Newtown-Berichterstattung: „FUCK YOU CNN, IT WASN’T ME“

In der Newtown-Berichterstattung hat eine Falschmeldungen dazu geführt, dass ein Unschuldiger belastet wurde. Wie weit, darf das Nachrichten-System gehen?

Newtown-Berichterstattung: „FUCK YOU CNN, IT WASN’T ME“

„Breaking News“, hierzulande gerne auch „Eilmeldungen“ genannt, sind offenbar in Zeiten des Internets zu einer großen Kunst geworden. Immer häufiger fallen Nachrichtenagenturen oder –portale damit auf, dass sie falsche Meldungen rausgegeben haben. Meist liegt das daran, dass sie auf kleinste Gerüchte anspringen und zeitintensive Recherchen hinten anstellen, nur um die erste „+++ EIL +++“ rausgegeben zu haben.

So scheint es auch beim US-amerikanischen Fernsehsender CNN am Freitagabend zugegangen zu sein. Nach dem Attentat in Newtown im Bundesstaat Connecticut berichtete der Sender um kurz vor 21 Uhr, dass Ryan Lanza der mutmaßliche Täter sei und blendete sein Facebook-Profil ein. Binnen Sekunden lief das Profil auch über die anderen Sender, sein Profil wurde in Nachrichtenportalen verlinkt und von Reportern weltweit über die sozialen Netzwerke verbreitet. Und auch sein Profilbild blieb nicht verschont, wie Christof Moser bei „Der Sonntag“ weiß: „Die Fotoagentur AFP verbreitete sein Bild weltweit. Auch «Blick», «20 Minuten» und «Newsnet» veröffentlichten Ryan Lanzas Gesicht. Sein Profilbild wurde innerhalb von Minuten 9308-mal geteilt.“ Die Folge waren böse Beschimpfungen und Shitstorms auf Lanza und seine Facebook-Freunde.

Es ist zwar ohnehin schon fraglich, ob es korrekt und sinnvoll ist, den vollen Namen des Täters zu senden und dann auch noch sein Facebook-Profil einzublenden. Viel schlimmer ist aber, dass Ryan Lanza nicht einmal der Täter des Amoklaufs war, sondern nur dessen Bruder. Ryan Lanza war zum Zeitpunkt der Meldung bei der Arbeit in New York. Und so fiel Ryan Lanzas Reaktion wenige Minuten nach der Ausstrahlung verständlich deutlich aus: „Fuck you CNN, it wasn‘t me”, postete der Amerikaner auf seiner Pinnwand.

Der Nachrichtenjournalismus ist in und durch die Zeit des Internets zu einem noch härter umkämpften Feld geworden. Es ist traurig, dass der zeitliche Vorsprung vor der Richtigkeit einer Meldung steht und somit mitunter Existenzen zerstört werden. Für Ryan Lanza dürfte der Amoklauf auch ohne die CNN-Falschmeldung eine persönliche Katastrophe sein – nun stand er zudem auch noch im Zentrum der Massenmedien.

Das System sollte dringend durchdacht werden. An erster Stelle sollte wieder die Zuverlässigkeit stehen, dahinter die Schnelligkeit. Wenngleich man dann vielleicht ein paar Klicks weniger generiert. Und wer das nicht versteht, sollte sich ernsthaft fragen, ob er seinen Beruf noch mit seinem Gewissen vereinbaren kann.


Image: Screenshot Facebook


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Tobias Gillen

Tobias Gillen

ist freiberuflicher Medien- und Technikjournalist und Blogger. Nebenher schreibt er Bücher und E-Books und ist bei Twitter, Facebook und Google+ zu finden.

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