Mauerführung mobil



Am 8. Februar 1950 wird das Ministerium für Staatssicherheit gegründet. Auf den Tag genau 60 Jahre später laufe ich durch die Niederkirchnerstrasse. „Hier in der Niederkirchnerstrasse ist eines der längsten zusammenhängenden Mauerstücke am originalen Standort erhalten.“, erklärt eine männliche Stimme im Kopfhörer. „Ein in das Strassenpflaster eingelassenes Kupferband verdeutlicht den einstigen Verlauf dieser Mauer hier. … Der Grenzstreifen war in der Niederkirchnerstrasse nur wenige Meter breit und füllte fast vollständig den Strassenraum zwischen den angrenzenden Häusern aus, dem Martin-Gropius-Bau auf Westberliner Seite und dem heutigen Abgeordnetenhaus auf Ostberliner Seite. … Auf Westberliner Seite stand der Martin-Gropius-Bau so nah an der Mauer, daß dessen Haupteingang nicht mehr benutzbar war und nach dem Wiederaufbau der Ruine 1981 auf die andere Seite des Hauses verlegt werden musste.“ (Hörprobe)

Wegen der Mauernähe wurde der Gropius-Bau mißtrauisch ausgehorcht und -guckt. Und noch ein weiteres geschichtsträchtiges Ereignis nahm hier seinen Lauf: beim Arbeiteraufstand 1953 war hier der DDR-Ministerrat (heute das Abgeordnetenhaus) zwischen den Demonstranten und dem Westen eingeklemmt. Erst die russischen Panzer änderten die Situation, was auch für einige im Zuge des Aufstands besetzte StaSi-Zentralen galt.

So spaziere ich den Mauerweg mit Geschichte im Ohr entlang. Wenn es auf dem Display des MauerGuide etwas zu sehen gibt, wird es im Text erwähnt, ich bleibe stehen, schaue Fotos und Bewegtbilder an. Zum Abschluß eines Abschnitts gibt es ein Quiz. Für jede richtig beantwortete Frage verschwindet ein Stück Mauer und gibt den Blick auf einen Film frei. Darin ist zu sehen, was mit dem gerade abgelaufenen Abschnitt beim Mauerfall passierte.

Der MauerGuide, ein ASUS Mypal Pocket PC mit 3,5″-TouchScreen, Stadtplan und GPS führt auf Deutsch oder Englisch entlang des 14 KM langen Mauerweges. Die Informationen sind jedoch voneinander unabhängig und können zu jeder einzelnen Station abgerufen werden. Insgesamt sind ca. 5 Stunden Inhalte verfügbar, interaktiv sind einzig die Quiz-Fragen.

Mein Einstieg erfolgt am Checkpoint Charlie. Dem Experiment angemessen, vergesse ich meine 6 Jahre Leben in Berlin so gut, daß ich mich erstmal verlaufe: das GPS besitzt keinen Richtungssensor und auch kein Routing. Eine gelbe Linie zeigt mir, wo es langgeht und sofern man weiß, woher man kommt, weiß man auch, wohin man geht. Zusätzlich ist der Mauerweg mit unauffälligen grau-weißen Schildern bestückt, die neben den blauen Hinweisen auf touristische Ziele, den Verkehrsschildern und den Straßenschildern ein eher bescheidenes Dasein fristen. Vielleicht wäre es gut gewesen, den Mauerweg vorher in mein Garmin zu speichern.

Über das TouchScreen lässt sich der MauerGuide intuitiv bedienen, eigentlich mit einem Stift, aber es geht auch mit den Fingern. Bei längeren Laufpassagen wird es still an meinen Ohren. Doch sobald ein Informationspunkt in mein Blickfeld kommt, macht mich eine Frauenstimme zurückhaltend darauf aufmerksam, daß ich jetzt wieder einsteigen könnte mit einer Einführung. Erst nachdem diese abgespielt wurde, sind vertiefende Informationen erreichbar. Praktisch bedeutet dies, daß eine direkte Ansteuerung von Detail-Information nur möglich ist durch ein Vorspulen der Basisinformation. Für ein unkompliziertes Abschreiten der Highlights mag das befriedigend sein. Möchte man jedoch direkt auf Zusatzinformation zugreifen, wäre eine interaktive Sitemap sinnvoll.

Mittlerweile stehe ich am Gedenkort „Weiße Kreuze“ am Reichstagufer beim Deutschen Bundestag: auf der Spree wälzen sich träge Eisschollen vorbei. Auf dem Display vor mir sehe ich, wie eine Frau das rettende Ufer erreicht und, durch schußbereite Grenzsoldaten in’s Visier genommen, gerade rechtzeitig von anderen Menschen die Böschung hochgezogen wird. Sie hat es geschafft. Ein anderer tauchte zu früh auf, wurde angeschossen und ertrank, weil er sich bewußtlos in den Unterwasserzäunen verfing. Die Grenztruppen wurden durch das Ministerium für Staatssicherheit der DDR „abgesichert“, die lebensgefährliche Undurchlässigkeit der Grenze war also Teil der Überwachung der Staatsangehörigen.

Die weißen Kreuze verschwimmen mit dem Hintergrund des weißgrauen Winterberlin. In meinem Kopf haben sich die Bilder nachdrücklich vermischt – die rein geographische Begehung ist angereichert mit geschichtlichen Ablagerungen, erweiterte Realitätswahrnehmung (augmented reality). Der Winter ist sicher eine eher ungewöhnliche Zeit für einen solchen Ausflug, entsprechend werden die 500 MauerGuides, die über 5 Ausgabeorte verteilt sind, im Schnitt ca. 200 mal pro Monat ausgeliehen. Im Sommer entspricht das einer guten Auslastung. Der Auftrag für den MauerGuide wurde vom Berliner Senat in Abstimmung mit den Gedenkstätten und der Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik an Antenna Audio, ein Unternehmen der Discovery Tours, vergeben, zum 1. Mai 2008 wurden die ersten Geräte ausgegeben. Über die Website ist eine Umfrage erreichbar, allerdings gab es bislang für eine Auswertung noch zu wenig Rücklauf.

Durch das Laufen und die direkte Orts-Erfahrung sind die Informationen in einen umfangreichen Kontext eingebettet. Zusätzlich sind Inhalte bereitgestellt, die sonst nicht so leicht zu finden sind. Und wenn ich auch etwas technikverwöhnt bin von meinem Smartphone: mir gefällt diese Art der Stadt-Erkundung.

Bildnachweis: Regine Heidorn