Wird das Metaverse der größte Staat?

Es erscheint uns schon eine gefühlte Ewigkeit her, dass Smartphones und Social Networks unser Leben auf den Kopf gestellt haben. Aber wisst ihr was? Die Saat für Facebook wurde erst 2003 gesäät und das erste iPhone begründete 2007 den Durchbruch des Smartphone-Marktes. Nur wenige Jahre später befinden wir uns in einer neuen Realität, aus der wir weder Smartphones, noch Social Networks wegdenken können. Eigentlich total verrückt!

In unserer Geschichte gab es kaum andere technologische Meilensteine, die so schnell Teil unseres Alltags geworden sind. Eine kleine Erinnerung: Die Blu-ray gibt es schon seit 2002, aber im Handel bekommt ihr noch problemlos eine riesige Auswahl an DVDs. Manch neuere Produktionen sind sogar noch DVD-only! Schonmal versucht, das ursprüngliche Nokia 3310 (abseits des Nostalgie-Markts) zu kaufen? Das Handy hat für seine Quasi-Unverwüstbarkeit einen legendären Status, aber die Smartphones haben selbst das ehemalige Nonplusultra quasi komplett vom Markt geschmissen. Nokia, einst das Nonplusultra seines Marktes, rennt seit Aufstieg der Smartphones dem Markt hinterher und wurde sogar weiterverkauft.

Wenn es nach einigen großen Tech-Unternehmen geht, gibt es bereits den nächsten Meilenstein am Horizont. Das „Metaverse“ begeistert die Internetriesen und führt zu Milliardeninvestitionen, um die Zukunft Realität werden zu lassen. Was es genau mit dem Metaverse auf sich hat, haben wir bereits an anderer Stelle erklärt. Hier soll es etwas subjektiver um die Faszination, aber auch den Schrecken gehen, den eine sehr realitätsnahes Metaverse mit sich bringen kann. Erwartet hier also weniger harte Fakten, sondern mehr die Traum- und Albtraumvorstellungen, die das Metaversum erschafft.

Das Metaverse zerreißt selbst Tech-Nerds

Das Metaversum zerreißt mich innerlich. Als ich für unseren Explain-Artikel zum Metaverse tiefer in die Materie abtauchte, war es für mich wie eine Dusche, in der das Wasser ständig zwischen eiskalt und brühend heiß wechselte.

Da sind etwa die Zukunftsbilder, die uns viele Filme und Bücher liefern. Ein Großteil dessen beschreibt eine hochtechnologisierte Welt, in der uns eine fortgeschrittene Virtual Reality vor allem Probleme bringt. Unternehmen erlangen mehr Macht als manche Staaten, das reale Leben weicht immer mehr virtuellen Träumen und am Ende läuft alles darauf hinaus, dass man das Unternehmen mit dem Monopol stürzen muss.

Aber sein wir mal ehrlich: Trotz Schreckensszenario wecken viele dieser Zukunftsvisionen zugleich auch ein Verlangen. Wenn virtuelle Welten gezeigt werden, die sich wie echt anfühlen, würden wir dort nur zu gerne abtauchen. Ob nun die MMORPG Aincrad im Anime Sword Art Online, in der gefangene Spieler um ihr Leben kämpfen oder die kaputte Parallelwelt aus Ready Player One – tief in uns wollen wir eine virtuelle Welt genau so realistisch erleben, wie die Protagonisten dieser fiktiven Zukunft – vielleicht ohne das Elend der Realität oder den reellen Tod im virtuellen Spiel.

Ein wenig tröstet uns dabei der Gedanke, dass die Realität (vorerst) nicht so radikal zuschlagen wird. Dafür mahlen – zumindest in Deutschland – allein die Mühlen der Bürokratie zu langsam. Welcome to the „German Angst“, die den Fortschritt stoppt, bevor er sich erklären kann.

Das Metaverse als größter Staat?

Die mögliche Dimension des Metaversums ist trotzdem gigantisch. Auf der einen Seite erweitert und verknüpft das Metaverse die physische Welt mit der digitalen. Noch wahnwitziger mutet aber die digitale Seite an – eine virtuelle Welt, die ständig wächst und von Usern aus aller Welt bevölkert wird. Laut Börsenbericht vom April 2021 wird allein Facebook von 1,8 Milliarden Nutzern täglich benutzt. Stellt euch diese Nutzerzahlen in einer virtuellen Welt vor, in der jeder seinen eigenen Avatar hat, der für uns auch sichtbar ist, wenn wir uns am gleichen Ort dieser Welt aufhalten. Womöglich müsste man diese virtuelle Welt fast schon als eigenen Staat sehen. Dieser ist dann mal eben der größte Staat der Welt.

Mitunter wäre das vielleicht sogar dringend nötig. Die Erfahrung ist eine andere als in einem Videospiel. Wir haben eine festere Identität, sehen alle virtuellen Mitbürger, nutzen aus dem Metaversum heraus andere virtuelle Dienste und können die neue Welt auch per VR-Brille viel immersiver erleben. Es macht einen Unterschied, ob jemand in heutigen Spielen um einen herumhüpft und dämliche Kommentare schreibt (/ignore und sie sind ausgeblendet), oder ob man in einer deutlich immersiveren Welt mit VR-Brille von anderen drangsaliert wird. Man kann zwar auch hier einfach an einen anderen Ort springen, doch im Metaverse gibt es trotzdem weniger Möglichkeiten, sich zu verstecken.

Wer die teils toxischen Communities im Internet oder in einigen Spielen kennt, erahnt sicherlich, dass es lieber früher als später klare Regeln braucht, damit nicht das pure Chaos ausbricht und vor allem minderjährige Nutzer im Metaversum geschützt werden.

Legislative, Exekutive und Judikative in der Onlinewelt

Doch wie weit darf es gehen? Es ist normal, dass Onlinedienste Regeln haben und dass Nutzer bestraft werden, wenn sie dagegen verstoßen. Für das Zusammenleben im Metaverse bräuchte es aber schon eher einen eigenen Gesetzkatalog statt geschäftlicher Nutzungsbedingungen. Für die Umsetzung dieser Gesetze bräuchte es eine Art Polizei, die den virtuellen Raum überwacht. Im Gegensatz zu einem Videospiel wären diese auch selbst direkt sichtbar in der Welt. Sie lassen sich dann beispielsweise an der Kleidung des Avatars als solche erkennen.

Folgt man diesem Beispiel weiter, bräuchte das Metaversum über die virtuelle Polizei hinaus sogar noch eine eigene Rechtsprechung. Es wird neue Formen virtueller Verbrechen geben, die sich nicht klar auf die Rechtsprechung eines bestimmten Landes verorten lassen. Die Mitwirkenden können aus verschiedenen Ländern kommen, geflossene Gelder eine Kryptowährung sein. Im Metaverse verschwimmen Grenzen und damit Zuständigkeiten.Das Metaversum ist allerdings nicht nur die virtuelle Welt. Dass die reale Welt Teil des Metaversums ist, dafür aber auch digitale Inhalte und Personen die physische Welt erweitern können, machen eine komplette Abgrenzung des Metaverse als eigener Staat wieder deutlich schwerer.

Doch nicht nur die Rechtsebene, sondern auch die Wirtschaft bedarf eventuell neuer Regeln. Ist das Metaverse irgendwann weit genug fortgeschritten, könnte dort mehr Geldbewegung stattfinden als sonst wo. Vorhandene Unternehmen gehen auch ins Metaverse, in dem aber ganz neue Geschäftsmodelle entstehen. Millionen Nutzer werden ihr Geld – in reinen Digitalwährungen – virtuell verdienen und ausgeben. Auch hier braucht es Lösungen, alte und neue Wirtschaft miteinander zu verbinden.

Welche virtuellen Elemente bleiben?

Vieles wird auch davon abhängen, wie viel Realität man sich in die virtuelle Ebene des Metaverse holt und wo die digitalen Möglichkeiten genutzt werden. Je nachdem wie real man das Metaverse halten will, könnte es sein, dass wir abseits von Gaming-Anwendungen an einen recht eindeutigen Avatar gebunden sind. Vielleicht entspricht dieser sogar unserem realen Erscheinungsbild. In der realen Welt kann man zum Glück nicht den Namen fremder Personen einfach über ihren Kopf ablesen. Wenn sich das auch im Metaverse so verhält, ist die optische Identifikation deutlich wichtiger. Verzichtet man auf die Anpassbarkeit des Avatars, beraubt man sich aber auch vieler Vorteile der virtuellen Ebene.  

Ähnliche Fragen gibt es beim „Reisen“. Können wir gänzlich frei in den öffentlichen Räumen des Metaverse-Reisen oder gibt es vielleicht Reisebereiche oder Portale, damit überall aufploppende Avatare die Immersion nicht zu sehr stören? Und wie wird es mit ausloggenden Nutzern gehandhabt? Und wie sieht es mit Screenshots aus. Je persönlicher der Avatar ist, desto problematischer, andere unbemerkt fotografieren zu können. Halten wir im Metaverse am Ende stattdessen virtuelle Kameras in der Hand?

Im Rahmen von Belästigung und Mobbing besteht außerdem die Frage, ob sich Personen nicht doch ignorieren lassen, sodass man sie nicht sieht. Beim Metaverse spielt also nicht nur die Frage eine Rolle, welche virtuellen Möglichkeiten man nutzt, sondern auch welche man nicht nutzt. Ich kann mir dabei starke Unterschiede zwischen einem öffentlichen, von der breiten Masse genutzten Raum und privaten Anwendungen, wie etwa Spielen vorstellen. In einem Spiel ergibt es Sinn, den Avatar zu wechseln, (Charakter-)Namen über dem Kopf zu haben und einige Regeln außer Kraft zu setzen, weil man bewusst gegeneinander antritt.

Antworten vorbereiten, bevor die Fragen gestellt werden

Das Metaverse steht noch ganz am Anfang seiner Entwicklung. Wir wissen weder, wer das Metaversum am Ende entwickelt, noch wie es am Ende tatsächlich aussehen wird. Vielleicht findet es doch eher auf einer subtileren Ebene statt, die mehr unsere reale Welt digital erweitert, als dass zusätzlich eine virtuelle Parallelwelt entsteht. Das hier gezeichnete Bild ist bewusst etwas extremer und an bekannte Science Fiction-Dystopien ausgewählt. Es soll zeigen, welche Fragestellungen das Metaverse aufwerfen kann – auch für die physische Welt.

Und auch wenn das Metaverse sich am Ende deutlich subtiler gestaltet, kann man sich nicht früh genug Gedanken machen. Das gilt auch für Entscheider in Politik und Wirtschaft. Wie schnell Technologie ein fester Teil der Gesellschaft werden kann, haben wir mit Facebook, Smartphones oder Tiktok erlebt. Nur das Metaversum verbindet analoge und digitale Welt viel stärker miteinander als alles zuvor. Da muss auch die Politik mit stattfinden. Doch dass wir noch immer mit Funklöchern zu kämpfen haben und die Gesundheitsämter auch nach bald 2 Jahren Corona teils auf Faxgeräte angewiesen sind, spricht nicht für eine schnelle Anpassung.

Ich bin gespannt, ob das Metaverse am Ende kommt und in welcher Gestalt. Es kann einer der größten technologischen Meilensteine werden, aber auch ein riesiger Hype der zu einem noch größeren Flop wird. Nur weil Unternehmen sich darum bemühen, heißt es nicht, dass wir Nutzer es am Ende auch annehmen. Und selbst wenn es kommt, muss sich erst zeigen, ob es unser Leben bereichert oder sich die Dystopien erfüllen. Das Potential ist jedenfalls unglaublich groß. 


Image by Yingyaipumi via Adobe Stock

Das Internet ist sein Zuhause, die Gaming-Welt sein Wohnzimmer. Der Multifunktions-Nerd machte eine Ausbildung zum Programmierer, entdeckte dann aber vor allem die inhaltliche Seite für sich. Nun schreibt er für die Netzpiloten und betreibt nebenher einen Let's Play-Kanal, auf dem reichlich gedaddelt wird.


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