Likes als Kondolenzbeteuerung – lieber an die eigene Nase fassen
Seitenbetreiber und Redakteure sollten vorsichtig sein, wenn sie anderen vorwerfen ein Buzz-Thema für ihre Zwecke auszunutzen.

Bild.de und Stern.de haben ihren Nachruf auf den verstorbenen Comedian Dirk Bach dazu benutzt, um für Reichweite im Newsfeed-Getümmel zu sorgen. Das werfen derzeit zumindest einige Social-Media-Professionals den Redaktionen vor. Der Verdacht ist nicht ganz unbegründet, jedoch auch ein wenig weltfremd.
Dass gerade die Bild, bei der medialen Ausschlachtung von Themen in Verbindung mit Promis nicht sonderbar zimperlich ist, dürfte bekannt sein. Sich über das Gebaren des Blattes sowie seiner Online-Version zu empören gehört zum guten Ton. Und auch ich bin da bisher nicht unkritisch gewesen, wenn es um die Springer-Perle ging. Der aktuellen kritischen Debatte, um die Like-Kondolenzbekundung zum Zwecke der Relevanz-Anreicherung, kann ich jedoch nur wenig abgewinnen.
Es ist wahr wenn Experten in der Debatte auf den EdgeRank hinweisen und meinen, umso mehr Likes man generiert, desto höher steigt der Sichtbarkeitswert in den Feeds der Leser. Und es ist wahr, dass im Zusammenhang damit Redaktionen versuchen, mit Inhalten auf Kleinkind-Niveau (Cat-Content, Infografiken etc.) auf Interaktions-Fang zu gehen. Die Regeln und Algorithmen machen es nun einmal möglich.
Dass der Tod von Dirk Bach nun Erwähnung findet und das Thema außerdem gerade bei der breiten Masse eine Art Mitgefühl auslöst sowie zur fast inflationären Nutzung des Buttons führt, sollte man aber keiner Redaktion vorwerfen. Likes und Shares sind hier vorprogrammiert. Bei solchen Themen wird immer eine hohe Interaktionsrate geschehen. Doch wenn man einen solchen Beitrag postet und im Feed so etwas schreibt wie: „Den Like-Button erklären wir hiermit zum Kondolenz-Knopf“, dann geht man direkt vom sogenannten Like-Phishing aus. Ist dieser eine Satz tatsächlich gleichzusetzen mit dem unersättlichen Durst nach Relevanz?
Ich glaube das nicht. Ich denke es ist eher richtungsweisend, wie man mit der Community und ihren Bedürfnissen umgehen sollte. Lange Zeit sind Leser und Seitenbetreiber kritisiert worden, wenn man bei Todesmeldungen sich mit einem „Gefällt mir“ solidarisiert hat. „Wie kann man nur den Tod eines Menschen liken“, hieß es dann immer. Und schon gingen die heftigsten Wortwechsel in den Kommentarfeldern los. Mit solchen Aufrufen bzw. Hinweisen wie Bild.de und Stern.de sie angewiesen haben, gibt man den ganzen Aktivitäten eher eine Richtung. Gut moderiert würde ich das nennen und nicht schlecht inszeniert.
Das Web hat seinen nächsten Aufreger bekommen. Doch wenn man Redaktionen vorwirft Like-Phishing zu betreiben, dann kann man den Personen, die das ganze Thema anschließend auf Ihrer Page ausschlachten, genauso vorwerfen dies zu tun. Denn so ein Buzz-Thema aufzugreifen und tolle Besinnungsaufsätze dazu zu formulieren, bedeutet auch, sich vom Kuchen des Traffics eine Scheibe abzuschneiden. Und wenn man mit den Beiträgen auch noch die breite Meinung der Masse trifft, schnellen auch hier die Likes und +1 und Retweets und was nicht alles in die Höhe. Also wie schaut's aus lieber Kritiker? Vielleicht auch mal an die eigene Nase fassen?
Image by Manfred Werner - Tsu (Some rights reserved)
Über den Autor
Andreas Weck ist seit Februar 2011 an Bord der Netzpiloten. Zuerst als Redakteur und seit April 2012 als Projektleiter für das Online-Magazin. Neben den Netzpiloten hat er zudem auch auf anderen Online-Medien wie jetzt.de, Politik-Digital und t3n Beiträge veröffentlicht. Anzutreffen ist Andreas regelmäßig auf Google Plus, Facebook und seit kurzer Zeit auch auf Twitter.