Langsamkeit, Duchamps und jede Menge Jetzt: Futurity Long Conversation auf der Transmediale

Neun Stunden Zeit, um über Zukünftigkeit zu sprechen – eigentlich nicht übermäßig viel angesichts dieses Themas. Die allerdings ziemlich lang werden kann, wenn man im dämmrigen Auditorium des Hauses der Kulturen der Welt sitzt. Gegen 20 Uhr fragt Andy Cameron, der Chef des Benetton-Kommunikationsforschungscenters „Fabrica“, wie viele Menschen eigentlich schon von Beginn an im Saal sitzen. Es heben sich etwa fünf Hände. „You have my admiration“, sagt er.
22 Künstler, Designer, Theoretiker und Journalisten diffundieren auf und von der Bühne. 22 Minuten haben sie je Paarung Zeit, ein Gespräch zu führen, bis per Gong einer die Bühne verlassen muss und ein neuer Diskussionspartner die Bühne betritt. Das kann spannend sein – oder aber auch sehr langwierig, ganz nach Paarung auf der Bühne. Um kurz vor 17 Uhr konstatiert der indonesische Künstler und Kurator Gustaff Harrimann Iskandar aus Indonesien er könne mit dieser ganzen Diskussion hier kaum etwas anfangen: Wegen der wechselvollen Geschichte in Indonesien seien immer wieder neue Zukunftsvisionen von der niederländischen Kolonialmacht bis zum Suharto-Regime aufgetaucht. Zu viele, meint Harrimann Iskander: „Die Zukunft ist bedeutungslos für uns, man muss erst einmal die Gegenwart verstehen. Man muss seinen Körper auf die Gegenwart einstellen, denn Veränderung kann jederzeit stattfinden.“
Zuvor hatte der niederländische Softwareprogrammierer Jaromil sich – ganz Linux-Verfechter – für mehr Kooperationen in der Zukunft ausgesprochen und beklagt, wie monopolisiert viele Entscheidungsprozesse noch heute sind. Er sei stolz, Dinge zu tun, mit denen andere etwas anfangen können, zu dem sie etwas beitragen können. Auch wenn das nicht immer der schnellste Weg sei. „Das Feiern von Hast und Geschwindigkeit sind die Probleme des futuristischen Ansatzes“, sagt er. „Ich mag es, nicht der Erste zu sein.“ und die Wiederentdeckung der Langsamkeit angeregt. Und beschämt den einen oder anderen Zuschauer ein wenig, wenn er mit Harrimann Iskander beginnen will, ein Gespräch über die grandiose DIY-Kultur in Indonesien anstößt – denn das hat bekanntlich wenig mit Bastel-Schick zu tun als vielmehr mit der blanken Notwendigkeit.
Es gibt auch Längen in der Diskussion. Etwa, wenn sich die britischen Professoren Steve Benford und Gabriella Giannachi über Myspace-Selbstmorde, Datamining bei Amazon und das 10 Jahre alte Google-Maps-Bild von Giannachis Haus austauschten. Was daran liegen mag, dass sie beide gemeinsam am Horizon-Projekt der Universität Nottingham mitarbeiten. Giannachi fragt sich, ob archivierte Dokumente des Alltagslebens einen Wert haben – besonders vor dem Hintergrund, dass ihre siebenjährige Tochter einer Generation angehört, deren Leben komplett digital eingefangen und gespeichert wird.
Die großen Minuten hat die Long Futurity Conversation allerdings dann, wenn sich auf der Bühne mal ein wenig gezofft wird. Etwa, als der bärtige und bemützte Künstler Warren Neidich sich mit der zarten Professorin Denisa Kera anlegt. Neidich, der Kunstwerke schafft, die vor dem geistigen Auge seiner Zuschauer stattfinden (indem er auf ihre Vorstellungskraft abzielt), koffert Kera an, als sie mit ihm darüber diskutieren möchte, ob die Zukunft noch das Individuum brauchen wird – oder über soziale Netzwerke und ihre Auswirkungen. Er beschimpft sie wie sich selbst als romantisch. Während Kera über das eigentliche Thema der Veranstaltung, Zukünftigkeit sprechen will, versteigt sich Neidich in einen nicht uninteressanten, aber doch ganz eigenen Gedanken – über den Effekt, den Kultur und Architektur auf unsere Entwicklung als Individuum haben, über Duchamps Pissoir, die Musik von Cage. Kera fürchtet um den Erhalt des Individuums, denkt darüber nach, ob man es künftig mit seinem ganzen geistigen Potential noch benötigt werden wird – oder ob nicht eine versklavte Masse ausreicht. Woraufhin Neidich beginnt, die Kraft der Kunst zu preisen: „Wissenschaftler suchen Konstanz, reproduzierbare Ergebnisse. Aber ein Künstler wie Andy Warhol kann alles verändern.“ Und beide sich darin versteigen, was für eine Gattung Barcodes sind, die doch in Supermärkten immer miteinander sprechen. Er wisse nicht, ob er mit denen leben wolle, sagt Neidlich. Kommt drauf an, ob man das interessant gestalten kann, meint Kera.
Wirkliches Highlight der langen Unterhaltung (wahrscheinlich neben den Beiträgen von MIT-Professor Sharpio, die ich leider verpasst habe), ist allerdings das aufeinandertreffen von Designer Jimmy Loizeau mit Bloggerin Regine Debatty. Loizeau, der auf der Transmediale seine fleischfressenden Hausroboter in Möbeloptik präsentiert, hält ein Plädoyer für Design, das nicht nur hübsch ausschaut, sondern Fragen aufwirft. Und Debatty, angetan mit einem hübschen französischen Akzent und einem rosa Smiley-Pullover, verkündet, dass sie keine Lust mehr ihr Blog hat – und wie langweilig sie Design eigentlich findet. Und auch auf Bücher will sie nicht schreiben: „Ich mag es nicht, meinen Text gedruckt zu sehen, ich fühle mich einfach nicht wohl damit, wenn man ihn nicht mehr verändern kann, es nicht mehr „work in progress“ ist.“ Loizeaus Sachen aber nicht – von denen weiss sie nicht wirklich, was sie davon halten soll. Geräte, die Mäuse und Fliegen, vielleicht irgendwann auch Menschen essen können? Für die Tierversuchsgegnerin und Veganer-Freundin Debatty schwierig. Loizeau sagt, er wolle ganz im Gegenteil wieder sensibilisieren – nachdem wir im Mikrokosmos unseres Zuhauses ja sonst auch ganz locker differenzieren, wer, von der Fruchtfliege bis zur Katze, leben darf und wer zu sterben hat. Und nachdem (gähn), uns das Fernsehen für den Tod desensibilisiert hat. Einziges Problem an diesem munteren Geplauder: Mit Zukunftsvisionen hat das Gespräch auf der Bühne auf einmal nicht mehr viel zu tun – höchstens dort, wo es um die Entwicklung von Biotech-Künstlern ging. Und die diskutierte Debatty auch gleich mit ihrer nächsten Gesprächspartnerin, der studierten Physikerin und Künstlerin Nicola Triscott, weiter, die sich für die Schnittstelle und Kooperation von Wissenschaft und Kunst interessiert.
Flacher wird die Diskussion, als die humorvolle Triscott auf den etwas steifen Benetton-Kommunikationsforscher Andy Cameron trifft – und er darüber plaudert, wie Benetton mit einer Social Media-Kampagne die neuen Models für die nächste Werbekampagne finden will – ausgewählt von der Masse. Und wie er die „Zukunft von Shops“ gestalten will. Triscott versucht, darüber zu diskutieren, warum unsere Zeit so risikofrei geworden ist. Von Experimenten aus ihrer Schulzeit habe sie noch immer Narben an den Beinen. Heute wäre so etwas undenkbar, der Jugend werde beigebracht, sich Regeln zu fügen, es richtig zu machen. „Leuten das Scheitern erlauben – das sagt uns etwas über die Zukunft“, sagt Triscott, lobt die Darwin-Awards. Sagt, die Leute müssten anfangen, „Expertise“, die ihnen vor die Nase gesetzt wird, zu hinterfragen. Oder zumindest die Personen, die sie präsentieren. Gedanken, auf die Cameron leider kaum einsteigt.
Und so plätschert die Long Conversation weiter vor sich hin. Mal schlauer, mal weniger Visionär. Über Fahrräder als Autos der Zukunft, Kunst statt Werbung und Konferenzen ohne Teilnehmer. Mal sehen, wie es dann tatsächlich wird. Später in der Zukünftigkeit.

Meike Laaff

(www.laaff.net) lebt und arbeitet als Journalistin in Berlin. Sie ist stellvertretende Ressortleiterin bei taz.de, schreibt für überregionale Zeitungen, Onlinemagazine und produziert Radiobeiträge. Sie betreut zudem das taz-Datenschutzblog CTRL.


Artikel per E-Mail verschicken
Schlagwörter:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.