Bildempfangsstörung (Bild Paulae [CC-BY-3.0], via Wikimedia Commons)

Videokolumne vom 12. Januar 2014

Ein Spezial der Videokolumne zum Jubiläumsjahr 2014: 100 Jahre Erster Weltkrieg. Der deutsch-französische Sender arte ist prädestiniert für einen besonderen Blick auf die Epoche. // von Hannes Richter

Es ist so eine Sache mit den Mediatheken und Videoplattformen: Für viele Digital Natives sind sie schon Fernsehersatz – vieles ist überall abrufbar, manches aber nur auf Zeit: Gerade die öffentlich-rechtlichen Programme in den Mediatheken der Sender sind oft nach einer Woche wieder offline. Verlängertes Fernsehen statt digitales Archiv. Bevor sie verschwinden, fischt Hannes Richter die besten Perlen des TV-Vielfalt aus den Online-Archiven und präsentiert sie in seiner wöchentlichen Kolumne.


BELLE EPOQUE: Europa auf dem Weg in die Moderne

Wenn es schon in der ersten Woche des Jahres durch den Blätterwald rauscht und über den Äther schallt; wenn man sich vor den Vorankündigungen anstehender Jubiläen kaum retten kann, dann ist Guido Knopp (oder sein Nachfolgegeschichtsgedöns im ZDF) nicht weit und man möchte am liebsten schon jetzt den Kopf in den Sand stecken. Welche heldenhaften Spielszenen von sich sinnlos abschlachtenden Soldaten, die vorher noch von der Mutter ein Butterbrot für die Front eingepackt bekommen haben, erwarten uns wohl in diesem Jahr und wie oft wird wohl bedeutungsschwanger in Spiegel-Eines-Tages-Aufmachung erklärt, dass Europa heute eigentlich gar nicht so anders aussieht als 1914?
Gott sei Dank gibt es arte. Der deutsch-französische Kultursender ist quasi per Definition dem Thema verpflichtet und lässt schon zu Beginn einiges hoffen. Hier sieht man nämlich noch vor dem Blutbad, dass die Belle Epoque nicht nur vom Namen her irgendwie schöner war. Es ging um viel mehr: Es lag Aufbruch in der Luft, große Veränderung. Ein halbes Jahrhundert Industrie führte zu breiterem Wohlstand, aber auch schwelendem Konflikt. Aus dem schleichenden Untergang der Aristokratie (ein interessanter Beitrag über Downton Abbey im arte-Magazin Abgedreht!, bei Minute 12:35) und der von revolutionären Ideen aus den Sofas des Biedermeier getriebenen Rastlosigkeit der Bourgeoise entstand etwas – zuweilen kohle-schwarzes und auch sonst irgendwie schmutziges, aber immerhin – Neues… Modernes.

Die faszinierende Dokumentation Ein Tag im Jahr 1913 nutzt ausschließlich Bildmaterial aus dieser Zeit, eine aufgeregte Sprecherstimme erklärt den Alltag der Menschen. Aus den Bildern atmet eine Modernität, wir sehen Mannequins und Bälle, U-Bahnen und städtisches Leben, aber auch Gewerkschaftsdemos und Armut in den Arbeitervierteln. Die historischen Aufnahmen aus der anderen Alltagsdokumentation, Paris 1900, sind bereits 1946 zusammengestellt worden. Die Macher blickten damit auf die Zeit zwischen 1900 und 1914 aus einem Blickwinkel, aus dem wir heute auf die 80er Jahre schauen.*

Es wird sichtbar, wie sehr der Beginn des 20. Jahrhunderts unsere Kultur und Ästhetik prägt. Die anderen Beiträge des Kulturmagazins Abgedreht! mit dem Schwerpunkt Belle Epoque (aus dem die meisten der hier verlinkten Beiträge stammen) zur Eleganz der Oscar-Gewinnerin Kate Winslet oder dem Erbe des Moulin Rouge bestätigen dieses Bild genauso wie die lustigen kleinen Fake-Reklamefilmchen, die arte zur Zeit immer mal ins Programm streut. Damals bahnbrechende Erfindungen werden mit historischen Aufnahmen in heutiger Werbefilm-Sprache präsentiert (ein Youtube-User hat sie gesammelt).


KRIEG: Europa auf dem Weg in die Katastrophe

Doch so wie kaum ein Rückblick auf die Golden Zwanziger ohne den Hinweis auf das dräuende „Dritte Reich“ auskommt, lassen sich diese Bilder kaum betrachten, ohne bereits an frenetisch bejubelte Soldaten, keifende Kaiser, Gasmasken und Schützengräben zu denken. Wie schon angedeutet: Im Jubiläumsjahr 2014 wird viel diskutiert werden über die Parallelen auf der politischen Ebene. Vielleicht sind die Vielschichtigkeit internationaler Konflikte und die Ratlosigkeit bei der Suche nach Lösungen (nur insofern scheinen der Interessen-Flickenteppich im Nahen Osten und der Balkan vor 1914 vergleichbar zu sein) ja doch ein Indiz. Und diese in den Alltags-Dokumentationen sichtbare Abgekoppeltheit der aufstrebenden Stadtgesellschaft von den in Palästen und mit Depeschen ausgetragenen Konflikten der gekrönten Häupter, die wiederum selten einen Fuß in die eigentlich umstrittenen Territorien setzten (bis dann einer dabei erschossen wurde), lässt einen schon mulmig werden, wenn man an Drohnenkrieg, Präsidentengezank um Olympia und Gipfelabsagen und die Ohnmacht der durch Facebook vernetzten 99 % denkt. Aber vielleicht ist das auch eher Ausdruck eben jener modernen Zeiten – ein Beleg, dass uns die Epoche noch nicht loslässt.

Schaden kann es also in keinem Fall, sich mit den Ursachen des Ersten Weltkriegs auseinanderzusetzen. Bei arte (wer hätte das gedacht) findet sich ein passendes Format dafür. Wem es vor Gefühlsduseligkeit mit nationalem Touch der deutschen Geschichtsaufarbeitung graut, dem sei das Format empfohlen, das die Nüchternheit schon im Namen trägt: Mit offenen Karten analysiert trocken und wie immer basierend auf viel Kartenmaterial die politische Lage vor dem Krieg. In zwei Folgen zeichnet das Magazin den Weg von Bismarcks Bündnispolitik bis zum Zusammenbruch nach und erklärt die eigentlich auslösenden Faktoren des Krieges.

Ein faszinierendes Kaleidoskop an Bildern aus dem Jahr 1914 bietet arte in einem besonderen Web-Projekt, mit dem die Online-Redaktion wieder einmal Maßstäbe setzt: In 1914, Tag für Tag zeigt die Internetseite des Senders jeden Tag ein neues Bild aus dem Alltag der Menschen – von vielen Orten auf der Welt. Dazu wird in kurzen Texten der Kontext erklärt und aus Originalquellen zitiert. Beschäftigen sich diese Momentaufnahmen aus der Vergangenheit derzeit noch mehr mit Themen wie dem Ausbau der U-Bahnen und dem Fortschritt in der medizinischen Versorgung, sind im Verlauf des Jahres wohl düstere Bilder zu erwarten.

Einen klassischeren Zugang wählt die Dokumentation Stille vor dem Sturm.* Und doch gelingt ihr etwas außergewöhnliches: Über eine Art filmische Zugreise verbindet sie die Schauplätze der Vorkriegszeit und stellt die wichtigsten Intellektuellen und Künstler vor. Von Stefan Zweig bis DuChamp und Arnold Schönberg, von Kafkas Verwandlung bis zur Ermordung des Pazifisten Jean Jaurés: Über Kunst und Kultur, angereichert mit Fakten über das aufkommende Säbelrasseln, beschreibt der Film das Europa vor dem Ersten Weltkrieg. Ein bisschen mehr versteht man nach der Dokumentation, wie das alles passieren konnte. Und was das für die nähere, aber auch die fernere Zukunft bedeuten kann. In einer viel sagenden Passage spricht Volker Schlöndorf über die Geisteshaltung in der Österreichischen Monarchie, die er in seiner Törless-Verfilmung thematisiert. Eine starre, rassistische Hierarchie zwischen den Nationen im Vielvölkerstaat führt nicht nur zur kriegerischen Implosion des Reiches sondern wird auch Grundlage für die Ideologie eines anderen berühmten Österreichers.

So gibt es etliche Blickwinkel, aus denen man die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts betrachten kann. Und so nervig so ein Jubiläumsjahr auch sein kann, es hält eine Menge davon bereit. Wenn man weiß, wo man suchen muss.


* Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Artikels konnte ich einige Filme nur vorab empfehlen. Deswegen wurden nun kleinere Änderungen vorgenommen und die nach Ausstrahlung verfügbaren arte+7-Links ausgetauscht. Es lohnt sich überhaupt zur Zeit öfter mal bei arte reinzuschauen, wenn man sich für diese Epoche interessiert – bevor im Jahr 1914 in den Schützengräben aber auch im Jahr 2014 bei ZDF & Co. das große Schlachten losgeht. Zur Zeit finden sich dort neben den empfohlenen Sendungen auch noch eine Sonderausgabe des Magazins Philosophie zu Marcel Proust, der den ersten Teil seines Hauptwerks „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ 1913 veröffentlichte und, ebenfalls eine Spezial-Ausgabe, das „Ideen“-Magazin Square mit einer „künstlerischen und intellektuellen Bestandsaufnahme“ des Jahres 1914. Dabei stellen ein deutscher und ein französischer Historiker die „kulturellen, sozialen und politischen Ideen vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs“ vor. Dazu gibt es noch Musik aus der Zeit der Belle Epoque, ein Porträt des größten Modeschöpfers seiner Zeit, Paul Poiret, und einen Dokumentarfilm über eine Gruppe Aussteiger, die schon um 1900 mit freier Liebe, Nacktheit und Drogen experimenierten (Monte Verità).


Teaser by Paulae (CC BY 3.0)

Image by D.R., arte


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Hannes Richter

Hannes Richter

wandert auch außerhalb des Netzes zwischen den Welten. Der Berliner arbeitete in der Redaktion eines schwulen Nachrichtenmagazins im Kabelfernsehen und hat Videos für tape.tv und die iPad-Ausgabe des SZ-Magazins produziert. Als studierter Kulturarbeiter war er jahrelang im Berliner Cabaret-Theater Bar jeder Vernunft beschäftigt und hat ein gutes Gespür für die aktuelle Kulturszene. Im Netz verbindet er seine Leidenschaften, dafür ist es ja da. Privat twittert er als berlinmeerkat. Mitglied des Netzpiloten Blogger Networks.

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