Der Hack der Referendumspetition zeigt, dass sogar die Demokratie getrollt werden kann

Die dem Parlament vorgelegte elektronische Petition, die ein erneutes Referendum über den Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union fordert, ist eine bemerkenswerte Entwicklung der digitalen Demokratie. Die Zahl der Unterzeichner hat die vier Millionen bereits überschritten – wie viele wären notwendig, um aus der Petition eine legitime Form des Massenprotestes zu machen, die eine politische Antwort verdient? Es ist mit Sicherheit das bedeutendste Beispiel für Clicktivism, das die Welt je gesehen hat. Das Internet hat die Petition von einem umständlichen Papierstapel in ein Echtzeit-Messgerät der Unzufriedenheit derer verwandelt, die zu viel zu tun haben, um sich persönlich zu treffen und Banner zu bemalen und zu marschieren, aber dennoch engagiert genug sind, um einem Link auf Facebook zu folgen. Eine Online-Petition kann ein virales Vergeltungsinstrument sein, wie die Kontroverse um die Erschießung des Gorillas Harambe im Zoo von Cincinnati zeigte. Obwohl die Eltern des Jungen, der in das Gorillagehege gefallen war, von den Vorwürfen der vernachlässigten Aufsichtspflicht freigesprochen wurden, hatten viele Menschen das Gefühl, dass die Ermittlungen gegen die afroamerikanische Familie überhaupt erst aufgrund einer rassistisch motivierten Petition aufgenommen wurden. E-Petitionen sind eine legitime Form des Protestes mit einigen bemerkenswerten Erfolgen: Sie haben BBC Radio 6 Music gerettet und sorgten für die Nominierung von Malalai Joya für den Nobelpreis. Allerdings scheinen sie auch verstärkt anfällig für Missbrauch und Manipulation zu sein. Das britische Unterhaus untersucht nun die Möglichkeit, dass 77.000 Unterschriften für ein zweites Referendum für die Neuverhandlung mit der EU über einen Brexit durch Betrug zustande kamen, da eine Vielzahl von Unterzeichnern aus Ländern wie Ghana und Nordkorea stammten – wohl kaum Hochburgen einer pro-europäischen Geisteshaltung. Der verräterischste Hinweis waren vermutlich die 39.000 Unterschriften aus dem Vatikan, der lediglich eine Gesamtbevölkerungszahl von 800 hat.

Laut der früheren Parlamentsabgeordneten Louise Mensch von der Tory-Partei waren die Verantwortlichen für diesen Betrug keine technisch versierten, leidenschaftlichen „Remainer“, die die Grenzen der demokratischen Legalität austesteten, sondern eine undurchsichtige Gruppe von unzufriedenen 4chan-Usern. Die Webcommunity 4chan hat ungefähr 22 Mio. Nutzer im Monat, die anarchische, geschmacklose, clevere und manchmal giftige Kommentare abgeben. Während viele Internet-Memes wie „lolcat“ und das „Rickrolling“ von der 4chan-Community erfunden wurden, gibt es auch eine gut dokumentierte dunkle Seite – beispielsweise der Diebstahl und die Verbreitung intimer Fotos von Prominenten. Dass diese Petition gehackt wurde, zeigt einen besorgniserregenden Trend – es werden nicht mehr nur Individuen ins Visier genommen, sondern versucht, die Politik zu beeinflussen. Während der Europameisterschaft in Frankreich 2016 wollten russische Regierungsmitglieder nachweisen, dass russische Fans in Marseille von englischen Fans provoziert worden waren – aber die Twitter-Posts, die als Beleg angegeben wurden, stammten von Fake-Accounts. Britische Geheimdienste deuteten an, dass die Spur in den Kreml führe. Der russische Präsident Wladimir Putin betrachtet Hacking, Propaganda und die Manipulation der Medien als zentrale Bestandteile seiner hybriden Kriegsführung gegen den Westen. Wie der Islamische Staat gezeigt hat, können die sozialen Medien nicht nur zu Propagandazwecken genutzt werden, sondern als Waffe, mit der sich weltweit Terror verbreiten lässt. Das erklärt immer noch nicht so ganz, warum die User von 4chan die Demokratie untergraben wollen. Vielleicht ist die Antwort im Forum der Seite zu finden, das den unverfänglichen Namen „/b/“ trägt. Der Wissenschaftler Jamie Bartlett von der Ideenfabrik Demos identifiziert /b/ als einen Teil des Dark Net, der als Basis für die Art von extremem, aggressivem Trolling dient, das die 4chan-Nutzer einen „Life Ruin“ nennen. Life Ruins sind Streiche, deren Intensität und technischer Einfallsreichtum das Leben der Zielperson so gut wie komplett zerstören können. Obwohl /b/ nur einen kleinen Teil der Aktivitäten auf 4chan ausmacht, vermittelt es doch einen realistischen Eindruck von der Art von Grausamkeit, die stattfinden kann. Also war es vielleicht nur eine Frage der Zeit, bis Menschen mit solchen Einstellungen unvermeidlich gemeinsame Sache mit denjenigen machen, die eine ruchlose politische Agenda verfolgen. Das Trollen der Demokratie in Form der gehackten Referendumspetition ist vergleichsweise kaum mehr als ein Streich. Es ist offensichtlich, dass die Demagogie weltweit zunimmt. Insbesondere das unbedachte Referendum im Vereinigten Königreich hat gezeigt, dass die öffentliche Meinung ganz einfach durch falsche Informationen beeinflusst werden kann. Während die Zahl der gefälschten Unterschriften relativ klein ist, richtete ihr Vorhandensein großen Schaden an: Diese 77.000 Spam-Unterschriften haben die Rechtmäßigkeit der restlichen 4 Millionen Unterschriften in Frage gestellt und ließen uns an ihrer Macht zweifeln. (Anm. d. Red.: Mittlerweile hat sich die EU dazu entschieden, kein erneutes Referendum zuzulassen.) Dank Demagogen wie Nigel Farage von UKIP und dem US-Präsidentschaftskandidaten Donald Trump, die aus den Vorurteilen und den falschen Vorstellungen der Menschen Kapital schlagen, und Politikern wie Michael Gove oder Boris Johnson, die sich über die Welt der Fakten und Experten lustig machen, besteht die Möglichkeit, dass das Trolling im Internet eine völlig neue Dimension erreicht. In Wirklichkeit war Cyber-Mobbing nie virtuell. Seine Auswirkungen waren immer greifbar und gewalttätig, nur sind sie jetzt aus den Schatten hervorgetreten und auf einer nationalen Ebene spürbar. Wenn ein Land von einer falschen Statistik auf einer Werbefläche auf einem Bus überzeugt werden kann, dann stellen Sie sich vor was passiert, wenn den Witzbolden auf 4chan bewusst wird, dass die Trolle sich nicht länger unter der Brücke zu verstecken und auf ihre Opfer zu warten brauchen, sondern dass sie jetzt die nationale Bühne betreten und ihren Platz neben Farage, Trump, Le Pen und all den anderen Monstrositäten unserer neuen Politik des Hasses einnehmen können. Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation“ unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) „Stupid Computer!“ by James Lee (CC BY 2.0) 


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William David Watkin

William David Watkin

ist Professor der Gegenwartsliteratur und Philosophie an der Brunel Universität in London. In seinen Forschungen spezialisiert er sich vor allem auf die Philosophien von Agamben, Badiou, Deleuze und Nancy. Er forscht außerdem in den Gebieten Technologie, Gewalt, Weltpolitik und Terrorismus.

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