Das Kino während der Pandemie

Das Kino hat sich während der Pandemie, durch die voranschreitende Digitalisierung und dem explosiven Aufstieg der Streaming-Plattformen Amazon, Netflix und Co. in den letzten Jahren verändert. Hinzu kommt, dass die Corona-Pandemie den Betrieb und die Existenz vieler Kinos auf die Probe gestellt hat. Im Folgenden blicken wir auf die aktuelle Lage der Kinos in Deutschland, die Folgen der Pandemie, die Exklusivrechte der Streaming-Giganten und deren Auswirkungen. Außerdem wagen wir eine Prognose für die Zukunft des Kinos.

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Aktuelle Lage des Kinos 

Seit dem 1. Juli sind die Kinos während der Pandemie in Deutschland wieder geöffnet. So wollte es der Branchenverband HDF Kino (Hauptverband Deutscher Filmtheater), der mit seinen rund 600 Mitgliedern die Mehrheit der Kinobetreiber vertritt. Die Vorschriften für den Kinobesuch variieren von Bundesland zu Bundesland. In Niedersachsen, Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern gilt beispielsweise eine Maskenpflicht, die am festen Sitzplatz verfällt. In Hamburg gilt die Pflicht auch am Platz.

Die Besucher strömten bei der bundesweiten Wiedereröffnung in die Kinos. Fast 830.000 Tickets wurden bereits an den ersten vier Tagen verkauft. Zum Vergleich: Im Sommer 2020 kamen nicht einmal halb so viele Zuschauer in die Kinos wie dieses Mal.

Wirtschaftlich gesehen war das erste Corona-Jahr ein Desaster für das Kino. Im Gesamtjahr 2020 war die Zahl der Kinobesucher in Deutschland um mehr als zwei Drittel eingebrochen.

Deutschlands Kinobetreiber verbuchten einen Umsatzeinbruch von 700 Millionen Euro. Dennoch ist der Anteil der Kinos, die geschlossen wurden, relativ gering. Kurzarbeitergeld und Überbrückungshilfen haben laut der Verbandchefin des HDF Kino Christine Berg geholfen. Die Filmförderungsanstalt (FFA) zog Bilanz und hat festgestellt, dass das Kinosterben bisher nicht stattgefunden hat. Die Rückgänge bewegen sich im niedrigen Prozentbereich: 0,3 % bei den Kinounternehmen und 1,7 % bei den Sitzplätzen. Hinzu kommt, dass bei den kleineren und mittleren Betrieben die Immobilien in zahlreichen Fällen den Betreibern gehören.

Doch nicht nur die Pandemie, sondern auch der Streit um die Exklusivrechte und dem Vorgehen bei der Veröffentlichung von neuen Filmen bereitet der Kinobranche Sorgen.

Exklusivrechte der Streaming-Giganten

Die Film- und Fernsehgesellschaft Warner Bros. Pictures hat sich mit einer der weltweit größten Kinoketten AMC Theatres (UCI unter anderem zugehörig) darauf geeinigt, ab 2022 neue Kinofilme 45 Tage exklusiv im Kino laufen zu lassen und diese danach zu HBO Max zu transferieren. Entscheidend dabei sind auch die zukünftigen Entwicklungen der Corona Pandemie und der Betrieb der Kinos. Warner hat jedoch schon zugesichert, dass ihr kommender Blockbuster „Dune“ definitiv bei HBO Max erscheinen wird, egal ob die Kinos geöffnet haben oder nicht.

Disney arbeitet mit einem ähnlichen Prinzip: 45 Tage laufen die neuen Filme im Kino, dann erscheinen sie auf der Streaming-Plattform Disney Plus. Dabei ist es unklar, ob für die Filme eine Zusatzgebühr gefordert wird oder diese frei verfügbar im Abo enthalten sind. „Shang-Chi and the Legend of the Ten Rings“, der neue Disney Plus Film, soll der Gradmesser werden, wie die zukünftigen Releases in Hollywood veröffentlicht werden. Fragwürdig ist, ob das der richtige Film dafür ist, da es sich bei dem Film um keine große Franchise handelt.

Zuvor hatte die Black Widow-Darstellerin Scarlett Johansson Klage gegen das Disney-Unternehmen eingereicht. Der Grund war ein angeblicher Vertragsbruch um die Veröffentlichungsstrategie des Films ohne exklusiven Kinostart. Johansson wurde wohl per Vertrag einen Anteil an den Kinospielergebnissen zugesichert. Nun verweigert sie eine außergerichtliche Einigung und möchte eine öffentliche Verhandlung. Übrigens: Black Widow erfuhr in der zweiten Woche im Kino den größten Zuschauereinbruch eines Marvel Films überhaupt. Kein Wunder bei parallelem Release gegen Gebühr auf Disney Plus. Klar ist auch, dass die illegalen Streams und Downloads durch eine Online-Bereitstellung in die Höhe gehen.

Sony hingegen möchte das Kino (-Erlebnis) während der Pandemie unbedingt erhalten. John Greenstein, Präsident von Sony Pictures, bestätigt, das Sony-Filme zuerst und ausschließlich in den Kinos gezeigt werden. Eine Streaming-Veröffentlichung parallel zum Kinostart sei ,seiner Meinung nach, für das gesamte Geschäft folgenschwer.

Die Zukunft des Kinos 

Der Markt wurde, wie bereits erwähnt, durch die Digitalisierung und Corona verändert. Große Firmen kaufen mittlerweile nicht nur andere kleine Firmen, sondern auch andere große Firmen und setzen vermehrt auf Streaming. Dank Streaming-Anbieter können Filme wann, wo und mit wem man will zu einem günstigen Preis angeschaut werden. Das Kino während der Pandemie kann das natürlich nicht bieten. Aber irgendwann will der Mensch von seiner Natur aus auch einmal raus aus seinem Haus und Kino mit anderen Menschen in einem dunklen Saal erleben. Das ist und bleibt etwas Besonderes und kann mit Streaming nicht verglichen werden. Die Frage müsste viel eher lauten: welche Filme sich für das Kino noch eignen? Momentan werden in Deutschland jährlich 230 Filme für das Kino gedreht. Möglicherweise eine Entwicklung in die falsche Richtung.

Filme, die zukünftig exklusiv im Kino laufen haben eine höhere Wahrscheinlichkeit für mehr Einspielergebnisse zu sorgen. Das hat der neue Film „Free Guy“ mit Ryan Reynolds gezeigt. Eine weitere Chance für die Kinos sind die Festivalfilme, die bei keinem der Streaming-Anbieter laufen. Bei diesen Filmen handelt es sich jedoch oft um „kleine“ Independent Filme ohne große Anziehungskraft.

2G oder 3G?

Bezüglich der Frage ob 2G oder 3G Regelung in den Kinos sind diese vollends damit beschäftigt die 3G-Regel durchzusetzen. Laut der HDF lässt sich anhand der Zahlen klar ablesen, dass in den Ländern, in denen die 3G-Regelung gilt, deutliche Umsatzeinbüßen gegenüber den Ländern, wo es bisher keine Regelung gab, eintraten. Entsprechend besorgt sind die Kinobetreiber in Richtung weiterer Verschärfungen. Sobald es keine kostenlosen Tests mehr gibt, wird aus 3G de facto 2G. Denn wer würde schon zusätzlich zum Kinoticket auch noch den Test bezahlen. Aktuell ist jedoch noch unklar, wie teuer ein Corona-Test ab Oktober sein wird.

Eine Impfvoraussetzung könnte der Branche aber auch guttun, auf nationaler Ebene wäre das Kino während der Pandemie damit ein sicherer „sozialer Platz“ und würde den möglichen Kinobesuchern auch die Angst nehmen sich anzustecken. Darüber hinaus sind weitere Verschiebungen von Blockbustern wie „Dune“ oder „James Bond – No time to die“, für die Industrie nicht mehr tragbar. 

Kino oder Streaming?

Das Kino durchläuft während der Pandemie einen Wandel. Zurzeit sieht es so aus als würden die Kinos und Streaming-Anbieter um die Kunden kämpfen. Viele Experten sind sich jedoch einig, das beide Parteien koexistieren können. Wichtig für die Kinobetreiber ist ein exklusives Zeitfenster, in dem die Filme gezeigt werden. Die Zuschauer werden weiterhin den Luxus eines Kinotheaters nicht missen wollen aber auch froh darüber sein den Komfort zu haben von Zuhause aus aktuelle Filme zu schauen.

Independent Filme hingegen werden es schwer haben, Förderungen zu erhalten. Zudem sind die Kosten für Sicherheitsvorkehrungen für (Independent-) Filmemacher gestiegen. In der Zukunft ist es wahrscheinlich, dass viele Filmstudios vermehrt auf Animation setzen, um auch von verschiedenen Orten virtuell zu arbeiten, zu produzieren und die Kosten für Sicherheitsmaßnahmen zu verringern. Die Nutzung von komplett neuen Geschichten und Original-Skripten werden möglicherweise auch zurückgehen. Seit Jahren ist es schon so, dass viele Franchise und Reboots produziert werden. Dieser Trend wird sich zukünftig noch verstärken, da sich die Studios für Filme und Serien entscheiden, die eine nachgewiesene Erfolgsbilanz aufweisen, anstatt ein Risiko für ein neues Franchise oder Drehbuch einzugehen. In Zukunft werden wir große Veränderungen in der Branche erleben, um Filme näher an den Kunden zu bringen als je zuvor.


Image by xartproduction via Adobe Stock

Jannes van Dreumel

Studierte Sportwissenschaft und Geschichte und ist in den Bereichen selbsternannter Experte. Darüber hinaus interessiert er sich besonders für Film, die ein oder andere Serie, Games, Politik, Musik und Comedy (also für so ziemlich alles) und versucht nun als Redakteur bei den Netzpiloten zu glänzen.


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