Es ist offensichtlich kurz vor zwölf. Wir schauen auf die Uhr und schreien „SOFORT!“. Wir sind drängelnde, schubsende Groupies der Gleichzeitigkeit. Wir streben nicht mehr nach dem „Carpe Diem“, wir wollen es in unseren Schoß segeln sehen.
Wir ziehen Fertighaus-Türen hinter uns zu, rufen unseren Instant Messenger auf und schlürfen eine Instant-Noodle-Soup. Casting-Shows küren die neuen Instant-Stars, die wir vorgestern schon vergessen haben. Zwischendurch noch schnell ein Blick auf unsere neue Armbanduhr, die Twitter- und Facebook Updates neben der aktuellen Stunde erscheinen lässt. Und wenn das Abendprogramm eines kultivierten Updates bedarf, besuchen wir noch schnell ein Improvisationstheater. Wer möchte schon den endlosen Monologen eines lebensmüden Hamlets im Morgenmantel lauschen, wenn er nicht eben mal schnell reinbrüllen darf, dass es jetzt mal reicht, mit dem Sein oder Nicht-Sein. Unsere tägliche Instant-Dosis verdirbt auf Dauer auch den diszipliniertesten Charakter. Wer ist schon noch bereit, auf lange Sicht etwas zu „er“warten, zu „er“hoffen?
Selbst die liebe Liebe muss darunter leiden. Die Auserwählte wird nicht mehr monatelang keusch hofiert und mit Geschenken und Geschriebenem bedacht. Und räkelt sie sich doch schnellstmöglichst in den Kissen, sollte der Cowboy von heute fix zur Instant-Erektions-Garantie Stallion XL greifen. Denn für das Klassenziel: „How to get an instant erection“ ist dies die effektivste Pille auf dem Markt. Garantiert kein Vor- und Nachspiel.
Geduld und Muße sind uns offensichtlich instantly abhanden gekommen. Wieso eine Sportart mühevoll von der Pike auf erlernen, wenn doch die Nintendo-Wii-Spielkonsole griffbereit im Regal liegt. Da kann man sich beim Tennis oder Boxen gründlich austoben und gleichzeitig noch schauen, ob unsere Kühe bei Farmville noch in Reih' und Pixel stehen. Unsere eigene Farm – nur ohne Dreck, echte Tiere und Arbeit.
Wer nebenbei noch auf der Suche nach sich selbst und allem anderen ist, der hat dank Facebook jetzt die Möglichkeit, sich einer „umgehenden Personalisierung“ zu unterziehen. Auf der vergangenen f8-conference wurde uns ein neues Tool offenbart: „Die umgehende Personalisierung meines Nutzungserlebnisses auf Drittseiten von Webpartnern“. Einfach Zucker. Zwischen dem ganzen Brei aus Tütensuppen, löslichen Topmodels und fiktiven Schweineställen müssen wir uns fragen: Wieviel Instant-Produkt steckt in uns?
Und sind wir noch so gut wie das Original? Beruht unsere Instant-Gemeinschaft auf dem gleichen Prinzip wie Instant-Food? Das wäre Convenience.
Zu deutsch schlicht: Bequemlichkeit.

Bildnachweis: nesstor4u2

Über den Autor
Julia Malz  lebt als freie Journalistin in Hamburg. Nach ihrem Studium der Deutschen Sprache und Literatur und der Politischen Wissenschaft an der Uni Hamburg widmet sie sich dem freien Schreiben und ungewöhnlichen Gedanken. Privat auch in ihrem Blog FREISTIL.
Julia Malz | Gesellschaft, Social Media | 26.04.10, 10:00
 
 

5 Kommentare zu “Echtzeit oder Instant-Ich?”
 
14:14 | Apr 26' 2010| emzo schreibt:

Wow! Das nenne ich einen guten Artikel: Mitreißend, aufrichtig und wortgewandt. Wo ist jetzt hier der “Like”-Button? :)

 
19:03 | Apr 26' 2010| mylk schreibt:

Der steht unter dem Text. Aber ich trau mich nicht, in zu klicken, das wäre mir zu instant. Ein ausformuliertes Lob trifft es da schon eher….oder doch nicht?

 
19:13 | Apr 26' 2010| Julia Malz schreibt:

das hängt von zeit und muße des kommentators ab;)

 
21:36 | Apr 26' 2010| Digital Life – Links des Tages vom 26.04.2010 » apad, apple mitarbeiter, fernesehwerbung, geburtstag, instant ich, ipad, journalisten, tag-wolke, wordpress » Digital Life schreibt:

[...] Echtzeit oder Instant-Ich? Bei nicht wenigen ist die Frage wohl ehr: Wie viel nicht Instant kann ich mir [...]

 
14:25 | Dez 28' 2010| Durchs Jahr mit den Netzpiloten: Au revoir, Blogpiloten | Netzpiloten.de - das Beste aus Blogs, Videos, Musik und Web 2.0 schreibt:

[...] Doch gab's auch eigene Ideen zur digitalen Kultur. Arne Bense ging angeregt von einer Konferenz der Frage nach dem Verhältnis von Musik und Medialität (geschult an Marshall McLuhan) nach, insbesondere wenn der Computer als Musikinstrument ins Spiel kommt. Lesenswert bleibt außerdem unsere Hinterfragung der Online Reputation und des Trends zum Instant-Ich. [...]

 
 
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