Jetzt ist der Fernseher auch weg

Es war vor ungefähr zwei Jahren: Ich hatte – ohne es aktiv vorgehabt zu haben – einfach den Kauf von Zeitungen und Zeitschriften eingestellt. Das Lesen von Massenmedien in Zügen, in Wartebereichen auf dem Flughafen oder einfach mal in Ruhe am Sonntag morgen war jahrzehntelang Teil meiner Aktivitäten. Wenn man aber jeden Tag beruflich im Internet liest und schreibt, dann verlässt einen offenbar irgendwann das Interesse. Meine journalistische Tätigkeit hatte mit dem Siegeszug des Web Ende der Neunziger Jahre eingesetzt. Jetzt hatte der ständige Fokus auf Buchstaben mein Studium der Printwelt exmatrikuliert.

Aber es gab ja immer noch das Fernsehen. Ich muss zugeben, dass ich seit dem Anbiedern der öfffentlich-rechtlichen Sender an das Prekariatsfernsehen auf SAT1, RTL und VOX auch dort kaum noch meine Heimat fand. Aber ich sah eigentlich immer 3SAT, arte und die Dritten Programme. Nach der Welle von Talkshows in den letzten Jahren reduzierte sich auch diese Gewohnheit. Ich vergaß sogar meine hämischen Kommentare über das Fernsehprogramm.

Dann kam der verheerende Dreischlag auf Japan: Erdbeben, Tsunami und Atomkraftwerksexplosionen. Die Hilflosigkeit der versammelten Experten auf dem gesamten Globus, sei es auf TV5, CNN, BBC, ARD oder NHK machte mir schlagartig klar, dass die Milliarden Euro, die jedes Jahr in Tausende von Journalisten, Ingenieuren und Naturwissenschaftlern versenkt werden in keinem Verhältnis zur gesellschaftlichen Praxis von Technologie und kommunikativem Austausch darüber steht. Es findet keine öffentliche Meinungsbildung sondern eine amtliche Verhöhnung der Bürger durch Wissenschaftler und Politiker statt…

Die Wissenden stehen stolz vor den Journalisten und erklären jahrelang, dass zu keiner Zeit Anlaß zur Gefahr bestand, und dass alle Bedenkenträger im Grunde Idioten seien und den Wohlstand und das Glück von Millionen von Menschen gefährdeten: Dann kommen die Lebensmittelskandale, dann kommen die vielen Tausenden Toten im Jahr durch Sekundenschlaf der Auto- und LKW-Fahrer, oder Hunderte Opfer in Auto-Tunnels, dann kommen die Zehntausende Toten, die sich ins Grab geschlemmt haben, diejenigen, die sich um den Verstand gearbeitet haben – und immer steht ein Experte bereit und hebt die Schultern. Denn solche Entwicklungen sind eigentlich nur vereinzelte Vorkommnisse, die Wissenschaft aber hätte immer das große Ganze im Bild. Die Journalisten nicken. Und die Cutter in den Sendern schneiden Archivmaterial über die Texte, die wir schon Tausende Male gehört haben: Egal zu welchem Thema. Und wir brauchen noch 6 Milliarden für die Terrorbekämpfung und neue Gesetze, weil da neulich 8 Menschen gestorben sind. Und in Afghanistan müssen auch wieder welche ins Gras beißen. Wann rückt denn die Armee bei der Tabakindustrie, den Spirituosenherstellern oder den Spediteuren ein? Damit könnte man man glatt 100.000 Deutsche jedes Jahr retten.

Das letzte verbliebene große Massenmedium hat angesichts der Berichterstattung von Japan eines gezeigt: Der Inhalt, der dort transportiert wird, kommt aus dem Nichts und verschwindet dort. Es ist wie eine eingeübte schlechte Angewohnheit, so etwas wie das Rauchen oder das schnelle Fahren mit Motorrädern auf unübersichtlichen Straßen. Der Inhalt ist nur eine Projektionsfläche auf der alle und jeder seine persönliche Exkrementik ablädt. Leider ist es in fast allen Fällen heiße Luft. Seit gestern schaue ich nur noch DVDs über den Kasten. Mir reicht es. Mal sehen, ob mir mein geliebtes Radio noch bleibt. Die Bruderschaft der Wissenden und Wissensvermittelnden ist bei mir endgültig als wahnhafte Sekte diskreditiert.

Jörg Wittkewitz

  ist seit 1999 als Freier Autor und Freier Journalist tätig für nationale und internationale Zeitungen und Magazine, Online-Publikationen sowie Radio- und TV-Sender. (Redaktionsleiter Netzpiloten.de von 2009 bis 2012)


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2 comments

    1. Nein, ich liebe Radio. Und dort habe ich auch immer noch den Eindruck, dass es wirklich echten Journalismus noch gibt. Ich würde noch immer eher auf das Web als auf das Radio verzichten, aber man hat schon Pferde kotzen sehen, direkt vor der Apotheke…

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