Wie das Berliner Blockchain-Startup Gapless eine Plattform für Dinge schafft, die Du liebst

Die Automobilbranche verdient ihr Geld künftig nicht nur mit Fahrzeugen, sondern mit digitalen Dienstleistungen. Dass es dabei nicht zwingend um neue Mobilität oder Services gehen muss, die sich unter dem Themenschwerpunkt „Connectivity“ vereinen lassen, zeigt das Unternehmen Gapless. Seit mehr als einem Jahr baut das Berliner Startup die weltweit erste Blockchain-Plattform für Oldtimer und Premiumfahrzeuge auf. In der All-in-One-App lassen sich wertvolle Objekte erfassen, relevante Daten zum Fahrzeug hinzufügen, autobezogene Termine verwalten und verifizierte Dienstleistungen von Drittanbietern buchen. Eine lückenlose und technisch unveränderbare Fahrzeughistorie erleichtert den Werterhalt. Das Konzept ist so vielversprechend, dass mit Porsche bereits ein großer Player in Gapless investiert hat. Wir sprachen mit Jan Karnath, CEO und Co-Gründer von Gapless, darüber, welche Marktlücke das Angebot schließt und inwiefern es einen Beitrag zur digitalen Transformation der Automobilbranche leistet.

Oldtimer als Geschäftsmodell eines Start-ups: Das klingt jetzt gar nicht hip und digital. Was ist Ihre Gründungsgeschichte?

Wir haben als Start-up nicht die Welt von heute im Blick, sondern die in fünf bis sieben Jahren. Wir glauben, dass Sharing und Owning sich dann weniger widersprechen als derzeit. Viele Menschen werden weniger besitzen, aber dafür dann Dinge mit hohem Wert, an denen sie emotional hängen – wir nennen das #thingsyoulove. Wie bildet man diesen Wert transparent und objektiv nachvollziehbar ab? Dafür bietet Gapless eine Plattform, die es so noch nicht gibt.

Warum reicht für Gapless keine Social-Web-Infrastruktur, warum wählen Sie ein technisch aufwendiges Blockchain-Fundament?

Klar, hätten wir einen typischen Cloud-Ansatz wählen können. Aber das würde nicht den Schmerzpunkt unserer Zielgruppe lindern. Nicht die Präsentation von Wertgegenständen, sondern die verlässliche Abbildung der Historie ist ein Engpass. Wer ein wertvolles Fahrzeug erwerben oder verkaufen möchte, sieht sich mit einem Vertrauensproblem konfrontiert. Da setzen wir an und genau das wollen wir ändern.

Weil Sie als Autofan davon persönlich betroffen sind?

Nein. Mir gefallen schöne Autos nicht mehr als vielen anderen Menschen auch. Mich hat vielmehr die Technologie der Blockchain interessiert. Sie hat wirklich das Zeug, das Internet den Menschen zurückzugeben. Darin gehören die Daten den Leuten, nicht den zentralistischen Social-Plattformen. Wir haben darüber nachgedacht, was wir mit dieser Technologie verändern können. Mit Autos fangen wir an. Die Idee ist aber auf vieles übertragbar – Uhren, Fahrzeuge oder Boote, um nur einige Beispiele zu nennen.

Gapless App für Desktop und Mobile
In der All-in-One-App lassen sich auf dem Smartphone und am Computer wertvolle Objekte erfassen, relevante Daten zum Fahrzeug hinzufügen, autobezogene Termine verwalten und verifizierte Dienstleistungen von Drittanbietern buchen. Image by Gapless

Inwiefern löst die Blockchain das Vertrauensproblem von Fahrzeughistorien?

Derzeit ist es sehr schwierig, verifizierte Daten zusammenzutragen. Sie liegen beispielsweise in versteckten Datenbanken von Herstellern, Versicherern, TÜV-Gutachtern und Werkstattketten. Wir wollen einen Anreiz schaffen, dass diese Akteure bereit sind, die Informationen einer Plattform anzuvertrauen. Gehört die Plattform einem Unternehmen allein, lässt sich das Risiko der Zweckentfremdung von Daten nicht ausschließen. Dieses zentralistische Prinzip findet keine Akzeptanz mehr. Im Vergleich dazu sind Daten und alle ihre Änderungen auf einer Blockchain-Plattform zwar zentral abrufbar, aber auf vielen Rechnern dezentral und unverfälschbar gespeichert. Nutzer können bei Gapless alle Daten zusammenziehen, ohne dass sie befürchten müssen, dass wir darauf missbräuchlich zugreifen. Davon profitieren alle Beteiligten des Fahrzeugmarkts.

Sie wollen also nicht die Plattform-Ökonomie abschaffen, sondern die Nachteile beseitigen?

Ja, genau. Es wird populäre zentralistische Plattformen, wie wir sie vom Social Web kennen, noch eine Weile geben. Aber wenn man jetzt etwas anfängt, das auch in der Zeit danach Bestand haben soll, dann müssen wir es anders angehen. Die Blockchain bietet die ideale Grundlage dafür.

Welches Blockchain-Ökosystem soll die Basis für Gapless bieten?

Zunächst muss man wissen: es gibt über 200 Blockchains. Das ist also gerade für ein junges Startup eine wichtige und weitreichende Entscheidung – hier sind Themen wie Token Economy, Protokollkosten und das Business Model entscheidend. Daher haben wir über die letzten zwölf Monate unsere Token Economy und das White Paper, also die entsprechende offizielle Grundlage der Blockchain, kontinuierlich an das Verhalten der Nutzer angepasst und mehrere Proofs of Concept für verschiedene Lösungen gebaut. Wir sind gerade dabei, uns final für unsere „Heimat“ zu entscheiden – hierzu können wir also schon bald mehr sagen.

Wie kann Gapless sicherstellen, dass die Daten, wenn Sie auf Ihre Plattform gelangen, nicht aufgehübscht sind – wie bei einem Dating-Portal?

Für uns zählt, ob die Datenpunkte aus einer seriösen Quelle stammen. Das ist der Fakt, den wir validieren. Nur wenn die Quelle zuverlässig ist, weisen wir die Angabe als „verifizierten Event“ aus. Datenpunkte wie das Baujahr, die Motorleistung, Hauptuntersuchung – das ist alles dokumentiert. Unsere Dienstleistung besteht darin, diese Daten zu akquirieren, zu validieren und verfügbar zu machen. In den USA und Großbritannien ist das einfacher, weil Angaben in zugänglichen Datenbanken hinterlegt sind. Diese Daten werden dann automatisch der Wallet des Fahrzeugbesitzers zugeordnet.

Wie funktioniert das konkret?

US- und britische Kunden können ihr Nummernschild bei Gapless eingeben und erfahren dann, dass für ihr Fahrzeug beispielsweise 21 verifizierbare Datenpunkte verfügbar sind. Die Zuordnung und damit die Validierung der Fahrzeugdaten in ihrer Wallet bei Gapless können Nutzer dann kostenpflichtig buchen. Welche Inhalte genau sich in der Wallet befinden, wissen wir bei Gapless allerdings nicht. Das ist Teil des Vertrauensverhältnisses. In Deutschland werden wir anfangs Dokumente digitalisieren müssen und behandeln die Daten dann gemäß der DSGVO.

Portrait Jan Karnath CEO von Gapless
Jan Karnath, CEO und Gründer des Blockchain-Startups Gapless. Image by Gapless

Warum muss Gapless in Deutschland noch Papierdokumente in die Hand nehmen?

Eine offene Datenbank-Architektur ist hierzulande noch nicht so verbreitet. Deshalb führt am Scannen von Aktenordnern vorerst in bestimmten Fällen kein Weg vorbei. Aber es bewegt sich was. Immer mehr Fahrzeughersteller und Versicherer schaffen offene Schnittstellen.

Ist es mitunter nicht heikel, sich auf die Angaben eines Herstellers zu verlassen, etwa in Bezug auf den Schadstoffausstoß?

Die relevanten Daten von einem Hersteller zu einem Fahrzeug sind für uns der Auslieferungszustand wie die Fahrgestellnummer (FIN) eines Fahrzeugs, Getriebenummern und Motornummer. Der Schadstoffausstoß hat für eine vertrauensvolle Historie eine kaum echte Relevanz.

Warum ist Porsche als strategischer Partner bei Gapless eingestiegen?

Porsche unterstützt uns beim Aufbau der Datenbank-Infrastruktur mit Fahrzeugdaten. Das Porsche Digital Lab und die Porsche AG Tochter Porsche Digital stehen uns mit Rat und Tat beim Eintritt in die Fahrzeugmarkt zur Seite. Für Automobilhersteller ändert sich durch die Blockchain-Technologie viel. In der Welt von morgen sind die interessanten Partner die, die über wertvolle Daten verfügen. Aber die geben die Leute nicht mehr so einfach preis. Deshalb sind dezentrale Plattformen, die mit Daten schon prinzipbedingt vertrauensvoll umgehen, so wichtig. Bisher konnten traditionelle Firmen in vielen Fällen nicht an den Umsatzströmen der Plattform-Ökonomie partizipieren. Die Blockchain als verbesserte, vertrauenswürdige Form dieses Konzepts macht es jetzt aber möglich.

Vielen Dank für das Gespräch.


Images by Gapless

Berti Kolbow-Lehradt

ist Freier Technikjournalist. Für die Netzpiloten befasst er sich mit vielen Aspekten rund ums Digitale. Dazu gehören das Smart Home, die Fotografie, Smartphones, die Apple-Welt sowie weitere Bereiche der Consumer Electronics und IT. Mitglied des Netzpiloten Blogger Networks.


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