Musik im Digitalen: Tiefe vs. Weite

Innige Liebe für einige, wenige Künstler hegen oder permanent neue Bands entdecken? Ein Streit über Musik im Digitalen und den Sinn von Dienste wie Last.fm. Hatten wir letzte Woche noch von den Umwälzungen bei Last.fm berichtet, welches Mitte April sein Radio schließen wird, um sich ausschließlich auf seinen Scrobbler- und Vorschlagsdienst zu beschränken, so ist nun zu lesen, dass das Unternehmen am besten gleich ganz dichtmachen sollte. Auf neue Musik würde und – vor allem – will man hier schließlich gar nicht stoßen. Tatsächlich?

If you like this, we’ll make you love it

Es liest sich fast wie eine Replik auf den letzten Beitrag dieser Kolumne, was der Privatdozent am Berklee College of Music und Musikmedienmanager George Howard jetzt für Forbes.com formuliert hat: Niemand möchte neue Musik „entdecken„, Last.fm & Co sollten ihre Ressourcen eher in andere Strategien und Felder investieren. Bands können, laut Howard, zunächst immer nur einen kleinen Kreis von early adopters erreichen und – anders als neue Kommunikationsdienste oder soziale Netzwerke – nicht auf einen Netzwerkeffekt bauen.

Außerdem würde die Vermarktung von Künstlern nach dem Schema „Wir klingen wie eine Mischung aus dieser und jener Band“ die Konsumentinnen von vorherein abschrecken, da sie ja immer die Möglichkeit eines gescheiterten Vergleichs in sich trägt. Als drittes Argument führt er den sogenannten Reminiszenzhöcker an, also die Phase der Adoleszenz, in der sich der menschliche Geschmack am stärksten und nachhaltigsten durch diverse Erlebnisse und Erfahrungen prägt, die dann als dauerhafte Erinnerungen unseren Zugang zur Musik bestimmen. George Howard schlussfolgert daraus, „services should focus on going deep rather than going wide„. Statt „If you like this, you will love that…“ also: „If you like this, we’ll make you love it.“ – quasi die Rolling-Stone‘- und Classic-Rock’isierung des digitalen Musikerlebnisses. Für neue Bands wird es auch schon neue Teenager geben, so der Autor.

Entdeckungen sind nicht nur für Teenager da

Das ist reichlich zu kurz gedacht. Zum einen deckt sich diese Altersteilung auch über den Kreis der early adopters hinaus kaum mit der (bzw. meiner) Empirie eines x-beliebigen Newcomer-Konzerts, egal in welcher Stadt. Zum anderen ist das ganze Gehabe um die Vergleiche von Bands eine Modeerscheinung des letzten Jahrzehnts, von denen sich Musiker und Medien schon längst wieder begonnen haben, zu emanzipieren.

Viel schwerer wiegt jedoch, dass ein Dienst wie Last.fm George Howards Ansätze bereits berücksichtig. In seinem Text fragt er rhetorisch, warum er, der seit seiner Jugend R.E.M. liebt, sich die neuen R.E.M. – seiner Meinung nach wären das The National – empfehlen lassen sollte?, wenn diese eh nicht an das „Original“ heranreichen könnten. Nun weigert sich Last.fm bei R.E.M. allerdings, dem Hörer The National zum Weiterhören vorzuschlagen, stattdessen werden Namen wie U2, Pearl Jam, 10,000 Maniacs, The Minus 5, Wilco und The Smashing Pumpkins gelistet, also weitere, (fast) rein männliche, weiße Bands, die parallel zu R.E.M. aktiv waren, teilweise zeitgleich mit ihnen bekannt wurden, und tatsächlich (dezent) ähnliche Inhalte und Ästhetiken vertraten. „Gleich“ klingen sie allerdings nicht und schon die Differenz allein macht sie interessant für eine Entdeckung. George Howard wendet dagegen ein, dass er solche Bands bereits kennt, jemand der allerdings zum ersten Mal auf R.E.M. gestoßen ist oder endlich sich einmal über diese Band informieren möchte. Und das ist gar nicht einmal so unwahrscheinlich, denn ein kultureller Kanon verblasst schneller als viele denken, wie erst jüngst ein Video zeigte, in dem heutige Teenager Nirvana-Videos analysieren sollten.

Bei nicht wenigen Künstlern finden sich bei den Empfehlungen zudem auch ältere, die Erstere wiederum maßgeblich beeinflusst haben, sowie vorherige oder aktuelle Neben-Projekte der Bandmitglieder. Last.fm geht also bereits in die Tiefe. Außerdem kann der Code weiter lernen und sich an individuelle Entdeckungspräferenzen anpassen. Bliebe nur noch die Netzwerk-Problematik: Tatsächlich kann sich neue Musik auf Facebook etc. am schnellsten und einfachsten verbreiten, was George Howard allerdings gar nicht, ein Dienst wie Last.fm ermöglicht es aber, auch von Sphären in diesen Netzwerken zu profitieren, an die man nicht direkt angeschlossen ist. Wenn etwa in Kanada eine neue Band sich wachsender Popularität bei einem Publikum erfreut, das eine ähnliche Musik hört wie die Nutzerin selbst, dann kann sich dieses Geschmackswissen halb anonym in die Empfehlungslisten schleichen – ganz ohne direkte Verbindung über via-via-via. Da R.E.M. ja Geschichte sind und George Howard irgendwann auch die letzte B-Seiten-und-Raritäten-Kompilation durch- oder sich gar überhört hat, wird er ja vielleicht wieder darauf zurückkommen.


Image (adapted) „Musica comprimida – Compressed Music“ by Ferrari + caballos + fuerza = cerebro Humano (CC BY-SA 2.0)


Thomas Vorreyer

schreibt als freier Journalist vor allem über Kultur und Gesellschaft im Angesicht der Digitalisierung.


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