Die Wir-müssens kommen

Gestern erlebte ich eine seltsame Begebenheit. In zwei Online-Ablegern von bekannten Zeitungen gaben sich zwei fast bekannte Erklärer der digitalen Sphäre ein Stelldichein. Bei ZEIT Online tönte ein ranghoher IBM-Manager namens Dueck, „Wir müssen lernen, Jedi zu sein„. Der Buchautor Lobo wandte sich etwas distanzierter gleich an die ganze Gesellschaft. Sie müsse „auf das anwachsende, aufgeblähte, verschwörungsdurchseuchte Wissensarchiv, auf die Query-Realität, auf die unbewusste und algorithmische Filterung der Informationen reagieren„.

Offenbar haben sowohl Shirkys universale Filter versagt als auch das Imperium die Macht übernommen.

Beeindruckend ist vor allem, dass beide Autoren auf die anderen – geschätzt über 50 – meinungsstarken Autoren im Web sowie das Gros der arbeitenden Bevölkerung herunter schauen können. Woher die Ursache für dieses singuläre Expertentum und die enorme Höhe der Argumentation rührt, bleibt wahrscheinlich in den mentalen Brotkrumen der Menschheit verborgen. In jedem Fall fühlen sich beide legitimiert, ganzen Nutzergruppen oder gar der Gesellschaft ein freundschaftliches „Wir müssen“ um die Ohren zu hauen. Da beide twitterfreundliche Phrasen verwenden, ist die allgegenwärtige Resonanz (man verstehe hier die tausendfache Verteilung der ewig Gleichen Sätze) überraschend umfassend. Neuerdings ist dies ein Nachweis von Relevanz. Denn seit Silberzunge Kruse den Begriff der Resonanz aus der Physik entlehnte (ohne Luhmanns Definition zu bedenken), ist die Inflation von knackigen Formulierungen ein Ausweis allgemeingültiger Debatten.

Denn es geht um das große Ganze. Also viele Menschen. Das Schöne am Web ist offenbar, dass seine Vorbeter der festen Meinung sind, von und für eine Mehrheit zu sprechen, wenn es um das weltweite Netz geht. Allerdings ist der Inhalt im Web weniger Mensch als eher Text. Das kann ein Problem sein. Und bei Spiegel Online wird von Herrn Lobo sogar die Therapie für die eigene Diagnose gleich mitgeliefert: „Ein bisher an deutschen Schulen vernachlässigtes Fach wird zur Schlüsselqualifikation: das Wissen, wie Wissen zustande kommt, die Epistemologie.“

Wer den Begriff nicht kennt, es ist der Fachbegriff für die philosophische Disziplin der Erkenntnistheorie. Leider, lieber Herr Lobo, haben Wissen und Erkenntnis nicht unbedingt einen direkten Zusammenhang – vor allem eine Kausalkette vom Wissen zur Erkenntnis zu ziehen, erscheint mir deutlich zu unterkomplex. Ich will jetzt nicht auf den locus classicus von episteme zurückgehen, aber doch den Hinweis wagen, dass es um das Problem geht, ob die Welt auch ohne unsere Wahrnehmung existiert oder ob wir sie durch unseren Erkenntnisdrang erst erschaffen. Das berühmte Beispiel, ob ein Baum im Wald kracht, wenn keiner beim Umfallen anwesend ist, dürfte bekannt sein. Wissen in seinen verschiedenen Ausprägungen als Ausdruck von kultureller Prägung bestimmter Urteile über Tatsachen und Erlebnisse ist ein völlig anderer Bereich, der die Diskussion um die Erkennntnis im Dreieck Welt, Wahrnehmung und Bewusstsein nur in Außenbereichen berührt.

Aber auch der andere Wir-müssen-Text denkt von einer seltsamen, ebenso naiven Richtung her: Denn wären wir Jedi, wären wir außerhalb des Imperiums (Sith). Der Autor des „Sei Jedi!“-Aufrufs jedoch ist CTO von IBM, die man gerechterweise als vollständigen Teil dessen anerkenne muss, was wir getrost als Imperiums bezeichnen können. Keinerlei subversive Elemente sind dort zu verzeichnen. Diese Firma generiert Milliarden mit der Suggestion gegenüber Banken und Versicherungen und der Industrie, dass der Ersatz von Gehältern und Löhnen durch Lizenzkosten ein guter Deal sei. Noch seltsamer ist, das gerade jener IBM-Mitarbeiter im direkten Kontakt leichte Defizite in der Kommunikation aufweist, was an sich kein besonders schlimmes Malheur darstellte, würde er nicht exakt soziale Kompetenz in der modernen Arbeitswelt anmahnen. Und dann kommt ein Satz, den Yoda so nicht sagen würde, wollt er Jedi-Ritter im Netz gewinnen: „Die ganze Bloggerbewegung denkt, man müsse doch nur im Netz etwas schreiben, und wird dann gelesen. Aber was Blogger schreiben ist eben größtenteils nicht so gut, und wird daher auch nicht gelesen.“

Lieber Freund der IBM-Welt, es ist mitnichten ein Ausweis sozialer Kompetenz von den Bloggern, den Männern, den Frauen, den Blaublütigen oder ähnlichen Kategorien pauschale Behauptungen aufzustellen. Aber es kommt noch präziser.

ZEIT ONLINE: Braucht es dafür dann nicht auch ein Klima, in dem ich das alles ohne Angst vor Fehlern ausprobieren kann?

Dueck: Als Professional hat man keine Angst! Es gibt eine gewisse Demut, dass fast nichts ohne Schwierigkeiten funktioniert. Aber ansonsten muss man beherzt an alles herangehen und die Schwierigkeiten aus dem Weg räumen. Man sollte lernen, es hinzunehmen, wenn etwas nicht klappt. Das bedarf einer inneren Ruhe. Und es hat den Vorteil, dass man auch nicht mehr so böse auf Leute ist, wenn man weiß, dass Dinge nun einmal schief gehen und Fehler passieren. Man ist dann etwas gnädiger und nicht mehr so auf Konfrontation aus. Wie ein Jedi Ritter, der ruhig sein kann, auch mitten im Chaos. Die Fähigkeit muss man allerdings ausbilden. Es wäre schön, wir würden das Leuten schon im Alter von 10 bis 20 Jahren beibringen, würden ihnen erklären, woher Konflikte kommen, wie man sie beseitigen könnte, wie man mit Stress umgeht.

Hier ist es wieder dieses leicht zwanghafte Muss. Zuerst wird die „Bloggerbewegung “ (er glaubt tatsächlich, dass sei eine Bewegung!) entwertet und dann wird erklärt, dass der Professional gar nicht auf Konfrontation aus sein kann, der in sich Ruhe. Das klingt alles stark nach Küchenpsychologie mit einem Hauch Zen für Küchenschaben.

Schauen wir auf den anderen legitimen Experten: Lobo erklärt in seinem Text, dass wir drohen in einer Query-Realität zu versinken. Den Begriff leitet er aus der Nutzung in der Computerwelt als Suchanfrage her. Würde er den gebräuchlicheren Begriff der Erkundigung verwenden, wäre offenbar, zu welchem Zweck queries nützen: Sie sind eine Orientierung anhand von Faktenwissen. Nun wissen wir alle aber nicht erst seit dem Siegeszug der Jurisprudenz und der Statistik, dass Fakten in den Regel mehr oder weniger Beweischarakter haben. Ich möchte niemanden von den Anwesenden mit der spannenden Diskussion der Philosophie des Geistes langweilen, noch ferner liegt es mir, überhaupt den Charakter des Bewusstseins erörtern zu wollen, aber klein wenig besser kann man dann schon recherchieren. Wissen ist immer ein menschliches Produkt. Menschen sind Subjekte. Es existiert also überhaupt kein Wissen, dass losgelöst von einem Subjekt erlangt oder verstanden werden könnte.

Insofern. Ruhig Brauner. Auch wenn Du Dich als Experte fühlst, über das Thema Wissen, Halbwissen und Query-Wissen zu konfabulieren, so hat dieses Aneinanderreihen von Urteilen über die Texte und Gedanken anderer solange keine Bewandtnis, bis nicht eine bohrende Frage im Gehirn des Lesers übrig bleibt.

Mir fallen ad hoc einige ein: Warum beschreibt ein ranghoher IBM-Manager die Arbeitswelt als optimierbar und wird nicht weltweit bekannt durch das besonders humane oder soziale Miteinander unter seiner Führung? Warum schreibt ein Werbetexter einen Rant über vermeintliche Experten, wo doch gerade das Netz so großen Raum läßt für alle und jeden sein Publikum zu finden. Gerade er müsste wissen, dass Relevanz nicht mehr von Referenz kommt sondern sich aus mehreren sehr individuellen Quellen speist. Aber ein reifer Konstruktivismus oder ein pfiffiges Händchen für Selbstmodelle waren noch nie die Stärke der Lautsprecher, leider.

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Jörg Wittkewitz

Jörg Wittkewitz

  ist seit 1999 als Freier Autor und Freier Journalist tätig für nationale und internationale Zeitungen und Magazine, Online-Publikationen sowie Radio- und TV-Sender. (Redaktionsleiter Netzpiloten.de von 2009 bis 2012)

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