Pregnant (Bild: Yasser Alghofily [CC BY 2.0], via Flickr)

Big Data – oder wie eine Schwangere kriminell erschien

Wer sich Big Data entziehen will, braucht sich nur auszuloggen. Ganz so leicht ist es leider nicht, wie Janet Vertesi erfahren musste. // von Daniel Kuhn

Pregnant (Bild: Yasser Alghofily [CC BY 2.0], via Flickr)

Wer nicht will, kann sich bewusst gegen Big Data entscheiden, richtig? Einfach bestimmte Dienste nicht nutzen, es geht doch auch ohne, oder gar zu sicheren Alternativen greifen? So einfach ist es allerdings leider nicht, wie Janet Vertesi erfahren musste, als sie versuchte ihre Schwangerschaft vor der Marketingmaschinerie im Internet geheim zu halten. Nicht nur war dieser Versuch sehr aufwändig, sondern auch mit Schritten verbunden, durch die sie es auf so manche Fahndungsliste geschafft haben dürfte.


Warum ist das wichtig? Wir sind in dem Big-Data-Netz gefangen und der vorgegaukelte mögliche Ausweg ist mit derart hohen Hürden verbunden, dass er kaum als solcher bezeichnet werden kann.

  • Janet Vertesi hat versucht ihre Schwangerschaft vor der Marketing-Maschinerie des Internet zu verbergen.
  • Die Nutzung des Tor-Browsers, Bezahlung großer Beträge in Bar und der Versuch Gutscheinkarten für einen hohen Betrag zu kaufen ließen sie wie eine Kriminelle erscheinen.
  • Das Recht auf Privatsphäre scheint im Internet nicht mehr zu existieren und hat sogar massive Auswirkungen auf unser reales Leben.

Einmal geshoppt nie mehr gestoppt

Als die Soziologie-Professorin Janet Vertesi entdeckte dass sie Schwanger ist, fasste sie den Entschluss, diese Erkenntnis vor dem Internet geheim zu halten. Oder genauer: vor den Marketingmechanismen. Sie wollte bewusst vermeiden, dass sie getrackt, ihre Daten gesammelt und in Datenbanken gestopft werden. Der Grund ist einfach, da schwangere Frauen viele Einkäufe tätigen müssen, sind ihre Marketingdaten so viel wert, wie die von 200 nicht schwangere Menschen.

Der Fall einer Teenagerin in den USA hat Vertesis Alarmglocken angeschmissen – in dem Fall wusste die Kaufhauskette Target noch vor den Eltern des Mädchens, dass diese Schwanger ist. Es ist dank Kredit- und Payback-Karten heutzutage kein Problem mehr für eine Handelskette ein genaues Nutzerprofil zu erstellen. Noch einfacher wird dies im Internet, dank trackender Cookies und Kundenkonten, die alle nur erdenklichen Informationen beinhalten. Doch man kann sich dem doch wiedersetzen, wenn man nicht möchte, zumindest theoretisch. In der Praxis führt dies zu einigen Problemen.

Verweigerung macht verdächtig

Zunächst informierte Vertesi alle Freunde und Verwandten per Telefon oder Post von ihrer Schwangerschaft und dem Plan. Niemand sollte etwas posten oder ihr online schreiben. Als dies doch geschah, löschte sie die Facebook-Nachricht ihres Onkels und entfreundete ihn. Später stellte sich heraus, dass nicht nur er, sondern auch viele weitere Verwandte nicht wussten, dass Facebook-Nachrichten nicht privat sind. Diese Firmen setzen genau drauf natürlich, nämlich dass Kunden nicht etwa den Tausch privater Informationen gegen ‚kostenlose‘ Dienste akzeptieren, sondern dessen Existenz am besten gleich komplett vergessen. Als nächstes lud Vertesi sich den TOR-Browser herunter, um bei Online-Händlern Babysachen einzukaufen. Diese ließ sie an ein Postfach senden, bezahlt wurde mit Gutscheinkarten, die vorher mit Bargeld bezahlt wurden. So viel wie möglich kaufte sie jedoch in lokalen Geschäften und bezahlte direkt cash.

Spätestens hier wird jedem deutlich, dass dieses Verhalten aus Sicht der NSA oder anderen Geheimdiensten höchst verdächtig wirken muss. Warum macht man sich diese Mühe keine Spuren zu hinterlassen, wenn man nichts zu verbergen hat? Die Nutzung des Tor-Browsers oder gar die Verschlüsselung von E-Mails reicht bereits aus, um es bei NSA und GCHQ auf eine Verdächtigenliste zu schaffen – selbst wenn man nur ungestört von Online-Marketingmechanismen Babysachen einkaufen möchte. Ein ganz konkreter Kriminalitätsverdacht ergab sich allerdings, als der Kauf eines 500 US-Dollar teuren Kinderwagens bei Amazon anstand. Vertesis Ehemann wollte in einem Geschäft um die Ecke Geschenkkarten für 500 Dollar kaufen und bar bezahlen. Der Angestellte informierte ihn allerdings, dass es ein Limit gebe, für welchen Betrag man an einem Tag derartige Karten kaufen könne und dass er gezwungen ist, exzessive Transaktionen wie diese, den Behörden melden muss.

Freiheit? Welche Freiheit?

Uns wird immer wieder vorgegaukelt, dass wir die Freiheit haben zu entscheiden, ob wir unsere Informationen in den Big-Data-Pool einspeisen wollen oder nicht – entscheiden wir uns allerdings dagegen, sehen wir aus wie Kriminelle. Von Wahlfreiheit kann in diesem Fall also kaum die Rede sein. Es wird also Zeit eine öffentliche Debatte darüber zu führen, wie wir unsere persönlichen Informationen und unsere Privatsphäre wirksam schützen können – ein paar Checkboxes sind hier ganz offensichtlich nicht ausreichend.


Teaser & Image by Yasser Alghofily (CC BY 2.0)


Schlagwörter: , , , ,
Daniel Kuhn

Daniel Kuhn

ist Wahl-Berliner mit Leib und Seele und arbeitet von dort aus seit 2010 als Tech-Redakteur. Anfangs noch vollkommen Googles Android OS verfallen, geht der Quereinsteiger und notorische Autodidakt immer stärker den Fragen nach, was wir mit den schicken Mobile-Geräten warum anstellen und wie sicher unsere Daten eigentlich sind.

More Posts - Website - Twitter - Facebook - Google Plus