Smart Mirrors: Spieglein, Spieglein an der Wand…

Als ich neulich morgens durch Berlin lief, fiel mir ein Haufen aus schwarzem Plastik auf: Ein gutes Dutzend VHS-Kassetten. Handbeschriftet waren sie: Dirty Dancing, der Zauberlehrling, Star Wars. Abspielen könnte ich die Tapes heute nicht mehr, ist aber auch nicht so schlimm alles schon gesehen in jungen Jahren. Aber das Lustige für mich war am Videorekorder immer: die blinkende Uhr. Egal, wie oft ich mich als Kind durch die obskuren Menüs gefummelt habe, um die Uhr des Videorekorders wieder einzustellen, ein paar Tage später blinkte da wieder die 0:00. Ich vermute, unser Haushalt war nicht der einzige, bei dem der Stecker gelegentlich herausgezogen wurde, um etwas dringendere Dinge zu erledigen, wie Staubsaugen.

…ist ein Smart Home wirklich so interessant? 

Warum schreibe ich hier über 30 Jahre alte Technik? Einfach: Das Äquivalent des VHS-Videorekorders heute ist der Inbegriff der Innovation im vernetzten Zuhause: Der Smart Mirror. Vernetzte Spiegel mit eingebauten Kameras und Bildschirmen, mit Internetverbindung und Lautsprechern; Spiegel, die das Wetter anzeigen und die Nachrichten, WhatsApp, Instagram und wie das neue Make-up aussehen könnte. Ein chinesisches Modell zeigt statt des Spiegelbilds die optimierte Version des eigenen Gesichts: So könntest du aussehen ohne Hautunreinheiten! Klick hier, um unsere neue Hautcreme zu kaufen!” Spieglein, Spieglein an der Wand, wer könnte die schönste werden im ganzen Land?

Zu Besuch beim Science-Fiction-Autor Bruce Sterling 

In den Katalogen besonders innovativer Immobilienfirmen tauchen solche Smart Mirrors ebenso auf wie auf den Technikmessen in China und den USA. Und sie sehen durchaus beeindruckend aus! Aber die Realität sieht etwas anders aus, vielleicht etwas banaler.

Vor einiger Zeit hatte ich das Vergnügen, für einige Tage ein experimentelles Smart Home in Turin zu bewohnen. Betrieben von Open-Source-Aktivisten und dem Schriftstellerpaar Bruce Sterling und Jasmina Tesanovic ist Casa Jasmina ein echtes Community-Experiment. Hier werden neue Gadgets nicht nur kurz getestet, hier kann man wirklich Zeit mit ihnen verbringen, erfahren wie es wäre, mit ihnen zu leben. Das ist wirklich interessant, wenn auch nicht unbedingt das Richtige für Zartbesaitete. Das Leben an der Cutting Edge kann manchmal etwas ungemütlich sein.

Aber was kann da beruhigender sein als das vertraute Blinken der drei magischen Ziffern “0:00”: Selbst in der Welt der hypervernetzten Augmented Reality blinkt, vertraut und etwas selbstvergessen, heute der Smart Mirror. Als wollte er sagen: Don’t panic. Alles wird gut.

Peter Bihr

war Netzpiloten-Projektleiter von 2007-2010. Heute hilft er als freier Berater Unternehmen, ihre Strategien erfolgreich ins Netz zu übertragen. Über Social Media und digitale Kultur schreibt und twittert Peter auch privat unter TheWavingCat.com. Mitglied des Netzpiloten Blogger Networks.


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