Sony WH-1000XM2 im Test: Die Kopfhörer-Königsklasse

Na, schon mal für 300 Euro Kopfhörer gekauft? Ich nehme an, das trifft nur auf den kleinsten Teil der Leserschaft zu. Immerhin ist das eine ganze Stange Geld und für diesen Preis bekommt man auch zehn mittelmäßige Headsets. Warum es dennoch lohnt, in die Over-Ear-Kopfhörer Sony WH-1000XM2 zu investieren, erkläre ich in diesem Artikel.

Soundqualität

Schauen wir uns als erstes den vielleicht wichtigsten Faktor an: Die Soundqualität. Man darf einiges erwarten von Kopfhörern, die 300 Euro kosten und Sony lässt die Kunden nicht hängen. Die Japaner setzen auf alle aktuellen Sound-Standards, um die beste Tonqualität liefern zu können. Sowohl per Bluetooth als auch über Kabel ist das Hören über die WH-1000XM2 ein Genuss. Solltet ihr kein High-Resolution-Audio besitzen, ist das auch kein Problem. Die Sony-Kopfhörer können alle Audiodateien abspielen. Mit der DSEE HX-Technologie verspricht Sony, dass der Kopfhörer die Lebhaftigkeit und Qualität der Songs durch Upscaling verbessert. Ist die Ausgangsdatei allerdings sehr schlecht, kann diese Funktion auch nicht mehr viel retten.

Grundsätzlich kann ich sagen: Die Audioqualität der Sony WH-1000XM2 ist phänomenal. Es gibt keinen sogenannten Badewanneneffekt. Diesen hört ihr oft bei günstigen Kopfhörern und Bluetooth-Lautsprechern. Die Hersteller boosten die Lautstärke des Basses und der Höhen, um die wahrgenommene Lautstärke zu vervielfältigen. Dadurch leiden die mittleren Töne, die unter anderem den Gesang enthalten. Der Sony-Kopfhörer spricht auf jede Frequenz gleich gut an und überzeugt mit einem neutralen Klangbild. Dadurch macht das Hören von qualitativ hochwertiger Musik sehr viel Spaß, da sich wirklich jedes Musikgenre verzerrungsfrei abbilden lässt.

Sony WH-1000XM2
Die Sony WH-1000XM2 sind bequem genug für Stunden langes tragen. Image by Mika Baumeister

Zahlreiche Anpassungsmöglichkeiten

Schön und gut, dass die Kopfhörer eine ausgeglichene Frequenzkurve bieten. Nur gehöre ich zu den Personen, die sehr auf Bass stehen. Deswegen waren meine vorherigen Kopfhörer (Sony MDR-XB500) auch sehr basslastig. Nur weil der WH-1000XM2 vom Werk aus neutral eingestellt ist, heißt das glücklicherweise nicht, dass sich das nicht ändern ließe. Über die Smartphone-App lassen sich viele Einstellungen anpassen. So bietet die Anwendung „Headphones Connect“ für iOS und Android verschiedene voreingestellte Equalizer an, um den Sound euren Präferenzen anzupassen.

Über die Klangpositionssteuerung könnt ihr einstellen, aus welcher Richtung der Sound kommt: Sei es das normale Stereo-Signal der Lieder oder eine fast beliebige Position rund um den Kopf herum, zum Beispiel von hinten rechts. Das lässt sich am finalen Klang auch deutlich erkennen. Für die reine Musikwiedergabe ist diese Funktion unnötig, wenn ihr den Sony WH-1000XM2 im Heimkinosystem verwendet, mag es sinnvoll sein. Ein weiteres Gimmick ist die VPT-Funktion: Damit lässt sich die Musik in verschiedenen Umgebungen abspielen, wobei der Kopfhörer etwa den blechernen Klang eine Konzerthalle oder den hallenden Sound einer Arena imitiert. VPT ist zwar mal ganz witzig, aber auch nicht für den Alltagsgebrauch gemacht.

Noise Cancelling

Kommen wir zu einem der wohl wichtigsten Punkte der Sony WH-1000XM2: Die Noise Cancelling-Technologie. Ich habe in diesem Artikel bereits erklärt, wie Noise Cancelling genau funktioniert. Aber wie gut klappt das Ganze bei Sony? Long Story Short: Sehr gut. Im direkten Vergleich mit den Bose QuietComfort 25 (Over-Ear) und den Bose QuietComfort 20 (In-Ear) schlägt sich Sony hervorragend. Die Hintergrundgeräusche werden besser herausgefiltert. Das merkt ihr im Vergleich vor allem bei hohen Tönen: Die QC 20 haben Probleme mit hohen Tönen, die durch die geringe Soundbarriere der In-Ears einfach durchdringen. Dadurch hört sich in der Nähe abgespielte Musik, gefiltert durch die Noise Cancelling-Technologie, sehr blechern an. Die QuietComfort 25 sind in diesem Aspekt etwas besser, können aber aufgrund des im direkten Vergleich geringerem Anpressdruck an den Kopf ebenfalls nicht komplett hohe Frequenzen herausfiltern.

Die Sony WH-1000XM2 können allerdings auch nicht zaubern: Hohe und nur kurze Töne werden nicht ideal herausgefiltert, zum Beispiel Ping Pong-Bälle, deren Ton recht laut und kurz ist. Hier fällt es der Software im Hintergrund schwer, Störgeräusche zu isolieren und herauszufiltern. Normale Gespräche werden zu einem Flüstern, energisches Lachen dringt trotzdem hindurch. Sobald ihr aber Musik anschaltet und das Noise Cancelling im Hintergrund läuft, ist es fast nicht mehr wahrnehmbar. Der subjektive Eindruck lässt sich mit drei Buchstaben beschreiben: Wow.

Sony WH-1000XM2
Eine Benachrichtigungs-LED informiert über den Stand des Noise Cancelling. Image by Mika Baumeister

Perfekt in Bus und Bahn

Vor allem bei einer gleichbleibenden Lärmbelastung spielt die Noise-Cancelling-Technik ihre Stärken aus. Diese findet ihr überall: Sei es beim täglichen Pendeln in Bus und Bahn oder vielleicht auch einfach in der Küche, wo das Wasser gemütlich vor sich hin köchelt. Diese einzelnen Frequenzen findet der Sony WH-1000XM2 zuverlässig und filtert sie heraus. Ich kann euch verraten: In der Straßenbahn ist das ein wahrer Genuss. Ein hohes Fiepen beim Anfahren oder das dumpfe Rumpeln über die Schienen sind quasi nicht mehr wahrnehmbar.

Mit der Companion-App könnt ihr das Noise-Cancelling-Level anpassen: In 20 Stufen lässt sich regeln, wie viel der Umgebungsgeräusche der Kopfhörer heraus filtert. Das passiert wahlweise manuell über die App oder automatisch. Hier möchte die Anwendung allerdings dauerhaften GPS-Zugriff, um Bewegungen feststellen zu können – deswegen ist diese bequeme Funktion bei mir deaktiviert.

Tragekomfort

Sony qualifiziert diesen Kopfhörer mit der NC-Technik dazu, ihn während der normalen Arbeit die ganze Zeit zu tragen. Aber acht Stunden Kopfhörer aufgesetzt zu haben, fordert heraus. Das ist auch bei den Sony WH-1000XM2 der Fall: Die Headphones haben einen recht großen Anpressdruck an den Schädel, um stabil zu sitzen. Im Vergleich zu anderen On-Ear-Kopfhörern ist der Unterschied gut merkbar. Für mich benötigte es eine längere Anpassungsphase, bis ich mit den Sony-Kopfhörern problemlos klar kam. Inzwischen fällt mir das zusätzliche Gewicht meist aber nicht auf und ich trage die WH-1000XM2 täglich teils auch länger als acht Stunden: Transit, Arbeit und abendliche Spielrunden addieren sich.

Die Noise-Cancelling-Kopfhörer von Bose tragen sich aber tatsächlich bequemer: Die Ohrmuschel ist weicher, wodurch die Auflagefläche größer ausfällt als bei Sony. Gleichzeitig ist der Bügel nicht so stark gespannt. Die beiden Muscheln drücken also weniger auf den Schädel. Hier muss jeder für sich abwägen: Lieber ein besseres Noise Cancelling oder doch eher ein etwas bequemerer Kopfhörer?

Sony WH-1000XM2
Die Headphones haben einen recht großen Anpressdruck an den Schädel, um stabil zu sitzen. Image by Mika Baumeister

Konnektivität: Bluetooth und Touch-Steuerung

Für die drahtlose Signalübertragung per Bluetooth 4.1 nutzt Sony den hauseigenen LDAC-Standard, der verlustfreie Audiodateien unterstützt. Mit 990 Kilobit pro Sekunde könnte die Audiokodierungstechnologie theoretisch betrachtet sieben normale MP3-Streams gleichzeitig übertragen. LDAC überträgt Audiodateien mit einer Auflösung von maximal 24 Bit und 96 Kilohertz. Ebenfalls unterstützt der Sony WH-1000XM2 den verbreiteten Standard für Bluetooth-Audio SBC (Subband Coding) der mit 328 Kilobit sendet und dadurch problemlos ein hochauflösendes MP3-Lied übertragen kann.

Sony WH-1000XM2
Durch Berühren verbinden sich die Kopfhörer innerhalb weniger Sekunden. Image by Mika Baumeister

Innovative Bedienung mit Touchpanel

Im Gegensatz zu anderen Kopfhörern mit Noise Cancelling punkten die Sony WH-1000XM2 mit einer Gestensteuerung an der rechten Ohrmuschel. Durch ein einfaches Wischen auf der vertikalen Ebene könnt ihr die Lautstärke der Kopfhörer verstellen, die nicht mit der Gerätelautstärke gekoppelt ist – dadurch lässt sich die Ambient-Sound-Funktion genau auf eure Bedürfnisse anpassen. Auf der horizontalen lassen sich Lieder überspringen oder zurückspulen. Ein Doppelklick auf die Mitte der Ohrmuschel pausiert die aktuelle Wiedergabe.

Deckt ihr die rechte Seite des Kopfhörers mit der ganzen Hand ab, deaktiviert sich das Noise Cancelling und die Musik wird auf einen Bruchteil der eigentlichen Lautstärke reduziert. Dadurch könnt ihr mit einem Gegenüber sprechen, ohne die Musikwiedergabe und das Noise Cancelling zu deaktivieren. Nachdem die Hand von der Muschel entfernt ist, spielt die Musik einfach weiter. Diese Funktion ist im Alltag sehr nützlich und wird von mir persönlich häufig genutzt, um kurze Konversationen zu führen oder Nachfragen zu beantworten, ohne fünf Sekunden zum Ausschalten der Musik und zehn Sekunden für das Wiedereinschalten zu verschwenden.

30 Stunden Akku

Ich erwähnte bereits, dass ich den Kopfhörer täglich viele Stunden trage. Das geht aber auch nur, weil der verbaute Akku wirklich exzellent ist. Die von Sony beworbene Akkulaufzeit von 30 Stunden stimmt tatsächlich! Ich habe es nicht auf die Minute genau analysiert, im Regelfall komme ich aber ohne Laden mindestens drei Tage lang aus. Falls die Kopfhörer dann doch einmal komplett leer sein sollten, genügen zehn Minuten Ladezeit für 70 Minuten Musikgenuss. Wenn ihr die Kopfhörer beiseite legt, läuft das Noise Cancelling ganz normal weiter. Das belastet den Akku weiterhin, allerdings hält sich der Ladungsverlust in Grenzen. So lagen die Kopfhörer während der Mittagspause durchaus mal zwei Stunden eingeschaltet neben dem Laptop, ohne dass der Akkustand danach weit gesunken war.

So punktet Sony WH-1000XM2 im Vergleich zu Bose QC-35 und QC-25

Auch Bose stellt hervorragende Kopfhörer her. Allerdings befindet sich der US-amerikanische Hersteller teils einfach noch nicht in der digitalen Ära. Der Bose QC-35 wäre das direkte Konkurrenzprodukt – er bietet aber nur 20 Stunden drahtloser Laufzeit und kostet je nach Modell bis zu 40 Euro mehr als die WH-1000XM2. Gleichzeitig baute Bose Klangoptimierungen ein, die vom Nutzer nicht ausgeschaltet werden können. Dadurch verschwindet der neutrale Sound hochwertiger Audiodateien und die Bose-Software verfälscht den Klang. Die günstigere Version der Bose-Kopfhörer, also der QC-25, kann nicht mit Bluetooth umgehen. Die Nutzung ausschließlich über Klinke war für mich keine Option, da Kabelverbindungen in den nächsten Jahren definitiv weiter sterben werden.

Die Sony-Kopfhörer übertrumpfen die Konkurrenz in allen Aspekten und bieten umfangreiche Funktionen, die bei anderen gar nicht erst angeboten werden. Deswegen gewinnt Sony dieses Duell in fast allen Aspekten. Also: Wenn ihr das Geld über habt und euren Ohren etwas Gutes tun wollt, ist die Investition in die Sony WH-1000XM2 definitiv richtig.

Sony WH-1000XM2
Die Transporttasche passt perfekt. Image by Mika Baumeister

Fazit

Lange habe ich gehadert, ob ich mir neue Kopfhörer kaufen sollte. Ich meine: Warum sollte ich? Ich besitze ein sehr gutes In-Ear-Headset und einen ordentlichen kabelgebundenen Kopfhörer für den Heimgebrauch. Aber trotzdem war da dieser Haben-wollen-Reiz. Im schlimmsten Fall hätte ich das Audio-Accessoire auch wieder zurück schicken können. Also ging der Daumen auf die „Kaufen“-Taste. Bis heute – knapp einen Monat später – bereue ich den Kauf nicht. Das Noise Cancelling funktioniert wirklich gut und macht eine hektische Arbeitsumgebung ein ganzes Stückchen angenehmer. In der Bahn plötzlich leise Musik hören zu können, obwohl die Räder unter der Belastung quietschen, ist eine völlig neue Erfahrung. Und die neutrale Klangwiedergabe mit Unterstützung für High-Resolution-Audio ist ebenfalls ein großer Pluspunkt.

Natürlich geht es trotzdem günstiger. Die Sony MDR-1000X als Vorgänger haben prinzipiell die gleiche Technik verbaut, nur die App-Funktionen fehlen und die Akkulaufzeit liegt bei 20 Stunden. Der Aufpreis von 50 Euro macht sich meiner Meinung nach aber allein durch den stärkeren Akku bezahlt. Läge der 1000X bei 200 Euro, müsste man noch einmal neu kalkulieren. Beim jetzigen Preisunterschied war meine Entscheidung aber recht deutlich.

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Dieser Artikel erschien zuerst auf Netzpiloten Apple.


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Mika Baumeister

Mika Baumeister

studiert Technikjournalismus in Bonn und schreibt schon seit einiger Zeit über allerlei technischen Krimskrams: Seien es nun Smartphones, Gadgets, Drohnen, VR-Brillen oder Anwendungen aller Art. Prinzipiell macht er mit jedem Artikel sein Hobby einen Tacken mehr zum Beruf.

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