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Histofme – Digitales Tagebuch mit Potenzial mehr zu sein

Mit Histofme ist in München ein spannendes soziales Microdiary Network entstanden, das viel Potenzial hat, die digitale Erinnerungskultur zu verändern // von Tobias Schwarz

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Histofme ist ein soziales Netzwerk, dass in den Bereich der Micro-Diaries fällt. Der Tagebuch-ähnliche Dienst appelliert an einen Instinkt der Menschen, der sich zu Beginn der Renaissance entwickelt hat und auch in einer digitalisierten Gesellschaft noch vorherrscht: Entwicklungen und eigene Erlebnisse festhalten und darüber zu reflektieren. Anstatt aber Nutzern eine Plattform für einen Blog anzubieten, der wohl besten Transformation des traditionellen Tagebuchs in das digitale Zeitalter, orientiert sich Histofme an der von Facebook wieder populär gemachten Timeline.

Eine neue Form des Tagebuchs

Die Menschheit kennt seit tausenden Jahren bereits Tagebücher, in denen Ereignisse und Informationen festgehalten wurden. Seit gut 600 Jahren schreiben Menschen aber nicht nur über ihre Umwelt, sondern auch über sich und ihre Gedanke. Hier liegt der Ursprung von Blogs, doch auch wenn das Bedürfnis sich nicht verändert hat, so doch die Darstellungsform. Durch Facebook ist die vertikale Timeline ein fester Bestandteil geworden, wie wir Ereignisse wahrnehmen – ein Scrollen nach unten oder oben bringt uns vielleicht kommentierte aber selten reflektierte Erinnerungen zurück. Oguz Furkan Kaytanci möchte das mit Histofme ändern und der Erinnerung im Digitalen eine soziale und teilweise reflektierende Komponente hinzufügen.

″Die Idee für Histofme kam mir durch die Nutzung von Twitter und Facebook und die vor ein paar Jahren eingeführte Timeline″, erklärt uns Oguz Furkan Kaytanci im Interview in einem Münchner Café am Isartor. ″Manche Einträge wurden geliked oder kommentiert, aber irgendwann waren sie dann auch verschwunden.″ Mit Histofme möchte er besonderen Momenten einen festen Platz geben, der bewusster als Facebook, Twitter & Co. genutzt wird. Nutzer können eigene Meilensteine in eine Timeline eintragen, bis zu 400 Zeichen dazu schreiben und mit einem Foto versehen. Demnächst sollen noch Foursquare und Instagram integriert werden um Einträge einfacher mit Fotos und Ortsangaben zu versehen.

Doch Histofme ist mehr als ein Microdiary. ″Für mich ist es auch ein soziales Netzwerk″, ergänzt Kaytanci und zeigt, wie sich Nutzer untereinander verbinden können und bestimmte Momente nicht öffentlich, sondern nur unter sich teilen. Einträge können nämlich nicht nur öffentlich oder ganz geschlossen gespeichert werden, sondern auch auf einen bestimmten Personenkreis an einem folgenden Histofme-Nutzern begrenzt werden. Die wiederum haben dann die Möglichkeit, bestimmten Einträge eine Sympathiebekundungen in Form eines Herz zukommen zu lassen bzw. sie auch zu kommentieren. Kaytanci schätzt dass zur Zeit die Hälfte der registrierten Nutzer ihre Timeline nur mit Freunden oder auch gar nicht teilen.

Ein globales Netzwerk aus München mit viel Potenzial

Kaytanci ist Programmierer und aus beruflichen Gründen in München. In der hiesigen Startup-Szene ist er nicht vernetzt, denn er findet keinen Zugang zu ihr. Im Gegensatz zu Berlin und Hamburg fehlt es in der bayerischen Landeshauptstadt an Orientierungshilfen in der kleinen aber zweifelsohne existierenden Startup-Szene. Histofme orientiert sich aber sowieso nicht an lokalen oder nationalen Grenzen. ″Ein soziales Netzwerk muss global agieren″, ist sich Kaytanci sicher. Noch hat der Dienst erst 2.000 registrierte Nutzer aber bereits eine internationale Community. Zwar kommen mehr als 40 Prozent Histofme-Nutzer aus dem Iran, was wohl an der Abwesenheit von dem in nationalen Grenzen arbeitenden Google Play und der Existenz alternativer App-Plattformen für Android liegt, aber auch in der Türkei und einigen südamerikanischen Ländern gibt es bereits aktive Histofme-Nutzer.

So unterschiedlich die Herkunft der Nutzer auch ist, so vielseitig sind auch die verschiedenen Anwendungsbeispiele. Manche nutzen Histofme als eine Form Reisetagebuch, in der sie eigene Meilensteine festhalten. Kaytanci kennt aber auch eine junge Nutzerin, die die Entwicklung ihres Kindes mit einer Histofme-Timeline dokumentiert. ″Irgendwann wir sie ihrem Kind dann die eigene Entwicklung zeigen können und ihm die Timeline zur Fortführung übertragen.″ Aber auch als ansprechend designte Alternative zu Lebensläufen oder für die Darstellung der Geschichte eines Unternehmens lässt sich die Histofme-Timeline nutzen. Das Tagebuch in Papierform oder als Blog, wird durch Histofme sicherlich nicht überflüssig, aber kreative Nutzungsmöglichkeiten sind endlos.

Bei der Monetarisierung will Kaytanci irgendwann in der Zukunft auch eher klassische Wege gehen, denn dieser Bereich ist natürlich wichtig für die Zukunft des Services. Seine Motivation ist aber, etwas von Nutzen für die Menschen zu entwickeln, das Nutzungserlebnis soll deshalb durch die Notwendigkeit Geld zu verdienen nicht eingeschränkt werden. Kaytanci kann sich vorstellen, auf eine dezente Art Werbung im Dashboard (nicht der öffentlichen Timeline!) darzustellen. Oder Drittdienste bieten den Nutzern die Möglichkeit, Erinnerungen in Form von Fotobüchern oder Biographien zu exportieren. Noch ist Histofme aber das Produkt eines engagierten und talentierten Programmierers, aber die Potenziale sind klar erkennbar.

Offene Fragen – normal am Anfang einer Entwicklung

Histofme sagt einem, was in der Vergangenheit passierte, doch die Zukunft ist noch ungewiss – auch für das Unternehmen an sich. Für sein frühes Stadion ist Histofme ein beeindruckend gut funktionierender und ansprechend designter Service, der stets weiterentwickelt wird. Kaytanci, aber auch unsere digitalisierte Gesellschaft, muss sich in Zukunft mit der Frage beschäftigen, wie wir im Digitalen unsere Erinnerungen nachhaltig sichern können. Die Möglichkeit Daten zu exportieren wird kommen müssen, Nutzer müssen sich aber auch darüber klar werden, wie privat unsere Erinnerungen im Digitalen sein können und ob sie überhaupt erhalten werden können. Oguz Furkan Kaytanci ist sich der Problematik bewusst und wird auch versuchen einen Weg zu finden, wie wir aus Histofme unsere Erinnerungen in der flüchtigen und sich stets verändernden digitalen Welt nachhaltig bewahren können.


Image by Tobias Schwarz/Netzpiloten (CC BY 4.0)


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Tobias Schwarz

Tobias Schwarz

ist Coworking Manager des St. Oberholz und als Editor-at-Large für Netzpiloten.de tätig. Von 2013 bis 2016 leitete er Netzpiloten.de und unternahm verschiedene Blogger-Reisen. Zusammen mit Ansgar Oberholz hat er den Think Tank "Institut für Neue Arbeit" gegründet und berät Unternehmen zu Fragen der Transformation von Arbeit.

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