Occupy ist schick und vergisst worum es geht

occupy ist schickDer Kapitalismus und die Strohmänner dahinter fristen im Moment ein Dasein, welches keine hohe Anerkennung findet in der Bevölkerung. Protest regt sich bekanntlich auf der ganzen Welt in Form der Occupy Bewegung. Es wird protestiert gegen die Globalisierung, die Gier und die fehlende soziale Verantwortung gegenüber der Gesellschaft. Die Embleme des Kapitalismus werden dabei fett und mit völliger Ablehnung auf Protest-Plakaten, Flyern und auch auf der Kleidung zur Schau gestellt. Dumm nur, dass zumindest die Markenembleme auf der Kleidung nicht immer als kritische Symbolik verstanden werden können. Auf der Brust gebrandmarkt durch verschiedene Logos bekannter Textilhersteller und mit den neuesten Gadgets aus zumeist fragwürdigen asiatischen Produktionsbedingungen ausgestattet, machen sich viele Protestler unglaubwürdig im Kampf gegen das böse Kapital…

Mit guten Absichten voran

Dabei haben viele, gerade junge Leute, gute Absichten und wissen um die Ungerechtigkeiten in der Welt. Sie fühlen sich nicht grundlos dazu berufen, jetzt zu protestieren und Teil der Bewegung für eine bessere Zukunft zu sein. Sie möchten mehr Verantwortung übernehmen und fordern, dass der Raubtierkapitalismus endet. Das ist ehrbar. Doch scheint es, als haben viele der Protestler nur eine vage Ahnung gegen was sie da eigentlich genau protestieren. Als Überfeind gelten natürlich die Banker und Broker. Die Jongleure der Milliarden-Beträge an den Börsen. Sie sind es, die uns in den Ruin gefahren haben und offensichtlich schuldig sind, an dem Leid vieler geschädigter Anleger und an den Krisen der bankrotten Staaten. Sie gelten als Inbegriff des Kapitalismus und gehören an den Pranger gestellt. Es ist nicht schwer, die Männer in den schwarzen Anzügen, die gut und gerne mal mit dem Porsche zur Arbeit fahren und deren Bosse sogar mit dem Helikopter einfliegen, zu hassen. Die konservativen Grauen, die mit sozialer Gerechtigkeit genauso wenig am Hut haben wie mit Dosenravioli nimmt man sich gerne als Feindbild. Anders jedoch ist es bei den hippen und modernen CEOs a la Steve Jobs, die trendige Multimilliarden-Unternehmen leiten. Diese passen nicht ins Feindbild der Jugend im Zucotti-Park oder auf den grünen Wiesen am Bundestag.

Gerne schmückt man sich auch hier auf den Demos mit seinem neuen iPhone und twittert den aktuellsten Leitspruch über den Microblog. Ebenso zeigt man sich stilsicher im Vintage-Look, der zuvor noch fix im H&M geshopped wurde oder versucht mit seinen 140 Euro teuren Doc Martens, den politischen Protest von einst auch jetzt noch auf die Straßen zu holen. Dabei ist es geradezu ironisch, dass die Waffen und Uniformen der Protestler aus den Fabriken der größten Verbrecher der Welt stammen. Durch Trendscouts der Unternehmen, kostengünstige Produktionen und sehr hohe Preise, an denen oftmals einfach zwei oder drei Nullen angehängt werden, leben die Idole der Generation Occupy den gleichen Kapitalismus vor, den man den Bankern und Brokern austreiben will – mit dem Unterschied, dass er hier geduldet wird.

Der Protestmarsch wird zum Catwalk

So oder so ähnlich tönte es auch von den großen Medien in den letzten Tagen. So schrieb Brian O’Neill, Kommentator des britischen Telegraph, vor einigen Tagen über die Occupy-Bewegung, sie sei „a fashion show masquerading as a political movement“. Die ZEIT verteidigt die Jugend darauf hin und schrieb: „Selbst die Französische Revolution war von Modeerscheinungen aller Art begleitet“. Auslöser der Diskussion war allerdings die New York Times, die im Fashion Ressort, direkt mal eine Modestrecke druckte, in der die coolen Outfits der Demonstranten inklusive Interview der Protestler abgebildet worden.

So entgegnete u.a. der 19-jährige Brain Allen auf die Frage hin, was er heute trägt: „Almost all of my clothing is borrowed. It’s my friend’s sweater that had holes in it. My shoes are Doc Martens that my friend gave to me. My pants I bought off the Internet – I don’t know from where. My friend gave me these glasses as well”.

Ähnliches entgegnete die 22-jährige Nicole Thomas auf die gleiche Frage: „I’m wearing Doc Martens. I got these tights in London. This is a shirt from Victoria’s Secret. It’s actually a pajama shirt. And this is my dad’s jacket”.

Ob die Beiden wissen, dass die Marke Dr. Martens seit 2003 alle Produktionsstätten in England geschlossen hat, damit man sie nach Thailand, China sowie Vietnam verlegen konnte? Dorthin, wo sie für einen Bruchteil produziert werden, um sie später mit riesigen Gewinnen am heimischen Markt wieder verkaufen zu können. Sollte ein Unternehmen, welches solch eine fragwürdige Haltung einnimmt, nicht auf der Seite der Kritisierten stehen, anstatt als Symbol des Kampfes an den Füßen der Empörten zu glänzen? Ist dieses und viele weitere Unternehmen nicht ebenfalls der Inbegriff von Kapitalismus, wie er nicht mehr erwünscht ist?

Kapitalismus ist mehr als nur Goldman Sachs

Es ist natürlich unfair und oberflächlich die Protestler auf getragene Kleidung zu reduzieren, aber dennoch ist es angebracht, zu hinterfragen, was man da mit Stolz trägt. Die Verantwortlichen hinter den Markenwaren, deren Produkte nicht selten von Kindern und Niedrig-Lohn-Arbeitern unter unmenschlichen, fast grausamen Bedingungen hergestellt werden, stehen selten auf der Abschussliste, der jungen Revoluzzer. Gerade einmal die hartgesottenen Dauerdemonstranten schaffen es die Verknüpfung des einen Übels mit dem anderen Übel aufzustellen. Dabei gehören auch diese Unternehmen, von denen man ebenfalls gut und gerne behaupten kann, dass auch sie zu dem 1 Prozent gehören, die die anderen 99 Prozent an der Nase herumführt, genauso dazu.

Die Kapitalismus-Hydra hat mehr als einen Kopf und wird weiter leben wenn man nur einen vom Leib trennt. Es ist gut zu protestieren und den Mächtigen mit einer starken Gemeinschaft entgegen zu treten, doch genauso wichtig ist es auch für den Einzelnen zu verstehen, dass es damit nicht getan ist. Nicht nur ein Wandel im Denken der Finanzhaie ist nötig um ein System wie das jetzige zu kippen. Auch ein Wandel in den Köpfen der Bürger ist von großer Bedeutung. Ansonsten passiert es, dass wir diesen aktuellen Moment des Wandels verschenken und nach kurzer Zeit wieder da stehen wo wir angefangen haben. Vor den gläsernen Bollwerken, der sozialen Ungerechtigkeit. Vor den Machtzentralen des einen Prozentes.

Andreas Weck

schreibt seit 2011 für die Netzpiloten und war von 2012 bis 2013 Projektleiter des Online-Magazins. Zur Zeit ist er Redakteur beim t3n-Magazin und war zuletzt als Silicon-Valley-Korrespondent in den USA tätig.


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3 comments

  1. ja ja …. 1. macht erstmal die Leute unglaubwürdig… wahrscheinlich haben die Leute selbst größte Schuld weil sie mit ihrem Konsum ja alles erst ermöglicht haben….

    Hey Mr. Weck .. mir ist es egal was Brian Allen oder Nicole Thomas tragen und/oder ihrem outfit sagen/ Bedeutung zumessen.
    Wollen sie wirklich das dreiste Ausrauben ganzer Volkswirtschaften mit Hilfe der aufgescheuchten Politiker
    durch die Finanzmärkte und ein paar wenige Personen welche die Machkonzentrierung anstreben… wollen sie das wirklich mit den Lebenswirklichkeiten Einzelner vergleichen…
    Denken sie wirklich, dass diese Menschen nichts dazu lernen werden, die Erfahrungen die sie durch ihren Protest machen werden.. spurlos an ihnen vorüber gehen. Meinen sie wirklich es geht um „Bereichtigung“ hier mit zu machen…

    Ich bin froh, dass Menschen aller couleur sich aufraffen.. hinstehen und sagen … SO NICHT … dass die Menschen sich verweigern das Spiel weiter mitzutragen.
    Ich kenne viele Mittelstänler die schon heute eher am Limit des Machbaren leben… und ich kenne noch viel mehr die über ihre Verhältnisse leben… aber nicht im Sinne von „Prassen“ nein im Sinne von „Hoffnung da wieder raus zu kommn“ und ich kenne sehr viele die im Begriff sind alles zu verlieren… die anderen sind dann schon im Niemandsland Harz4 angekommen. Alle haben in ihrer Vita Dinge die nicht zum „REINEN“ Protest führen können… weil sie schonmal einen Grand Gru oder ein H&M Kleid oder einen Porsche genossen oder besessen haben…

  2. Nein, ich möchte das nicht vergleichen. Ich möchte nur behaupten, dass es jetzt an der Zeit ist reinen Tisch zu machen. Und zwar mit allen Facetten des Kapitalismus. Es ist schlichtweg nicht richtig, den Kapitalismus der „uns“ im Westen zerstört zu kritisieren und dass der Kapitalismus, der am anderen Ende der Welt wirklich Menschen an den Rand des „Machbaren“ drängt, geduldet wird. Das kann nicht die Lösung sein. Das ist als wenn man dem einen Kind sagt, das darfst du nicht und dem Geschwisterchen alles durchgehen lässt. Ich hoffe, dass die Menschen aus den Protesten lernen, sich auch über das Offensichtliche hinaus bewegen und begreifen, dass wir selber mit unseren eigenen Lebensstilen ebenso ins Gericht gehen müssen. Auch ich werde mich tiefer mit den Dingen, die ich hier beschrieben habe, auseinander setzen müssen. Meine Ambition ist es zumindest nicht den Protest unglaubwürdig zu machen. Meine Anliegen ist es eher zu sagen.. Hey Leute, da gibt es noch mehr Dinge, die wir verändern müssen. Und zwar womöglich auch an uns selber.

  3. Lieber Herr Weck!
    Danke Her Weck, dass Sie etwas in diesem Antikapitalismusrausch die Sichtweise etwas ausnüchtern, wir alle haben bisher nicht schlecht damit gelebt bis jetzt. Jedoch nun hat uns die Realwirtschaft eingeholt, China und Asien haben einen Kapitalismus entwickelt, wie wir ihn uns nie getraut hätten zu erträumen. Und unsere banker wollten daran teilnehemen auch zum Wohle unserer Renten und nun haben Sie gemerkt, da gibt es regionen auf der Welt die tatsächlich einen Raubtierkapitalismus praktizieren, der sich gewaschen hat und das eine Land sogar mit einem kommunistischen Zentralkommiteé. Wer hätte das gedacht? Selbst ich dürfte nichts kritisches sagen, sitze ich doch hier an einem PC der in CHINA gemacht wurde dieses tippe, mit meinem Reallohn hätte ich den Real Wert, wenn er ehrlich und anständig die Arbei8ter ausbezahlt hätte, diesen PC nie bezahlen können. Das Einzige was mich berechtigt sind die geringelten selbstgestrickten Socken meiner Mama, die mich berechtigen zu kritisieren. Herr Weck ich bin froh, dass es junge Leute gibt, die Zelten und protestieren mit Porsche oder ohne mit Apple oder ohne, es ist Zeit, dass die Eliten unserer Gesellschaften lernen , dass sie uns nicht jeden Scheiss als Gold verkaufe können oder dass 55 Milliarden Euro, die auf wundersame Weise wieder aufgetaucht sind im Staatshaushalt durch einen Fehler bei Plus Minus oder bei einer Verwechselung bei Brutto Netto sind sie anscheinend abhanden gekommen. Wer hat in diesem Zwischenraum diese 55 Milliarden Euro zur Verfügung gehabt und wer hat mit diesem Kapital auch noch Geld gemacht? Wenn eine Supermarktverkäuferin wegen 1 Euro falsch abgerechnet gekündigt wird und unser Finanzminister seine eigenen Steuern nicht korrekt abrechnen kann. In einer solchen Gesellschaft sind die eliten mit diesen netten Occupy Campern noch richtig gut bedient. Das kann auch mal ganz schnell umkippen wie z.B. in England vor ein paar Monaten.
    Herzlichst
    Herrmann Finkelsteen

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