Friedhof (Bild: Martin Abegglen [CC BY-SA 2.0], via Flickr)

Letzte Ruhe: Wie Aschersleben den Friedhof modernisiert

Im sachsen-anhaltischen Aschersleben wird die Friedhofsanlage teilweise digitalisiert – mit QR-Codes. Ob das sinnvoll ist? // von Tobias Gillen

Friedhof (Bild: Martin Abegglen [CC BY-SA 2.0], via Flickr)

Aschersleben, Sachsen-Anhalt. Auch an der ältesten Stadt des Bundeslandes geht der demografische Wandel nicht spurlos vorbei: Hier trifft das Ungleichgewicht zwischen Geburten- und Sterberate ebenso stark auf das Stadtbild wie in vielen anderen Teilen in Deutschland auch. Immer weniger Neugeborene kommen auf eine immer älter werdende Gesellschaft – die Folgen sind in Politik, Einzelhandel und auch auf dem örtlichen Friedhof natürlich ein Thema. Aschersleben möchte auf Letzterem nun mit Technik punkten.


Warum ist das wichtig? Der demografische Wandel macht auch vor Friedhöfen nicht halt. Hilft da eine Digitalisierung?

  • Der Friedhof in Aschersleben hat in 24 Jahren rund 5.000 Grabstätten und damit auch Besucher verloren.
  • Mit QR-Codes an Gräbern möchte man mehr Besucher auf die Anlage locken und auf historische Persönlichkeiten hinweisen.
  • Die Sorge ist, dass vor allem ältere Menschen sich ausgeschlossen fühlen könnten.

5.000 Grabstäten weniger

Vor 24 Jahren, 1990, gab es auf dem Friedhof in Aschersleben über 12.500 Gräber. Heute, 2014, sind es nur noch 7.500 Gräber. Weniger Grabstellen bedeuten auch auch – so skuril es leider auch sein mag – logischerweise weniger Besucher. Und damit ist die 16 ha große Anlage klar auf dem Rückschritt. In einem Beitrag der Sendung „Sachsen-Anhalt Heute“ bei MDR Sachsen-Anhalt stellt Friedhofsbetreiber Holger Dietrich nun eine Möglichkeit des Stadtmarketings vor: „Historische Persönlichkeiten von Aschersleben“ soll das Projekt heißen, das Wissensvermittlung mit einem Aufschwung der Friedhofsanlage vereinen soll.

Die Idee ist eigentlich gar nicht so fernliegend: An den Grabstellen von wichtigen und historischen Menschen aus Aschersleben wurden kleine Tafeln mit kurzen Infos und einem QR-Code aufgestellt. Über die Kurzinfos erfährt man kurz und prägnant, was die Person in seinem Leben für Aschersleben geleistet hat. Etwa, dass Heinrich Christian Bestehorn sowohl Papierwarenfabrikant als auch Ehrenbürger der Stadt war und am 29. April 1907 verstarb.

Über QR-Codes zu Zusatzinfos

Mehr Informationen gibt es dann über den QR-Code, der dann eine Wikipedia-artige Seite auf Smartphone oder Tablet lädt, über die man den kompletten Lebenslauf, Bilder und weitere Informationen der Person abrufen kann. Die Tafeln sind zudem integriert in einen Rundgang, bei dem Touristen und Besucher der Stadt auch am Friedhof vorbeikommen und dort so noch mehr über die Stadtgeschichte erfahren sollen.

Einer Stichprobe von MDR Sachen-Anhalt zufolge kommt das Projekt gut an. Seit ein paar Wochen wird die Initiative nun schon praktiziert. Ein Problem gibt es dann aber doch: Bei der Digitalisierung eines Friedhofs kommt – ganz im Sinne des demografischen Wandels – leider eine Gruppe zu kurz: Die Rentner und älteren Menschen können nämlich größtenteils mit Smartphone, Tablet und QR-Codes nichts anfangen. So gibt auch ein älterer Mann in der „Sachsen-Anhalt Heute“-Sendung zu: „Für uns ist das nichts.

Digitalisierung vs. Ort der Trauer

Ob es also zu einem gesünderen Klima auf der Anlage führt, wenn nun die jüngeren Besucher mit Smartphones und Tablets nach Zusatzinformationen suchen und die älteren Besucher damit nichts anfangen können? Fraglich. Auch, ob man die Digitalisierung an einem Ort der Ruhe und der Trauer braucht oder ob man dort nicht lieber – auch aus Respekt vor Trauernden – das Smartphones lieber stecken lässt.

Aus stadtmarketingtechnischer Sicht aber wird sich die Initiative „Historische Persönlichkeiten von Aschersleben“ sicher positiv auf die Besucherzahlen der Anlage auswirken. Über die Modernisierung es Friedhofs wird trotzdem nachzudenken sein.


Podcast von dRadio Wissen zum Thema „Digitaler Nachlass – Erben von Online-Konten“:


Digitaler Nachlass – Erben von Online-Konten


Tod 2.0 als Geschäftsmodell?

Wird es also künftig möglich sein, sich ganz aktiv dafür zu entscheiden, seinen Twitter-, Wikipedia- oder Facebook-Account quasi auf dem Grabstein zu verewigen und damit seine Meinungen, Statements und Ansichten für die Nachwelt zugänglich zu machen? Das Geschäft mit dem digitalen Nachlass ist nach wie vor ein großes Thema: Anbieter schießen wie Pilze aus dem Boden und sehen in der Verwaltung von Passwörtern und digitalen Erbstücken einen großen Markt mit viel Potenzial.

So wirklich erfolgreich ist das bislang wohl noch nicht. Meist mangelt es an der Vertrauenswürdigkeit, dem Preis oder den diversen und ganz individuellen Anforderungen, die man an denjenigen hat, der den Zugang und damit nach dem Tod auch die Hoheit über die digitalen Daten hat. Der Friedhof Aschersleben ist mit seiner Digitalisierung der berühmten Persönlichkeiten einen enormen Schritt in Richtung – man verzeihe mir den Ausdruck – Tod 2.0 gegangen.

Es ist also nur allzu gut denkbar, dass wir uns irgendwann auch darum kümmern müssen, was uns im Internet auch nach dem Tod wichtig ist. Zu Lebzeiten kümmern wir uns schließlich auch tagtäglich darum, uns im richtigen Licht zu präsentieren und darzustellen, Blogs zu pflegen und uns zu vermarkten. Das Geschäftsmodell mit dem Tod 2.0 könnte uns bald also vor große Fragen stellen. Eine wäre, ob man sich vorstellen kann, dass jemand eine QR-Scanner-App am eigenen Ort der letzten Ruhe startet.


Teaser & Image by Martin Abegglen (CC BY-SA 2.0)


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Tobias Gillen

Tobias Gillen

ist freiberuflicher Medien- und Technikjournalist und Blogger. Nebenher schreibt er Bücher und E-Books und ist bei Twitter, Facebook und Google+ zu finden.

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