Postillion (Bild: Mark Michaelis [CC BY 2.0], via Flickr)

Was Vertrauen und Glaubwürdigkeit für den Journalismus bedeuten

Vertrauen und Glaubwürdigkeit sind zwei Schlagworte in der Diskussion um den heutigen Journalismus – der Postillion zeigte mit einer Meldung, wie es wirklich darum steht. // von Julian Heck

Postillion (Bild: Mark Michaelis [CC BY 2.0], via Flickr)

Da hat „Der Postillon“ „Der Pofalla“ letzte Woche einen rausgehauen. Rückblick: Diverse Medien berichteten gestern über Ronald Pofallas möglichen neuen Job als Vorstand bei der Deutschen Bahn. Kein Witz. Deshalb also sein Rückzug als Kanzleramtsminister. Seine Aufgabe als Bahnvorstand könnte darin bestehen, den Kontakt zur Politik zu pflegen.

Klar, dass sein Wechsel aus der ersten Reihe der Politik in die Wirtschaft für Aufregung sorgt. Klingt ja fast wie Satire. Das dachte sich wohl aus Stefan Sichermann, Macher der Satireseite „Der Postillon“. Prompt schrieb er die Meldung über Pofalla und die Deutsche Bahn um und veröffentlichte sie – rückdatiert auf vorgestern und damit vor die eigentliche Erstmeldung der Saarbrücker Zeitung. Was dann passierte, kann man sich denken: Leser des Postillon lachten über die angebliche Blödheit der Medien, von der Satireseite abzuschreiben.

Gleichzeitig lachte sich Stefan Sichermann bestimmt ins Fäustchen über seinen bislang wohl größten Coup, den wenig später auch immer mehr Menschen verstanden. Denn durch seine Rückdatierung sind nicht die Medien auf ihn reingefallen, sondern viele seiner Leser. Lars Wienand von der Rhein-Zeitung stellt den Ablauf als Storify schön dar.

— Julian Heck (@julianheck) 2. Januar 2014

Der Postillon mag diesen Tag als Erfolg verbuchen. Aber es steckt doch noch etwas mehr dahinter. Journalist Thomas Knüwer schreibt auf seinem Blog „Indiskretion Ehrensache“ über Glaubwürdigkeit. Die Glaubwürdigkeit des Postillons und jene der Medien scheinen seiner Ansicht nach einen Kratzer abbekommen zu haben. Besonders bei letzteren stimme ich zu. Dass sich so viele über die Medien lustig gemacht haben, weil Sichermann die Meldung über Pofalla vermeintlich zuerst veröffentlichte, zeigt eines ganz deutlich: den sogenannten „Qualitätsmedien“ – von der Tagesschau bis zu Spiegel Online – wird nicht mehr geglaubt, sie werden nicht mehr für vertrauenswürdig gehalten. Schlimmer noch. Einer Satireseite schenken nicht wenige Menschen mehr Vertrauen als traditionellen Medienhäusern. Der Postillon-Pofalla-Coup ist ein Armutszeugnis für den deutschen Journalismus.

— Samira El Ouassil (@samelou) 2. Januar 2014

Oder aber: Der Postillon hat mit dem Vertrauen seiner Leser gespielt und durch die Rückdatierung einer echten Meldung mit diesem Vertrauen gespielt – und es sich sogar mit einigen Lesern verspielt? Aus welcher Perspektive auch immer dieses Ereignis betrachtet wird, darf man festhalten: Das Internet macht das Prüfen von derart vielen Quellen sehr undurchsichtig oder manchmal vielleicht auch unmöglich. Umso wichtiger sind vertrauenswürdige journalistische Angebote, die in diesem Wirrwarr eine zuverlässige Orientierung bieten. Das voneinander Abschreiben und Falschmelden scheinbar seriöser Medien trägt hierzu allerdings nichts bei. Leider.

— Markus Huendgen (@videopunk) 2. Januar 2014


Teaser & Image by Mark Michaelis (CC BY 2.0)


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Julian Heck

Julian Heck

ist freier Journalist, Dozent und Lehrbeauftragter an der Hochschule Darmstadt. Er schreibt über die Themen Medien, Technik und digitale Wirtschaft. Zu seinen Auftraggebern gehören unter anderem etailment.de, LEAD digital, Mobilbranche, das Medium Magazin, MobileGeeks.de und die Friedrich-Ebert-Stiftung. Vom Medium Magazin wurde der Südhesse 2013 unter die "Top 30 bis 30" Nachwuchsjournalisten gewählt.

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