Wikileaks: Die Vuvuzela im Web

Ob Julian Assange eines Tages seinen Privatkrieg gegen Amerika gewinnen wird? Ob er sich auf einen Märtyrertod vorbereitet? Die Holzklasse in Form der Journaille wird jedenfalls trefflich vorgeführt in ihrem fragwürdigen Wahn, die Scharmützel eines Sarrazin oder eines Assange als güldene Substanz in der heiligen Monstranz der vierten Macht im Staate herumzureichen. Wenn Wikileaks eine gute Plattform ist, um frustrierten Mitarbeitern und gekündigten Ex-Mitarbeitern die Chance zu geben, die andere Seite eines glücklosen Macht/Gehorsam-Führungsstils vorzuführen, dann ist das eine Sache. Wenn aber ehemals erstklassige Presseorgane sich ergehen im Ausschlachten des Winterlochs mit den Depeschen der Mitarbeiter des DoS (Department of State), dann wird eines klar: Diese Inhalte hätte jeder Volontär in jedem besagten Land exakt genauso schreiben können. Er oder sie hätte es aber nie getan, sondern dieselbe Ausssage in ein wenig Fakten eingewickelt, damit sie nicht so schnell stinkt. Denn wenn man den Fisch auswickelt, dann muss er schnell zubereitet werden, sonst wird er schlecht. Die Zubereitung der Hundertschaften an Journalisten hat uns einmal mehr den Unterschied zwischen Information, Wissen und Erkenntnis transparent gemacht. Der aktuelle Journalismus hat seine Krise noch gar nicht begriffen: Peak Relevance liegt schon hinter ihm.

Und wenn sich dann ein Lobo in das öffentlich-rechtliche Fernsehen setzt und unter Zustimmung der anwesenden Talkshow-Experten zum Besten gibt, dass es quasi ein unausweichlicher Akt der neuen iFreiheit ist, möglichst viele Informationen ins Netz zu stellen, dann gnade uns Assange, wen er das nächste Mal auswählt…Gibt er dann vielleicht den ihm genehmen Zeitungen alle Forschungsmaterialen über gefakte US-Studien zu den Themen Energie, Hunger, Gesundheit und Gesellschaft?

Wir erleben gerade den Offenbarungseid der Wissensgesellschaft. Es liegt nicht an Assange oder Spiegel. Es liegt an den Lesern, die sich ihre Köpfe mit Müll zukleistern lassen und das Ganze auch noch als Entscheidungshilfe nutzen wollen für… ja, für was denn eigentlich? Achja, ich weiß Fakten, Fakten Fakten. Es gibt noch immer Leute, die glauben, dass es ein objektive Wahrheit gibt. Der Fundamentalismus dieser Objektivitätsreligion ist fast noch schlimmer als der Fundamentalismus der Christen und Muslime. Schade, dass Assange Wikileaks mißbraucht, um diesem Götzen zu huldigen. Das Tool könnte wieder ein gutes Werkzeug sein. Das war es mal, vor dem großen Feldzug des kleinen Australiers.

Aber vielleicht tut er das alles ja nur, um den Amis das Wort Datenschutz zu erklären. Das würden den Menschen entgegenarbeiten, die wikileaks für einen Akt der Freiheit halten.

Jörg Wittkewitz

  ist seit 1999 als Freier Autor und Freier Journalist tätig für nationale und internationale Zeitungen und Magazine, Online-Publikationen sowie Radio- und TV-Sender. (Redaktionsleiter Netzpiloten.de von 2009 bis 2012)


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3 comments

  1. Zunächst einmal: Es wird unweigerlich zu einer Verbreiterung solcher „Leaks“ kommen. Die Informationen stammen aus einer bekannten Quelle, sowohl deren Verhaftung als auch die Reaktion der USA auf die Veröffentlichung machen sie glaubhaft. Da werden sich noch einige Leute ein Beispiel nehmen, bei dem Medieninteresse.

    Ich halte es für lobenswert, dass der Spiegel sich an einer solchen Aktion beteiligt. Angesichts der Medienpräsenz ist der Vorgang aber auch nur zu lukrativ. Den Spiegel als ehemals erstklassig zu bezeichnen, halte ich zwar für „Früher-War-Alles-Besser“-Mentalität, ich halte aber vom Spiegel schon lange soviel wie von der Bild – und zwar gar nichts.

    Am Sonntag bei Will war Lobo eine wirkliche Bereicherung. Er hat Positionen vertreten, die unweigerlich schlüssig waren, daher von den Beteiligten letztendlich übernommen und weitergedacht wurden. Die Sendung war unwillkürlich spannend und interessant zu verfolgen.

    Letztendlich noch etwas Generelles: Im Gegensatz zu Unternehmen repräsentiert ein Staat sein Volk. Das Volk hat das Recht, über alle Prozesse informiert zu sein, mit einer Ausnahme: Wenn bei Verhandlungen (bspw. Friendens-, Wirtschafts-, Militärabkommen) von einem Spieler plötzlich alle Karten auf den Tisch gelegt werden, so entstehen tatsächlich ungewollte Nachteile. Generell ist diese Informationsfreiheit für die Demokratie unausweichlich und wird uns anstelle von übervorsichtigen Pokerspielern eher zu besseren Demokraten als jemals zuvor machen.

  2. Inwiefern war Lobo eine Bereicherung? Indem er sagte, dass wir in Zukunft erleben werden, dass noch mehr solche Löcher zutage treten werden, die auch von anderen Plattformen publiziert werden oder indem er sagte, dass dies eine neue Form der Freiheit sei? Mehr hatte er doch gar nicht gesagt.

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