereits verfügbar und lässt sich problemlos mithilfe einer virtuellen Tastatur sowie den Handcontrollern steuern.

Mixed Reality Cliffhouse
Das Menü heißt Cliffhouse und mutet wie ein virtuelles Apartment an. Image by Mika Baumeister

Spielefans müssen sich noch einen Moment gedulden: Steam VR als Quasi-Standard der Gaming-Industrie wird bisher noch nicht unterstützt. Der Support der Plattform wurde aber sowohl von Microsoft als auch Valve offiziell angekündigt. Damit stehen den neuen Brillen für Mixed Reality schon bald mehrere hundert 3D-Games zur Verfügung. Microsoft selbst möchte auch eigene VR-Anwendungen erstellen, die in Zukunft über den Windows Store vertrieben werden sollen.

Bequemer Tragekomfort in der Mixed Reality

Alle angebotenen MR-Brillen sind nicht mit einem mehrteiligem Kopfband ausgestattet, wie man es von der Rift oder Vive kennt. Stattdessen setzt Microsoft im Standard-Design auf eine Arretierung, die ähnlich wie ein Stirnband ausgerichtet wird. Durch ein Rad auf der Rückseite lässt sich die Halterung fest an den Kopf zurren. Dadurch liegt das Gewicht der Brille nicht komplett auf der Stirn, sondern verteilt sich auf den ganzen Kopf verteilt. Dies ermöglicht auch längere Mixed-Reality-Sessions ohne Trageprobleme. Die Front mit Linsen und Display liegt mit nur sehr geringem Gewicht auf das Gesicht auf. Der Aufbau schließt das Licht von außen gut aus, sodass ich nicht von der Sonne der realen Welt abgelenkt werden. Diesbezüglich erledigt Acer einen viel besseren Job als zum Beispiel Googles Daydream-Brille.

Der „Way To Go“ für mobile Virtual Reality

Nun müssen Google, Samsung, LG und alle anderen Hersteller für mobile VR-Brillen ganz genau bei Microsoft abschauen: Das Inside-Out-Tracking klappt wirklich gut und wird in Zukunft auch mobil eine sehr große Rolle spielen. Die Mobil-Hersteller können hier noch was lernen. So geben die bei der aktuellen Produktgeneration mobiler VR-Brillen vorhandenen Handcontroller zwar Informationen zu den drei Bewegungsachsen, aber keine Positionsdaten. Diese Werte könnten zum Beispiel durch Smartphone-Kameras erfasst werden. Wie genau die technische Umsetzung aussehen könnte, ist letzten Endes egal. Wichtig ist nur, dass alle Firmen hier ein wenig Gehirnschmalz nutzen und diese Technologie auch zu Android (und vielleicht auch iOS) bringen.

Preise von mobiler und stationärer VR nähern sich an

Technisch sind die neuen Brillen für Mixed Reality schon sehr ausgereift. Das Modell von Acer macht im Kurztest einen guten Eindruck. Ein Fragezeichen steht noch hinter der Software-Auswahl. Sie ist noch klein und wann die große Welle endlich in den App Stores eintrifft, ist unklar. Wer sich zum jetzigen Zeitpunkt für eine Mixed-Reality-Brille entscheidet, darf als Early Adopter jedenfalls noch kein perfektes Produkt erwarten. Wenn die neuen Brillen ab dem 17. Oktober im Handel erscheinen, werden sie immerhin preislich deutlich unter den bisherigen VR-Brillen für PCs liegen. Die günstigsten Modelle werden 299 Dollar kosten. Das trifft auch auf das Acer-Modell zu. Für etwas höherwertigere Exemplare werden bis zu 100 Dollar mehr fällig. Wer die Motion Controller für die Hände nutzen will, darf abermals 100 Dollar mehr auf den Tisch legen. Selbst dann ist Mixed Reality aber noch günstiger als VR-Lösungen wie HTC Vive oder Oculus Rift. Zudem ist erfreulich, dass sich die preisliche Lücke zwischen Mobile VR und Virtual Reality für PCs immer weiter schließt. Wer sich bisher „nur“ eine Gear VR zu seinem Samsung Galaxy leisten konnte, wird sich freuen, dass die grafisch besseren Erlebnisse von stationärer VR in greifbarere Nähe rücken.

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Brillen für Mixed Reality auf der IFA 2017. Image by Timo Brauer

Dieser Artikel erschien zuerst auf Androidpiloten.


Images by Mika Baumeister, Timo Brauer


Androidpiloten

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Große Marke, wenig dahinter: Lasst euch beim Smartphone-Kauf nicht von Traditions-Labels einlullen

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Die Qualität der Kamera ist eines der Hauptverkaufsargumente bei Smartphones aller Preiskategorien. Deshalb wird neben immer besseren Leistungen von den Mobilgeräte-Herstellern auch gerne die Zusammenarbeit mit großen Namen aus der Welt der Kameras angepriesen. In manchen Fällen werden Geräte sogar direkt unter dem Markennamen eines Kameraherstellers vermarktet. Diese Maßnahmen sollen gegenüber dem Konsumenten überdurchschnittliche Kompetenz im Bezug aufs Imaging suggerieren. Allerdings steckt dahinter nicht immer allzu viel Substanz.

Traditionsmarken zieren Billig-Geräte

Vor allem im niedrigen Preissegment sollen traditionsreiche Marken völlig unaufregenden Geräten etwas Glanz verleihen. So hat Archos, eine französische Elektronikmarke, zum Beispiel gerade angekündigt, eine Reihe günstiger Tablets unter dem Markennamen Kodak zu vetreiben. Zudem verkauft ein anderer Lizenznehmer der Kodak-Marke, die Bullit Group aus Großbritannien, mit dem Kodak Ektra (hier zu meinem Kurztest) ein Smartphone im Retrokamera-Design. Zwar sieht das sehr nett aus, bietet aber selbst im Kameramodul nur Durchschnittstechnik. Und der legendäre Polaroid-Schriftzug ist auf Action-Cams der Einstiegsklasse und Selfie-Sticks zu finden.

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Kodak Ektra, vertrieben von der Bullit Group. Image by Lars Rehm

Marken-Protz bei Mittelklasse und High-End-Geräten

Aber auch im Hochpreissegment werden Marken lizensiert. So nutzt die weltweite Nummer drei im Smartphone-Markt, Huawei, Leicas Namenszug auf den Kameras seiner Topmodelle, zum Beispiel auf dem P10 (hier zu meinem Kurztest). Auf Sonys Smartphones der Xperia-Reihe prangt das Zeiss-Logo. Und Motorolas „True Zoom“-Kameramodul für die Moto-Z-Reihe wird unter dem Hasselblad-Namen vertrieben (hier mein ausführlicher Test).

All diese Produkte sind insgesamt von hoher Qualität und kosten viel Geld. Jedoch dürfte sich der tatsächliche Einfluss der berühmten Kameramarken auf Entwicklung und Fertigung in vielen Fällen in Grenzen halten. Zwar hat Leica laut eigener Aussage bei den Huawei-Smartphones P9, P10 und Mate 9 (zu Jonas’ Test) an der Optimierung von Bildatmosphäre, Farbanmutung und Rauschverhalten gearbeitet. Auch das Zusammenspiel der beiden Linsen in der Dual-Kamera soll Teil des Engagements gewesen sein. Gemessen an der gesamten Ingenieursleistung, die in ein Kamerasystem einfließt, scheint dies aber ein relativ kleiner Beitrag zu sein.

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Huawei Mate 9 mit Dual-Kamera „von“ Leica. Image by Jonas Haller

Wie konkret Traditionsmarken die Produkte der Lizenzpartner mitentwickelt haben, bleibt oft schwammig. Wohl aus gutem Grund. So muss sich keiner der Beteiligten rechtfertigen, wenn die Technik nicht so toll funktioniert, wie das Marketing suggeriert.

Denn in vielen meiner Tests stellte ich fest, dass der Deal mit den Traditionsmarken für den Kunden überhaupt keinen funktionellen Mehrwert bietet. So war die Qualität der Objektive in Sonys Smartphone-Kameras in der Vergangenheit oft nicht auf dem Niveau, das man mit Zeiss-Produkten assoziiert. Und das bereits erwähnte „True Zoom“-Modul basiert auf typischer Kompaktkamera-Technologie, mit der Hasselblad normalerweise keine Berührungspunkte hat. Schließlich ist das Unternehmen hauptsächlich für seine professionellen Mittelformatkameras bekannt.

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Das Hasselblad „True Zoom“-Modul am Lenovo Moto Z Force Smartphone. Image by Lars Rehm

Schaut beim Kauf auf’s Produkt, nicht auf die Marke!

Und genau das ist es, was den Marken-Kooperationen oft einen etwas faden Beigeschmack gibt. Gut informierte Verbraucher lassen sich natürlich nicht von einem Label in die Irre führen. Der Durchschnittskonsument könnte aber durchaus den Eindruck gewinnen, er erwirbt ein Mobilgerät, das eine bessere Kamera hat als das Konkurrenzprodukt ohne den Namenszug eines Kameraherstellers. Das kann der Fall sein, ist es oft aber nicht.

Marken-Kooperationen können die Reputation versauen

Aber nicht nur Verbraucher könnten auf der Verliererseite stehen. Auch die Lizengeber setzen ihre Reputation bei der Stammkundschaft aufs Spiel. In manchen Fällen, wie Polaroid oder Kodak, ist das Lizensieren inzwischen zum Hauptunternehmenszweck geworden. Hier muss man sich sicher nicht allzu viele Sorgen ums Markenimage machen.

Marken wie Leica, Zeiss oder Hasselblad, die ihr Geld immer noch mit Profifotografen sowie ambitionierten und solventen Amateuren verdienen, haben aber einiges zu verlieren. Kunden, die mehrere Tausend Euro für eine Leica-Kamera oder ein Zeiss-Objektiv ausgeben, dürften nicht immer darüber erfreut sein, dass der Schriftzug „ihrer“ Marke auf einem Smartphone prangt, das für einen Bruchteil dieser Summen zu haben ist. Denn zumindest aus dem Blickwinkel dieser Klientel haben Smartphones im Vergleich mit den Kernprodukten der Marke nur unterklassige Bildqualität zu bieten.

Hey Marken, bitte ein bisschen mehr Klartext für Käufer!

Sinkende Umsätze in der Foto-Industrie bedeuten, dass auch diese Firmen nach neuen Märkten und Zielgruppen Ausschau halten müssen. Es wäre aber wünschenswert, dass dem Kunden mehr Transparenz im Bezug auf diese Kooperationen gewährt werden würde. Wenn es sich um einen reinen Licensing-Deal handelt, sollte dies ersichtlich sein. Echter Technologie-Transfer ist natürlich gewünscht und kann mittel- und langfristig zu Kamera-Performance und Features führen, die wir uns heute noch gar nicht vorstellen können. Aber auch in diesen Fällen sollte von Anfang an kommuniziert werden, auf welcher Ebene und in welchem Umfang dieser Transfer stattfindet. Dann wüsste auch der Verbraucher genau, woran er ist.

Dieser Artikel erschien zuerst auf Androidpiloten.


Teaser Image adapted by Lars Rehm; Images by Lars Rehm, Jonas Haller


 

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Adware und Bloatware birgt viel öfter Sicherheitsrisiken als gedacht

Sicherheit (adapted) (Image by JanBaby [CC0 Public Domain] via Pixabay)

Das Beispiel um die gefährliche Superfish-Adware auf Lenovo-Laptops ist kein Einzelfall. Es ist daher an der Zeit, dass Hardware-Hersteller aufhören, die Sicherheit ihrer Kunden aufs Spiel zu setzen. Unter den Begriffen Ad- und Bloatware versteht man Software, die ein Hardware-Hersteller auf seinen Laptops, Smartphones etc. vorinstalliert – die drei Probemonate für Antiviren-Software kennt wohl jeder. Diese Apps können aber nicht nur lästig, sondern auch geradezu gefährlich sein, wie der Fall Superfish auf Lenovo-Laptops zeigt. Dass Ad- bzw. Bloatware allerdings Sicherheitslücken mit sich bringt, kommt häufiger vor, als man denkt. Die daraus resultierende Gefahr für den Nutzer ist das wohl überzeugendste Argument gegen den Bloatware-Wahn der Hersteller.

Von Lenovo bis zum US-Department of Homeland Security

Entgegen des Namens ist die wenig bekannte Software Superfish gar nicht so super. Eher im Gegenteil, denn die auf aktuellen Lenovo-Laptops vorinstallierte Software nutzt SSL-Zertifikate aus, um in HTTPS-Verbindungen einzubrechen und dort Bilder zu Werbezwecken zu scannen. Das alleine ist schon schlimm genug, sollte man meinen, doch die Entwickler von Superfish setzen noch einen drauf. Die Adware installiert nämlich eigene Root-Zertifikate auf den Rechnern, mit denen sie sich in „sichere“ Verbindungen einschleichen kann. Das Vorgehen nennt man auch „Man-in-the-Middle„-Attacke. Allerdings ist die Umsetzung bei Superfisch zudem auch noch sehr schlecht – so sind z.B. alle Zertifikate mit dem gleichen Passwort verschlüsselt.

Nachdem die Superfish-Adware entdeckt wurde, musste Lenovo den Großteil der Kritik einstecken. Der Konzern hat sich zwar für das Vorinstallieren von Superfish entschuldigt und den Nutzern empfohlen, die Software und die Zertifikate von ihren Rechnern zu entfernen. Die US-Regierung hat Lenovo-Nutzer sogar aufgefordert, die Software zu entfernen, die vom Department of Homeland Security als Spyware eingestuft wird. Es scheint also alles noch viel schlimmer, als anfänglich gedacht, doch es kommt sogar noch dicker, denn es gibt ja einen dritten Beteiligten.

Wer oder was ist Komodia?

Sicherheitsforscher bei Facebook haben herausgefunden, dass Superfish ein Framework der Firma Komodia verwendet, um die Man-in-the-Middle-Attacken auszuführen. Sicherheitsforscher Robert Graham von Errata Security beschreibt in einem Blogpost, wie er das Passwort herausgefunden hat, das die Superfish-Zertifikate schützt – es lautet übrigens Komodia. Symantec hatte einen Trojaner namens Nurjax entdeckt, der die gleiche Komodia-Technologie zum Brechen von SSL-Verbindungen verwendet, wie Superfish. Dies wurde von den Facebook-Forschern hervorgehoben, um deutlich zu machen, welche Gefahr von der Technologie ausgeht. In einem Blogpost listen die Facebook-Sicherheitsforscher zudem über ein Dutzend weiterer Software-Anwendungen auf, die die Komodia-Bibliotheken nutzen. Sie alle können in der VirusTotal-Datenbank gefunden werden und keine der Anwendungen erklärt warum sie den SSL-Traffic abfangen, oder was sie mit den Daten machen.

Gegenüber Mashable wollte Komodia bisher keine Stellung zu dem Thema beziehen und die Website ist aufgrund einer angeblichen DDoS-Attacke nicht erreichbar. Doch Komodia ist auch gar nicht das einzige Problem dieser Art, Sicherheitsforscher Marc Rogers hat auf seinem Blog noch mehr Software beschrieben, die Man-in-the-Middle-Attacken ausführt, indem HTTPS-Verbindungen unterwandert werden. Bei diesen Superfish-ähnlichen Programmen handelt es sich überwiegend um Jungendschutz-Apps, Firewalls und Adware-Programme. Darunter also auch Programme, die eigentlich für mehr Sicherheit sorgen sollen. Doch das Problem ist, dass sie alle die gleichen schlecht umgesetzten SSL-Hijacker von Komodia nutzen und somit quasi jedermann erlauben, gefälschte Sicherheitszertifikate für jede verschlüsselte Verbindung zu nutzen. Dass der Prozess des Komodia Proxy Client, der die Echtheit eines Zertifikats prüfen soll, ebenfalls nicht funktioniert, macht die ganze Sache nicht besser. Ganz im Gegenteil, denn es kommt für einen Angreifer nun nicht mehr drauf an, ob ein Nutzer Superfish oder irgendeine andere Software mit Komodia-Technologie nutzt, da sie alle gleichermaßen anfällig sind.

Und nun?

So schlimm dieser Fall auch aussieht, man muss jetzt nicht gleich in Panik geraten, und das Laptop aus dem Fenster werfen. Zunächst mal gibt es an dieser Stelle ein Online-Tool, mit dem sich überprüfen lässt, ob die eigene Verbindung von Komodia-Software unterwandert wurde. Microsoft und McAffee haben bereits ihre Antiviren-Software an die Bedrohung angepasst und Lenovo bietet ein Tool samt Anleitung für die Entfernung der Superfish-Software an. Superfish betrifft dabei nur Windows-Rechner, doch wer sich jetzt bereits dabei erwischt wie er denkt: „Wusste ich es doch, Windows ist eine Virenschleuder und ich bin an meinem Mac sicher.“ verkennt das Problem und wähnt sich zudem in falscher Sicherheit. Es ist zu kurz gedacht, dass Windows schlecht ist, nur weil es dieses Problem gibt.

Das Problem liegt nicht bei Microsoft, sondern bei den Herstellern der Hardware, die es nicht sein lassen können, ihre Geräte mit Bloat- und Adware auszuliefern. Natürlich ist dies ein lukratives Geschäft, denn die Unternehmen zahlen selbstverständlich Geld, damit ihr Programm auf möglichst vielen Rechnern zu finden ist. Aber diese Einnahmen dürfen nicht auf Kosten der Sicherheit der Kunden entstehen. Wenn diese Einnahmen so wichtig sind, wäre es sinnvoller den Preis pro Gerät um ein paar Euro anzuheben, dafür aber ein sauberes System anzubieten. Bis dahin ist jedem Nutzer nur zu raten, ein neues Laptop umgehend von allem Software-Unrat zu bereinigen.


Image (adapted) „Sicherheit“ by JanBaby (CC0 Public Domain)

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5 Lesetipps für den 30. Januar

In unseren Lesetipps geht es um Googles Verkauf von Motorola an Lenovo, den Medienwandel, Journalismus in der Kritik, Facebooks beeindruckende Zahlen und Selfpublishing. Ergänzungen erwünscht.

  • JOURNALISMUS W&V: Was Burda an Burmester störte: Silke Burmesters in Kolumne „Helden der Gegenwart“ auf Spiegel Online ist selten harmlos, aber immer lesenswert. In ihrem letzten Beitrag hat sie den Bogen wohl überspannt – zumindest für einige Betroffene. Der Fall scheint noch nicht beendet zu sein, weshalb Petra Schweglers Zusammenfassung der bisherigen Entwicklung interessant zu lesen ist. Etwas scheint faul zu sein im Hause Dänem… äh… Qualitätsjournalismus.
  • SELFPUBLISHING Selfpublisherbibel.de: Die Amazon-Kindle-Top-10 komplett von Self Publishern belegt: Laut Matthias Matting müsste der 29. Januar 2014 in die Geschichte eingehen – denn gestern kamen die zehn meistverkauften eBooks bei Amazon erstmals alle von unabhängigen Autoren, wie er auf seinem Blog schreibt. Das erste Verlagsbuch hat es gerade einmal auf Rang 11 geschafft. Eine erstaunliche Entwicklung, weshalb wir uns Mattings Glückwunsch an alle Beteiligten anschließen.
  • MEDIENWANDEL Newsonomics: The Newsonomics of Why Everyone Seems to Be Starting a News Site: Ist Content wieder angesagt? Oder sind die Aussichten auf Erlöse aus der Online-Werbung der Antrieb, eine eigen Seite aufzubauen? In den USA haben sich allein in den ersten Wochen des neuen Jahres mehrere journalistische Projekte angekündigt, die versuchen wollen, mit etwas neuem im Digitalen ein Geschäft zumachen. Ken Doctor untersucht in seinem Blog die Newsonomics des Trends, dass scheinbar jeder seine eigene Nachrichtenseite aufbauen will.
  • FACEBOOK Chip: Mobile-Werbung ist größte Erlösquelle: Das gerade junge Menschen sich von Facebook abmelden, ist oft eine Meldung wert und auch wir haben schon auf solche Studien und Aussagen hingewiesen. Das es Facebook aber am anderen Ende und auf anderen Feldern äußerst gut geht, wird oft unter den Tisch fallen gelassen. Der Umsatz stiegt im abgelaufenen Geschäftsjahr von 5,1 Milliarden auf 7,9 Milliarden Dollar an – ein deutliches Plus von 55 Prozent. Der Gewinn explodierte förmlich von 53 Millionen auf 1.500 Millionen Dollar und zu guter Letzt: die mobile Nutzung des sozialen Netzwerks stieg um bis zu 49 Prozent.
  • MOTOROLA Official Google Blog: Lenovo to acquire Motorola Mobility: Gestern verkaufte Google das nicht einmal vor zwei Jahren erworbene Unternehmen Motorola an Lenovo – Kaufpreis, 2,91 Milliarden US-Dollar. Das sind fast 10 Milliarden US-Dollar weniger als Google damals bezahlte. Der Grund dafür liegt in Motorolas Patenten, an denen Google damals Interesse hatte und die sie jetzt auch behalten. Lenovo könnte, wie schon mit IBMs ThinkPad-Sparte, eigene Smartphones und Tablets mit dem Motorola-Logo raus bringen.

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