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Grund zur Sorge: Google könnte Zugang zu genomischen Patientendaten bekommen

Mikroskop (adapted) (image by kkolosov [CC0] via pixabay)

Künstliche Intelligenz wird in Form von Google Deep Mind bereits im britischen Krankenkassensystem eingesetzt, um die Technologie zur Überwachung von Patienten zur Verfügung zu stellen. Jetzt habe ich entdeckt, dass Google sich mit Genomic England getroffen hat – ein Unternehmen, das vom Gesundheitsamt erschaffen wurde, um 100.000 Genomen zu fördern und um zu diskutieren, ob DeepMind hier miteinbezogen werden könnte.

Sollte dies geschehen, könnte es dabei helfen, die Kosten der Entschlüsselung des Erbgutes zu senken und den Vorgang zu beschleunigen – unter Umständen trägt es auch dazu bei, dass die Wissenschaft erfolgreich ist. Aber was sind die Risiken dafür, dass ein privates Unternehmen Zugang zu so sensiblen erbbiologischen Daten hat?

Die Entschlüsselung des Erbgutes besitzt großes Potential – es könnte der Schlüssel für die Verbesserung unserem Verständnis für viele verschiedene Krankheiten sein. So könnte man beispielsweise Krebs verstehen lernen. Schlussendlich könnte es dabei helfen, neue Behandlungsmethoden zu finden. Das Projekt wurde von der Regierung dafür gegründet, um 100.000 Genomen von ebensovielen Menschen zu sortieren. Und das ist noch nicht alles. Ein neuer Bericht von Sally Davies, der Leiterin des Health Departments von Großbritannien, fordert eine Erweiterung dieses Projekts.

Allerdings zeigt eine Stellungnahme des Health Departments, dass diese Entscheidung bereits in Reaktion auf die Informationsfreiheit, die ich bereits im im Februar anforderte, gefallen ist. Die Abteilung gab bekannt, dass das Projekt in eine einzelne landesweite genomische Datenbank eingebunden wird. Der Sinn dahinter ist es, die Pflege und die Forschung und die Beschleunigung der gewerblichen Verwendung zu unterstützen. Obwohl die Stellungnahme andeutet, dass es zwangsläufig zur Überschreitung der ursprünglichen 100.000 Genomen führt, erwarten wir nicht, dass festgelegt wird, wie viele Genomen dies beinhaltet.

Die Kosten für die Sequenzierung der Genomen auf nationaler Ebene sind untragbar. Das erste menschliche Genom wurde für 3 Milliarden US-Dollar entschlüsselt. Fast zwei Jahrzehnte später produzierte das Unternehmen Illumina, die für das Projekts zuständig sind, die ersten “1000-Dollar- Genomen” – eine gigantische Kostenreduktion. Die Anwendung von Machine Learning auf die Genomik – allgemein gesagt also einer künstlichen Intelligenz – hat das Potential, weitere Kosten deutlich zu reduzieren. Durch den Bau eines Nerven-Netzwerks können große Mengen von Genetik, Gesundheit und umweltabhängiger Daten durch Algorithmen erfasst werden, um den Gesundheitsstatus einer Person vorherzusagen, wie beispielsweise das Risiko eines Herzinfarkts.

DeepMind arbeitet bereits mit dem NHS. Als ein Teil einer Gemeinschaft mit einigen NHS-Trusts hat das Unternehmen mehrere Plattformen errichtet, wie eine App und ein System für maschinelles Lernen, um die Patienten auf alle möglichen Arten zu überwachen und das Klinikpersonal alarmieren zu können, wenn die Patienten einem Risiko ausgesetzt sind.

Dies war jedoch sehr umstritten. Das Unternehmen kündigte die erste Zusammenarbeit im Februar 2016 an. Man gab bekannt, dass man eine App entwickeln wollte, um dem Krankenhauspersonal zu helfen, damit sie Patienten mit Nierenleiden überwachen können. Allerdings kam später heraus, dass das Abkommen weit darüber hinaus ging, als man DeepMind Health Zugang zu vielen Patientendaten gestattetete – inklusive Zugang zu Patientenakten mit einer Größe von etwa anderthalb Regalmetern. Die beauftragte Dienststelle hat kürzlich entschieden, dass die Art und Weise, wie Patientendaten vom Royal Free NHS Foundation Trust verteilt wurden, gegen das Datenschutzrecht Großbritanniens verstoße. Das Unternehmen machte geltend, dass Patientendaten “nie mit Google-Produkten oder Dienstleistungen verknüpft sein oder verkauft werden sollten”.

Der Einsatz von Google führte dazu, dass das Gesundheitswesen digitalisiert wurde. Ich erhielt im Mai dieses Jahres eine Antwort zu einer Anfrage zur Informationsfreiheit, die zeigt, dass Google und Genomics England sich getroffen haben, um darüber zu diskutieren, ob es etwas nützt, DeepMind von Google auch bei anderen Personen einzusetzen, um genomische Daten zu analysieren.

Davies besteht darauf, dass Daten anonymisiert werden können. Das Health Department verpflichtet sich stets, dass medizinische Daten, die in solchen Initiativen benutzt werden, anonymisiert werden. Einer der Gründe jedoch, dass die Initiative care.data, die alle Patientendaten auf einer Datenbank speichern sollte, abgeschafft wurde, macht deutlich, dass dies nicht der Wahrheit entspricht. Ich habe auch bewiesen, dass die Abteilung die Öffentlichkeit nicht näher zum Zugangsgrad der kommerziell Beteiligten informiert hat. Es wurde gesagt, dass die Daten pseudonymisiert statt anonymisiert wurden. Das bedeutet allerdings, dass Informationen wie Alter oder geographische Angaben immer noch irgendwo verfügbar sind.

Die Gefahr der Personalisierung

Aber dennoch muss die Frage gestellt werden, was genomsiche Informationen den bereits sehr weitreichenden Datenbank von Google zu einzelnen Informationen hinzufügen können. Einen Hinweis kann man erhalten, wenn man sich eingesteht, dass sie unser Leben für uns ordnen. Die Algorithmen “werden dazulernen – und auch wir werden besser werden, was die Personalisierung angeht”, meint Eric Schmidt, der Vorstandsvorsitzender der Google-Muttergesellschaft Alphabet ist. Dies wird Google-Nutzern ermöglichen, Fragen zu stellen wie “Was soll ich morgen tun? oder “Welchen Job soll ich annehmen?”.

Durch die Personalisierung als letztes “Ziel”, beabsichtigt Google, die maschinellen Lern-Algorithmen zu verwenden, welche unseren digitalen Fußabdruck und Ziel der Nutzer mit personalisierter Werbung auf Grundlage unserer Präferenzen rückverfolgen. Es soll auch die Gesundheit und genomischen Daten analysieren können, um eine Vorhersage zu treffen, ob jemand eine bipolare Störung aufweisen könnte. Es kann uns auch sagen, was wir mit unserem Leben anstellen sollen.

Wir sollten aber nicht vergessen, dass wir jede Menge Daten besitzen, egal ob genomische oder andere. Sie sind das Öl des digitalen Zeitalters. Wie könnte man verhindern, dass genomische Informationen gespeichert werden, um gekauft und weiterverkauft zu werden? Wir können nicht davon ausgehen, dass die Menschen eine Auswahl treffen, die auf Grundlage ihres genetischen Profils und ohne übertriebenen Druck stattfindet– egal, ob dies aus wirtschaftlichen oder regierungstechnischen Gründen geschieht.

Was die Frage angeht, wie genomische Daten genutzt werden könnten und welche Entscheidungen über uns getroffen werden, die Massenüberwachung von staatlichen Stellen ihrer eigenen Bürger ist eine abschreckende Erinnerung für die Art und Weise wie Informationstechnologie verwendet werden kann. Es ist geradezu widerwärtig, wie alles miteinander verbunden ist und trotzdem geheimgehalten wird.

Wenn es um Genetik geht, sind die Auswirkungen besonders erschreckend. Es gibt zum Beispiel Hinweise auf einen Zusammenhang zwischen Genen und Kriminalität. Wir wissen, dass ein 40prozentiges Risiko für sexuelle Belästigung genetischen Urspungs ist. Eine “einzelne landesweite Grundlage”, wie es die britische Regierung anstrebt, kann dafür verwendet werden, ein umfassendes Persönlichkeitsprofil zu erschaffen. Obwohl jedes Interventionsprogramm für eine genetische determinitische Auffassung von kriminalistischen Genen zurückgefahren wurde, wird eine ernsthafte Diskussion der Strategien, die genetische Informationen beinhaltet, zweifellos bald stattfinden müssen.

Wir können bereits die Anfänge davon in den Vereinigten Staaten ausmachen. Das Gesetz zum Preserving Employee Wellness Programs Act – der von Republikanern und Handelskonzernen stark befürwortet wurde – führt dazu, dass Unternehmen Mitarbeitern vorgeben können, sich einer genetischen Untersuchung zu unterziehen. Die Ergebnisse würden dem Arbeitgeber vorliegen. Sollten sich die Angestellten weigern, daran teilzunehmen, könnten die Versicherungskosten beträchtlich steigen.

Zu viel Personalisierung ist wahrscheinlich zu aufdringlich. Die Herausforderung besteht dann darin, das Potential der Genomik zu nutzen, während man Maßnahmen einführt, um die Regierung und Großkonzerne unter Kontrolle zu halten. Das Kommittee des britischen House of Commons Science and Technology untersucht, ob die Mittel für die genomische Bearbeitung aufgrund der sponta angesetzten Wahl vor einigen Wochen gekürzt wurden. Das Komittee empfiehlt, den quasi-unabhängigen Körper umfassender auf soziale und ethische Unternehmen abzustimmen. Das könnte zu mehr Gleichheit für die genetische Zukunft der Menschen führen.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation“ unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) „Mikroskop“ by kkolosov (CC0 Public Domain)


The Conversation

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1Password und die Risiken der Cloud

Cloud (adapted) (image by rawpixel [CC0] via pixabay)

Der insbesondere bei Apple-Nutzerinnen und -Nutzern populäre Passwort-Manager 1Password speicherte die abgelegten Passwörter bislang lokal auf dem Gerät. Nun wurde auf eine Cloud-basierte Speicherung umgestellt. In der IT-Sicherheits-Community sorgt das für Kritik: eine Speicherung in der Cloud wird als weniger sicher angesehen, da Nutzerinnen und Nutzer nicht kontrollieren können, was mit ihren Daten geschieht. Auch die unterschiedliche Gesetzeslage in verschiedenen Ländern könnte ein Problem darstellen.

1Password-Nutzer werden zum Umstieg gedrängt

Der Passwort-Manager 1Password ist äußerst beliebt. Insbesondere die Apple-Nutzergemeinde schätzt das Produkt für Mac OS X und iOS. Aber auch auf Windows und Android kommt 1Password zum Einsatz und erfreut sich einiger Beliebtheit. Vor Kurzem trafen die Entwickler vom Unternehmen Agile Bits allerdings eine kontroverse Entscheidung: Sie begannen, die Speicherung der archivierten Passwörter vom lokalen Gerät in die Cloud zu verlagern. Nutzerinnen und Nutzer wurden gedrängt, auf die neue Variante – bei der der Cloud-Speicher im Abo-System bezahlt wird – umzusteigen. Die alte Einzelplatz-Version existiert zwar noch, wird aber nicht mehr beworben und ist schwierig zu bekommen. So sollen Kunden zum Umstieg gedrängt werden.

Gefahr für sensible Daten in der Cloud

In der IT-Sicherheits-Gemeinde sorgt die Entscheidung von Agile Bits für Kritik. Diese beruht vor allem darauf, dass im Falle einer Cloud-Speicherung die Absicherung der Daten nicht mehr in den Händen der Benutzerin oder des Benutzers liegt. Werden die Passwörter auf dem eigenen PC, Laptop oder Smartphone gespeichert, kann die Besitzerin oder der Besitzer selbst für deren Absicherung sorgen. Bei entsprechend sicherheitsbewussten Nutzerinnen und Nutzern könnte dies beispielsweise durch eine Verschlüsselung des Benutzer-Verzeichnisses geschehen. Werden die Daten dagegen in der Cloud abgelegt, müssen sich die Nutzerinnen und Nutzer auf die Verschlüsselung des Anbieters verlassen. Weist diese einen Fehler auf, sind die Daten nur unzureichend geschützt, ohne dass die Nutzerinnen und Nutzer daran etwas ändern können. Durch die zentralisierte und über das Netzwerk aufrufbare Speicherung der Daten werden diese zudem zu einem attraktiven Ziel für Online-Kriminelle. Angreiferinnen und Angreifer können hier mit einem einzigen Coup hunderttausende von Benutzerkonten samt Passwörtern erbeuten – und haben das in der Vergangenheit bei 1Passwords Konkurrenten auch schon getan. So wurde beispielsweise der Dienst Lastpass schon Opfer eines derartigen Angriffs.

Ein weiteres Problem ist die je nach Land unterschiedliche Gesetzeslage. Agile Bits ist ein kanadisches Unternehmen und somit weniger von – oftmals fragwürdigen – behördlichen Zugriffen betroffen als Unternehmen mit Firmensitz in den USA. Dennoch ist es beispielsweise für deutsche Nutzerinnen und Nutzer wahrscheinlich besser, sich auf die vergleichsweise strengen deutschen Datenschutz-Gesetze berufen zu können. Werden die Daten auf einem privaten Gerät gespeichert, ist das der Fall. Bei einer Speicherung in der Cloud ist oftmals entweder der Firmensitz oder der Server-Standort, nicht der Wohnort oder die Staatsangehörigkeit der Nutzerin oder des Nutzers, relevant. So sind die sensiblen Daten womöglich nicht nur technisch, sondern auch juristisch in der Cloud schwächer geschützt.

Im Sinne der Kundinnen und Kunden

Mit seiner Entscheidung, die Datenspeicherung in der Cloud zu forcieren, hat Agile Bits keine Entscheidung im Sinne seiner Kundinnen und Kunden getroffen. Mögliche Vorteile beim Komfort und der Sicherheit der Daten vor versehentlichem Verlust werden mehr als aufgewogen durch mögliche schwere Einbußen bei Privatsphäre und Datensicherheit. Es bleibt zu hoffen, dass das Unternehmen diese Tatsache angesichts der öffentlichen Kritik einsieht und die Wahl seinen Kundinnen und Kunden überlässt.


Image (adapted) „Cloud“ by rawpixel (CC0 Public Domain)


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Staatstrojaner auch bei Alltagskriminalität?

Handschellen (adapted) (image by 3839153 [CC0] via pixabay)

Das neue Staatstrojaner-Gesetz – wieder einmal mit möglichst wenig öffentlicher Aufmerksamkeit durch die Gremien gewunken – ist ein höchst bedenklicher Eingriff in die Grundrechte. Der Einsatz invasiver und potentiell gefährlicher Schadsoftware soll demnach auch bei einer ganzen Reihe alltäglicher Straftaten zulässig sein, nicht mehr nur bei schwerer und schwerster Kriminalität. Dieses Vorgehen ist ein weiteres Beispiel dafür, wie Überwachungsmaßnahmen erst mit Verweis auf Ausnahmesituationen und schwere Verbrechen eingeführt und dann “durch die Hintertür” ausgeweitet werden.

Ein weiteres problematisches Überwachungsgesetz

Die aktuelle schwarz-rote Bundesregierung hat mit der Vorratsdatenspeicherung und dem BND-Gesetz bereits zwei extrem problematische Überwachungsgesetze verabschiedet. Nun, kurz vor dem Ende der Legislaturperiode, kommt ein drittes hinzu. Es soll den flächendeckenden Einsatz sogenannter Staatstrojaner erlauben. Darunter versteht man Schadsoftware, die von den Behörden gezielt auf den Geräten Verdächtiger installiert wird, um dort Daten abzugreifen.

Mit dem neuen Gesetz soll der Staatstrojaner-Einsatz immer dann erlaubt werden, wenn auch eine reguläre Telekommunikationsüberwachung – also beispielsweise ein Abhören des Telefons – zulässig wäre. Der Straftatenkatalog für diese Maßnahme ist sehr groß und umfasst unter anderem Betrug, Hehlerei und Bestechung.

Beschluss im stillen Kämmerlein

Die Verabschiedung des neuen Gesetzes fand weitgehend ohne öffentliche Diskussion statt. Das ist von der Regierung offensichtlich so gewollt. Die neue Regelung wurde erst diskret in einem vollkommen anderen Gesetzesentwurf versteckt und auch später kaum öffentlich diskutiert. Wie so oft bei derartigen Überwachungsgesetzen will sich die Bundesregierung offenbar keiner kontroversen Diskussion stellen.

Ein doppeltes Risiko für die Privatsphäre

Ein Staatstrojaner-Einsetz ist ein großer Eingriff in die Privatsphäre. Diese wird nicht nur durch die Ermittlungsbehörden kompromittiert. Das Installieren einer Schadsoftware auf dem betreffenden Gerät – meist entweder ein Computer oder ein Mobilgerät wie Smartphone oder Tablet – reißt zudem potentiell gefährliche Sicherheitslücken auf, durch die auch unbefugte Dritte leichter Zugriff auf private Daten haben. Das gilt auch, wenn die Schadsoftware keine gespeicherten Daten auf dem Gerät abgreift, sondern „nur“ im Rahmen einer sogenannten Quellen-Telekommunikationsüberwachung eingesetzt wird. Bei dieser Überwachungs-Variante wird der Staatstrojaner dazu eingesetzt, Anrufe und Textnachrichten des oder der Verdächtigen direkt auf deren Gerät mitzulesen, bevor diese übertragen und dabei verschlüsselt werden.

Untergraben der Grundrechte durch scheinbaren Ausnahmezustand

Das Vorgehen der Bundesregierung beim Staatstrojaner ist ein weiteres Beispiel dafür, wie Überwachungsmaßnahmen schrittweise und über den Umweg eines scheinbaren Ausnahmezustands eingeführt werden. Zunächst sollte diese Maßnahme laut Gesetz lediglich der Bekämpfung von schwerer und schwerster Kriminalität, beispielsweise von Terrorismus, dienen. Selbst, wenn dies nötig und effektiv gewesen wäre – worüber sich sicher streiten lässt – wäre der verantwortungsvolle Kurs gewesen, die Maßnahme immer wieder transparent zu überprüfen, um festzustellen, ob diese Notwendigkeit nach wie vor besteht, und sie abzuschaffen, sobald die Überwachung sich als überflüssig oder unverhältnismäßig herausstellt.

Stattdessen geschah – wieder einmal – das Gegenteil. Eine ursprünglich für den Notfall vorgesehene, äußerst invasive Überwachungsmaßnahme wurde stillschweigend auf eine ganze Reihe von Verbrechen, darunter auch eher alltäglicher Missetaten, ausgeweitet. Nicht nur steht dabei die Verhältnismäßigkeit der Maßnahme massiv in Zweifel. Es ist auch davon auszugehen, dass eine externe Prüfung und Kontrolle (etwa durch eine Richterin oder einen Richter) bei solchen Fällen angesichts von deren Häufung flüchtiger ausfällt als bei wenigen Einzelfällen, was wiederum die Gefahr eines Missbrauchs erhöht.

Schon seit Jahren ist dieser Trend in Deutschland – wie auch vielfach im Rest Europas und in den USA – zu beobachten. Problematische Sicherheitsmaßnahmen werden mit Verweis auf Ausnahmesituationen eingeführt, aber niemals zurückgenommen, sondern schrittweise und häufig ohne öffentliche Diskussion auf weitaus alltäglichere Situationen ausgeweitet.

In der Summe sorgt dieser ständige Ausnahmezustand für eine schrittweise Einschränkung der Grundrechte. Aufgrund der mangelnden öffentlichen Diskussion und des graduellen Charakters wird dies häufig kaum wahrgenommen. Mitunter werden sogar diejenigen, die davor warnen, als panische Bedenkenträger diffamiert. Doch die Gefahr ist real und sollte, beim Staatstrojaner wie bei ähnlichen Maßnahmen, entschlossen bekämpft werden.


Image (adapted) „Handschellen“ by 3839153 (CC0 Public Domain)


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Gefährden Altmedien den Digitalstandort Deutschland?

Kaum ist der von der Bundesregierung angekündigte „Digitalpakt“ Gegenstand der (veröffentlichten) öffentlichen Diskussion, schon finden sich die üblichen KulturpessimistInnen und bemühen sich um die altbekannten Gefahrennarrative der Förderung des „Häppchenwissens“ und der digitalen Überforderung der jüngeren Generationen dieses Landes.

Pensionierte Lehrer in einflussreichen Positionen meinen, immer noch auf der Höhe der Pädagogik zu sein, und verbauen mit ihrer Ignoranz gegenüber aktuellen Entwicklungen den Schülerinnen und Schülern die Chancen auf dem globalisierten Arbeitsmarkt. Die Gewerkschaften möchten sowieso lieber Schul-Klos repariert wissen, obwohl nicht zuletzt die aktuelle Studie der Initiative D21 zum Stand der Digitalisierung in deutschen Schulen große Defizite identifiziert hat.

Rückwärtsgewandtheit der Entscheiderinnen ist ein Problem für Deutschland

Damit fügt sich die aktuelle Debatte in eine lange Kette von Drohszenarien, die digital nicht aktive Menschen, die in Deutschland in EntscheiderInnenpositionen sitzen, gegenüber dem Internet aufbauen. Pokémon Go trackt Jugendliche und erhöht das Risiko, im Straßenverkehr unter die Räder zu kommen. Ein altbekanntes Printmedium spricht vom „Feind in meiner Hand“ und meint das Smartphone. Lehrer können sich in diesem Medium mit der Meinung breitmachen, dass Eltern Schuld an der „Internetsucht“ der Kinder seien.

Das Morgenmagazin von ARD und ZDF stellt die Teilnehmerinnen der Gamescom als der Kindheit verhaftete Deppen dar und warnt vor der – natürlich – übermäßigen Nutzung von Videospielen. Ebenfalls im Morgenmagazin wird vor den Gefahren der VR-Brillen gewarnt („Auswirkungen auf das Gehirn“). Während IBM verkündet, dass IBM-Watson nun auch im Kampf gegen den Krebs helfen wird, warnen deutsche Altmedien vor der Nutzung von Gesundheits-Apps.

Wissen die VertreterInnen der Altmedien eigentlich, was sie mit diesem Kampf gegen das Netz und gegen das Digitale indirekt auch unseren Kindern antun? Kinder und Eltern sind in einer rückwärtsgewandten Meinungs-Bubble gefangen, die sie davon abhält, sich offensiv und frühzeitig mit den Gefahren und den Chancen des Netzes zu befassen. Unsere Kinder werden, wenn sie nicht rechtzeitig digitale Kompetenzen erwerben, von den gleichaltrigen Jugendlichen und Berufsanfängern aus den USA, Asien und Russland übertrumpft.

Wir als Eltern entlassen sie aber auch gleichzeitig ungeschützt in eine Welt, in der es natürlich Risiken und Gefahren gibt; da wir sie aber nicht darauf vorbereitet haben (außer der Strategie: schaltet den PC am besten aus), werden sie unvorbereitet auf die digitale Welt außerhalb von Deutschland treffen.

Beispiel Pokémon Go: Gefahren und Chancen der Augmented Reality

Spätestens seit der Verfilmung der Stephen King-Kurzgeschichte über den Rasenmähermann im Jahr 1992 kann eine breite Masse etwas mit der Idee der Virtual Reality anfangen. Auch wenn eine Umsetzung mittels Brille und Kopfhörer vorerst weit hinter dem angepeilten Ziel der startrekschen Holdecks zurückbleibt, sind in den vergangenen 20 Jahren alle Versuche, einen komfortablen Einstieg zu schaffen, mehr oder weniger grandios gescheitert.

Letztendlich scheint es, als habe es das Jahr 2016 gebraucht – in dem alle technischen Errungenschaften wie Prozessorminiaturisierung, Grafikleistung, Rechenpower zur Erfassung des Raums und die Vorarbeit der Konsolenhersteller mit Sonys Play und Microsofts Move sowie der Druck durch den Occulus-Rift-Kickstarter zusammentrafen – um der Virtual Reality im Konsumentenmarkt zum Durchbruch zu verhelfen. Wobei bei den abgerufenenen Preisen eine schnelle Marktdurchdringung zumindest für das kommende Weihnachtsgeschäft noch fraglich bleibt.

Umso erstaunlicher erscheint es, dass diesem zukunftsträchtigen Vorstoß zumindest in der breiten öffentlichen Wahrnehmung der Rang durch eine weitere visionäre Technik abgelaufen wurde. Der Erfolg des Smartphonespiels Pokémon Go hat der Augmented Reality den Einzug auf die Endgeräte und in die Presse beschert. Der Entwickler Niantic stellte mit dem Spiel Ingress bereits seit Ende 2013 eine Augmented Reality App zur Verfügung. Auch hierbei bewegen sich die Spieler durch den öffentlichen Raum, das Kartenmaterial basiert auf Daten von Google Maps und die Bewegungen der Spieler werden zur Auswertung an die Server des Spiels zurückgemeldet.

Schon Ingress konnte in den vergangenen Jahren eine große und äußerst aktive (vornehmlich erwachsene) Spielergemeinde gewinnen. Der wirkliche Durchbruch erfolgte aber durch die Zusammenführung der Spielprinzipien von Ingress gepaart mit der Pokémon Lizenz von Nintendo.

Seit der Veröffentlichung von Pokémon Go im Juli diesen Jahres sind insbesondere in den Ballungsräumen Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene der Aufforderung der Eltern gefolgt, doch endlich mal wieder rauszugehen, und fangen die Taschenmonster mit dem Blick durch die Bildschirme und Kameras ihrer Smartphones. Hierbei werden die Pokémon vom Spiel in die Abbildung der den Spieler umgebenden Realität projiziert.

Eine äußerst erfreuliche Folge des Pokémon-Go-Hypes war die Rückeroberung des öffentlichen Raums durch spielende Menschen aller Altersklassen bis zu Kindern, welche Ihr erstes Smartphone daran ausprobierten. Schon in der Woche vor dem Deutschlandstart aber machten Meldungen aus den USA über Verkehrsunfälle und Überfälle in hiesigen Medien schnell die Runde.

Das Gefährdungspotential für junge Spieler wird bei genauer Betrachtung schnell offensichtlich: Hand in Hand mit dem Austritt der Onlinespieler in die reale Welt erfolgt, zusätzlich zu den Gefahren des Straßenverkehrs, eine Übertragung der virtuellen Risiken. Was eben noch Grooming in einem Chatroom war, kann jetzt schnell eine persönliche Kontaktaufnahme werden. Hierbei ist insbesondere die schnelle Erkennbarkeit der Spieler und das gemeinsame Thema, über welches ein Kontakt hergestellt werden kann, eine nicht zu unterschätzende Komponente.

Panikmache vor Medien hat noch nie etwas gebracht

Die logische Schlussfolgerung kann aber eben nicht mediale Panikmache und pauschalisierte Warnung vor der Nutzung des Spiels sein, sondern muss eine Aufklärung der Spieler über die mit dem Spiel verbundenen Risiken sein – auch wenn die althergebrachten Grundsätze des Jugendschutzes in Bezug auf Medien hierzulande am ehesten in einer Verbotsdebatte gipfeln. Aufbauend auf dem „Gesetz zur Bewahrung der Jugend vor Schund- und Schmutzschriften“ von 1926 verfestigte sich die Debatte um eine moralisch-sittliche Gefährdung der Jugend in den 50er-Jahren mit der pädagogisch wie feuilletonistisch vorgetragenen Kritik an Groschenromanen und Comics.

Sie wurde in den folgenden Jahrzehnten auf Videofilme erweitert und gipfelt seit den 80ern in der Diskussion um Computerspiele. Die konsequente Aberkennung des Kunstbegriffs, welcher unabhängig vom Inhalt nur bestimmten Medien vorbehalten bleibt, sagt schon viel über den Stellenwert neuartiger Technologien aus.

In Zeiten, in denen die moralisch-sittliche Verfestigung der Kinder und Jugendlich allenthalben bestritten wird, ist wohl mit deren Bedrohung kein Blumentopf mehr zu gewinnen. Folglich stürzen sich die Altmedien auf die „reale“ Gefährdung von Kindern, und die Reaktion von Eltern und Pädagogen folgt – wie auch in vorhergehenden Generationen – auf dem Fuße. Unsere Eltern haben Comics und Groschenromane genauso gelesen, wie wir Videofilme sahen und Computerspiele spielten und immer noch spielen. Heute vertreiben sich die Kinder und Jugendlichen die Zeit auf Youtube, in Chaträumen und eben mit Pokémon Go. Und morgen in der Virtual Reality der Spielekonsolen und Augmented Reality der Smartphones.

Die Gründe für den rückwärtsgewandten Blick in deutschen Altmedien sind vielfältig:

  1. Wir leben in dem Land mit der zweitältesten Bevölkerung weltweit. Da kann man keine EntscheiderInnen erwarten, die in der Mehrzahl jünger und innovativer sind.
  2. „Bildung“ ist in Deutschland eine Attitüde, die man vor sich herträgt. Das Buch noch „riechen zu wollen“ und das gefüllte Bücherregal im heimischen Wohnzimmer gelten nach wie vor als Ausdruck von Belesenheit. Wobei dies letztlich auf dem Missverständnis beruht, „digital“ und „Lesen“ würden sich gegenseitig ausschließen.
  3. Ohne vorherige Studien und konsensual abgesegnete Standards wagen wir nichts (s.a. Tesla-Debatte).
  4. Die derzeit in den Schulen befindlichen LehrerInnen gehören vor allem der technikskeptischen Baby-Boomer-Generation an, die in den 1970ern in die Laufbahnen eingetreten ist. Erinnert sich jemand noch an die damalig dominierende Debatte um die sogenannte „Technikfolgenabschätzung“? Auf Basis dieser Sozialisation kann man nicht wirklich Offenheit gegenüber den Internetfirmen des Silicon Valleys erwarten.

Pokémon Go schult die neue Generation

Sollte der Umgang mit neuen Technologien und Inhalten denn nicht besser von der Betrachtung des Potentials (unter Abwägung der Risiken) getragen werden?

Online-Spiele und digitale Tools stellen die Zukunft dar; seien es Google Docs, Keynote Live-Funktion, soziale Medien, Mikro-Blogs, Snapchat oder sonstige Plattformen, auf denen sich Menschen weltweit zusammenfinden. All diesen Plattformen sind einige Merkmale gemein, die für den zukünftigen Arbeitsmarkt von übergeordneter Bedeutung sind:

1. Der Wille zum Teilen muss vorhanden sein. Ohne Teilen kann es keine nachhaltige Interaktion geben.

2. Multilingualität ist Grundvoraussetzung für alle Menschen weltweit, um sich in mehreren Meinungs- und Inhaltesphären ausreichend austauschen zu können.

3. Kommunikationsfähigkeit auf mehreren digitalen Kanälen gleichzeitig ist eine der Grundbedingungen für die Nutzung digitaler Tools und dafür, dass man überhaupt noch auf der Höhe der Zeit in seinem Beruf tätig sein kann.

4. Ohne Teamfähigkeit geht nichts mehr. Als Teammitglied muss man sich jederzeit einordnen können. Dafür kann man aber auch gezielter seine eigenen Kompetenzen einbringen. „Aufgabenteilung“ ist dabei auf gar keinen Fall mit dem altbackenen „Zuständigkeit“ zu verwechseln!

5. Der Spruch „Für die Technik ist mein Kollege zuständig“ funktioniert nicht mehr. Um zu wissen, wie ich zu Ergebnissen gelangen kann, muss ich auch die dahinter stehende Technologie ansatzweise verstehen lernen.

6. Nicht mehr das Alter ist relevant für die eigenen Relevanz, sondern mein Beitrag für das Ganze. Das eröffnet sowohl für Jung als auch Alt, aus dem „Wahrnehmungsfängnis“ und damit seiner durch das Alter selbst zugeschriebenen Rolle auszubrechen.

All diese Kompetenzen zählen wohlgemerkt sowohl für beruflich genutzte Plattformen (wie Google Docs und andere) als auch Spieleplattformen (wie beispielsweise Lol). Wenn wir also die Kinder und Jugendlichen nicht rechtzeitig auf diese digitalisierte Arbeitswelt vorbereiten und stattdessen „Internet“ und “Digital” nur kulturpessimistisch bewerten, entziehen wir unseren Kindern die zukünftige gleichberechtigte Teilhabe am globalisierten Arbeitsmarkt. Daran können wir alle kein Interesse haben.

Die Kinder vorbereiten auf eine Zukunft der Arbeit

Stattdessen sollte man aber vielleicht mal einfach seinen Kindern beim Spielen über die Schulter schauen, um zu verstehen, in welcher Weise digitale Tools und auch Spiele dazu geeignet sind, sie auf eine Zukunft der Arbeit vorzubereiten, mit der sie sich später befassen müssen. Spiele, Apps, Services, Plattformen und der gezielte Blick auf die dahinterstehende Technik sind notwendig, um zu verstehen, in welcher Weise zukünftige Anforderungen auf dem Arbeitsmarkt und die Art und Weise von Bildung eigentlich schon heute zusammenhängen, ohne dass dieser Blick von den Entscheiderinnen tatsächlich auch erkannt wird.

Kinder haben einen entscheidenden Vorteil im Umgang mit neuen Technologien: sie betrachten diese nicht als „neu“. Sie werden weder von einem Gefühl zurückgehalten, dass es „früher alles besser war“, noch vom Gedanken „Wir leben in der Zukunft“ verunsichert.

Sie stehen mit beiden Beinen in der Gegenwart und es ist unfair, ihnen den Weg in Ihre Zukunft mit den sie begleitenden Technologien zu verbauen. Statt in den Medien der Vergangenheit zu verweilen, sollten wir uns als die wissensvermittelnde Generation viel mehr damit beschäftigen, wie wir die Inhalte mit den Medien der Zukunft transportieren können.


Image “girl” by nastya_gepp (CC BY 2.0)


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Warum Drohnen in Zukunft zur Gefahr werden könnten

Drone (Image by Harald_Landsrath[CC0Public Domain] via Pixabay)

Drohnen werden aufgrund ihrer tollen Luftaufnahmen immer beliebter. Sie bieten eine neue Perspektive,  mit der man hinter Zäune schauen und die Welt von oben betrachten kann. Zudem werden sie technisch immer ausgefeilter und durch die sinkenden Preise auch für durchschnittliche Verbraucher interessant. Außerdem werden sie für viele praktische Einsätze wie zur Paketzustellung oder zur Inspektion von Brücken genutzt. Doch neben den vielen positiven Aspekten muss man sich auch über ihre Gefahren bewusst sein. Sie werden nämlich auch häufig unsachgemäß genutzt oder sogar missbraucht, vor allem in der Nähe von Flughäfen kann ihre Verwendung sehr gefährlich werden.

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Christian Caballero findet die Kennezeichnungspflicht für Drohnen sinnvoll.(Image by Christian Caballero)

Christian Caballero ist Geschäftsführer der Caballero & Hesselbarth Consulting GmbH. Seine Leidenschaft sind Entrepreneurship und Innovationen im Bereich unbemannte Luftfahrt. Vor seinem Studium zum Sicherheitsmanagement war er Offizier bei der Bundeswehr. Dort erlangte er durch seine internationale Ausbildung Spezialwissen aus den verschiedensten Bereichen der Luftfahrt.

Caballero weiß, dass ein gefährlicher Eingriff in den Luftverkehr schwerwiegende Folgen haben kann und sich dessen nur wenige Nutzer bewusst sind. „Ein Gefährdungspotential geht dennoch vom Gerät selbst und vom Nutzer aus. Betrachten wir es sachlich, können die Propeller eines ,Multikopters‘ verheerende Verletzungen hervorrufen.“, sagt er.

Auch deutsche Sicherheitsbehörden betrachten Drohnen mit Skepsis, da sie für terroristische Angriffe verwendet werden könnten. Laut einem Sprecher des Bundeskriminalamtes (BKA) reichen denkbare Szenarien, die von Drohnen ausgeführt werden können, von Störungen von Veranstaltungen über Ausspähungen bis hin zu möglichen terroristischen Anschlägen, zu denen auch Großveranstaltungen gehören können. Das BKA verfügt bereits über eine Stelle, die den Markt für Drohnenabwehrsysteme beobachtet und Erkenntnisse über das Aufspüren und Abwehren der Länder und des Bundes bündelt.

Drohnen können ohne Probleme mit explosivem Material, giftigen Gasen oder nuklearen, chemischen und biologischen Stoffen ausgestattet werden. Es gab in Deutschland bisher zwar noch keine Terrorangriffe mit Drohnen, aber das BKA hält Großveranstaltungen jeglicher Art für ein wahrscheinliches Ziel. Auch Caballero geht davon aus, dass eine Drohne in Deutschland missbräuchlich für einen Anschlag genutzt werden kann. Jedoch lässt sich seiner Meinung nach die Eintrittswahrscheinlichkeit für einen solchen Fall in Deutschland schwer ermitteln. Sie korreliere jedoch mit der stetig wachsenden terroristischen Bedrohung in unserem Land.

Um dem missbräuchlichen Gebrauch von Drohnen entgegenzuwirken, werden zurzeit viele Drohnen-Abwehrmaßnahmen getestet. Laut Caballero ist die Vision einiger Entwickler ein umfassendes  „Geofencing“ und diese trifft als virtueller Zaun die Sicherheitsbedürfnisse einiger außenstehender Parteien. „Weiterhin wird an einem neuen ,Air-Traffic-Management-System‘ gearbeitet, um den Luftverkehr auch in den unteren Höhen kontrollieren oder besser gesagt leiten zu können.“, erklärt Caballero.

Aufgrund der vielen Zwischenfälle mit Drohnen möchte Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) die Nutzung nun strenger regeln. Deshalb müssen zukünftig alle Geräte ab 250 Gramm mit einem Kennzeichen ausgestattet werden, auf dem der Name und die Adresse des Eigentümers stehen. Dadurch sollen die Eigentümer bei Missbrauch oder Unfällen identifiziert werden können.

Christian Caballero findet diese Kennzeichnungspflicht sehr sinnvoll. Er fügt hinzu, dass auf dem Markt und unter den tragenden Verbänden dieser Branche große Einigkeit bestehe, dass es auch eine Ausbildung für die Nutzer geben soll. Seiner Meinung nach sollte es für die Integration in den zivilen Luftraum vor allem Aufklärungsarbeit und präventive Maßnahmen geben, sodass Nutzer eine Art Luftfahrtbewusstsein entwickeln und sich umfänglich mit den Regeln und Pflichten vertraut machen.

Eine andere Abwehrmaßnahme ist das Fangen von Drohnen mithilfe von Greifvögeln. In den Niederlanden wird dies bereits von dem Projekt „Guards from Above“ ausprobiert. Der Vorteil an der Maßnahme ist, dass die Drohne sofort außer Gefecht ist, sicher von dem Adler entfernt wird und nicht unkontrolliert vom Himmel stürzt.

Drone interception (Imagy via Guard From Above- Maarten van der Voorde)
Drone interception (Image via Guard From Above- Maarten van der Voorde)

Der tierische Instinkt von Greifvögeln ist einzigartig, sie können mühelos schnelle Beute überwältigen. „Die Greifvögel haben Schuppen auf ihren Krallen, die sie auf natürliche Weise vor den Bissen ihrer Opfer schützen. Es besteht also keine Gefahr beim Fangen von COTS Drohnen (Commercial off-the-shelf drones).“, erklärt Sjoerd Hoogendoorn, CEO und Gründer des Projekts. Für das Fangen von besonders großen und professionellen Drohnen sucht das Unternehmen bereits nach einer zusätzlichen Möglichkeit, die Vögel zu beschützen. Inzwischen wurden hunderte Drohnen während der Trainingseinheiten gefangen. Dabei wurde kein einziger Vogel verletzt – einige Drohnen aber durchaus.  

Die Vögel werden jeden Tag von Experten trainiert. Bis ein Vogel eine Drohne erfolgreich fängt, vergeht im Schnitt ein Jahr. Dies sei aber von Vogel zu Vogel unterschiedlich, so Hoogendoorn. Er führt aus, dass man die Vögel nicht dazu zwingen kann, Drohnen zu fangen. Wenn sie keinen Spaß daran hätten, würden sie es nicht machen. Wird eine Drohne erfolgreich gefangen, werden die Vögel mit Futter belohnt.

Ein Aspekt, der bei der zunehmenden Nutzung von Drohnen ebenfalls sehr wichtig ist, ist der Schutz der Privatsphäre. Fakt ist, dass diese Geräte den Benutzern Einblicke ermöglichen, die man sonst nicht so einfach bekommt. Daher scheint es schon fast eine logische Schlussfolgerung, dass es immer mehr Drohnen geben wird, so Caballero. Derzeit würden in Deutschland etwa 400.000 Drohnen genutzt und nach Angaben des Instituts für unbemannte Systeme (IuS) werden es bis 2020 vermutlich noch mal 2 Millionen sein.

Caballero ist überzeugt, dass diese Problematik auch Auswirkungen auf unsere Privatsphäre haben wird: „Die Nutzer müssen den Begriff ,Privatgrundstück‘ einfach nur respektieren und diese Bereiche meiden oder sich für dort eine Genehmigung erteilen lassen. Der grundsätzliche Überflug über ein Grundstück ist nicht verboten, jedoch kann dies schnell zu einer Irritation führen, da für den Nutzer nicht klar ist, was die Kamera gerade anschaut“. Denn schließlich, fasst Caballero zusammen, will sich niemand einer fremden Beobachtung ausgesetzt wissen. Neugierige sollten sich über die Geldstrafen für diese Handlungen bewusst sein. Man darf gespannt sein, wie sich die Haltung hierzu in Zukunft entwickelt.


Image „Drone“ by Harald_Landsrath (CC0 Public Domain)


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Wie unsere Gadgets jeden unserer Schritte überwachen

Spy (adapted) (Image by Ben Fruen [CC by 2.0] via flickr)

Wir haben mittlerweile dutzende von Smart Devices in unseren Häusern und sogar an unseren Körpern. Sie verbessern unser Leben auf vielerlei Art und Weise. Von der Senkung unseres Energieverbrauchs bis hin zu der Tatsache, dass sie uns ermuntern, uns körperlich zu betätigen. Doch diese Smart Devices reagieren auf jeden Befehl, der ihnen gegeben wird. Wir ließen Sicherheitsexperten vorführen, wie man bei Autos von außen die Kontrolle übernehmen kann. Oder auch wie medizinische Geräte in unserem Körper gehackt und in tödliche Waffen verwandelt werden können. Diesen Risiken wird mittlerweile von Technologieentwicklern große Aufmerksamkeit geschenkt. Es findet eine Menge exzellenter Arbeit statt, um ihnen vorzubeugen. Aber es gibt andere Gefahren, über die wir uns größere Sorgen machen sollten und die weniger Aufmerksamkeit bekommen. Viele Geräte könnten eine Luke öffnen, durch das jeder Hacker ganz einfach schauen könnte, um uns auszuspionieren.

Unser Besitz überwacht uns

Jeder moderne Laptop hat eine eingebaute Videokamera. Wenn sie aufnimmt, leuchtet ein kleines grünes Licht, damit man sich bewusst ist, dass man gefilmt wird. Aber sie kann auch dazu gebracht werden, unsere Aktivitäten auf Video festzuhalten, ohne dass das grüne Kameralicht leuchtet. Und das ist nicht nur eine unter Laborbedingungen erzeugte Warnung vor einer hypothetischen Gefahr. Es wurde tatsächlich schon getan, beispielsweise von übereifrigen Schulbehörden und von Spannern. Zumindest kann man den Laptop ausschalten. Wenn er geschlossen ist, kann die Kamera nur „die andere Seite“ des Laptops sehen.

Aber diese kurzfristige Lösung lässt sich nicht auf Tonaufnahmegeräte wie Mikrofone anwenden. Zum Beispiel könnte das eigene Smartphone andere Gespräche im Raum mithören. Selbst wenn es ausgeschaltet zu sein scheint, genau wie der neue Fernseher oder andere Smart Devices im Haus. Manche Geräte – wie Amazons Echo – sind ausdrücklich dazu gedacht, durch Stimmerkenung aktiviert zu werden. Daher sind sie ständig bereit, auf gesprochene Befehle zu reagieren. Es sind nicht nur Audio- und Videoaufnahmen, wegen derer wir uns Sorgen machen sollten. Jedes Smart Home-Überwachungssystem weiß, wie viele Leute sich zu welcher Zeit in welchen Räumen im Haus befinden.

Der smarte Wasserzähler weiß jedes Mal Bescheid, wenn eine Toilettenspülung betätigt wird. Der Wecker weiß, um wie viel Uhr man an welchen Tagen im letzten Monat aufgewacht ist. Der Kühlschrank weiß, wie oft wir uns ein Glas kaltes Wasser einschenken. Das Smartphone hat ein eingebautes GPS, das unseren Aufenthaltsort feststellen und folglich unsere Bewegungen aufzeichnen kann. Ja, man kann die Standortüberwachung ausschalten. Doch bedeutet das, dass das Handy den Aufenthaltsort nicht feststellt? Und wissen wir wirklich sicher, dass das GPS ausgeschaltet ist, einfach nur, weil der Handybildschirm es sagt?

Zumindest die Anbieter wissen Dank der Sendemasten, mit denen unsere Smartphones kommunizieren, immer, wo wir uns befinden. Wir alle lieben unsere Smart Gadgets. Aber abgesehen vom Bequemlichkeitsfaktor bedeutet die Tatsache, dass unsere Geräte über ein Netzwerk verbunden sind, dass sie auf eine Art und Weise kommunizieren können, die uns nicht gefällt.

Die nächste Generation der Abhörtechnik

Kriminelle könnten eine Möglichkeit finden, jede dieser Technologien unter ihre Kontrolle zu bringen, um private Informationen herauszufinden. Aber was vielleicht noch beunruhigender ist, ist, dass unser Netzanbieter freiwillig oder unter Beeinflussung Teil eines Systems werden könnte, über das wir unwissentlich Geheimnisse preisgeben. Der Kampf zwischen Apple und dem FBI drehte sich um die Forderung der Behörden, dass Apple bewusst eine unsichere Version von iOS, dem iPhone-Betriebssystem, entwickeln solle, um das Hacken der Handys von Terroristen durch das FBI zu erleichtern. Ist das Knacken eines gesperrten Smartphones nur der nächste Schritt, der auf traditionelle Abhörtechniken folgt, und im Zuge dessen die Regierung Apple oder Samsung bittet, ihre Technologien zu nutzen, um die Gespräche eines Terrorverdächtigen zu verwanzen?

Aber moderne Handys können für viel mehr genutzt werden als nur zum Abhören von Gesprächen. Könnten Unternehmen aufgefordert werden, die Standortüberwachung eingeschaltet zu lassen? Auch wenn dem Verdächtigen angezeigt wird, dass sie scheinbar ausgeschaltet ist? Es erscheint mir schwierig, eine Grenze zwischen diesen Fällen zu ziehen. Kein Wunder, dass einige Ingenieure von Apple sich in der Apple-FBI-Angelegenheit als „Dienstverweigerer aus Gewissensgründen“ bezeichnen. Der Fall wurde fallengelassen, bevor Apple gezwungen werden konnte, irgendetwas zu tun, es gibt also keinen Präzedenzfall, der uns aufzeigen könnte, wie diese Beispiele der nächsten Stufe sich vor Gericht abspielen würden.

Es ist natürlich wichtig für Gesetzeshüter, Verdächtige zu überwachen. Deren kriminelles Verhalten zu untersuchen und Hinweise für die Strafverfolgung zu sammeln. Das ist der Gedanke, auf dem Abhörgesetze basieren, die es den Polizeibehörden erlauben, Ihre Telefongespräche mitzuhören, ohne Sie darüber zu informieren. Abhörsysteme wurden eigentlich im 19. Jahrhundert als Werkzeuge zur Industriespionage entwickelt. 1928 entschied der Oberste Gerichtshof im Fall Olmstead gegen die USA, dass Gesetzeshüter verfassungsrechtlich Abhörgeräte nutzen dürften. Und auch, dass ein Durchsuchungsbefehl hierfür nicht nötig sei. Diese Entscheidung wurde erst 1967 durch den Fall Katz gegen die USA aufgehoben, welcher das Recht eines Bürgers auf Privatsphäre etablierte und Polizeibeamte dazu verpflichtete, sich eine richterliche Genehmigung zu besorgen, bevor sie ein Telefongespräch abhören.

Das war lange nachdem der Kongress 1934 eine Verordnung verabschiedete, die den Gebrauch von Abhörgeräten empfindlich einschränkte. In den frühen Tagen der Abhörtechnik gab es einen physischen „Zapfhahn“ – einen seitlichen Anschluss – der auf einen echten Draht angewendet werden konnte, der das Gespräch übermittelte. Neuere Technologien erlaubten es den Telefonunternehmen schließlich, mehrere Telefongespräche über denselben physischen Draht zu verschlüsseln und gebündelt zu übermitteln. In den Vereinigten Staaten wurde 1994 aufgrund der Bedenken bezüglich der Fähigkeit der Gesetzeshüter, mit den neuen Kommunikationstechnologien schrittzuhalten, der Communications Assistance for Law Enforcement Act (CALEA) vom Kongress verabschiedet. Er verpflichtet Kommunikationsunternehmen dazu, einen Weg zum Abhören selbst neuerer Kommunikationstechnologien für die Behörden bereitzustellen. Informationsdienste wie E-Mails waren von dem Gesetz explizit ausgenommen.

Diese gesetzliche Unterscheidung zwischen Kommunikationstechnologien und Informationsdiensten bedeutet, dass Kommunikationsunternehmen verpflichtet sind, der Regierung zu helfen, Ihre Telefonanrufe mitzuhören (mithilfe einer richterlichen Anordnung), aber sie sind nicht verpflichtet, ihnen zu helfen, Ihre E-Mails zu lesen (zumindest nicht laut diesem konkreten Gesetz). 2004 entschied die Federal Communication Commission, dass Dienste wie Voice Over IP (wie zum Beispiel Dienste wie Skype) Kommunikationsdienste sind, die von CALEA abgedeckt werden und somit nicht zu den ausgenommenen Informationsdiensten gehören. Einige Leute wollten seither dieses Gesetz ausweiten. Und zweifellos rückte die Apple-FBI-Diskussion dieses Thema wieder in den Vordergrund. Die Polizeibehörden werden vermutlich auf bessere Möglichkeiten zur Überwachung drängen und Bürgerrechtsvertreter werden Widerstand leisten.

Nichts zu verbergen?

Vielleicht ist Ihnen die Privatsphäre von Kriminellen egal. Aber es sollte zur Kenntnis genommen werden, dass Überwachung nicht nur bekannte Kriminelle, sondern auch Verdächtige betrifft. Die Geschichte lehrt uns, dass Listen von Verdächtigen manchmal viel zu weit gefächert sein können. Vielleicht erinnern Sie sich an die McCarthy-Ära und J. Edgar Hoovers Regentschaft beim FBI, während derer unter anderem das Schlafzimmer von Martin Luther King Jr. verwanzt wurde.

Selbst heutzutage versucht das British Government Communications Headquarters jeden zu überwachen, der die Website von Wikileaks besucht hat, selbst wenn er nur herumgestöbert hat. Manche Gesetze ergeben keinen Sinn oder sind nicht fair, also verdienen auch manche „Kriminelle“ ein gewisses Maß an Privatsphäre. Und wir müssen uns nicht nur sorgen, dass die Behörden zu weit gehen könnten. Technologien wie Finspy sind käuflich erwerbbare Maleware-Programmen, die auf Ihrem Computer oder Smartphone installiert werden können, um Sie auszuspionieren. Solche Technologien könnten von jedem benutzt werden, einschließlich den „Kriminellen“, auch ohne die Kooperation eines Geräteherstellers oder Ihres Anbieters. Abhörgesetze wie CALEA beziehen sich auf explizite Kommunikationshandlungen, die von jemandem durchgeführt werden, wie das tatsächliche Tätigen eines Telefonanrufs. Abhörgeräte verfolgen nicht Ihre Bewegungen innerhalb des Hauses, sie hören nicht Ihre Gespräche mit, solange sie nicht am Telefon sind, sie filmen Sie nicht im Badezimmer. Aber dies alles könnenn unsere verschiedenen Geräte mittlerweile durchführen.

Mit der zunehmenden Nutzung von Geräten in unserem Leben ist es definitiv möglich, diese für Überwachungszwecke zu nutzen. Es steht außer Frage, dass die Behörden viele Kriminelle fangen werden, indem sie diese Möglichkeiten nutzen. Aber der Preis dafür wird eine Einschränkung der Privatsphäre sein. Und möglicherweise kommt es sogar zu fälschlichen Verhaftungen. Letztendlich mag sich das alles futuristisch anhören, aber ich versichere Ihnen: Das ist es nicht. Das FBI benutzte bereits vor zehn Jahren ein Handymikrofon, um das organisierte Verbrechen zu belauschen. Auch die Nutzung für kommerzielle Zwecke steht dem nicht in viel nach, mit der Intention, gezieltere Verkaufsstrategien zu ermöglichen. Unsere allgegenwärtigen vernetzten Geräte lassen große Fragen aufkommen, die wir öffentlich diskutieren sollten. Die Frage, wie wir diese Kosten und Vorzüge ins Gleichgewicht bringen, wird die Gesellschaft bestimmen, in der wir leben.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation“ unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) „Spy“ by Ben Fruen (CC BY 2.0)


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Das Ergebnis der Klimakonferenz in Paris

Paris (adapted) (Image by Walkerssk [CC0 Public Domain] via Pixabay)

Die Vereinbarungen und Ergebnisse der UN-Klimakonferenz in Paris sind wichtig und tragen eine weitreichende Bedeutung. Die Konferenz endete mit einer Vereinbarung von 195 Staaten, um die globale Erwärmung zu bekämpfen. Diese Vereinbarung ist historisch und wichtig, aber zugleich leider nicht ausreichend. Hier sind fünf Fakten, um besser zu verstehen, was in Paris entschieden wurde: von “ist das genug, um die gefährlichen Klimaveränderungen zu bekämpfen?” bis zu “unvorhergesehene Siege von besonders betroffenen Staaten”.

1. Ein weltveränderndes Ereignis

Das Bedeutsamste an der Vereinbarung ist wohl, dass es sie überhaupt gibt. Für alle Staaten, von den Supermächten über die reichen Stadtstaaten, Königreiche mit Ölvorkommen bis hin zu gefährdeten, weil tiefliegenden Inselstaaten: alle sind überein gekommen, durch gemeinsam koordinierte Aktionen den Klimawandel zu bekämpfen.

Und das sind nicht nur warme Worte. Jede feste Vereinbarung muss vier Elemente besitzen: Zuerst braucht es ein gemeinsames Ziel; dies wurde jetzt definiert. Die Vereinbarung erklärt, dass alle Parteien die Temperatur “deutlich unter” 2°C über den Daten vor der industriellen Revolution halten wollen und sogar Anstrengungen unternehmen werden, es auf 1.5°C zu minimieren.

Zweitens braucht es eine Vereinbarung wissenschaftlich glaubwürdige Reduzierungen in Kohlenstoffdioxid und anderen Treibhausgasen. Die Paris-Vereinbarung ist etwas verschwommen in diesem Bereich, erklärt aber, dass Emissionen “so schnell wie möglich” den Höhepunkt erreichen sollten um dann schnellstmöglich reduziert zu werden. Der nächste Schritt ist:

Erreichen einer Balance zwischen anthropogen (menschlich bedingten) Emissionen und der Beseitigung und Verminderung von Treibhausgasen in der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts; basierend auf einer gegenseitigen Gerechtigkeit…

Drittens, da aktuelle Vorhaben der Emissionsreduzierung vor einer Erwärmung bis zu 3°C über den Daten vor der industriellen Revolution warnen, brauchen wir eine Mechanismus, um von dem aktuellen Status hin zu einer “Zero Emission”, also emissionsfreien Politik. Es findet alle fünf Jahre eine Überprüfung der Projekte statt – und “die Bemühungen aller Parteien wird sich im Laufe der Zeit steigern”, was heißt, dass bei jedem Schritt die Staaten ihre Emissionen im Vergleich zum heutigen Stand reduzieren sollen.

Viertens bedeutet dies für die Industrie-Staaten, dass sie schnell von fossilen Energien hin zu erneuerbaren Energien wechseln müssen. Die Herausforderung ist erheblich größer für die Entwicklungsländer; diese Nationen müssen das fossile Zeitalter überspringen. Sie benötigen finanzielle Mittel um dies erfolgreich tun zu können und daher beinhaltet die Vereinbarung, dass 100 Milliarden US-Dollar pro Jahr bis 2020, danach sogar noch mehr, dafür zur Verfügung gestellt wird.

Es gehen viele positive Dinge mit der Vereinbarung einher; sie kreiert ein gemeinsames Ziel, um die schlimmsten Auswirkungen der globalen Erwärmung zu verhindern, die Reduzierung der Emissionen sind angemessen und glaubwürdig, es gibt einen Mechanismus, um langfristig ganz ohne Emissionen auszukommen und es gibt finanzielle Ressourcen um arme Länder den Übergang zu erneuerbaren Energien zu ermöglichen. Die Vereinbarung gibt den Weg für die Welt vor; weg von der Abhängigkeit der fossilen Energieträger.

2. Es ist nicht genug, um gefährliche Klimaveränderungen zu verhindern

Was ein gefährlicher Klimawandel bedeutet, hängt stark von der Person und dem Ort ab. Für einige arme Menschen ist der Klimawandel schon jetzt mehr als gefährlich; er ist tödlich. The Gefahr steigt durch die kumulierte Emission von Kohlenstoffdioxid in der Atmosphäre. Weil die Gefahr schon so lange angekündigt war, schließt sich das Zeitfenster, in dem man den Anstieg der Temperatur um 1.5°C noch verhindern kann. Dies bedeutet große Einschnitte, insbesondere für tiefliegende Bereiche. Selbst die ehrgeizigsten Konzepte für eine emissionslosen Gesellschaft in den kommenden Jahrzehnten, verbunden mit einer realistischen Chance um unter der 2°C Erhöhung zu bleiben (immerhin 66 Prozent), sind bereits extrem hoch gesteckt. Die Länder haben noch einen langen und harten Weg vor sich, um derartige Reduzierungen der Emissionen zu erreichen.

Man muss zudem anmerken, dass es in der Vereinbarung keinerlei Strafen gibt; zumindest außerhalb der öffentlichen Scham, für Länder, die die vorgegebenen Ziele nicht einhalten. Um die Ziele der Pariser Vereinbarung wirklich umzusetzen, müssen sowohl zivile Organisationen als auch die oppositionellen Parteien in der Politik und Wirtschaft die Regierungen entsprechend kontrollieren. Im Grunde gibt es sowohl für die Menschen als auch für viele Regierungen und Firmen ein gemeinsames Ziel; fast alle sprechen sie gegen die tiefen Taschen der fossilen Energiebranche aus.

Eine der Gefahren und Ängste liegt in der geplanten globalen “Inventur” 2023. Wenn einige Länder sehen, dass Andere sich nicht an die vereinbarten Pläne halten, dann werden möglicherweise einige auch von den eigenen Projekten absehen und die gesamte Pariser Vereinbarung fällt auseinander.

3. Wir müssen Kohlenstoffdioxid von der Atmosphäre entfernen

Die Erwärmung durch den Treibhauseffekt wird angetrieben durch die kumulierte Emission von Kohlenstoffdioxid. Gemessen an den heutigen Emissionen und dem Ziel, die Temperaturanstiege “deutlich unter” 2°C und in der Nähe von 1.5°C zu halten, bedeutet, dass die CO2 Emissionen sehr schnell Richtung Nullpunkt reduziert werden müssen.

Die Gemeinschaft muss dann weitergehen und die Emission abschaffen. Das bedeutet, dass Kohlenstoffdioxid aus der Atmosphäre entfernt werden muss und anderweitig gelagert wird. Es gibt dafür verschiedene Optionen; von dem Pflanzen von Bäumen und dem Erhalten von ewigen Wäldern, der Erhöhung der Aufnahmekapazitäten des Bodens und der Nutzung von Biomasse zur Energiegewinnung bis hin zum unterirdischen Speichern von CO2.

4. Veränderungen der Strategie und Konzepte sind zu erwarten

Um noch in diesem Jahrhundert auf null Emissionen zu kommen, müssen viele Richtlinien und Konzepte erstellt und verändert werden. Fossile Energieunternehmen müssen teilweise von ihren Tochterunternehmen getrennt werden. Investitionen in eine hohe CO2-Infrastruktur muss beendet werden und insbesondere Weltbankdarlehen und andere regionale Bankenunterstützungen müssen angepasst werden. Emissionslose Gebäude müssen zur Norm werden. Der tropische Regenwald muss beschützt werden um erst das Abholzen zu reduzieren und schließlich ganz zu beenden.

Gehen Sie von einem größeren Drang zu den aktuellen technologischen Begrenzungen der erneuerbaren Energien aus: mit großen Investitionen, meist in Richtung Energiespeicherung, wenn der Wind mal nicht weht und die Sonne mal nicht scheint. Gehen Sie davon aus, dass die Kosten für erneuerbare Energien weiter sinken, wenn die Technologien auf einer größeren Skala genutzt und weltweit eingesetzt werden. Erwarten Sie, dass signifikante Teile der Welt für die Nutzung durch Windturbinen und Solarparks deklariert werden.

5. Die gefährdetsten Länder der Welt haben ihre Probleme erfolgreich auf die Bühne gestellt.

Paris war die Bühne eines hochpolitischen Pokerspiels. Überraschenderweise haben die Länder mit den schlechtesten Karten besser abgeschnitten als erwartet. Die Klimagespräche waren geprägt durch wechselnde Allianzen, anders als die bekannte Trennung von den reicheren nördlicheren Ländern gegenüber den ärmeren südlichen Ländern. Als zentrales Element war insbesondere die diplomatischen Beziehungen zwischen den USA und China, da beide Nationen zugestimmt haben, ihre Emissionen zu reduzieren und ihr Einverständnis zu der Gruppierung der “Climate Vulnerable Forum” gegeben haben. Dieses Forum hat kontinuierlich das Thema der Begrenzung der Erwärmung um 1.5°C auf die politischen Agenden der Nationen gesetzt.

Wir haben noch nicht das letzte Wort zu den Ambitionen gehört – eines der Entscheidungen in Paris beinhaltet die Einladung der “Intergovernmental Panel on Climate Change” einen individuellen Bericht über die Auswirkungen des Klimas auf die 1.5°C Erhöhung zu erstellen und gleichzeitig den konsistenten Weg zu dieser Temperatureinschränkung vorzugeben und zu definieren.

Diese Länder haben nicht alles bekommen was sie wollten – Die USA wollten keine finanzielle Haftung übernehmen für Länder, die durch den Anstieg des Wasserspiegels Land verlieren. Aber sie haben in dem Spiel ihre schlechten Karten extrem gut und intelligent ausgespielt.

Dieser Artikel erschien zuerst auf “The Conversation” unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) „Paris“ by Walkerssk (CC0 Public Domain

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Kinder mit Smartphone: Gefahren und Nutzen

Close up of smartphone in hand (adapted) (Image by Japanexperterna.se [CC BY-SA 2.0] via flickr)

Anstatt zur Playstation oder zur Fernbedienung, greifen Kinder und Jugendliche immer häufiger zum Smartphone. Müssen sich Eltern deshalb Sorgen machen? Nicht zwingend. Gefährlich wird es erst, wenn ein stabiles Umfeld fehlt.

Smartphones sind heute aus dem Alltag nicht mehr wegzudenken. Das gilt nicht nur für Erwachsene – Kinder nutzen den mobilen Internetzugang ebenso: 85 Prozent der zwölf bis 13-Jährigen besitzen ein Smartphone, bei den Jüngeren sind es rund die Hälfte. Das kann positive wie auch negative Auswirkungen auf das Leben der Kinder und deren Familien haben. Wichtig dabei ist, wie Pädagogen und Eltern mit dem Thema umgehen.

Das soziale Umfeld ist entscheidend

Gabriella Küll kennt sich aus mit Kindern. Als Lehrerin sowie Kinder- und Jugendpsychotherapeutin beschäftigt sie sich mit den Befindlichkeiten und Alltagsproblemen von Heranwachsenden. Immer häufiger kommen Eltern mit ihren Kindern zu Küll in die Sprechstunde und suchen Rat – der Sohn werde immer schlechter in der Schule, könne sich nicht mehr gut konzentrieren. Und dann ist da noch das Smartphone. Er hänge ständig an seinem Smartphone. In solchen Momenten pocht die Psychologin immer auf eine differenzierte Betrachtungsweise: Eine Sucht verdeckt in der Regel etwas, ein anderes Problem, welches das Kind verdrängt. Küll sagt dazu:

Kinder und Jugendliche, die im realen Leben kommunikative und soziale Fähigkeiten zeigen, können Online-Kommunikation für ihre Entwicklung gut nutzen. Kinder, die in diesen Bereich allerdings eher Schwierigkeiten haben, kommen auch im Internet, egal ob über Smartphone oder PC, nicht weiter. Sie werden eher Opfer der negativen Auswirkungen.

Die negativen Auswirkungen machen sich vor allem im Kontakt mit der Umwelt bemerkbar: Die Angst, etwas zu verpassen, wenn sie nicht ständig ihr Smartphone im Auge haben, lähmt die Kinder. Das hindert sie daran, sich über einen längeren Zeitraum hinweg anderen Dingen zu widmen. “In der Gruppe kommunizieren die Kinder nicht mehr unmittelbar, sondern – wenn überhaupt – nur noch unter Einbeziehung ihrer Smartphones.

Aber nicht nur der Kontakt mit anderen verändert sich, Cybermobbing und andere Phänomene sind auch beim mobilen Internetzugang da. Pädagogen und Schulen reagieren auf diese gängigen Probleme mit Computerkursen und Medienpässen. In Suchtfragen sei es laut Küll wichtig, nicht nur die Häufigkeit des Gebrauchs im Auge zu haben, sondern die sonstigen Lebensumstände der Kinder zu sehen. Viele Kinder und Jugendliche können den Gebrauch gut regulieren. “Wer viel online chattet und spielt, seinen Alltag aber geregelt bekommt, weil er gute soziale Kompetenzen besitzt, ist wesentlich weniger gefährdet, wirklich süchtig zu werden, als jemand ohne ausreichende soziale Kompetenzen und Kontakte”, sagt Küll. Eine differenzierte Betrachtungsweise sei daher wichtig.

Medienkompetenz durch sinnvolle Erziehung

Wo fängt problematisches Verhalten also an? Wenn Eltern mit ihren Kindern nicht mehr ins Gespräch kommen können, wenn die Kinder unruhig, zappelig und wütend auf zeitweisen Entzug vom Smartphone oder Computer reagieren, wenn der Kontakt zu anderen Kindern und sonstige Aktivitäten eingeschränkt oder aufgegeben werden. Das seien die ersten Alarmzeichen, sagt Küll. Was also tun, wenn dies auf das eigene Kind zutrifft? Eine Psychotherapie sei in vielen Fällen hilfreich, denn: sehr oft ist das Eltern-Kind-Verhältnis schon gestört. Eltern können trotzdem erst einmal selbst aktiv werden und versuchen, den Konsum ihres Kindes in geregelte Bahnen zu lenken – nicht durch Kontrolle, sondern durch gezieltes Beleben anderer Interessen. “Man kann Kindern problematisches Verhalten nicht abgewöhnen. Man kann nur daran arbeiten, wieder andere Interessen zu wecken, Kreativität und Phantasie zu beleben, die Freude an Bewegung und Gemeinschaft zu reaktivieren”, sagt Küll. Entwicklungsbedingte Schwierigkeiten, familiäre oder schulische Probleme sollten zusätzlich therapeutisch besprochen werden.

Eltern und Schulen können einiges tun, um es gar nicht so weit kommen zu lassen. Das Kind sollte sich gleich an klare Regeln im Umgang mit dem Smartphone gewöhnen – “Smartphone-freie” Zeiten seien laut Küll auch in Schulen wünschenswert. Die Vorbildrolle der Eltern sollte ebenfalls nicht vergessen werden: “Wichtig ist, dass die Eltern selbst ein angemessenes Verhalten im Umgang mit Medien haben.

Smartphones bergen aber nicht nur eine potentielle Suchtgefahr, sondern erleichtern – richtig genutzt – den Alltag vieler Familien: Laut der Studie der LfM lässt sich das Abendessen und andere familiäre Alltagserledigungen, zum Beispiel durch WhatsApp, sehr gut koordinieren. Auch für die persönliche Entfaltung des Kindes hat der Internetzugang einige Vorteile: Sie können beispielsweise mit Rollenbildern in Onlinespielen experimentieren und dadurch Affekte abreagieren. Aber auch der Kontakt untereinander kann verbessert werden: das gemeinsame Anschauen von Videos und Bildern wurde in der Studie als sehr positiv bewertet.

Am Wichtigsten ist es also, dass Kinder und Jugendliche in guten sozialen Umfeldern leben, genügend andere Interessen haben und mit sich und der Umwelt einigermaßen klar kommen. Dann ist das Smartphone nicht gefährlich, sondern nützlich.


Image (adapted) “Close up of smartphone in hand” by Japanexperterna.se (CC BY-SA 2.0)


 

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Mit dem URL-Shortener geht alles zu Ende

Sie sind Fluch und Segen zugleich. Sie sorgen für kurze Links mit wenig Zeichen. URL-Shortener sind ein wichtiges Werkzeug geworden – ihr übermäßiger Einsatz bringt jedoch die Zukunft des Internets in Gefahr. // von Florian Ertel

 sh_650Seit knapp 15 Jahren gibt es die Möglichkeit, eine lange Internetadresse in eine kurze URL umzuwandeln. Mehr als 1.000 unterschiedliche Dienste gab es bereits und einige von ihnen sind aus unserem täglichen Online-Leben nicht mehr wegzudenken.  Eine gefährliche Entwicklung, wenn man Sicherheit und Nachhaltigkeit seiner Webinhalte und des Internets in die Wagschale legt. Weiterlesen »

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