Faszination Trash-TV – Wenn die Gehirnzellen qualvoll sterben

Was macht überhaupt die Faszination Trash-TV aus? Kürzlich begann die mittlerweile 9. Staffel „Promi Big Brother“. Dieses Jahr schießt der große Bruder die Elite der Z-Promis sogar ins All. „Na endlich!“ möchte man meinen, bis man feststellt, dass es nur das neue Setting des Promicontainers ist. Erstmals drei statt zwei Wochen kämpfen die aktuell 16 Kandidaten um Geld und wichtige Sendezeit – bereits in der ersten Woche hat es dabei schon reichlich gekracht. Ein Fest für Trash-TV-Fans, Verständnisloses Kopfschütteln bei allen anderen.

In den Kommentarbereichen vieler Onlinemagazine entsteht der Eindruck, niemand würde sich herablassen so etwas zu schauen. Einschaltquoten sprechen dagegen eine andere Sprache. Vor allem „Ich bin ein Star, holt mich hier raus“ lässt seinen Sender RTL immer wieder über hohe Quoten Jubeln. Das Staffelfinale 2020 freute sich über 37,8% bei der Gruppe von 14-59 und 44,0% bei den 14-49-Jährigen.

Auch auf Social Media geht immer reichlich die Post ab und macht die Faszination Trash-TV auch zu einem Social Media-Phänomen. Für manche ist das eine offene Leidenschaft, für andere eher ein Guilty Pleasure.

Eskapismus mit Eskapaden

Für mich ist Trash-TV ein willkommener Eskapismus vom Alltag. Ich verfolge dabei nicht einmal übermäßig viele Sendungen. Vor allem die Brutstätten künftiger Reality-Sternchen wie Germanys Next Top Model, Bachelor, Love Island & Co reizen mich dabei weniger. Bei mir sind es eher die Sendungen, wo das Worst-Of dieser Formate zusammenkommt – mit dem Dschungelcamp als krönenden Höhepunkt. Dieses ist zwar auch alles andere als innovativ, hat aber eine grandiose Moderation und tolle Schreiber, die sogar manchmal unvermutet gesellschaftliche und politische Spitzen einstreuen.

Mit den Bezügen auf aktuelle Probleme wird zum Glück aber auch nicht übertrieben. Ich kann die Sendung einfach schauen, um abzuschalten. Sie erwartet von mir nicht, mich mit aktuellen Krisen zu beschäftigen oder überhaupt meinen Kopf in irgendeiner Form anzustrengen. Um ehrlich zu sein, kann ich meine Gehirnzellen manchmal schon fast qualvoll sterben hören, während ich mich genussvoll den Belanglosigkeiten der Hauptakteure hingebe.

Dabei hat es manchmal schon etwas von einem Zoo – nur das die Tiere im Trash-TV sich deutlich weniger zivilisiert benehmen und sich freiwillig von der geifernden Menge begaffen lassen. Und mit Sicherheit ist da nicht alles echt. Im Kampf um Sendezeit ist das ein oder andere gewiss inszeniert. Am Ende macht das jedoch nichts. Es ist wie ein Verkehrsunfall, wo man eigentlich nicht hinschauen will, es aber irgendwie doch tut. Nur dass hier am Ende niemand wirklich zu Schaden kommt und man kein Hindernis für Helfer ist.

Spannend sind vor allem die sozialen Dynamiken. Gruppen die sich bilden und wieder zerfallen, Intrigen die gesponnen werden oder Konflikte die schon fast am Rande des Zumutbaren ausgetragen werden. Zusammengepfercht auf engem Raum und mit eingeschränkten Lebensmitteln durch verlorene Spiele wird zudem bewusst Nährboden für Konflikte geschaffen.  

Faszination Trash-TV als Social Media-Phänomen

Ein wichtiger Teil des Erlebnisses ist für mich allerdings auch die Social Media-Interaktion. Ich kann mir die menschlichen Zirkusäffchen alleine anschauen, schaue es aber nicht alleine. Ich bin nebenher eigentlich immer auf Twitter unterwegs, wo die Sendungen in der Regel schnell trenden. Es ist wie der Chat eines Livestreams, nur dass es fast noch mehr zum Vergnügen beiträgt. Während ein Chat durchrattert, hat man auf Twitter immer eine Momentaufnahme und kann die amüsanten Tweets zur Sendung in aller Ruhe genießen und selbst das ein oder andere Gif mit spitzer Bemerkung abfeuern.

Das gilt übrigens nicht nur für die Faszination Trash-TV, sondern auch für viele andere Formate. Auch Shows wie „The Masked Singer“, Sportsendungen wie „ranNFL“ oder Formate wie „Die Höhle der Löwen“ profitieren von diesem Gemeinsamkeitsgefühl, über das wir auch in unserem Artikel über die Vorzüge von linearem Fernsehen geschrieben haben.

Einziges Problem: Viele Trash-Formate wissen selbst offenbar nicht ganz von dieser Stärke. Bestes Beispiel: Die letzte Ausgabe des „Normalo-Big Brother“. Social Media war dort der ausgelobte Fokus und die Bewohner bekamen auch immer wieder Feedback der Community eingespielt. Das allerdings nur mit Kommentaren aus der eigenen App. Man wäre hier näher an der Community gewesen, hätte man für jeden einsehbare Social Media-Posts genommen. Das hätte einfach mehr Authentizität gebracht als die teils recht langweilige Auswahl von Kommentaren aus der App.

Den größten Fehler machte man jedoch in der vorzeitig abgebrochenen Staffel „Promis unter Palmen“, als man den Shitstorm über den Pöbelprinzen Prinz Marcus völlig falsch beantwortete. Man hätte sich klar gegen seine diskriminierenden Worte positionieren und ihn gewissermaßen so an den Pranger stellen können oder hätte sich noch besser schon während der Produktion von ihm getrennt. Stattdessen bekam der Zuschauer eine derart hemmungslos beschnittene zweite Folge, das Spannung und oft Kontext fehlte.

Faszination Trash-TV ist keine Frage der Bildung

Gerne wird Fernsehprogramm mit der Bildung seiner Zuschauer in Zusammenhang gesetzt. Man ahnt eventuell schon, dass Trash-TV dabei nicht unbedingt gut abschneidet. Sicherlich gibt es da schon Tendenzen, aber ich kenne viele gebildete Personen, die trotzdem zumindest die ein oder andere „Guilty Pleasure“ im Fernsehen haben.

Ich genieße meine Sendungen sogar vor allem WEIL so große Distanz zwischen meinem eigenen Verhalten und dem präsentierten herrscht. Aber ich bin mir auch bewusst, dass ich mit meinem Fernsehverhalten nicht unbedingt zu einem Anheben des Niveaus beitrage. Mich erschlägt manchmal auch die schiere Zahl der Trash-Formate, weshalb ich mich auf ein paar wenige beschränke. Und ebenso ich kann nicht immer verstehen, warum bestimmte Formate geschaut werden.

Am Ende sollte aber gelten: Leben und Leben lassen. Solange es geschaut wird, ist die Nachfrage offenbar noch immer da. Die Formel nutzt sich aber langsam ab und man wünscht sich mehr Kreativität und Mut zu neuen Experimenten.

Oder warum nicht mal ein richtiges Reality-Format mit mehr Freiheiten? Newtopia hatte 2015 die richtigen Ansätze gehabt. Die Kandidaten waren „Normalos“, waren rund um die Uhr zu sehen und mussten sich ihre Zuhause selbst aufbauen. Dass Sat1 es sich schließlich durch Regieanweisungen verspielt hat, ist ein Jammer. Da hat man gewaltig Potential verschenkt, etwas Kreatives aus einem an sich guten Format zu machen.

Die Faszination Trash-TV wird sicherlich nicht so schnell vergehen, aber sie wird das lineare Fernsehen auch nicht ewig am Leben halten. Schließlich haben sich bereits viele Serien- und Filmliebhaber zu Streamingdiensten abgesetzt und auf YouTube und Twitch entstehen ganz neue Formate, aber auch eine neue Welt des Trash-TVs.

Stefan Reismann

Das Internet ist sein Zuhause, die Gaming-Welt sein Wohnzimmer. Der Multifunktions-Nerd machte eine Ausbildung zum Programmierer, entdeckte dann aber vor allem die inhaltliche Seite für sich. Nun schreibt er für die Netzpiloten und betreibt nebenher einen Let's Play-Kanal, auf dem reichlich gedaddelt wird.


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