Zurückgeklickt- Die NiemanLab Predictions für 2015, Teil 2

Was sagte das NiemanLab vor einem Jahr über die Entwicklungen des Journalismus im Jahr 2015? Der Bestandsaufnahme zweiter Teil. Seit Dezember 2010 wirft das Nieman Journalism Lab einen Blick auf das jeweils anstehende Jahr und befragt die nach eigener Aussage schlauesten Menschen aus Journalismus und digitalen Medien, wie sich ihre Branche in den kommenden zwölf Monaten entwickeln wird. Was hatten die klugen Köpfe für 2015 vorhergesagt und haben sie Recht behalten? Im zweiten Teil geht es um das Erwachsenwerden von Pushmitteilungen.

The year news notifications need to grow up” nannte Philip Bump seine am 17. Dezember 2014 erschiene Vorhersage für das Jahr 2015. Anhand der Stau-Informations-App Waze legt der Autor der Washington Post dar, wie News-Apps mit ihren Pushmitteilungen umgehen sollten. Von Waze war Bump begeistert, weil die App ihm, Sekunden nachdem er in einen Stau geraten war, ohne Aufforderung verraten hatte, dass ein Unfall der Stauauslöser gewesen war, wo dieser Unfall stattgefunden hatte und seit wann der Verkehr sich aufstaute. Waze versetzte Bump also in die Lage, seine persönlichen Schlüsse aus den Informationen zu ziehen oder eventuell Gesprächspartner, die er nicht rechtzeitig erreichen würde, vorzuwarnen. Ähnlich zu Waze für den Verkehr funktioniert Bumps Meinung nach Dark Sky für Wettervorhersagen und die ESPN App für seine Lieblingssportmannschaften.

Von diesen Apps bekommt der Nutzer genau die Informationen auf seinen Bildschirm gepusht, die er auch in exakt dem Moment benötigt und für wichtig erachtet. Warum das nicht bei Nachrichten-Apps genauso funktioniert, fragt sich Bump zu Recht. Auch ich habe mich schon zuvor mit Eilmeldungen großer Medienhäuser beschäftigt und wie unwichtig doch die meisten für die breite Masse sind. Eine Unterscheidung nach Dringlichkeitsaspekten wird nicht unternommen, jeder bekommt die gleiche Nachricht auf das Smartphone-Display. Flugzeugabstürze, Todesfälle, Gewinner von Sportwettbewerben, Naturkatastrophen – all das und noch viel mehr wird gedankenlos an die Nutzer weitergeleitet. Hauptsache, man war Erster. Öde.

Über die Wichtigkeit von Nachrichteninhalten lässt sich streiten, jeder setzt einen anderen Schwerpunkt in seinem persönlichen Medienkonsum. In der Zeit vor dem Internet gab es nicht die große Auswahl, ich konnte mir nicht mein eigenes Nachrichtenbukett erstellen. Die Gatekeeper waren nicht Facebook, Twitter und Aggregatoren, sondern Zeitungen, Fernseh- und Radiosender. Bei den meisten Medienschaffenden ist wohl noch nicht angekommen, dass sich die Empfänger nicht aus einer Masse an “Eil”-Meldungen die für sie interessanten Aspekte herauspicken möchten. So sah es im Dezember 2014 aus.

Philip Bump sagte damals für das nun hinter uns liegende Jahr 2015 voraus, dass eine von drei Optionen verwirklicht werden würde.

Option 1: Mehr Medien werden die News-App Circa kopieren und damit den Nutzern detaillierte Kontrolle über die Push-Mitteilungen geben, die sie empfangen.

Option 2: Die Medien werden klüger mit den Push-Mitteilungen umgehen und herausfinden, wie sie auch Nachrichten, die nicht “breaking” sind, den Nutzern nahelegen können.

Option 3: Sie lagern die Verbreitung von Eilmeldungen aus und übertragen die Aufgabe an Apps, die auf User abgestimmte, detaillierte Informationen liefern können.

Machen wir es kurz: Keine der drei Optionen ist eingetreten. Circa ist zwischenzeitlich eingegangen und wird demnächst wiederbelebt. Das Geschäftsmodell war aufgrund der Pleite wohl doch kein Vorbild für andere. Mit Push-Mitteilungen sind die Nachrichtenlieferanten definitiv nicht klüger umgegangen, noch immer bekommt jeder, der die Push-Mitteilungen aktiviert hat, alles, was in den Redaktionen für wichtig erachtet wird. Und spezielle Breaking News-Apps, die wirklich smart arbeiten? Sind mir bislang nicht untergekommen.

Ernüchternd. Aber Philip Bump hatte ja betont: “The year news notifications need to grow up.” Er hatte nicht verkündet: “The year news notifications will grow up.” Insofern hat er nach wie vor Recht. Schon vor 13 Monaten bestand Bedarf an verbesserten Mitteilungen, geändert hat sich daran bis heute nichts. 2015 war in dieser Hinsicht ein ganz und gar vergeudetes Jahr.

Breaking News sind nicht erwachsen geworden, sondern verhalten sich in den meisten Fällen ganz und gar wie Kleinkinder, die jeden Informations-Input in Output verwandeln. Sie sehen einen Hund: “Schau mal, Mama, ein Hund!” Eine Straßenbahn fährt vorbei: “Papi, ein Zug!” Und jedes Mal, wenn man an der Supermarkt-Kasse steht, locken die Süßigkeiten: “Ich will ein Bonbon!” Dass man Kinder hat, sucht man sich meist bewusst aus. Wer welche hat, wird sich jedes Mal freuen, wie aufmerksam sie die Welt beobachten. Jede Entwicklung wird mit Vergnügen wahrgenommen. Und auch News-Apps kann man sich bewusst aussuchen. Es gibt nur kaum Auswahl, geht es um die Art, wie “Eilmeldungen” gehandhabt werden. Wer jeden Fetzen Information sofort unter die Nase gerieben bekommen will, ist schon jetzt bestens bedient und kann sich fast wahllos an den vorhandenen Apps laben.

Was muss und wird 2016 also endlich kommen? Eine intelligente Breaking News App, die einen hohen Grad an Personalisierung zulässt. Die mich entscheiden lässt, bei welchen Themen ich gestört werde, die mir die Wahl bietet, ob ich wirklich bei jedem Todesfall eines berühmten Menschen unterrichtet werde. Eine News-App, die mir in smarter Weise Push-Mitteilungen auf mein Smartphone-Display sendet, dürfte doch im Jahr 2016 Wirklichkeit werden. Wir wollen keine angeblichen Eilmeldungen mehr, die uns unter die Nase gerieben werden. Wir wollen keine quengelnden Push-Mitteilungen. Wir wollen smarte News und smarte, erwachsene News-Apps!


Teaser & Image “Siri Phone” by Vasile Cotovanu (CC BY SA 2.0)


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Hendrik Geisler

Hendrik Geisler

hat Anglistik, Amerikanistik und Geographie studiert. Er volontiert beim Kölner Stadt-Anzeiger und schreibt für die Netzpiloten die Kolumne "Zurückgeblättert" und Texte über die Entwicklung der Medien.

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