Was ist Scrollytelling?

Scrollytelling. Ein Wort, das gleichermaßen vertraut vorkommt aber dann auch wieder nicht. Doch Scrollytelling gibt es schon seit mehreren Jahren und es erfreut sich immer größerer Beliebtheit, besonders bei Unternehmen. Ursprünglich handelt es sich hierbei um eine journalistische Erzählform. Sie fungiert als eine neue Art der Informationsvermittlung, wie man sie sonst eher aus dem Museum kennt. Denn unter Zuhilfenahme multimedialer Effekte und Objekte werden nämlich Geschichten erzählt. Vor allem große Zeitungen und Zeitschriften sowie Unternehmen nutzen diese Methode, da eine Scrollytelling-Geschichte enormen Aufwand mit sich bringen kann. Doch genug um den heißen Brei herumgeredet. Was Scrollytelling im Detail ist, woher das Wort stammt und welche Möglichkeiten sich damit ergeben, erfahrt ihr hier.

To Scroll + Storytelling = Scrollytelling!

Zuallererst die Wortherkunft. Scrollytelling setzt sich aus den englischen Wörtern „to scroll“ und „Storytelling“ zusammen. Ersteres bezieht sich auf den Prozess des Herunterscrollens innerhalb einer Website und letzteres meint das Erzählen einer Geschichte. Man kennt Storytelling vor allem aus dem Journalismus, aus Drehbüchern für Film und Fernsehen, aus dem Unternehmensmarketing und aus der Wissenschaft. Im Prinzip geht es darum, eine Botschaft zu senden, die mittels einer einprägsamen und unterhaltsamen Erzählweise den Empfänger*Innen im Gedächtnis bleiben soll. Beides vereint ergibt Scrollytelling.

Einfach gesagt: man scrollt auf einer Website nach unten und durch dieses scrollen öffnet sich eine Geschichte. Diese wird nach und nach deutlicher und je weiter man scrollt, desto mehr fügt sich die Thematik zusammen. Andere Begriffe sind Multimedia-Storytelling, Multimedia-Reportage oder digitale Langform – letzteres klingt zugegeben eher nach dem verzweifelten Versuch Anglizismen auszuweichen.

(Übrigens: Wenn ihr selbst oder jemand, den ihr kennt, Interesse habt, eigene Geschichten zu schreiben, dann empfehlen wir unseren Guide für nützliche Autoren-Apps)

Was macht Scrollytelling aus?

Vorneweg sollte man wissen, dass Scrollytelling-Beiträge zumeist auf eigenen Websites außerhalb der produzierenden Plattform angelegt werden, da sie sogenannte Onepager sind. Das heißt, statt mehrerer Seiten, durch die man sich durchklickt, gibt es eine Hauptseite, die nach unten hin offen ist. Und die so lange scrollbar ist, bis die Geschichte endet. Die lineare Erzählweise ist das wichtigste, nichts wird vorweg genommen. Aber sie sind nicht nur vom PC aus zugänglich. Meistens sind sie extra ‚responsive‘ programmiert, also auf allen Endgeräten individualisiert und lesbar. Auf Mobilgeräten ist das meist sogar angenehmer als über das Scrollrad der Maus.

Bei wem jetzt der Eindruck entsteht, Scrollytelling sei einfach eine vertikal erzählte Geschichte, aber sonst nicht von einem gewöhnlichen Artikel zu unterscheiden, der irrt sich. Die eingebauten Multimedia-Funktionen machen die Geschichte einzigartig und motivieren auch bei langen Artikeln, die ganze Geschichte zu erleben.

scrollytelling, Beispielbild, Bildschirm mit bunten Elementen
Je innovativer, desto besser: Multimedia ist eines der beiden Herzstücke von Scrollytelling-Seiten. Image by Knut via Adobe Stock

Wenn Worte allein nicht ausreichen

Denn wie bereits erwähnt ist das Ziel die Vermittlung von einzigartigen Inhalten bei gleichzeitig einzigartiger Darstellung. Und um das zu erreichen, sind alle Mittel recht, die das mediale Zeitalter für Webbrowser bereithält. Es sollten mindestens Videos, Bilder, Tonspuren und Sounds enthalten sein, aber auch wandelbare Hintergründe sind eine gute Methode der Darstellung. Ebenso machen Widgets oder Schaltflächen das Erlebnis eindrücklicher. Besonders wichtig ist die Scrollgeschwindigkeit, denn sie gibt den Erzählfluss vor.

Die Möglichkeiten sind vielfältig und kaum aufzuzählen. Beliebt sind ebenfalls Zoom-Ins und -Outs, Farbkontraste und -Verläufe, Übergänge, Animationen usw. Die meisten Optionen fallen einem sowieso erst ein, wenn man sie auf einer solchen Seite sieht. Die Dokumentation einer historischen Katastrophe beispielsweise lässt sich gut mit einer Landkarte visualisieren und die speziellen Ereignisse währenddessen mit einem Zeitstrahl beleuchten. Wichtig ist allein, dass das Konzept zur Geschichte passt und diese unterstützt. Denn so wird aus einer recht langen Geschichte mit vielen Seiten Text ein interaktives Erlebnis. Besonders dann, wenn Worte allein nicht ausreichen.

Scrollytelling perfektioniert Inhalt durch Präsentation

Im Optimalfall entsteht eine inhaltlich sowie optisch einzigartige Geschichte. Und diese sollte in ihrem Zusammenspiel mit den eingefügten Elementen ein eingängliches, leicht konsumierbares und individuelles Leseerlebnis erzeugen. Wenn eine Multimedia-Reportage das schafft, so sind ihr Anerkennung und Aufmerksamkeit garantiert. Das berühmteste Beispiel dafür ist die von The New York Times– geschriebene Geschichte Snow Fall: The Avalanche at Tunnel Creek. Die Rekonstruktion einer verheerenden Schneelawine und ihrer Opfer brachte der Publikation sogar den renommierten Pulitzer-Preis ein. Eine Leistung, die sich durch aufwendige Recherche und eine eindrückliche Erzählweise belohnt machte. Doch sie als Vorreiter der Innovation zu bezeichnen, wird unzähligen anderen Geschichten von heute nicht mehr gerecht, das Projekt ist immerhin von 2012 und in der Zwischenzeit hat sich einiges getan.

Scrollytelling; Schild Lawinengefahr
Beängstigend: „Snowfall“ zeigt eindrückich, wie verheerend Lawinen seien können. Image by kiono via Adobe Stock

Eine der kreativsten und dabei eingängigsten Storytelling-Artikel ist sicherlich „Millenials are screwed“, was so viel wie ‚Millenials sind am Ar***‘ heißt – Pardon für die Ausdrucksweise. Hier geht es eigentlich um den Verfall von Rentenansprüchen, der Hoffnungslosigkeit auf dem amerikanischen Arbeitsmarkt, den finanziellen Schwierigkeiten durch Studienkredite und so vieles mehr. Doch dargereicht wird die Geschichte wie in einem Retro-Videospiel, bei dem ihr die Figur durch euer scrollen bewegt und durch die Seite laufen lasst. Während ihr gleichzeitig die schwere Lage einer noch jungen Generation erfahrt, verändert sich die Seite konstant und ein faszinierender Effekt jagt den nächsten. Selten war Lesen so deprimierend und schön zugleich.

Einzigartige Geschichten aus der ganzen Welt

Das waren nur zwei Beispiele aus einer Reihe von guten Scrollytelling-Artikeln. Die meisten werden in englischer Sprache veröffentlicht. Damit ihr euch aber auch einen Eindruck von deutschsprachigen Projekten machen könnt, hier noch ein Scrollytelling des WDR. Es geht um Onkel Willi, einem Stadtmusikanten, der 40 Jahre lang 2 Tage die Woche vor dem historischen Rathaus in Münster musizierte, sonst aber eher ein Leben am Rand der Gesellschaft führte. Falls dieser Artikel euch neugierig gemacht hat, ist hier noch eine Liste interessanter Beiträge zur Thematik in englischer und deutscher Sprache. Nun solltet ihr bereit sein, euer eigenes Projekt zu starten.

Scrollytelling besser genießen auf dem Smartphone Redmi Note 9S (Provisionslink)


Image by Knut via Adobe Stock

Lennart Brauer

Lennart Brauer kann - nach eigener Aussage - von allem ein bisschen, aber nichts so richtig und versucht deshalb, immer genug dazuzulernen, um über diesen Fakt hinwegzutäuschen. In den letzten Jahren aktiv als Student unterwegs, ist er nun bereit, sein Spektrum zu erweitern und sich bei Netzpiloten als Redakteur zu beweisen. Dabei kann er mit ausgezeichnetem Halbwissen in den Bereichen Film, Serien, Games, Geschichte und Politik glänzen und solange niemand zu viel nachfragt, wird dieser Status auch erst einmal unverändert bleiben.


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