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Grund zur Sorge: Google könnte Zugang zu genomischen Patientendaten bekommen

Mikroskop (adapted) (image by kkolosov [CC0] via pixabay)

Künstliche Intelligenz wird in Form von Google Deep Mind bereits im britischen Krankenkassensystem eingesetzt, um die Technologie zur Überwachung von Patienten zur Verfügung zu stellen. Jetzt habe ich entdeckt, dass Google sich mit Genomic England getroffen hat – ein Unternehmen, das vom Gesundheitsamt erschaffen wurde, um 100.000 Genomen zu fördern und um zu diskutieren, ob DeepMind hier miteinbezogen werden könnte.

Sollte dies geschehen, könnte es dabei helfen, die Kosten der Entschlüsselung des Erbgutes zu senken und den Vorgang zu beschleunigen – unter Umständen trägt es auch dazu bei, dass die Wissenschaft erfolgreich ist. Aber was sind die Risiken dafür, dass ein privates Unternehmen Zugang zu so sensiblen erbbiologischen Daten hat?

Die Entschlüsselung des Erbgutes besitzt großes Potential – es könnte der Schlüssel für die Verbesserung unserem Verständnis für viele verschiedene Krankheiten sein. So könnte man beispielsweise Krebs verstehen lernen. Schlussendlich könnte es dabei helfen, neue Behandlungsmethoden zu finden. Das Projekt wurde von der Regierung dafür gegründet, um 100.000 Genomen von ebensovielen Menschen zu sortieren. Und das ist noch nicht alles. Ein neuer Bericht von Sally Davies, der Leiterin des Health Departments von Großbritannien, fordert eine Erweiterung dieses Projekts.

Allerdings zeigt eine Stellungnahme des Health Departments, dass diese Entscheidung bereits in Reaktion auf die Informationsfreiheit, die ich bereits im im Februar anforderte, gefallen ist. Die Abteilung gab bekannt, dass das Projekt in eine einzelne landesweite genomische Datenbank eingebunden wird. Der Sinn dahinter ist es, die Pflege und die Forschung und die Beschleunigung der gewerblichen Verwendung zu unterstützen. Obwohl die Stellungnahme andeutet, dass es zwangsläufig zur Überschreitung der ursprünglichen 100.000 Genomen führt, erwarten wir nicht, dass festgelegt wird, wie viele Genomen dies beinhaltet.

Die Kosten für die Sequenzierung der Genomen auf nationaler Ebene sind untragbar. Das erste menschliche Genom wurde für 3 Milliarden US-Dollar entschlüsselt. Fast zwei Jahrzehnte später produzierte das Unternehmen Illumina, die für das Projekts zuständig sind, die ersten “1000-Dollar- Genomen” – eine gigantische Kostenreduktion. Die Anwendung von Machine Learning auf die Genomik – allgemein gesagt also einer künstlichen Intelligenz – hat das Potential, weitere Kosten deutlich zu reduzieren. Durch den Bau eines Nerven-Netzwerks können große Mengen von Genetik, Gesundheit und umweltabhängiger Daten durch Algorithmen erfasst werden, um den Gesundheitsstatus einer Person vorherzusagen, wie beispielsweise das Risiko eines Herzinfarkts.

DeepMind arbeitet bereits mit dem NHS. Als ein Teil einer Gemeinschaft mit einigen NHS-Trusts hat das Unternehmen mehrere Plattformen errichtet, wie eine App und ein System für maschinelles Lernen, um die Patienten auf alle möglichen Arten zu überwachen und das Klinikpersonal alarmieren zu können, wenn die Patienten einem Risiko ausgesetzt sind.

Dies war jedoch sehr umstritten. Das Unternehmen kündigte die erste Zusammenarbeit im Februar 2016 an. Man gab bekannt, dass man eine App entwickeln wollte, um dem Krankenhauspersonal zu helfen, damit sie Patienten mit Nierenleiden überwachen können. Allerdings kam später heraus, dass das Abkommen weit darüber hinaus ging, als man DeepMind Health Zugang zu vielen Patientendaten gestattetete – inklusive Zugang zu Patientenakten mit einer Größe von etwa anderthalb Regalmetern. Die beauftragte Dienststelle hat kürzlich entschieden, dass die Art und Weise, wie Patientendaten vom Royal Free NHS Foundation Trust verteilt wurden, gegen das Datenschutzrecht Großbritanniens verstoße. Das Unternehmen machte geltend, dass Patientendaten “nie mit Google-Produkten oder Dienstleistungen verknüpft sein oder verkauft werden sollten”.

Der Einsatz von Google führte dazu, dass das Gesundheitswesen digitalisiert wurde. Ich erhielt im Mai dieses Jahres eine Antwort zu einer Anfrage zur Informationsfreiheit, die zeigt, dass Google und Genomics England sich getroffen haben, um darüber zu diskutieren, ob es etwas nützt, DeepMind von Google auch bei anderen Personen einzusetzen, um genomische Daten zu analysieren.

Davies besteht darauf, dass Daten anonymisiert werden können. Das Health Department verpflichtet sich stets, dass medizinische Daten, die in solchen Initiativen benutzt werden, anonymisiert werden. Einer der Gründe jedoch, dass die Initiative care.data, die alle Patientendaten auf einer Datenbank speichern sollte, abgeschafft wurde, macht deutlich, dass dies nicht der Wahrheit entspricht. Ich habe auch bewiesen, dass die Abteilung die Öffentlichkeit nicht näher zum Zugangsgrad der kommerziell Beteiligten informiert hat. Es wurde gesagt, dass die Daten pseudonymisiert statt anonymisiert wurden. Das bedeutet allerdings, dass Informationen wie Alter oder geographische Angaben immer noch irgendwo verfügbar sind.

Die Gefahr der Personalisierung

Aber dennoch muss die Frage gestellt werden, was genomsiche Informationen den bereits sehr weitreichenden Datenbank von Google zu einzelnen Informationen hinzufügen können. Einen Hinweis kann man erhalten, wenn man sich eingesteht, dass sie unser Leben für uns ordnen. Die Algorithmen “werden dazulernen – und auch wir werden besser werden, was die Personalisierung angeht”, meint Eric Schmidt, der Vorstandsvorsitzender der Google-Muttergesellschaft Alphabet ist. Dies wird Google-Nutzern ermöglichen, Fragen zu stellen wie “Was soll ich morgen tun? oder “Welchen Job soll ich annehmen?”.

Durch die Personalisierung als letztes “Ziel”, beabsichtigt Google, die maschinellen Lern-Algorithmen zu verwenden, welche unseren digitalen Fußabdruck und Ziel der Nutzer mit personalisierter Werbung auf Grundlage unserer Präferenzen rückverfolgen. Es soll auch die Gesundheit und genomischen Daten analysieren können, um eine Vorhersage zu treffen, ob jemand eine bipolare Störung aufweisen könnte. Es kann uns auch sagen, was wir mit unserem Leben anstellen sollen.

Wir sollten aber nicht vergessen, dass wir jede Menge Daten besitzen, egal ob genomische oder andere. Sie sind das Öl des digitalen Zeitalters. Wie könnte man verhindern, dass genomische Informationen gespeichert werden, um gekauft und weiterverkauft zu werden? Wir können nicht davon ausgehen, dass die Menschen eine Auswahl treffen, die auf Grundlage ihres genetischen Profils und ohne übertriebenen Druck stattfindet– egal, ob dies aus wirtschaftlichen oder regierungstechnischen Gründen geschieht.

Was die Frage angeht, wie genomische Daten genutzt werden könnten und welche Entscheidungen über uns getroffen werden, die Massenüberwachung von staatlichen Stellen ihrer eigenen Bürger ist eine abschreckende Erinnerung für die Art und Weise wie Informationstechnologie verwendet werden kann. Es ist geradezu widerwärtig, wie alles miteinander verbunden ist und trotzdem geheimgehalten wird.

Wenn es um Genetik geht, sind die Auswirkungen besonders erschreckend. Es gibt zum Beispiel Hinweise auf einen Zusammenhang zwischen Genen und Kriminalität. Wir wissen, dass ein 40prozentiges Risiko für sexuelle Belästigung genetischen Urspungs ist. Eine “einzelne landesweite Grundlage”, wie es die britische Regierung anstrebt, kann dafür verwendet werden, ein umfassendes Persönlichkeitsprofil zu erschaffen. Obwohl jedes Interventionsprogramm für eine genetische determinitische Auffassung von kriminalistischen Genen zurückgefahren wurde, wird eine ernsthafte Diskussion der Strategien, die genetische Informationen beinhaltet, zweifellos bald stattfinden müssen.

Wir können bereits die Anfänge davon in den Vereinigten Staaten ausmachen. Das Gesetz zum Preserving Employee Wellness Programs Act – der von Republikanern und Handelskonzernen stark befürwortet wurde – führt dazu, dass Unternehmen Mitarbeitern vorgeben können, sich einer genetischen Untersuchung zu unterziehen. Die Ergebnisse würden dem Arbeitgeber vorliegen. Sollten sich die Angestellten weigern, daran teilzunehmen, könnten die Versicherungskosten beträchtlich steigen.

Zu viel Personalisierung ist wahrscheinlich zu aufdringlich. Die Herausforderung besteht dann darin, das Potential der Genomik zu nutzen, während man Maßnahmen einführt, um die Regierung und Großkonzerne unter Kontrolle zu halten. Das Kommittee des britischen House of Commons Science and Technology untersucht, ob die Mittel für die genomische Bearbeitung aufgrund der sponta angesetzten Wahl vor einigen Wochen gekürzt wurden. Das Komittee empfiehlt, den quasi-unabhängigen Körper umfassender auf soziale und ethische Unternehmen abzustimmen. Das könnte zu mehr Gleichheit für die genetische Zukunft der Menschen führen.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation“ unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) „Mikroskop“ by kkolosov (CC0 Public Domain)


The Conversation

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2017 ist nicht ‘1984’ – Was George Orwell nie zu träumen wagte

Donald Trump (adapted) (Image by LisetteBrodey [CC0 Public Domain], via Pixabay)

Kurze Zeit nach der Amtseinführung von Präsident Trump kletterte George Orwells Buch „1984“ an die Spitze der Bestseller-Liste bei Amazon. Tausende von Englischlehrern sind sicherlich ergriffen bei dem Anblick von Leuten, die sich das bereits im Jahr 1949 veröffentlichte Buch vornehmen, um über die Gegenwart nachzudenken.
Orwell ließ seine Geschichte in Ozeanien spielen, in einem der drei Mega-Staaten, die im Jahr 1984 um die Weltvorherrschaft kämpfen. Die Atommächte wurden ausgetauscht und die Blöcke scheinen sich auf einen immerwährenden und mittlerwiele normal gewordenen Krieg geeinigt zu haben. Dies geschieht wahrscheinlich aus dem Grund, dass die permanente Kriegsführung den Interessen in einheimische Mächte in die Hände spielt.

Ozeanien verlangt eine totale Unterwürfigkeit. Es handelt sich um einen politischen Staat, Helikopter überwachen die Aktivitäten der Bewohner, es wird dabei sogar durch ihre Fenster gespäht. Aber Orwell betont dies besonders in der ‚Gedankenpolizei‘, die die ‚Proles‘, die untersten 85 Prozent der Bevölkerung außerhalb der Parteielite, überwachen. Die Gedankenpolizei bewegt sich unsichtbar in der Bevölkerung, sucht nach Verdächtigen und ermutigt dabei sogar zu Gedankenverbrechen, so dass sie die Täter verschwinden lassen können, um sie umzuprogrammieren.

Die andere Art und Weise, wie die Parteielite, symbolisiert durch die Schnurrbart tragende Galionsfigur Großer Bruder, ‚korrekte‘ Gedanken ermutigt und überwacht, wird durch die Technologie der Teleschirme dargestellt. Diese ‚Metalltafeln‘ übermitteln erschreckende Bilder von Feindesarmeen und vor allem die Weisheit des Großen Bruders. Allerdings kann der Teleschirm auch in die eigene Wohnung sehen. Während der verpflichtenden Morgenübungen zeigt der Teleschirm nicht nur einen jungen und drahtigen Trainer, der die Übungen vormacht, sondern bemerkt auch, ob man dabei mitmacht. Die Teleschirme sind überall, in jedem einzelenen Raum. Und im Büro benutzen die Leute sie zum Arbeiten.

In der Geschichte geht es um Winston Smith und Julia, die versuchen, der überwältigenden Kontrolle der Regierung über die Wahrheit entgegenzustehen. Ihr Akt der Rebellion besteht daraus, die „inoffizielle“ Wahrheit über die Vergangenheit herauszufinden. Sie halten dabei „unerlaubte“ Informationen in einem Tagebuch fest. Winston arbeitet im riesigen Wahrheitsministerium, an dessen Außenwand die Losung „IGNORANZ IST STÄRKE“ prangt. Sein Job ist es, politisch unangenehme Angaben aus den öffentlichen Berichten zu löschen. Fällt ein Parteimitglied in Ungnade, hat es sie nie gegeben. Hat der Große Bruder ein Versprechen gemacht, welches er nicht erfüllte, ist es schlichtweg nie passiert.

Da sein Job damit zusammenhängt, alte Zeitungen und Berichte nach Fakten zu durchsuchen, die er umschreiben muss, ist Winston sehr geübt darin, das sogenannte ‚Doppeldenk‘ anzuwenden. Winston sagt darüber, dass man sich „kompletter Wahrheit bewusst ist, während man konstruierte Lügen erzählt… eine bewusste Bewusstlosigkeit hervorruft.“

Ozeanien: Ein Produkt aus Orwells Erfahrungen

Orwells Setting bei „1984“ ist davon beeinflusst, wie er sich den Kalten Krieg vorstellte – eine Phrase die er bereits 1945 prägte. Er schrieb dies nur wenige Jahre, nachdem er zusah, wie Roosevelt, Churchill und Stalin die Welt während der Konferenzen von Teheran und Jalta aufteilten. Das Buch ist bemerkenswert vorrausschauend, was die Aspekte der stalinistischen Sowjetunion, Ostdeutschland und des maoistischen Chinas angeht.

Orwell war Sozialist. „1984“ beschreibt unter anderem seine Angst vor einer stalinistischen Abkehr vom demokratischen Sozialismus, an den er fest glaubte. Das Buch stützt sich auf seine genauen Beobachtungen der Welt und der Tatsache, dass Stalinisten versucht hatten, ihn zu töten.

Im Jahr 1936 bedrohte ein Coup des faschistisch unterstützen Militärs die demokratisch gewählte Sozialistenmehrheit in Spanien. Orwell und andere überzeugte Sozialisten auf der ganzen Welt, darunter auch Ernest Hemingway, meldeten sich freiwillig, um gegen die rechtsorientierten Rebellen zu kämpfen. Währenddessen unterstptzte Hitler mit seiner Luftwaffe die Rechten, während Stalin versuchte, den linken republikanischen Widerstand zu übernehmen. Nachdem Orwell und andere Freiwillige den Stalinisten getrotzt hatten, widmeten sich diese der Zerstörung der Opposition. Orwell und seine Frau wurde gejagt und traten 1937 die Flucht aus Spanien an.

Während des zweiten Weltkriegs in London erkannte Orwell, wie sich eine liberale Demokratie und Einzelkämpfer, die sich der Freiheit verpflichteten, auf dem Weg zum Großen Bruder finden konnten. Er arbeitete für die BBC und schrieb an einem Text, den man nur als Propaganda für das indische Publikum lesen konnte. Er schrieb nicht unbedingt im Stile des ‚Doppeldenk‘, aber es handelte sich um Nachrichten und Kommentare mit einem politischen Unterton. Orwell versuchte, die Einwohner Indiens zu überzeugen, dass ihre Söhne und ihre Güter im Krieg einem übergeordneten Wohl dienten. Nachdem er Dinge geschrieben hatte, die er als unwahr ansah, kündigte er nach zwei Jahren und war von sich selbst angeekelt.

Es war der Imperialismus an sich, der ihn ekelte. Im Jahr 1920, als Orwell noch ein junger Mann war, hatte er in Burma als Polizeibeamter in den Kolonien gearbeitet. In einer ungefähren Vorahnung der Welt des Großen Bruders sprach Orwell schlecht übr die willkürliche und brutale Position, die er in dem kolonialen System innehatte. „Ich habe es sehr gehasst“, schrieb er. „In solch einem Job erlebt man die dreckige Arbeit des Empires von nahem. Die elenden Gefangenen, die in stinkenden Käfigen kauern, die grauen und verängstigten Gesichte der lebenslang Gefangenen…“

Ozeanien war das Produkt einer Vorahnung eines besonders biographischen Moments, als der Kalte Krieg begann. Natürlich ist es so, dass die heutige Welt mit ihren ‚alternativen Fakten‘ ganz anders ist, als das, was Orwell sich jemals hätte vorstellen können.

Den Großen Bruder brauchen wir nicht mehr

Orwell beschrieb ein Ein-Parteien System, in der ein kleiner Kreis an Oligarchen, die die „innere Partei“ von Ozeanien darstellte, die Kontrolle über alle Informationen innehat. Dies ist ihr Hauptmittel, um die Macht zu kontrollieren. In den USA on heute kann sich jeder informieren, der das Internet bedienen kann – also mindestens 84 Prozent der Amerikaner. Die USA mag vielleicht eine Oligarchie sein, befindet sich die Macht irgendwo zwischen der Wählerschaft und der Verfassung, den Gerichten, Bürokratien. Die Macht ist zwangsläufig auch dort, wo das Geld ist. Anders gesagt befinden sich Wissen und die Macht in den USA des Jahres 2017 überall – und damit ist es völlig anders als in Ozeanien bei Orwell.

Diejenigen, die den Rückgang anhand von Beweisen und Begründungen des Wahlvolks studieren, beschuldigen hauptsächlich die gemeinsamen Bemühungen der Politiker aus den 1970ern, um Kompetenz zu diskreditieren, das Vertrauen in den Kongress und seine Mitglieder zu erschüttern und hinterfragen sogar die Legitimität der Regierung. Da diese Anführer, Institutionen und Kompetenzen delegitimiert sind, ist die gängige Strategie, sie mit anderen Autoritäten und Realitäten zu ersetzen.

Im Jahr 2004 deutet ein Berater des Weißen Hauses an, dass ein Reporter zur „realitätsbasierten Gemeinschaft“ gehöre, – eine Art kurioser Minderheit an Leuten, die „daran glauben, dass Lösungen aus ihren vernünftigen Studien der wahrnehmbaren Realität kommen… So läuft das allerdings nicht mehr.“

Orwell konnte sich das Internet nicht ansatzweise vorstellen, und auch nicht dessen Rolle beim Verbreiten von alternativen Fakten. Er wusste ebenso nicht, dass Menschen heutzutage die Teleschirme mit sich herumtragen. Es gibt kein Wahrheitsministerium, das Informationen verteilt und überwacht und irgendwie ist heute jeder der Große Bruder.
Es scheint weniger bedrohlich, dass Leute nicht in der Lage sind, die Lügen des Großen Bruders zu durchschauen, als die Tatsache, dass sie ‚alternative Fakten‘ hinnehmen.

Wissenschaftler haben herausgefunden, dass Menschen eher an Fehlannahmen glauben, wenn sie akkurate widersprüchliche Informationen erhalten, vor allem wenn sie mit einer bestimmten Sicht auf die Welt beginnen — zum Beispiel, dass wissenschaftliche Experten und öffentliche Beamte nicht vertrauenswürdig sind. Anders ausgedrückt, Fakten zu widersprechen, kann durchaus ins Auge gehen. Nachdem wir uns entschieden haben, was eigentlich wahrer ist als die Fakten, die von Experten und Journalisten berichtet werden, suchen wir nun Bestätigung in alternativen Fakten und verbreiten diese selbst über Facebook. Wir brauchen dazu keinen Großen Bruder.

In Ozeanien gibt es keine Meinungsfreiheit und keine Freiheit, Fakten auszusprechen außer jener, die offiziell abgenickt sind. In den USA von 2017 gilt: je offizieller die Tatsache, desto unglaubwürdiger ist sie – zumindest für diejenigen innerhalb der machtvollen Minderheit, die den jetzigen Präsidenten gewählt haben. Winston sagt, „Freiheit ist die Freiheit, sagen zu können, dass zwei plus zwei gleich vier ist.“ Für die machtvolle Minderheit ist Freiheit die Freiheit, sagen zu können, dass zwei plus zwei gleich fünf ist.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation“ unter CC BY-NC-SA 3.0 US. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) Donald Trump by LisetteBrodey (CC0 Public Domain)


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FollowUs – Die Netzpiloten-Tipps aus Blogs & Mags

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  • APPLE MACERKOPF: 5-Zoll-iPhone mit vertikaler Dual-Kamera geplant: Laut einem taiwanesischen Zulieferer für die iPhone-Produktion plant Apple für das Jahr 2017 die Einführung eines dritten iPhones. Bislang gibt es aus der neusten Generation das iPhone 7 und das iPhone 7 Plus, das neben einem größeren Display auch über eine zweite Kamera verfügt, die als Weitwinkel- und Teleobjektiv fungiert. Bei dem geplanten Modell ist durchgesickert, dass die Kameras nicht wie bislang horizontal angeordnet sein sollen, sondern vertikal. Es wird vermutet, dass dies auf Platzmangel zurückzuführen ist. Es ist nicht das erste Mal, dass Gerüchte die Runde machen, dass neben den Nachfolgern von iPhone 7 und iPhone 7 Plus auch ein drittes Modell eingeführt werden soll. Die Gerüchteküche brodelt – so ist von einem OLED-Display und von drahtlosem Laden die Rede.

  • MICROSOFT heise: Microsoft räumt Übereifer beim Windows-10-Upgrade ein: In zwei Monaten läuft die Zeit ab, während derer Benutzer von Windows 7 und 8 kostenlos auf das neue Windows 10 aktualisieren können. Da sich einige Benutzer aber hartnäckig gegen die neue Version sperren, griff Microsoft in letzter Zeit zu immer aggressiveren Methoden. Den Gipfel erreichte ein Verfahren, bei dem Nutzer wiederholt beim Systemstart zu dem Upgrade aufgefordert wurden. Die entscheidende Neuerung: das Klicken auf die Schließen-Schaltfläche (das rote „X“ oben rechts) bedeutet, dass man das Upgrade durchführen will und nicht, dass man dies ablehnt. Zahlreiche Instanzen hatten sich dagegen aufgelehnt. Nun hat Microsoft sich für den Übereifer entschuldigt und gibt an, daraus gelernt zu haben.

  • WIRTSCHAFT FAZ: Wirtschaftsverbände rechnen mit eher verhaltenem Wachstum: Das Institut der deutschen Wirtschaft in Köln (IW) hat 48 Wirtschaftsverbände befragt, welche Prognose sie für das kommende Jahr treffen. 28 der befragten Verbände rechnen für 2017 mit einem Produktionsanstieg, doch nur drei erwarten eine wesentliche Steigerung. Acht Verbände rechnen sogar mit einem schlechteren Ergebnis. Terrorängste macht das IW nicht für das stagnierende Wachstum verantwortlich. Stattdessen sei das Arbeitsplatzrisiko ausschlaggebend, sagte Michael Hüther der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Es sei bereits das dritte Jahr in Folge, in dem im Grunde kein großer Dynamik-Gewinn hinzukomme, aber auch nicht großartig etwas verloren ginge.

  • AMAZON t3n: Amazon Echo könnte bei Lösung eines Mordfalls helfen: Bei der Klärung eines Mordfalls soll Amazon Echo mit der Software Alexa helfen. Der Angeklagte verfügt über zahlreiche Systeme, die miteinander zusammen hängen. Die Polizei fordert von Amazon die Bereitstellung von Sprachaufnahmen, die in der Wohnung des Angeklagten entstanden sind. Die Analyse dieser soll wichtige Details zum Tathergang liefern. Amazon weigert sich bis jetzt, diese Daten herauszugeben und begründet dies damit, dass man die Technik nicht gegen ihre Benutzer einsetzen wolle. Nur auf gerichtlichen Beschluss hin würde man die Daten zur Verfügung stellen. Immerhin hat der Konzern den Behörden bereits Kontodaten und den Bestellverlauf des Angeklagten übermittelt.

  • JUDIKATIVE Zeit: Der Staat wird zum Hacker: Vor dem Hintergrund des Falls Apple vs. FBI aus dem Frühjahr 2016 gibt Kurt Opsahl, stellvertretender Direktor der US-Bürgerrechtsorganisation Electronic Frontier Foundation (EFF), einen Ausblick über die Zukunft der Strafverfolgung. Erstens Gesetze, die Unternehmen zur Kooperation verpflichten; zweitens öffentlicher Druck auf die Hersteller, sich nötigenfalls selbst zu kompromittieren; drittens staatliches Hacken von Geräten.

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Oliver Stones ‚Snowden‘ – ein Abbild des Internet-Sicherheitsstaates?

camera(image by staffordgreen0[CC0 Public Domain] via Pixabay)

Der neue Film über Edward Snowden, den Mann, der geheime Dokumente über eine umfassende Spyware der US-Regierung veröffentlichte, ist seit wenigen Tagen in den Kinos zu sehen. Damit setzte sich erneut eine Debatte um seine Person in Gange – inklusive einer erneuten Anfrage bei Präsident Obama, ihn zu begnadigen. Aber, wie auch Snowden selbst vielleicht sagen würde, was uns zum Innehalten bewegen sollte, ist die Macht der Geheimdienste der Regierung.

Das Ausmaß ihrer Fähigkeiten, Kommunikation abzufangen und Informationen zu sammeln, ist dabei verblüffend: Snowden stellt die Überwachungssysteme der NSA bloß, die kaum auf den Erhalt der Privatsphäre der Bürger ausgelegt ist, und die doppelzüngigen Aussagen der NSA über ihre Aktivität. Der Film erzählt Snowdens Geschichte in einer etwas dramatisierten und fiktionalisierten Art und Weise – von seinem Militärtraining über seine krankheitsbedingte Entlassung bis hin zu seiner Arbeit im Geheimdienst. Dem Laien liefert er einen Einblick darin, wie die Regierung die moderne Kommunikationstechnologie nutzt.

Der Film bietet keinen differenzierten Einblick in die Gründe, warum Geheimdienste tun, was sie tun. Er liefert auch keine Information darüber, was die Geheimdienste anderer Staaten machen. Die Darstellung der verwendeten Technologie und des Aufwands, den die US-Regierung betreibt, um Whistleblower festzunehmen, ist jedoch ziemlich präzise.

Sammeln: ja – begutachten: nein

Der Film greift drei verschiedene Aspekte der NSA-Aktivitäten auf: Datensammlung, Datenanalyse und die rechtliche Grundlage für Überwachung. Er zeigt auch ziemlich deutlich die Systeme der NSA auf, die große Mengen an Daten aus dem ganzen Land sammeln über direkte Verbindungen zur den großen Telefon- und Internetfirmen wie AT&T, Verizon, Google, Microsoft und Facebook. Was der Film suggeriert ist aber, dass die Daten aller Bürger nicht nur gesammelt werden, sondern er zeigt – fälschlicherweise – auch, dass die Bürger auch ständig unter Beobachtung stehen.

Wenn man die Menge an Kommunikation und die sich ständig verändernden Bedrohungen von außen bedenkt, ist auch verständlich, dass die Geheimdienste nicht auf jede Spur in Echtzeit anspringen können. Mit ihrem Programm PRISM sammelt die NSA Daten über jede Bürgerin und jeden Bürger – ihre E-Mails, ihren Suchverlauf, Aktivitäten auf sozialen Netzwerken, Aufzeichnungen von Sprach- und Video-Chats, Telefonanrufe, Textdokumente, Bilder und Videos.

Statt den immensen Datenstrom zu überwachen, werden die Daten archiviert, um später nach relevanter Information suchen zu können, wenn neue Hinweise hereinkommen und Ermittlungen beginnen. Der Film zeigt diesen klaren Unterschied zwischen der Möglichkeit und der tatsächlichen Umsetzung der Beobachtung jedes Bürgers nicht auf.

Data Mining vereinfachen

Der Film zeigt auch das XKeyScore-System, das auf alle gesammelten Daten zugreifen kann. Die Informationen, die Snowden enthüllt hat, beinhalten auch Details in die Funktionsweise von XKeyScore, das die massiven Datenmengen im Hinblick auf Verbindungen zwischen Menschen, Sprachmuster und noch viele weitere Parameter analysieren kann. Im Film finden die Analysten, die XKeyScore nutzen, immer sehr schnell und einfach, wonach sie suchen – die Eingabe eines Namens oder einer E-Mail-Adresse reicht aus.

In Wirklichkeit ist Data Mining viel anspruchsvoller, besonders, wenn man es mit so einer großen Datenmenge zu tun hat wie die NSA. Eine große Menge harmloser Daten schirmt die kleine Menge an verwendbaren Daten ab. Data Mining kann helfen, die große Fülle an Informationen auf kleinere Mengen herunterzubrechen. Aber nur menschliche Analysten – und keine computerbasierte Suche – sind der Schlüssel zur Auffindung relevanter Datensätze. Regeln und Beschränkungen beschränken den Zugang zu dieser Information. Was die Analysten machen, wird genau überwacht.

Außerdem sind wirklich gefährliche Personen vorsichtig damit, ihre Spuren zu verwischen – sie verwenden temporäre E-Mail-Adressen und starke Verschlüsselungen. Auch das beschränkt die Möglichkeit des Data Minings.

Was sagt das Gesetz?

Der Film transportiert, dass die von der NSA verwendeten Programme illegal sind. Die Programme sind mit Sicherheit kontrovers, die Gesetzmäßigkeitist unklar. Der Foreign Intelligence Surveillance Act (Geheimdienst-Überwachungsverordnung für das Ausland) von 1978 gibt rechtliche Prozeduren für physische und elektronische Überwachung und die Sammlung von Kommunikationsdaten zwischen ausländischen Einrichtungen und ihren Agenten in den USA vor. Es ermöglicht auch die Überwachung von amerikanischen Staatsbürgern und Personen, die ihren permanenten Wohnsitz in den USA haben, sofern diese der Spionage oder des Terrorismus verdächtig sind. Während die Verordnung gedacht war, um Daten von Einzelpersonen zu sammeln, rechtfertigt die NSA damit ihre Macht, massenweise Daten zu sammeln und zu analysieren.

Ein paar Bundesgesetze wurden nach Snowdens Enthüllungen geändert – in manchen Fällen wurden sogar rückwirkend Praktiken, die illegal gewesen wären, legalisiert. Die NSA selbst veränderte ihre Programme aufgrund des Aufschreis gegen sie, der nicht nur durch die Öffentlichkeit, sondern auch durch den Kongress ging. Als Resultat von Snowdens Enthüllungen hat die NSA aufgehört, massenweise Daten aus Telefongesprächen zu sammeln. Weiterhin haben sie die Überwachung ihrer ausländischen Verbündeten eingeschränkt. Die NSA bot dem Kongress auch eine erhöhte Transparenz bezüglich einiger ihrer Aktivitäten an und reduzierte die Speicherdauer der Informationen.

Der internationale Kontext

‚Snowden‘ gibt Details der Kooperation der NSA mit anderen Geheimdiensten preis und erzählt von der Überwachung ausländischer Staatsoberhäupter, wie der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel oder der brasilianischen Präsidentin Dilma Rousseff. In Wirklichkeit ist es so, dass jedes Land geheime Informationen über andere Länder herauszufinden versucht, um am internationalen diplomatischen Parkett einen Vorteil zu haben – sowohl mit Freunden als auch mit Feinden.

Snowdens Enthüllungen werden es dem US-Geheimdienst, nicht aber den Geheimdiensten anderer Länder erschweren, diese Art von diplomatischer Überwachung weiter durchzuführen. Die Aufmerksamkeit der Welt auf die US-amerikanischen Spionagetätigkeiten hat auch der Überwachung in weniger demokratischen Ländern wie China und Russland Tür und Tor geöffnet.

Gibt es überhaupt noch echte Privatsphäre?

Die Auswirkungen der publik gemachten Information war enorm – sowohl für die US-Regierung als auch für Snowdens Privatleben. Seit der Enthüllungen kam er in Russland unter – aber nur mit einer temporären Aufenthaltsbewilligung. Sein amerikanischer Pass wurde ihm entzogen. Er kann sich weder frei bewegen noch einfach kommunizieren, aus Angst, dass die Geheimagenten der US-Regierung ihn inhaftieren könnten – oder sogar Schlimmeres.

Der Film zeigt nicht viel über sein Leben in Russland. Eine Entscheidung dagegen, um nochmals die Message des Films zu bestärken, dass es keine Privatsphäre mehr gibt. Denn würde es mehr darüber preisgeben, wie Snowden heutzutage kommuniziert, könnte dies wertvolle Information liefern, die es Amerikanern – und anderen weltweit – ermöglichen könnte, verschlüsselte Software zu nutzen, um der Überwachung durch die Regierung zu umgehen.

Was der Film jedoch über sichere Kommunikation aussagt, ist ein guter Anfang. Wenig überraschend spricht sich Snowden dafür aus, Software zu verwenden, die das Verfolgen von Nutzeraktivitäten wie Internetsuche, Einkäufe und Kommunikation verhindern. Er empfiehlt auch das Tor-Netzwerk, das Daten anonymisiert, indem es sie durch eine ganze Reihe von verschlüsselten Computern schickt. Er schlägt anderen Whistleblowern vor, Tools wie SecureDrop zu verwenden, um anonym mit Journalisten kommunizieren zu können.

Der Snowden-Film zeigt den langen Arm des Gesetzes, der Daten über seine Bürger sammeln und den Kampf eines desillusionierten Bürgers gegen genau diese Praxis der unbeschränkten und unbemerkten Macht, die die Regierung besitzt. Er zeigt die Komplexität der Welt der Geheimdienste und die Herausforderung an die Datensammlung in einer vom Internet dominierten Welt auf. Außerdem stellt es die Herausforderungen im persönlichen Leben eines ambitionierten Individuums, das seinen Überzeugungen, die soziale Gerechtigkeit herauszufordern, folgte.

Ob er ein Patriot oder ein Geächteter ist, liegt wohl im Auge des Betrachters – aber er hat auf jeden Fall wichtige Diskussionen über Privatsphäre und Internetsicherheit für den Normalbürger, sowie über die freie Meinungsäußerung und die Macht, die Regierungen hinsichtlich der Überwachung ihrer Bürger hat, in Gang gebracht.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation“ unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image „überwachung“ by staffordgreen0 (CC0 Public Domain)


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Soeben gelandet – Die Netzpiloten-Tipps aus Blogs & Mags

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  • Facebook tn3: Trinkgeld für Beiträge: Facebook überlegt Monetarisierung für seine Nutzer Um eine Bandbreite an Kunden zu erreichen, braucht es mehr als die traditionellen Marketingstrategien. Viele Unternehmen steigen auf Influencer Marketing um oder zeigen zu mindestens ihr Interessen. Demnach ist Social Media der Ort zur Monetarisierung. Auch Facebook überlegt sich aktiv mitzumachen und Beiträge direkt mit Geld zu verbinden. Noch werden Meinungen von Nutzer zum neuen Konzept eingeholt, aber eine Umsetzung wäre nicht so abwegig.
  • Apple Golem: Apple Maps für den Browser: Bislang war Google Maps der Vorreiter für Kartenlesen im Web. Das könnte sich in Zukunft ändern, denn die Konkurrenz schläft nicht. Zuvor gab es die Apple Karte nur für die eigenen Geräte, aber ab jetzt gibt es die Apple Karte auch für jeden anderen Browser. Zwar kann die Apple Karte noch nicht mit Google Maps mithalten, was aber nicht bedeuten soll, dass Apple an weiteren Funktionen für die Verbesserung der Karte tüftelt.
  • WhatsApp Mashable: The Indian state requires users to get a government permit to create WhatsApp groups: Sollte mit der neuen Ende-zu-Ende Verschlüsselung von WhatsApp nicht für die Privatsphäre der Nutzer gesorgt werden? So scheint das neue Gesetz für das Erstellen von WhatsApp Gruppen in Indien total lächerlich. Hiernach müssen WhatsApp Gruppen vor ihrer Gründung erst genehmigt werden, damit der Staat diese später überwachen kann. Werden Verstöße gegen das Gesetz entdeckt, könnte dies zu strafrechtlichen Folgen führen.
  • Start-Up Gründerszene: Vier Freunde aus Deutschland bilden junge Kenianer zu Techies aus: Das Start-Up „Learning Lions“ versucht mit ihrem Projekt die Perspektive der jungen Menschen in Kenia aufzubauen. Sie bieten dreimonatige Kurse an, in denen junge Menschen in den Bereichen Software Development, Grafik-Design und Media-Production ausgebildet werden. Nach dem dreimonatigen Kurs können, nach Ablegung einer bestanden Prüfung, weitere vertiefende Kurse belegt werden. Das Ziel ist es, sie in die technisch basierte Arbeitswelt zu integrieren, um ihnen eine Zukunftsaussicht zu bieten.
  • Youtubeheise: Online-Hetze: Werbeclips mit Flüchtlingen sollen rechte Online Videos kontern: Mit dem Andrang von Flüchtlingen, steigt auch der Anstieg der rechten Anhängern. Durch die Meinungsfreiheit die in Deutschland herrscht, ist es schwer, Videos mit rechtem Inhalt zu verbieten oder gar aus dem Internet zu löschen. Um gegen solche Videos und dem Suchen nach solchen Videos entgegenzuwirken, werden vor dem gesuchten Video-Werbeclips abgespielt, die den Besucher vom weiterschauen des Videos abraten.

Image chalabala / 123RF Lizenzfreie Bilder


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Die neuen Krypto-Kriege

Sicherheit (Image by pixelcreatures 45Bilder [CC0] via pixabay)

Der verlangte Zugriff der US-Regierung auf iPhone- und WhatsApp-Daten wirft eine alte Frage neu auf: Wo hört die digitale Privatsphäre auf, und wo fängt die Staatssicherheit an? Die Messaging-App WhatsApp, 2014 von Facebook aufgekauft, ist das neueste der US-Behörden in einer Kampagne gegen verschlüsselte digitale Kommunikation. Einem Bericht der New York Times zufolge droht WhatsApp ein Gerichtsverfahren, weil die Firma Ermittlern keinen Zugang zu den Chats der Nutzer geben kann. Ende 2014 hat die Facebook Tochter so genannte Ende-zu-Ende-Verschlüsselung eingeführt, die dafür sorgt, dass nur der Empfänger einer Nachricht diese lesen kann, nicht aber Dritte wie die Polizei, die die Kommunikation abhören wollen. In dem konkreten Fall soll es übrigens nicht um Ermittlungen in Bezug auf Terrorgefahr gehen.

WhatsApp hat in der Angelegenheit noch keine Stellungnahme abgegeben. Aus einem Fall in Brasilien aber weiß man, dass die Macher der Messaging-App argumentieren, Behörden keine Informationen herausgeben zu können, die sie nicht hat.

Die populäre App, mit weltweit mehr als einer Milliarde monatlich aktiver Nutzer, mit der man nicht nur Texte, Bilder und Videos versenden, sondern auch via VoIP telefonieren kann, ist damit innerhalb von kurzer Zeit die zweite Silicon-Valley-Firma, deren Verschlüsselungstechnologien ins Visier der US-Behörden geraten sind. Apple geht ab 22. März gerichtlich gegen das FBI und dessen Forderung, das verschlüsselte iPhone 5C des San-Bernandino-Attentäters zu knacken, damit die Ermittler auf die darauf gespeicherten Daten zugreifen können, vor. Apple-Chef Tim Cook weigert sich öffentlichkeitswirksam, eine Hintertür in Apple-Geräte einzubauen. Das würde dem Hacken der eigenen Kunden gleichkommen und die Privatsphäre von Millionen gefährden, so Cook.

Der Krypto-Krieg hat schon lange begonnen

Das aktuelle Vorgehen der US-Behörden erinnert stark an den so genannten ersten Krypto-Krieg in den 1990er Jahren. 1993, wenige Jahre, nachdem Phil Zimmermann mit PGP (Pretty Good Privacy) eine Verschlüsselungs-Software herausbrachte, die praktisch jeder verwenden kann (z.B. für eMails), wollte das Weiße Haus den so genannten “Clipper Chip” einführen. In jedes Telefon hätte dem Plan der US-Regierung nach ein Mikrochip eingebaut werden sollen, der einerseits stark verschlüsselte Telefonate ermöglicht, andererseits US-Behörden einfachen Zugang zu Gesprächen geben sollen, wenn diese abgehört werden müssen. Das Weiße Haus ließ die Pläne 1994 wieder fallen, nachdem der Computerwissenschaftler Matt Blaze eine Sicherheitslücke im “Clipper Chip” entdeckte.

Dass etwa 20 Jahre später, nach dem Auffliegen der NSA-Überwachung durch Edward Snowden, neue Krypto-Kriege toben, verdeutlichte US-präsident Barack Obama auf dem Tech-Festival SXSW, das derzeit in Austin, Texas stattfindet. Bei einem Podiumsgespräch sagte er: “Es gibt triftige Gründe, warum wir sicherstellen wollen, dass die Regierung nicht einfach so auf unsere iPhones oder Smartphones schauen kann, weil sie voller persönlicher Informationen und sehr persönlicher Daten sind.” Starke Verschlüsselung von digitaler Kommunikation sei auch notwendig, damit Hacker nicht einfach das Finanzsystem oder den Flugverkehr stören könnten. Aber: “Wenn die Regierung nicht hinein kann, dann läuft jeder mit einer Schweizer Bank in der Hosentasche herum. Deswegen muss es Zugeständnisse geben, an diese Informationen herankommen zu können”, so Obama. Ihm schwebt ein System vor, in dem eine möglichst kleine Gruppe an Menschen in speziellen Fällen auf Daten zugreifen können sollen, während starke Verschlüsselung den Rest der Welt vom Zugriff ausschließt.

Cyberkriminellen wird Tür und Tor geöffnet

Das Problem bei einer solchen, wie auch immer gestalteten Hintertür für US-Behörden: Sie bietet auch Cyberkriminellen und autoritären Staaten die Möglichkeit, auf Nutzerdaten zuzugreifen. Außerdem greift die Diskussion um Smartphones zu kurz: Wie der renommierte auch Tech-Journalist Walt Mossberg festhält, geht es heute eben nicht nur auf Handys gespeicherten Kontakte oder Fotos, sondern um den Datenberg, den Nutzer in den Clouds (a.k.a. Rechenzentren) von Apple, Google, Facebook oder Amazon ablegen. Während sich Apple wehrt das Attentäter-iPhone für das FBI zu entsperren, hat man den Ermittlern längst Zugriff zum iCloud-Backup des Attentäters gewährt. Insofern kann man Tim Cooks Pochen auf “Privatsphäre als Menschenrecht” auch als Marketing-Gag sehen, der das iPhone als Datenschutzbunker am Markt gegen Googles Android positioniert.

Der zweite Krypto-Krieg, der derzeit wogt, stellt den ersten bei weitem in den Schatten. In den 1990ern ging es um Telefonate in den USA – heute geht es um Kommunikationstechnologien, die von Milliarden Menschen auf der ganzen Welt genutzt werden. Wie der Kompromiss zwischen digitaler Privatsphäre und staatlicher Sicherheit letztendlich aussehen wird, bleibt abzuwarten. Doch dass es einen Kompromiss geben muss, daran lassen Politiker wie Obama oder der britische Premier David Cameron keinen Zweifel.


Teaser & Image “Sicherheit” by pixelcreature / 45-Bilder [CC0]


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Wie sich Fundamentalisten gegenseitig beflügeln

War (adapted) (Image by Moyan Brenn [CC BY 2.0] via flickr)

Im Kampf gegen die Jihadisten, zeigen die reaktionären Rechte in Europa eine gegenteilige Wirkung.

Die militärischen und polizeilichen Interventionen gegen den Terrorismus, der von den Ideologen des Islamischen Staates ausgeht, sind wohl unvermeidbar. Aber reicht es aus, die islamistische Bewegung zu besiegen, die sich unter dem Kampfbegriff “Jihadismus” weltweit ausbreitet?

Der algerische Schriftsteller und Friedenspreisträger Boualem Sansal warnt im Interview mit der Deutsche Welle-Redakteurin Aya Bach vor einer verkürzten Sichtweise auf das internationale Phänomen des Jihadismus:

Man bekämpft Ideen nicht mit Kanonen. Ganz im Gegenteil. Dadurch verstärkt man sie. Man muss Ideen mit Ideen bekämpfen, mit einer Lebensphilosophie, mit einem neuen Demokratiegedanken, mit neuen Überlegungen zum Laizismus und indem wir den Integrationsprozess der muslimischen Gemeinschaft in die europäischen Gesellschaften gut regeln.

Auf diesem Feld hat die westliche Gesellschaft kläglich versagt, vor allem bei der Integration muslimischer Gemeinschaften. So leben Jugendliche in den französischen Vorstädten in einer abgeschotteten Gesellschaft. Sie fühlen sich unwohl, sind arbeitslos und häufig schlecht ausgebildet.

Plädoyer für die Philosophie der Aufklärung

Sie leben zwar in Europa ohne sich mit europäischen Werten zu identifizieren. “Meiner Meinung nach ist der Westen mit seiner Philosophie der Aufklärung, die ihn die letzten Jahrhunderte ausmachte, in einen Erschöpfungszustand geraten”, kritisiert Sansal. Nach den Attentaten von Paris sollten wir uns auf das freiheitliche Fundament des westlichen Lebensgefühls besinnen.

In der muslimischen Welt gibt es ein Wort, das alle Muslime jeden Tag wiederholen und das ihnen viel Kraft gibt: Ennahda. Das heißt Renaissance. Sie wünschen sich, dass das große arabische Reich aufersteht, die arabisch-muslimische Gesellschaft, der Islam und die großen kämpferischen Werte wieder erwachen. Ich glaube, der Westen sollte einen Prozess anstoßen, den man Renaissance nennen könnte, ganz wie das im 15. und 16. Jahrhundert in Europa schon einmal geschehen ist. Die Renaissance: das wäre wieder aufbauen, erneuern, die Werte der Aufklärung wieder beleben, die Künste, die Kultu, fordert Sansal.

Der Westen schläft und ruht sich auf seinen Lorbeeren aus, auf seinem vergangenen Ruhm. Er reduziert den Konflikt auf die militärische Dimension und den Anti-Terrorkampf. Er macht zu wenig, um den Ressentiments der “besorgten Bürger” entgegenzutreten, die den Untergang des Abendlandes an die Wand zu malen und weiteren Nährboden für die Radikalisierung des Islams bieten. Die reaktionären Rechtsbewegungen in Europa treiben muslimische Jugendliche in die Arme des Jihadismus. Das wissen auch die Protagonisten des Islamischen Staates. Die Terroranschläge in Paris sollen diese Pawlowschen Reflexe und Psychosen der Alltagsrassisten weiter beflügeln.

Es ist der Humus für nationalistische Kulturpessimisten in Europa, die nach dem starken Staat schreien und den Ausnahmezustand herbeisehnen. Das Notiz-Amt verweist beispielhaft auf die Werke von Oswald Sprengler und Carl Schmitt. Die Schriften der zu kurz gekommenen und kleinwüchsigen Herrenmenschen sind noch heute ein unverzichtbarer Pornographie-Ersatz für völkische und nationalistische Bedenkenträger. So sah der junge Carl Schmitt sein Dasein als eine Kette von Demütigungen. “O Gott, was soll aus mir werden? Wovon soll ich leben? Ich armer Junge, der Zielpunkt der Pfeile des Schicksals, ich vielgeschlagener Unglücksrabe.” Er fühlt sich von der ganzen Welt betrogen, sogar von seinen Zimmerwirtinnen, die angeblich falsche Rechnungen schreiben oder Sachen unterschlagen. “Die Wäsche kam, es fehlte wieder ein Hemd. Ich wurde rasend und geriet in Wut; Ernährungssorgen, Verzweiflung, kleinmütig.

Machtbedürfnisse und Schwarze Männchen

In den Monaten vor dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges gehen ihm Selbstmordgedanken durch den Kopf. Schmitt will in den “Mutterschoß zurück” und seinen “Eintritt ins Leben rückgängig machen”, winselt er. Der spätere Dezisionismus-Plauderer drückt sich allerdings vor der endgültigen Entscheidung.

Von Ehrgeiz zerfressen, überreizt und fiebrig, giert er nach Anerkennung, will berühmt werden, taxiert seine Gegner und empfindet ein “großes Machtbedürfnis”. “Ich raste herum, auf dem Bett, wahnsinnig vor unsinniger, vernichtender, vernichtungssüchtiger zweckloser Gier”, sinniert der spätere Staatsrat, der sich den Nazis andiente, von einer dicken Beamtenpension träumte und nach 1945 in permanente Weinkrämpfe ob seiner verpfuschten staatlichen Laufbahn verfiel.

Vor dem Beginn seiner staatlich alimentierten Juristenkarriere fühlt er sich “müde, gedrückt, jedem unterlegen und feige und furchtsam”. Die Welt ekelt ihn an und hat sich gegen ihn verschworen. Überall schlägt ihm Feindseligkeit entgegen, die Zeitgenossen sind “wandelnde Würste und schwänzelnde Giftpilze”. Klein Schmitti macht seine ersten Gehversuche fern von Muttis Rockzipfel und sieht nur noch Schwarze Männchen. Wie viel “Neid, Wut, Hass und Eifersucht, ja Ekel die Leute voreinander empfinden; zähle das alles zusammen, die Erde ist bedeckt davon.” Und wenn Mutti und Vati den lieben Kleinen nicht mit den materiellen Mitteln ausstatten, die einem zartbesaiteten Streber und Einser-Juristen gebühren und das kleine Dickerchen mit eigenen Händen nichts aufbauen kann, geißelt man am besten die böse Ellbogengesellschaft.

Angstpsychosen der Untergangspropheten

Eine ähnliche Persönlichkeit ist Oswald Sprengler, Autor des kulturpessimistischen Bestsellers “Untergang des Abendlandes”. Der martialische Lehrer des heroischen Realismus und des zynischen Imperialismus erscheint in seinen Nachlassaufzeichnungen

als eine weichliche, ängstliche, in sich selbst abgekapselte Persönlichkeit voller Hemmungen aller Art, die sich selbst als verkrachte Existenz wahrnimmt. Das Motiv der Angst wird hundertfach heruntergeleiert. Spengler hat weit über die Kinderjahre hinaus vor allem Angst: vor den anderen, vor jedem Erwachsenen, vor Mitschülern, vor allem ‚Weiblichen‘ (maßlose lächerliche Schüchternheit‘!), vor der Öffentlichkeit, vor Beziehungen, vor dem Eintritt in einen Laden, vor der Zukunft, vor Versetzung, vor Verspätungen, vor Begegnungen, vor Verwandten, vor dem Schlaf, vor Behörden, vor Gewittern, vor dem Krieg, sogar vor der Musik (die ihn ‚zermalmt‘), vor der Welt, vor dem Leben, vor dem Tod, Angst, Angst, Angst und schließlich Angst, seine Angst zu zeigen“, schreibt Gilbert Merlio im Nachwort des Buches “Oswald Spengler, Ich beneide jeden, der lebt – Die Aufzeichnungen ‚Eis heauton‘ aus dem Nachlass.

Staatsautoritäre Dogmen der besorgten Bürger

Seine Selbstanklage wandelt sich dann im “Untergang des Abendlandes” in eine Anklage gegen die Zeitumstände. Zeitgenössische Malerei, Architektur und Literatur verabscheut er. Er sehnt sich nach der guten alten Zeit. “Mein München von 1900 schildern. Längst tot. Kunststadt, letzter Hauch von Ludwig I. Ewige Sehnsucht danach. Café Colonnette”. Spengler sieht sich als letzten Kulturmenschen in einer Zeit, die sich ihres eigenen Verfalls nicht bewusst ist. Dabei kompensiert er nur sein klägliches Versagen, mit den Umständen der Zeit fertig zu werden. Er ist neidisch auf Tatmenschen und hat einen Widerwillen gegen politisch praktisches Tun. Immerhin gelangt er zur Erkenntnis: “Ohne praktische Arbeit großen Stils kann ich nicht leben.

Schuld sind auch bei Carl Schmitt immer die anderen: Es wimmelt in seinen Albträumen von Feinden, und das Leben “ist ein Kampf und eine Belohnung für den Kampf, der zurückliegt. Der Kampf des Fötus um die Existenz, der Spermatozonen”. Das Leben, “die anderen Menschen, die Umstände, die Zeit sind wie der Stahl, der auf der Drehbank liegt”. Der Metaphysiker des Armageddon erlernt hier das Handwerk für seine staatsautoritären Dogmen. Wir sollten uns nicht nur den freiheitsfeindlichen Dogmen des Jihadismus entgegenstellen, sondern auch mit dem erzreaktionären Fundamentalismus der “besorgten Bürger” abrechnen.


Image (adapted) “War” by Moyan Brenn (CC BY 2.0)


 

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Alternativen zu den kontrollierenden Konzernen

Büro (adapted) (Image by moerschy [CC0 Public Domain] via Pixabay)

Sind Alternativen zu kontrollierenden Konzernen möglich? Nur wenn sich Politik und Wirtschaft transformieren. In einem seiner ersten Auftritte nach seiner Haftentlassung äußerte sich der wegen Beihilfe zu Copyright-Verletzungen verurteilte Pirate Bay Gründer Peter Sunde desillusioniert: Das Internet sei zu einer Scheindemokratie verkommen, ohne mögliche Beteiligung des Einzelnen: Wenige Konzerne aus einem Land kontrollierten die weltweit genutzten Dienste im Netz.

Mit dieser Sichtweise scheint er ein schon lange gehegtes Unwohlsein mit der technologischen Konsolidierung und Monopolisierung Ausdruck zu verleihen, welches durch die jüngsten Äußerungen des EU-Kommissars Oettinger weiter bestätigt wurde: „Wir haben das Spiel in der IT Branche verloren„, konnte dieser mit Blick auf die übermächtige Konkurrenz aus Silicon Valley nur mehr bedauernd konsternieren. Man sollte diese bittere Erkenntnis von ihrer Dramatik her nicht unterschätzen und es verwundert, dass diese von den Medien nicht weiter groß aufgegriffen wurde: Denn, nicht nur die IT-Industrie ist betroffen. Kauft man etwa heute deutsche Autos aufgrund ihrer überlegenen Fahrqualität und Verarbeitung, so werden in der Zukunft die Software der Selbststeuerung der Fahrzeuge und über soziale Medien und GPS agierende geographische Dienstleitungen zum Einkauf während der Fahrt immer wichtiger und diese Steuerungen werden nicht mehr aus Deutschland kommen. Auch der Online-Handel – um bei diesem Beispiel zu bleiben – befindet sich schon überwiegend in der Hand von drei US-Konzernen: Apple, Amazon und ebay vereinen bereits 65% des Umsatzvolumens in Deutschland.

Was aber ist zu tun in einer solchen Situation und gibt es wirklich keinen Ausweg mehr? Möglichkeiten gibt es schon, allerdings nur um den Preis, dass wir alle in politischen oder ökonomischen Bereichen partizipieren und aktiver werden.

Der Geist der Maschine

Die Frage der Monopole und Machtkonzentration in Wirtschaft und Gesellschaft, aber auch in Organisationen ist für die Wissenschaft keine neue Frage. Bereits nach dem Ersten Weltkrieg und unter dem Eindruck der geplanten Kriegswirtschaft, begannen sich vor allem Wirtschaftswissenschaftler mit dieser Frage intensiv zu beschäftigen. Der polnische Ökonom Oskar Lange sah schon zu dieser Zeit, die Gefahr der Monopolisierung im Kapitalismus und schlug vor – ganz im Sinne seiner Zeit – dass diese nur durch eine staatliche Planungsinstanz verhindert werden kann. Faszinierend ist hier, dass Lange dem Marktmechanismus vorwarf, antiquiert, krisenanfällig und ineffizient, sprich: Ein Kind des vorelektronischen Zeitalter zu sein. Er antizipierte deshalb Jahrzehnte vor dem Einsatz von Computern an der Börse, dass Preise durch eine „Maschine“ effizienter auch schneller festgelegt werden könnten (er entkräftete damit Hajeks Kritik, dass die Unmengen an Gleichungen, die notwendig wären, um Preise zu berechnen, die Fähigkeiten der Planinstanz überschreiten würden). Viel wesentlicher – und oft vergessen – aber war, dass er diese zentrale Instanz durch einen transparenten und demokratischen Prozess kontrolliert sah, er also die „Maschine“ durch Demokratie regulieren wollte.

Der Kybernetiker Norbert Wiener kam nach dem Zweiten Weltkrieg zu einer ähnlichen Erkenntnis, indem er etwas verklausuliert anmahnte, dass der Maschinengott ja mit seinen Schöpfungen nicht Schach spielen könne. Erstaunlich ist zudem, dass auch systemunkritische Wissenschaftler diese Regulierung durch das Individuum als einzigen Ausweg sehen, um Machtkonzentration auszugleichen. Der Nobelpreisträger und Forscher der konservativen Rand Cooperation, Kenneth Arrow, der Autorität in der Hierarchie („Nature loves hierarchy„) und im Militär in seiner reinsten Ausprägung sah, kam gegen Ende seiner Ausführungen über die „Grenzen der Organisation“ zu der erstaunlichen Erkenntnis, dass deren Autorität „Reviews“ oder auch „irregulären und fluktuierenden Wellen von Ungehorsam“ ausgesetzt sein müsste. Schlussendlich – so könnte man diese und andere Sichtweisen zusammenfassen – kommt es immer wieder auf das Individuum an, welches sich gegen Monopole, Chaos und Machtkonzentration durchzusetzen habe und sich wohl dabei ziemlich allein gelassen fühlen muss, da keine Beschreibungen und Hilfen für einen derartigen Widerstand gegeben wurden.

Wir haben den Gegner gesehen und es sind wir!

Dem politischen System und seinen Organisationen scheint es hingegen nicht mehr möglich zu sein, gegen die Interessen von Monopolen einzuschreiten. Wir sind so gesehen in einer Phase der Postdemokratie (Collin Crouch). Diese Unfähigkeit des Staates liegt im konkreten Fall der digitalen Wirtschaft und ihrer „exponentiellen Unternehmen“ nicht nur daran, dass Politiker noch nicht ganz verstanden haben, welche Entwicklungen hier ablaufen bzw. keine Ideen oder Gegenmittel haben, sondern auch, dass die Politik, wenn sie gegen diese Technologiekonzerne vorgehen würde, immer auch gegen den Bürger vorgeht, der die Leistungen dieser Anbieter nutzt, weil sie das Leben einfacher und interessanter machen. Wir selbst sind „stille“ Mitproduzenten dieser Monopole: Die Inhalte der Suchmaschinen und Handelsplattformen werden von uns entwickelt bzw. bereitgestellt. Obwohl kaum einer bewusst Monopole unterstützen möchte und wir von der Politik deren Begrenzung erhoffen, sind unsere Handlungen also widersprüchlich und damit oft erfolglos.

Dabei kann individueller Widerstand durchaus erfolgreich sein. In der Tat scheint der Einfluss auf diese Anbieter eher dann am besten zu funktionieren, wenn er von uns bzw. den „stillen Produzenten“ direkt ausgeht, wie etwa Episoden zeigten, in denen Nutzer gegen gekaufte „Buchrezensionen“ und Suchplatzränge erfolgreich protestierten und mit Abwanderung drohten. Diese Erfolge lenken den Blick auf einen wichtigen Aspekt bei dieser Art des Protestes: Wie schon Niklas Luhmann aufzeigte, geht es bei diesem nicht so sehr darum, die Verantwortung anderer anzumahnen, sondern selbst Lösungen zu erarbeiten! (Wenngleich Luhmann selbst von dieser notwendigen Fähigkeit der Protestierenden nicht überzeugt war: „Das Geheimnis der Alternative ist: daß sie gar keine Alternative anzubieten habe.“)

Der einzige Ausweg scheint also zu sein, neue Wege der Aktivierung des Individuums zu finden und die Chancen dafür stehen heute vielleicht etwas besser als zu Luhmanns Zeiten: denn heute können wir alle mehr für uns aber auch gemeinsam mit anderen tun.

Der Bürger als Produzent

Diskussionen allein – so musste der Schöpfer des Konzeptes der Deliberation, Jürgen Habermas, ja feststellen – sind ja oft weit weg von der eigentlichen Entscheidung, sie sind oft zahnlos. Weiter gibt es keinerlei Konzepte, wie eine große Anzahl an Menschen, sich über komplexe Sachverhalte einigen kann: Dies war ja eine Erkenntnis von Arrows „Unmöglichkeitstheorem“ in den 1950er Jahren: Politik sollte deshalb nicht Optionen bottom-up entwickeln, sondern nur über den generellen – wie immer auch vordefinierten – „politischen Willen“ abstimmen. Der Quietismus – die politische Apathie – ist also durchaus ein Konzept, welches die politischen Systeme bewusst zur Stabilisierung einsetzen: Nicht alle sollen mitreden, sondern ihre Stimme an Fachkräfte delegieren, die in festgelegten Abläufen Lösungen finden. Das Dilemma scheint also zu sein, dass wir alle oder viele von uns auf Basis von Diskussionen aktiv werden müssten, die politischen Prozesse für eine solche Aktivierung jedoch noch nicht bvorhanden sind. Schlimmer noch, selbst in Sachen Mitwirkung erfolgreiche Länder wie Norwegen, scheint die Partizipation zu einer Fragmentierung und Schwächung des politischen Systems zu führen, da dieses die neuen Stimmen und Aktionen nicht integrieren kann und so parallele „politische Surrogate“ sprießen.

Die Unzufriedenheit mit den Medien in Demokratien scheint diese Situation wider zu spiegeln: Diese sind in ihrer elitären und selbstregulierenden Ausrichtung eher bestimmt, in quietistischen Konstellationen vordefinierte Meinungen zu verfestigen, die in Zeiten, in denen immer mehr Menschen in ihrem jeweiligen Kontext ihren eigenen Meinungsbildungsprozess unabhängig vollziehen können, immer mehr hinterfragt werden. Wie also kann der Demos wieder in der Demokratie gestärkt werden – eine Forderung des neuen griechischen Finanzministers – und der Staat damit nicht geschwächt, sondern vielmehr gestärkt werden? Die bisherigen Erfahrungen lassen vermuten, dass es hier vor allem auf der kommunalen Ebene – im unmittelbaren Umfeld des Individuums – neue Möglichkeiten zur Kollaboration und Aktion gibt. Über definierte Schnittstellen (Application Programming Interfaces) können Individuen auf öffentliche Daten (Open Government Data) zugreifen, um Ihre Probleme selbst oder gemeinsam mit anderen zu lösen: „To resist is to create“. Hilfreich ist hier, dass die Vernetzung und Einbindung über das Strukturelement der virtuellen Plattformen als eine Art virtueller Arbeitsraum sehr viel einfacher geworden ist, wie die Bertelsmann Plattform „Beteiligungskompass“ zeigt. In dem Sinne, dass das kommunale Engagement immer wichtiger wird, da global der Großteil der Menschen in urbanen Zentren wohnt, die überall auf der Welt ähnliche Probleme haben, entsteht hier ein wichtiger politischer Partizipationsweg.

Mit dieser neuen Rolle als Produzent öffentlicher Leistungen wird zugleich auch eine neue politische Position geschaffen: alles wirtschaftliche Handeln ist immer auch soziales Handeln (Luhmann) und die Art und Weise, wie ökonomisch agiert wird (selbstbestimmt, selbstgesteuert, meritokratisch), ist zugleich auch ein politisches Statement der „freien Produzenten“ (Peers), die sich nun zusammenschließen und frei verfügbare Dienstleistungen und Produkte (Allmende) entwickeln (Freie Software, Lerninhalte journalistische Arbeit, soziale Hilfsdienste etc.).

Der Staat als Investor, Partner und Plattform

Wie müssen nun beobachten, dass sich große Konzerne diese Leistungen zunutze machen: Diese monetarisieren die Plattformen der freien Produzenten (IBM verdient einen großen Teil seines Umsatzes mit Dienstleitungen zu Open Software). Die freien Produzenten könnten nun aber anfangen für Ihre Leistungen auch etwas zu verlangen. In diese Richtung geht etwa die Diskussion um die „Peer Production License“: Diese sieht vor, dass all jene, die keinen Beitrag zu einem frei verfügbaren Gut schaffen, dieses aber benutzen wollen, einen Beitrag zahlen. So würde der passive Benutzer von Open Software etwas zahlen müssen, die „freien Produzenten“ dieser Software hätten nun aber einen monetären Gegenwert für Leistungen und könnten beginnen, einen eigenen Peer-Produktions-Sektor mit eigenen egalitäreren Strukturen aufzubauen.

Dies bedeutet nicht, dass der Staat von sich aus nichts tun kann. Gerade das Beispiel von Silicon Valley zeigt ja, wie wichtig und wirksam staatliche Investitionen sind: Fast alle Bestandteile des Smartphones sind z.B. im Rahmen öffentlicher Investitionen entstanden. Und so gesehen, gibt es eigentlich keinen Grund, warum der Staat nicht auch verstärkt öffentliche Programme und Plattformen zur Förderung und Vernetzung von Start-Ups, KMUs und Freien Produzenten organisieren und unterstützen könnte. Scheinbar hat aber der Staat im Neoliberalen Zeitalter verlernt, solche Programme zu entwickeln und natürlich ist das Bauen von Straßen einfacher als die Förderung von Ideen. Wie einfach man über Plattformen neue politische Strategien lancieren und so verlorenes Terrain wettmachen könnte, zeigt ja der Bildungsbereich. Anstatt mit traditionellen Elementen wie etwa Projekten – die zumeist verpuffen – und Exzellenzinitiativen – die vor allem zur Innenbeschäftigung führen – zu arbeiten, könnte der Staat ja eine eigene Plattform für Digitale Lerninhalte aufbauen. Diese stehen jedem frei zu Verfügung und die Qualität der einzelnen Inhalte wird über Reviews der Nutzer (und nicht Akkreditierungsinstitute) ermittelt. Universitäten könnten es als Qualitätswettbewerb und breitenwirksame Marketingmaßnahme betrachten, hier Lerninhalte einzureichen. Der Aufbau einer solchen Plattform hätte auch den Vorteil, Wissen für junge Unternehmer und Freie Produzenten schnell und unkompliziert zur Verfügung zu stellen und so ihre Produktivität und Erfolgschancen zu erhöhen. Auch hier muss man wieder feststellen, dass derartige Initiativen vor allem wieder im Privatbereich (z.B. edx.com) und in den USA auftauchen. In Deutschland gibt nun allerdings die jüngste Initiative der Stadt Hamburg zu Schaffung einer digitalen Lernplattform Anlass zu Hoffnung. 

Es bleibt bei all diese neuen Möglichkeiten allerdings die Erkenntnis, dass diese Art der Partizipation einen Zeitaufwand für jeden Einzelnen bedeutet, der heute bei vielen so nicht anfällt, da wir bisher die politische Interaktion ja zumeist delegieren. Der bittere Beigeschmack ist dann, dass diese Art der Mitwirkung wohl wieder ein elitäres Projekt zu sein scheint und damit weniger effektiv werden kann. Dies ist wohl nicht ungewöhnlich, da soziale Neuerungen zumindest am Anfang immer eine gewisse Ungleichheit erzeugen. Allerdings zeigen aktuelle Umfragen in Deutschland, dass bereits 55 Prozent Männer und 44 Prozent der Frauen heute schon Online bei wirtschaftlichen und ökonomischen Projekten in der einen oder anderen Art und Weise zumindest einmal partizipiert haben. Es wäre also schon ein gewisser Start, wenn diese Ressourcen und Bereitschaft über öffentlich unterstützte Plattformen eingesammelt und zum Aufbau von neuen Lösungen abseits der Monopole und zur Ergänzung staatlicher Handlungen genutzt werden könnten.


Image (adapted) „Büro“ by moerschy (CC0 Public Domain)

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Vernetzte Ökonomie, Wirtschaft und Staat

Google Food (adapted) (Image by brionv [CC BY-SA 2.0] via Flickr)

Google und Co. werden auch die deutsche Netzwirtschaft aufmischen. Aber anstatt sich mit der Digitalisierung auseinanderzusetzen, rufen die deutschen Unternehmen nach Vater Staat. Telekom-Chef Tim Höttges weint sich wieder mal in einem Zeitungsinterview die Augen aus, weil der böse Internetkonzern Google so mächtig ist: „Kein anderes Unternehmen in der Welt sammelt so viele Daten. Und kein anderes Unternehmen der Welt verwertet sie so gewinnbringend“, moniert der Netzbetreiber-Boss gegenüber der „Süddeutschen Zeitung“. Das sorge für „erhebliche Wettbewerbsverzerrungen“. Höttges rügt insbesondere den Umgang mit Daten durch Google.

Für Google würden andere Regeln als für die Telekom gelten, die sich an deutsche Datenschutzgesetze halte. Entsprechend müssen jetzt wohl EU, Bundesregierung, NATO, UNO, Polizei oder Feuerwehr aktiv werden, um den Mountain-View-Laden endlich zu regulieren oder gar zu zerschlagen. Um Datenschutz geht es den Telekomikern aber gar nicht.

Die liebwertesten Gichtlinge der alten Wirtschaftswelt fürchten sich vor dem digitalen Tsunami, der selbst vor Handwerkern der Gas-Wasser-Scheiße-Branche nicht haltmacht. Google und Co. drängen in altehrwürdige Industrien ein mit einer Netzlogik, die von den Wirtschaftskapitänen der Deutschland AG als Bedrohung empfunden wird. Und ihre Abwehrreaktionen folgen dem Lehrbuch des Ökonomen Joseph Schumpeter.

Die Klagen des Routineunternehmers

Das Eindringen von Neulingen in bestehende Branchen würde stets Kämpfe mit der alten Sphäre nach sich ziehen, schrieb der. Die Altvorderen seien bestrebt, den Vorteil, den eine neue Firma durch eine Innovation erlangt, zu verbieten, zu diskreditieren oder auf andere Weise zu beschränken. Was immer dabei auch im Einzelfall geschehe, so Schumpeter, sei der hohe Gewinn jedes Unternehmers stets vergänglich, denn Konkurrenten würden Neuerungen kopieren und damit ein Sinken des Marktpreises bewirken.

Der Routine-Unternehmer agiert machtpolitisch und schreit am Ende nach Vater Staat, um seine Pfründe in Sicherheit zu bringen. In Wahrheit ist der Telekom-Boss doch nur sauer auf Google, weil der Suchmaschinen-Gigant seine Dienste kostenlos anbietet, über Werbung gegenfinanziert und damit satte Gewinne einfährt. Etwa Videotelefonie, Livestreaming via Hangout on Air oder Services für Kurznachrichten. Machtvoll ist Google wegen seiner Größe bei der Skalierung seiner Angebote. Selbst vor dem Bau von Glasfaser-Leitungen schreckt der amerikanische Konzern nicht zurück, um Länder so schnell wie möglich auf eine neue Stufe der Digitalisierung zu heben.

Klagemauer-Reden helfen nicht

Höttges gehört noch der industriellen Glaubenskongregation an, die davon ausgeht, dass die Silicon-Valley-Angreifer bei Hardware scheitern werden. „Wir können Netz besser“, lautet die Parole des Bonner Netzbetreibers. Höttges erwartet nicht, dass Google in Europa Netze bauen werde. Das könnte auch so ein Satz werden, der in die Annalen der technologischen Fehleinschätzungen eingeht. Wenn Deutschland nicht in der Lage zu Infrastruktur-Investitionen für schnelles Internet ist, kommt eben eine Lösung von Übersee. Vielleicht nicht via Glasfaser, sondern mobil via Stratosphäre. Die einen buddeln weiterhin Kabelschächte und die anderen verdienen noch mehr Geld.

Da helfen Schutzgesetze und Klagemauer-Reden nicht weiter. Was viele liebwerteste Gichtlinge in Politik und Wirtschaft immer noch nicht begriffen haben, sind die volkswirtschaftlichen Effekte der vernetzten Ökonomie, die sich nicht auf das Teilen von Katzenbildern im Social Web reduzieren lassen.

Beim ersten Bonner Netzökonomie-Campus, der in meiner Bibliothek stattfand und über den mephistophelischen Umsonst-Dienst Hangout on Air übertragen wurde, kritisierten die Experten unisono die alten Rezepturen, die selbst hoch qualifizierte Politikberater wie DIW-Chef Marcel Fratzscher dem politischen Führungspersonal in Berlin vorbeten.

Star-Ökonomen ohne digitale Expertise

Im neuen Fratzscher-Opus „Die Deutschland-Illusion – Warum wir unsere Wirtschaft überschätzen und Europa brauchen“ taucht eine Vielzahl von klugen Analysen über den brüchigen Status quo der deutschen Wettbewerbsfähigkeit auf. Schaut man im Register unter D wie Digitalisierung oder I wie Internet oder Informationstechnologie nach, findet man jedoch nur gähnende Leere.

Der DIW-Chef empfiehlt stattdessen in alter keynesianischer Machart mehr staatliche Investitionen, um etwa dem Verfall von Straßen entgegenzuwirken. Das ist recht erbärmlich für einen „Star-Ökonomen“, der sich zum wichtigsten Stichwortgeber von Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel hochgearbeitet hat. Deshalb brachte ich bei der Vorstellungsrunde unserer netzökonomischen Käsekuchen-Diskussion auch als Hashtag „Schumpeter-statt-Keynes“ ins Spiel. Schumpeter warf bekanntlich Keynes und seinen Aposteln vor, das wirtschaftliche Geschehen nur in Aggregaten zu denken und die Rolle von Innovationen sowie unternehmerischen Einzelentscheidungen auszublenden. Makroökonomen seien blind für die Auswirkungen von neuen Technologien und Geschäftsmodellen.

Entsprechend profan fallen die Empfehlungen der volkswirtschaftlich ausgebildeten Politikflüsterer aus. Was Fratzscher und Co. vortragen, ist alter Keynesianismus in neuen Schläuchen. Mehr Staatsausgaben, geldpolitische Globalsteuerung, Industrieförderung, ein wenig mehr bauen und schon läuft die Konjunktur: „Man kann nicht mit altem Denken in neuen Welten erfolgreich sein. Da ich mich als Wirtschaftshistoriker mit dem Strukturwandel in den vergangenen drei Jahrhunderten beschäftigt habe, weiß ich, dass wir andere Methoden und Kompetenzen brauchen“, fordert Wirtschaftsprofessor Klemens Skibicki beim Netzökonomie-Campus. Das Internet bewirke die größte Senkung der Transaktionskosten, die wir je erlebt oder historisch erforscht haben. Die wirtschaftspolitischen Empfehlungen, die in Berlin und anderswo verlautet werden, seien verpuffender Keynesianismus.

Im Vergleich mit der Merkel-Regierung ist Elmar Weiler, Rektor der Ruhr-Universität in Bochum, in seinen Erkenntnissen schon viel weiter. Er treibt die notwendige Neuerfindung seiner Stadt unter dem Stichwort Bochum 4.0 voran.

„Bochum 1.0 dokumentiert die Zeit, als man Kohle aus der Erde holte, bis keine mehr da war. Allen sei klar gewesen, dass sich die Lagerstätten erschöpfen würden. Dann hat man angefangen, einen Hightech-Werkstoff zu entwickeln – nämlich Stahl. Da brauchte man nicht nur Eisenerz, sondern auch sehr viel Wissenschaft, um etwa rostfreien Stahl herzustellen. Das war Bochum 2.0. Von der Kohle über den Stahl geht die Erfolgsgeschichte weiter zu Fabriken, in denen Hochleistungsmaschinen gefertigt wurden wie Autos und Handys. Diese Zeit geht jetzt auch zu Ende. Also Bochum 3.0“, sagt Weiler.

Jetzt folgt die Phase 4.0: „Es bricht eine neue Zeit an, die weniger geprägt sein wird von großen Industriewerken“, meint Weiler – auch wenn das viele Industrielobbyisten immer noch nicht ganz wahrhaben wollen. Der Uni-Rektor ist fest davon überzeugt, dass das der Vergangenheit angehört.

Relevanter werden Mittelstand und innovative Unternehmen, die sich besser vernetzen müssen, bei der Erzeugung von lokalen Wertschöpfungsketten. Es gehe dabei um die Vernetzung von allem. Also Kultur, Sport, Wissenschaft, Wirtschaft und das Engagement der Bürgerschaft. Was Professor Weiler in wenigen Worten skizziert hat, sollte sich die Große Koalition in Berlin hinter die Ohren schreiben.

Wie überzeugt man Zukunftsverweigerer?

Was mit Bochum 4.0 umschrieben und angestoßen wird, ist für den theologisch fundierten Informatiker Winfried Felser ein richtiger Schritt, um die Zukunftsverweigerer der überkommenen Ökonomie abzuholen. Das erreiche man nicht mit Begriffen wie „digitale Wirtschaft“ oder mit Konferenzen wie der re:publica in Berlin. Letzteres würden die Altvorderen als spleeniges Internet-Getöse von esoterischen Nerds abtun. Es müsse Maßnahmen geben, die auch IHK-Mitglieder, inhabergeführte Unternehmen und Konzernchefs erreichen, empfiehlt Netskill-Geschäftsführer Felser beim netzökonomischen Diskurs in der rheinischen Beethoven-Metropole. Jeder Handwerker, jeder Heizungsbauer und jeder Hersteller sollte sich die Frage stellen, ob er morgen noch mit seinem Geschäftsmodell erfolgreich sein kann. Etwa bei der Wartung von vernetzten Heizungen, die digital überwacht und gewartet werden. Da ist ein Systemingenieur gefragt und nicht mehr der klassisch ausgebildete Installateur – vom Schornsteinfeger mal ganz zu schweigen.

Das Wort „Netzökonomie“ unterstreicht, dass die Digitalisierung und Vernetzung den Querschnitt aller Wirtschaftstätigkeiten betrifft. Mit Furcht, die sich durch Medien, Politik, Wirtschaft und Universitäten zieht, sei die digitale Transformation nicht zu bewerkstelligen, ergänzt Skibicki.

„Was sich im Ruhrgebiet beim Niedergang von Stahl, Kohle und industrieller Massenfertigung abspielt, gilt für ganz Deutschland. Leider beteiligen sich Politik und Verwaltung an diesem Prozess nicht. In anderen Ländern ist man da schon sehr viel weiter“, weiß Kommunikationsberater Frank Michna.

Kein Thema für außerirdische Aliens

Die Digitalisierung aller Lebensbereiche hängt eng mit der steigenden Leistungsfähigkeit der Mikroprozessoren zusammen: „Das bekommen dann irgendwann auch Busfahrer und sogar Piloten zu spüren, die von intelligenter Steuerungstechnologie ersetzt werden“, sagt Innovationsexperte Jürgen Stäudtner vom Beratungshaus Cridon. International werde nur die industrielle Expertise gesehen. Wir sollten schleunigst damit beginnen, dieses Wissen mit digitaler Kompetenz aufzuladen.

Der Dreiklang mobiles Internet, Social Web und Industrie 4.0 betrifft alle. Netzökonomie sei daher kein Thema für außerirdische Aliens, sondern gehöre auf die Tagesordnung von BDI und Co., so das Credo des Kommunikationswissenschaftlers Jonas Sachtleber, der für die studentische Unternehmensberatung Oscar tätig ist.

Wirtschaftswissenschaft und Wirtschaftspolitik liefern in Deutschland für die digitale Transformation bislang weder Modelle, Methoden noch Metaphern. Mit dem Netzökonomie-Campus möchte ich das über Tagungen, Studien, E-Books, Workshops, Barcamps und virtuelle Expertenrunden via Hangout on Air ändern.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf The European.


Image (adapted) „Google Food“ by brionv (CC BY-SA 2.0)


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Hacker: Die “Atombomben des 21. Jahrhunderts”?

Hacker werden zunehmend als kriminell stigmatisiert. Nicht nur der Tod von Aaron Schwartz zeigt, wie unverhältnismäßig diese Jagd bisweilen sein kann.

Der Tod des Online-Aktivisten Aaron Swartz in den USA konfrontiert auch das neue europäische Cybercrime-Zentrum EC3 mit unbequemen Fragen: Müssen sich Staaten mit strengeren Gesetzen vor Hackern schützen? Oder übertreiben Regierungen die Gefahr, um die Rechtsprechung in ihrem Sinn zu verschärfen? Eine Bestandsaufnahme über staatliche Willkür, mediale Panikmache und tatsächliche Bedrohungen.

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Google, Facebook & Co: Netz-Giganten spielen Staat

Google, Facebook und Co. dürfen sich nicht zur richterlichen Instanz aufschwingen und entscheiden, was im digitalen Leben richtig oder falsch ist. Wie können wir uns wehren?

Sie spielen Polizei, Geheimdienst, Sittenwächter, Zensor, Staatsanwalt, Richter und initiieren mittelalterliche Prangermethoden zur Verbannung von vermeintlichen Querulanten. Gaming-Anbieter, Netz-Giganten und Betreiber von Social Networks mutieren immer mehr zum Staat im Staate unter Missachtung rechtsstaatlicher Regeln. Sie instrumentalisieren Allgemeine Geschäftsbedingungen für Sanktionen, schließen Nutzer willkürlich aus, löschen Inhalte oder erteilen nach Belieben Ermahnungen, gegen die sich keiner so richtig wehren kann. Weiterlesen »

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