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Neue Provinz: Notizen vom Berlin Coworking Festival

Tobias Kremkau

Warum Neue Provinz? Die erste Ausgabe der neuen Kolumne erklärt die Titelwahl.


Berlin, Rosenthaler Platz. Wo Döblins Roman „Berlin Alexanderplatz“ (Provisions Link) begann und das urbane Leben der Spreemetropole ein literarisches Denkmal bekam, drehte sich an einem Montagabend im September alles um Brandenburg. Genau genommen um Coworking Spaces in Brandenburg. Diesem eintönigen Stück von der Welt, welches sich wie eine Halsmanschette um Berlin legt und das Treiben der Großstadt festhält, vielleicht sogar auch Einhalt gebietet.

Brandenburg. Wald, Felder und die A9. Hier hat sich, im Windschatten von WeWork, Mindspace und dem betahaus, eine vitale Coworking-Szene entwickelt, die anlässlich des diesjährigen Berlin Coworking Festival nach Berlin-Mitte kam, um sich dem interessierten Publikum zu zeigen und zu erklären. Wieso in Brandenburg? Sind denn wirklich schon alle alten Fabrikgebäude unserer Hauptstadt umgenutzt, dass man wirklich aufs Land muss?

Coworking Spaces in Brandenburg

Die Gründe dafür sind verschieden. Während es für den Potsdamer Gründer Matthias Noack keine wirkliche Alternative gab, als in seiner Heimatstadt etwas wie das Coworking Space MietWerk aufzubauen, verschlug es Janosch Dietrich mit seiner Familie nach Klein Glien. Im dritten Anlauf hatten sie endlich einen Ort für ihre Idee von Urlaub und Arbeiten in der Natur gefunden. „Community and concentrated work in nature“ ist ihr Motto, kurz Coconat.

Als verrückte Pioniere könnte man beide abtun. Doch der Wahnsinn hat System, ist vielleicht sogar genial. Man kann heutzutage arbeiten wo man möchte, erklärt Janosch. Sein Coworking Space ist deshalb für die Menschen in Brandenburg und für die, die einmal dort hinwollen. Noacks zwei Coworking Spaces sind für Potsdamer*innen, die nicht isoliert von Zuhause arbeiten wollen. Stadtflucht und der Drang nach Gemeinschaft, zwei starke Motivationen.

Während vereinzelt Menschen wieder auf dem Land leben wollen, durch die Digitalisierung und der neuen Arbeitswelt ihre Berufe oft mitbringen, verlassen andere weiterhin den ländlichen Raum, wie Unternehmen und Banken. Zur letztgenannten Gruppe zählt die Sparda-Bank Berlin nicht, wie Antonia Polkehn erklärt. Ihr Arbeitgeber startet Anfang Oktober in Frankfurt (Oder) ein neues Filialkonzept – und das in einem Coworking Space.

In Berlin St. Oberholz diskutieren Janosch Dietrich, Matthias Noack, Antonia Polkehn und Torsten Kohn über Coworking in Brandenburg

Das BLOK O ist eine Kooperation der Sparda-Bank Berlin eG und des St. Oberholz. Der erste Coworking Space an der Oder und ein Zeichen, dass Unternehmen sich auch bewusst für strukturschwache Regionen entscheiden können, wenn sie etwas bewirken wollen. Torsten Kohn von der Wirtschaftsfördergesellschaft des Landkreises Märkisch-Oderland hofft auf Nachahmer, die dann in sein Coworking Space in die Alte Schule nach Letschin kommen.

Leben und arbeiten im ländlichen Raum

Wie wir arbeiten, sagt viel darüber aus, wie wir leben. Die Neue Provinz, sei es in Brandenburg, der Altmark oder in der Eifel, ist mehr als nur Coworking Spaces. Dies wurde bei der letzten Session des Berlin Coworking Festival, an einem Freitagnachmittag und wieder im St. Oberholz, von den geladenen Podiumsgästen sehr deutlich gemacht. Coworking ist ein Trend-Thema, der Kommunalpolitiker*innen wuschig macht, es braucht aber mehr (dafür).

Vor allem schnelles Internet, wie Ulrich Bähr aus der Praxis zu berichten weiß. Die letzten Monate tourte er mit dem aus zwei Containern auf Rädern bestehenden CoWorkLand durch Schleswig-Holstein (die Netzpiloten berichteten). Zugang zu schnellem Internet ist für die Menschen eine Grundlage, um zu arbeiten. Und um zu leben, verdeutlichte Silvia Hennig , die Gründerin von Neuland 21, ergänzend. Landleben braucht den (digitalen) Anschluss.

Anschluss auch an die Wissensquellen, die die Stadt mit ihren Institutionen und Communities immer noch darstellt. Fehlt dieser, sei es digital oder auch analog in Form einer Zuganbindung, wird es schwer, die Menschen vom Leben und Arbeiten auf dem Land zu überzeugen, schilderte Philipp Hentschel. Der Coworking-erfahrene Gründer und Blogger stellt Kreativorte in Brandenburg vor und kennt die Nöte von Initiativen auf dem Land selbst.

Netzpiloten-Kolumnist Tobias Kremkau moderiert die Diskussion zu Coworking im ländlichen Raum.

Schlechte Internetleitungen und Ärger mit dem Nahverkehr? Gemeint ist zwar Brandenburg, klingt aber auch verdächtig nach Berlin. Vielleicht gibt es in Wirklichkeit gar keine Lücke zwischen Stadt und Land, wie Mareike Meyn von der Andreas Hermes Akademie vermutet, sondern nur unterschiedliche Begriffe für die gleichen Probleme – egal wo in Deutschland. Und für die gleichen Lösungen, denn Coworking sagt man in der Stadt wie auf dem Land. ;-)


Images by Tobias Kremkau

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Neue Provinz: Coworking in der Peripherie

Tobias Kremkau

Vor über zwei Jahren trat ich die Stelle als Coworking Manager des St. Oberholz in Berlin an. An diesem urbanen Hotspot hat man viel mit der Zukunft der Arbeit zu tun. Dies liegt wahrscheinlich zum einen in der Natur eines Coworking Space, aber unsere Nachbarn rund um den Rosenthaler Platz sind unter anderem das Jobsharing-Startup Tandemploy, das Stahlindustrie-Startup kloeckner.i und die TA Zukunftsfabrik des Dokumentenmanagement-Experten TA Triumph-Adler. Ich befinde mich also in sehr guter Gesellschaft, wenn es um Fragen der Zukunft der Arbeit geht.

Doch ein Teilaspekt der Zukunft der Arbeit ist seitdem sehr präsent in meinem Arbeitsalltag und dieser mag auf den ersten Blick so gar nicht zur Torstraße passen: der ländliche Raum. Dass das Thema in den letzten Monaten auch verstärkt in den Feuilletons dieses Landes diskutiert wurde, überraschte mich kaum. Durch das Thema Coworking merke ich bereits seit 2015, dass dieses Thema bewegt. Dieser Entwicklung, die älter und weitreichender ist, möchte ich mit dieser neuen Netzpiloten-Kolumne Rechnung tragen und mich mehr mit dem ländlichen Raum beschäftigen.

Mit der Begrifflichkeit der Neuen Provinz versuche ich die Bedeutung dieser Veränderungen, die wir im ländlichen Raum heutzutage sehen können, zu würdigen und sie in eine Reihe mit den Ideen der Neuen Arbeit und der Neuen Räume zu stellen. Provinz galt bisher als ein doch sehr abwertender Begriff für eine Gegend, die im Vergleich zur Großstadt wenig zu bieten hat. Genau dies scheint mit in der Neuen Provinz, durch Digitalisierung und einen Sinneswandel bei den lokalen Akteuren, inzwischen überwunden zu sein bzw. überwunden werden zu können.


Das Thema Coworking lenkte meinen Blick auf den ländlichen Raum, es soll deshalb auch den Auftakt für diese Kolumne darstellen. Im Sommer 2015 reiste ich mit meiner Frau für zwei Monate durch Europa, wir besuchten Coworking Spaces zwischen Barcelona und Stockholm. Die Coworking-Szenen anderer Länder sind mit der in Deutschland kaum zu vergleichen. In schwachen oder stagnierenden Wirtschaften blüht Coworking auf. In Frankreich stießen wir dann auch auf Coworking Spaces im ländlichen Raum, meist Ableger von Spaces aus der Stadt.

Das Pariser Coworking Space La Mutinerie eröffnete 2015 im beschaulichen Saint-Victor-de-Buthon, rund zwei Stunden vor Paris, einen weiteren Standort. Hier wird Coworking mit Coliving verbunden. Eine Folge war, dass sechs Coworking-Mitglieder aus Paris aufs Land zogen, wie mir Mitgründer Eric Van den Broek erklärte. Für diese Menschen war der Zugang zu einer Gruppe gleichgesinnter Menschen entscheidend. Erst als dies durch das Coworking Space gegeben war, zogen sie aufs Land, wo man preiswerter mit seiner Familie leben kann.

Das Lyoner Coworking Space La Cordée ist stets mit den Wünschen seiner Community gewachsen. Als die Member ein Space in Paris wollten, da sie dort öfters geschäftlich zu tun hatten, kamen die beiden Gründer Julie Pouliquen und Michael Schwartz diesem Wunsch nach und eröffneten einen Ableger in Nähe des Gare du Lyon. Inzwischen gibt es La Cordée Coworking Spaces in ganz Frankreich und so auch in dem französischen Alpendorf Morez. Dieses hatte sich um La Cordée bemüht, das wiederum einen Ort in den Alpen für die eigene Community suchte.

Und wie steht es um Deutschland?

Das La Mutinerie Village und das La Cordée Morez sind nur zwei Beispiele aus Frankreich, die hervorragend aufzeigen, worauf es ankommt – Anschluss an eine urbane Community – und welche Effekte ein Coworking Space auf dem Land haben kann – Zuzug von ortsunabhängig arbeitenden Menschen. In Deutschland gibt es inzwischen auch Beispiele wie die aus Frankreich, wenn auch weniger und vergleichsweise noch nicht so weit entwickelt. Und mit einem Unterschied: hierzulande ist das Mittelzentrum der bessere Standort als das Dorf selbst.

Das Coworking 0711 aus Stuttgart hat im vergangenen Jahr, rund 30 km südwestlich der Landeshauptstadt im beschaulichen Herrenberg, einen Coworking Space für pendelnde Coworker aus der Region eröffnet. Auf Initiative der lokalen Politik gibt es ähnliche Projekte unter anderem in Prüm in der Eifel und im brandenburgischen Finsterwalde. Sie alle haben die Menschen vor Ort im Fokus, die für ihre Arbeit in die nächstgelegene Großstadt pendeln (was schlecht für die Umwelt und die eigene Gesundheit ist), obwohl ihre Arbeit teilweise auch ortsunabhängig möglich wäre.

Deshalb ist ein guter Verkehrsanschluss an eine Großstadt, sowohl mit dem Zug als auch mit dem Auto, ein entscheidender Faktor. Ein Coworking Space sollte nicht auf einem Dorf sein, dort wird es sehr wahrscheinlich auch nicht funktionieren, sondern in einem Mittelzentrum liegen und von da in den ländlichen Raum wirken. Doch noch ist Coworking Space ein schwieriges Geschäftsmodell in Deutschland, weshalb es neue Akteure braucht, die Coworking in die Peripherie tragen und dort betreiben. Ein Akteur könnten beispielsweise Banken sein.

Next: Coworking in Frankfurt (Oder)

In den vergangenen Monaten habe ich in beratender Tätigkeit für die Sparda-Bank Berlin eG an einem Projekt mitgearbeitet, das zum Ziel hat, noch diesen Sommer das erste Coworking Space in Frankfurt (Oder) zu eröffnen. Unter dem Namen Blok O entsteht im ehemaligen Kinderkaufhaus auf der Magistrale ein Ort, der Coworking Space und Bankfiliale zukünftig miteinander verbinden soll (Blok O geht auf die Bezeichnung des Objekts in den historischen Bauplänen der Magistrale zurück). Dies wird die Stadt und auch diesen Teil von Brandenburg beeinflussen.

Drei Punkte sind an Blok O besonders spannend: Erstens, eine Bank gründet ein Coworking Space, in dem es zugleich ein Member wie alle anderen sein wird und nicht der Vermieter. Zweitens, eine multikulturelle Stadt wie Frankfurt (Oder) bekommt mit dem Coworking Space einen mehrsprachigen Ort des Miteinanders, den viele Einwohner*innen eher dem polnischen Słubice zugetraut hätten als der linken Oderseite. Und Drittens, in einer Pendler*innenstadt wie Frankfurt (Oder) gibt es nun einen Ort für kollaboratives und ortsunabhängiges Arbeiten.

Coworking BLOKO Ansgar Oberholz und Martin Laubisch
Coworking-Pionier Ansgar Oberholz und Sparda-Bank Berlin-Vorstand Martin Laubisch präsentieren Blok O in Frankfurt (Oder). Bild: Sparda-Bank Berlin eG

Ich bin gespannt zu sehen, wie genossenschaftliches Coworking in der Neuen Provinz, zu der damit Frankfurt (Oder) samt Umland gezählt werden kann, funktionieren und vor allem wirken kann. Das St. Oberholz wird ein Mitbetreiber des Blok O werden, ich werde also auch viel vor Ort sein können. Das Projekt könnte der konzeptionelle Beweis werden, wie und vor allem von wem Coworking betrieben werden muss, damit diese Idee der Organisation von Arbeit bisher strukturschwachen Gegenden Anschluss an die Zukunft der Arbeit geben kann.

#Landrebellen auf der Grünen Woche

Diese Woche fand auf der Internationalen Grünen Woche in Berlin das Zukunftsforum Ländliche Entwicklung des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft statt. Auf dem Panel „Die neuen Landrebellen: Nach der digitalen Revolution ist vor dem Kulturwandel“ diskutierte ich mit anderen Akteuren die Möglichkeiten der Digitalisierung für den ländlichen Raum. Besonders interessant waren aber die Menschen, die mir nach der Veranstaltung von ihren Plänen und Überlegungen zu Coworking im ländlichen Raum erzählten. 2018 wird ein spannendes Jahr.

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TA Zukunftsfabrik: Wie Startups etablierte Corporates in die Zukunft katapultieren

TA Zukunftsfabrik Innovation Kooperation Startups Corporates

Der Tech-Markt dreht sich schnell. Doch traditionsreichen Tankern, auch Corporates genannt, fällt es oft nicht leicht, den Wandel aus der eigenen Organisation heraus anzustoßen. In solchen Fällen können Startups neue Wege aufzeigen. Wie das funktioniert, zeigt das Beispiel von TA Triumph-Adler. Der Bürogerätehersteller befindet sich im Wandel zum Dienstleister für digitales Dokumentenmanagement. Mit diesem Change-Prozess geht das Unternehmen ganz offen und ermutigt innovative Marktakteure, im Rahmen der TA Zukunftsfabrik Partnerschaften einzugehen.

Das können, müssen aber keine Startups im engeren Sinne sein. Daher ist ein erstes Ergebnis der TA Zukunftsfabrik auch eine Kooperation zwischen TA Triumph-Adler und der Bundesdruckerei, die sich zum Spezialisten für IT-Security wandelt. Inwiefern die TA Zukunftsfabrik ein nachahmenswertes Modell ist, das auch andere Firmen inspirieren kann und worauf es dabei ankommt, darüber berichteten die beteiligten Akteure während einer Panel-Diskussion im Coworking Space St. Oberholz.

Mission Possible: Warum der Blick von außen so wichtig sein kann

Nach neuen Perspektiven Ausschau zu halten, muss keinesfalls Signal für eine Schieflage sein. TA Triumph-Adler befindet sich auf Wachstumskurs. Mit Büromaschinen zum Drucken, Scannen, Kopien, Faxen sowie Software für Enterprise Content Management und passenden Services darum herum, erzielt die Kyocera-Tochter steigende Umsätze. Doch um der immer höheren Erwartungshaltung von Kunden gerecht zu werden, gehört mittlerweile mehr zu einer guten Dienstleistungsqualität.

„Unsere Kunden wünschen sich immer öfter, dass wir ihnen Impulse geben und Antworten rund um neue Marktentwicklungen liefern – über unser Kerngeschäft hinaus“, erklärt Christopher Rheidt, Geschäftsführer von TA Triumph-Adler. Doch neben dem Tagesgeschäft dafür Ressourcen freizustellen, ist den wenigsten etablierten Unternehmen möglich. „Die Digitalisierung an sich birgt so viele Möglichkeiten. Diese allein angehen zu wollen, ist unrealistisch. Mission Impossible, keine Chance“, betont Christopher Rheidt.

TA Zukunftsfabrik Christopher Rheidt
Christopher Rheidt, Geschäftsführer von TA Triumph-Adler. Image by Berti Kolbow-Lehradt

TA Zukunftsfabrik: Wie Startups und Corporates voneinander profitieren können

„Ich sage immer: Jeder bringt etwas zur Party mit. Der eine bringt ein Kundenproblem mit, das gelöst werden will, der andere eine Technologie und wieder ein anderer einen Marktzugang“, nennt Bastian Halecker die Optionen für möglichen Know-how-Tausch. Er bringt als Startup-Scout und „Matchmaker“ Firmen auf Partnersuche zusammen.

TA Zukunftsfabrik
Jens Albrecht von der Bundesdruckerei. Image by Berti Kolbow-Lehradt

Der Austausch von Technologie gegen Marktzugang ist dabei die häufigste Geschäftsbasis. Beispielsweise hat TA Triumph-Adler in Deutschland laut Christopher Rheidt 35.000 Verträge bei 22.000 Kunden und eine Vertriebs- und Serviceorganisation mit 700 Mitarbeitern. „Das ist eine Infrastruktur, die kaum ein Gründer aus dem Stand auf die Beine stellen kann. Und genau den Zugang zu dieser Infrastruktur bieten wir“, erklärt der Geschäftsführer von TA Triumph-Adler auf dem Meetup im St. Oberholz.

Wer als Gründer auf Corporates zugeht, hat bessere Chancen, wenn das Startup sich bereits in einer mittleren und späten Phase befindet und die eigene Lösung marktreif ist. „Da wir der Vertragshalter gegenüber unseren Kunden sind, können wir keine Abenteurer sein“, betont Christopher Rheidt.

Doch auch für Startups in der frühen Gründungsphase ist eine Kooperation mit einem Corporate nicht ausgeschlossen, wenn die Lösung zum Portfolio des Gegenübers passt. „Wir brauchen starke Partner wie TA, die den Kundennutzen unserer Lösungen für das das eigene Portfolio erkennen. Die Unternehmenslösungen in Kombination bringen nicht nur der Bundesdruckerei und TA Vorteile, sondern bieten auch dem Kunden einen einmaligen Mehrwert“, erläutert Jens Albrecht das Vorgehen der Bundesdruckerei.

Die besten Karten haben Startups in der TA Zukunftsfabrik, wenn die Praxisrelevanz ihres Produkts auf Anhieb einleuchtet. „Es gibt zu viele Lösungen für zu wenige Probleme. Gründer sollten daher die Frage ‚Wo ist das Problem?’ beantworten können“, betont Startup-Scout Bastian Halecker.

Unternehmen entwickeln neue Offenheit für Kooperationen

Natürlich sind Partnerschaften zwischen Unternehmen an sich nichts Neues. Doch der technologische Fortschritt übt so einen hohen Innovationsdruck aus, dass kaum eine Firma ihn mit Eigenentwicklungen allein bewältigen kann. Daher erkennen Marktbeobachter eine neue Kultur der Offenheit. Dieser Mentalitätswandel macht Kooperationen zu einer viel attraktiveren Option als früher.

TA Zukunftsfabrik Bastian Halecker
Bastian Halecker, Startup-Scout und „Matchmaker“. Image by Berti Kolbow-Lehradt

„Unternehmen partnern seit jeher. Allerdings steigt heutzutage die Notwendigkeit dafür, weil die Entwicklungen zu komplex sind und sich daher jeder auf das beziehen muss, was er am besten kann“, beobachtet Bastian Halecker. Es ist überzeugt, dass Ökosysteme viel bessere Marktchancen haben als geniale aber eben auch isolierte Insellösungen. „Wen interessiert der Wettbewerb? Klassische Marktgrenzen gibt es doch gar nicht mehr. Die Grenzen verschwimmen. ‚Connecting the Dots’ ist der entscheidende Ansatz“, betont er. Halecker ist derjenige, der auch TA Triumph-Adler und die Bundesdruckerei zusammengeführt hat.

Christopher Rheidt von TA Triumph-Adler bestätigt diesen Mentalitätswandel. „In meiner Laufbahn habe ich oft erlebt, dass Kooperationspartner sich abgeschirmt und in ihrer Zusammenarbeit zwischen ‚deins’ und ‚meins’ unterscheiden haben. Dass Unternehmen heute zu einer viel größeren Grundoffenheit bereit sind, ist ein Unterschied zu früher.“

Brücke zwischen Firmenkulturen schlagen

Neben der Bereitschaft Know-how zu teilen, sind weitere Voraussetzungen wichtig, um mit Kooperationen Innovationen anzuschieben. Akzeptanz für unterschiedliche Firmenkulturen und Geschwindigkeiten zum Beispiel. „In Corporates wird eine andere Sprache gesprochen, die Erwartungshaltungen sind andere. Man braucht auch einfach einmal neun bis zwölf Monate, bis man sich einigermaßen eingegrooved hat. Das ist nicht mit fehlender Ernsthaftigkeit gegenüber dem Projekt zu verwechseln“. sagt Christopher Rheidt.

Startup-Scout Bastian Halecker ergänzt: „Startups sind oft relativ schnell frustriert, wenn alles nicht so schnell geht, wie erhofft. Sie vergessen, dass Corporates ihr Tagesgeschäft nicht verlässigen dürfen“. Doch Zwist, der im schlimmsten Fall zum vorzeitigen Ende der Kooperation führen könnte, lässt sich vermeiden. Wichtig dafür sei, dass sich alle Beteiligten zwar große Ziele setzen, aber diese in viele kleine, schnell erreichbare Etappen aufteilen. Auch eine Person, die in jeder Organisation als zentraler Ansprechpartner den Kontakt aufrechterhält, sei von Vorteil.

Wie sich Skeptiker im eigenen Unternehmen überzeugen lassen

Damit Kooperationen Tempo aufnehmen, gilt es oft auch, Widerstände im eigenen Unternehmen abzubauen. Entscheidend dafür ist eine transparente und nahbare Kommunikation. „Es ist ganz wichtig, aufzuzeigen, was der einzelne Mitarbeiter davon hat und wie sehr die Zukunft seines Arbeitsplatzes davon profitiert und gesichert wird“, rät Jens Albrecht von der Bundesdruckerei.

Entscheidend sei, die Mitarbeiter selbst einzubeziehen. „Corporates sind ja ganz gut darin, Kreativität abzutrainieren. Daher haben wir im Zuge der TA Zukunftsfabrik einen Ideen-Wettbewerb ins Leben gerufen, der das Verständnis für neue frische Ideen etabliert“, so Jens Albrecht.

Damit es nicht bei Visionen bleibt, sondern sich die Kooperation messbar auszahlt, sollten Entscheider den Vertrieb mit ins Boot holen. „Wenn man im Rahmen der Kooperation neue Produkte und Dienstleistungen entwickelt, sollte man sie auf einfache Weise erlebbar machen. Und zwar so, dass sie einfach in die Erfahrungswelt des Kunden zu integrieren sind“, weiß Christopher Rheidt von TA Triumph-Adler. „Schnelle Erfolge sind die größte Motivation für Vertriebsmitarbeiter. Ist die Lösung zu abstrakt, ist der Spannungsbogen schnell weg und auch gar nicht so leicht wiederzufinden.“


Teaser Image „Talking“ by rawpixel.com / Pexels (CC0 Public Domain); Images by Berti Kolbow-Lehradt


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Coworking Insights: Coworking in Cafés braucht eine neue Antwort!

St-Oberholz_by_Andreas-Louca

Coworking Spaces sind Orte der Arbeit, die sich nicht aus Bürostrukturen, sondern aus der Kaffeehauskultur entwickelt haben. Vor allem die traditionellen Kaffeehäuser in Wien haben das Prinzip bis heute geprägt und vorgelebt – auch ohne WiFi. Das von mir zusammen mit Koulla Louca 2005 in Berlin gegründete St. Oberholz ist so ein Café, dass das Konzept des Arbeitens im Café erst in Deutschland bekannt machte – mit WiFi.

Inzwischen besteht das St. Oberholz aus drei Cafés, zwei davon mit angeschlossenen Coworking Spaces. Was sie mit den Wiener Kaffeehäusern des 19. Jahrhunderts verbindet, sind die gleichen Werte: gelebte Offenheit, größtmögliche Freiwilligkeit sowie leichte Zugänglichkeit.

Der Deal war immer unausgesprochen, aber stets klar: die Gäste honorierten genau diese Werte, vor allem die Idee der Freiwilligkeit, mit fairem Verhalten durch angemessenen Konsum. Dieser Deal scheint nicht mehr aufzugehen.

Gäste zeigen verändertes Verhalten

Nach Befragungen uns bekannter ähnlicher Coworking-Cafés lässt sich feststellen, dass die Selbstverständlichkeit, dass man in einem Café auch dessen Produkte konsumiert, wenn man dort verweilt und über einen langen Zeitraum WiFi und Strom nutzt, nicht mehr ausreichend gegeben ist. Dieses Phänomen hat in den letzten Jahren ein problematisches Ausmaß angenommen und die ursprüngliche Idee der Offenheit wird damit torpediert. Es ist kein neues Phänomen, jeder Betreiber eines Cafés kennt es. Selbst in Cafés ohne WiFi tritt es auf.

Die Reaktionen auf diese Entwicklung fallen verschieden aus. Viele Cafés beschränken den Zugang zeitlich zum WiFi oder bieten es gar nicht mehr an. Die Nutzung von Laptops wird teilweise verboten. Manche Coworking Spaces haben ihre Cafés bereits für die Öffentlichkeit geschlossen. Dabei ist doch gerade das offene Café, das jeder nutzen kann – und nicht nur die Member-, eine wichtige Schnittstelle der Coworking Spaces mit der Außenwelt.

Woher rührt diese veränderte Verhaltensweise von Gästen, sobald mobiles Arbeiten und ein Laptop involviert sind? Warum würde ein Gast in einem Sushi-Restaurant niemals nach heißem Wasser für seine Fünf-Minuten-Terrine fragen (so geschehen im St. Oberholz), aber sich ins Coworking Cafés fremdes Essen und Getränke mitbringen?

Offenheit ist verdächtig

Remote-Work_im_St-Oberholz

Ein Gast isst ein Döner Kebab im Café.

Kellner: „Du darfst hier keine mitgebrachten Speisen essen.“
Gast: „Aber ihr verkauft ja kein Kebab.“
Kellner: „Bitte pack das sofort weg und bestelle etwas von unserer Karte.“
Gast: „Das Kebab wird später aber kalt sein und nicht mehr schmecken.“
Kellner: „Entweder du packst es jetzt weg und bestellst etwas oder du musst bitte gehen.“
Gast packt missmutig das Kebab ein: „Aber ich habe gestern auch schon einen Kaffee bei Euch gekauft.“

Die Verhaltensweise der Gäste deutet auf ein vermindertes Schuldempfinden und unterdrückte Schamfähigkeit hin. Denn sonst würde man sich eher für sein Verhalten entschuldigen und sich erwischt fühlen, als mit dem Gastronomen auch noch über selbstmitgebrachte Speisen diskutieren. Es scheint aber überhaupt kein Unrechtsempfinden in der Bewertung des eigenen Verhaltens vorhanden zu sein. Die Psychologie kennt verschiedene Faktoren, die Schuld und Schamempfinden mindern können. Einer der Faktoren lautet: unbewusstes Wiedergutmachungsrecht.

Die Nutzung des Internets und digitaler Dienste ist heute mit einer hohen Unsicherheit der Nutzer und Intransparenz der Nutzung ihrer Daten verbunden. Jeder, der sich auch nur ein klein wenig mit den Mechanismen des Plattformkapitalismus auskennt, weiß, dass nicht die kostenlose Plattform, sondern er selber das Produkt ist. Er weiß, dass seine Daten als Ware verkauft werden, kennt aber nicht das exakte Ausmaß. Er akzeptiert gezwungenermaßen diesen Deal, da er im Gegenzug die unverzichtbare Plattform und deren Dienste nutzen kann. An dieser Stelle wird ein grundlegendes Gefühl des Misstrauens und des Opfererfahrens erzeugt.

Hier kommt nun eine Verwechselung ins Spiel: Coworking Cafés, die von idealistischer Freiheit geprägt sind, erscheinen ebenso verdächtig wie digitale Plattformen. Wenn der Cafégast nicht konsumieren muss, sondern nur konsumieren darf, wenn er möchte, ist das Konzept verdächtig. Es wird unbewusst vermutet, dass diese Offenheit nur damit zu tun haben kann, dass der Ort auf eine andere, intransparente Art und Weise die Nutzer kommerziell ausbeutet. Vielleicht werden auch hier die Nutzerdaten an die Industrie verkauft, Ideen von Gründern gestohlen und kopiert. Meldungen über für Außenstehende schwer nachzuvollziehende milliardenschwere Bewertungen einer internationalen großen „Coworking“-Marke tun ein Übriges, den Verdacht zu erhärten.

Es scheint dem Gast also in Ordnung zu sein, sich ein Getränk am Morgen zu kaufen, davon drei Schlucke zu trinken, es auf dem Tisch stehen zu lassen, als Symbol des Hacks des freiwilligen Konsums und damit in Überzeugung moralischer Überlegenheit stundenlang den Ort zu nutzen, ohne weitere Bestellungen aufzugeben. Im unbewussten Misstrauen verhaftet, dass man heutzutage eben nichts mehr geschenkt bekommt, sondern man selber die Ware ist.

Ein zweites psychologisches Phänomen prägt das veränderte Konsumverhalten. Kurt Lewin definierte den Begriff des „Aufforderungscharakters“ von Situationen. Er beschreibt das Zusammenspiel zwischen Objekt und Person, die immer in Wechselwirkung zueinanderstehen. Ein heranrollender Ball löst in manchen Menschen das Bedürfnis aus, mit ihm zu spielen, in anderen tut er das nicht.

Einer der Meister im Ausnutzen des Phänomens ist Apple. Das Unternehmen beschäftigt nicht wenige Psychologen die dafür sorgen, dass die Apple Produkte ununterbrochen sagen: Nutz mich! Sitzt der Gast nun in einem Café vor einem Laptop, so kann man davon ausgehen, dass das Café deutlich weniger Psychologen beschäftigt als der Laptophersteller. Der natürlich gegebene Aufforderungscharakter des Cafés tritt daher deutlich in den Hintergrund gegenüber dem Aufforderungschampion auf dem Tisch und erklärt eine zweite wichtige Komponente der verminderten Konsumbereitschaft der Gäste. Der Kampf um Aufmerksamkeit geht klar an die digitalen Endgeräte, das analoge Café hat keine Chance. Die ununterbrochen vernetzten Geräte lassen uns leicht und schnell beschäftigt sein. Zu beschäftigt für Essen und Trinken.

Die Antwort ist verblüffend einfach

Doch wie können Betreiber von Cafés dieses Misstrauen auflösen und wieder als Produkte anbietende Geschäfte wahrgenommen werden, ohne dabei durch Einschränkungen und Verbote das eigentliche Coworking-Prinzip zu zerstören?

Die Antwort ist verblüffend einfach: Service. Service am Tisch, der perfekt unaufdringlich ist und die Coworker mit Ihren Bedürfnissen abholt.

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Service muss groß geschrieben werden (Image: La Citta Vita, CC BY-SA 2.0)

Kellner übernehmen so eine Funktion, die sie bereits seit Jahrhunderten erfüllen. Die Beziehung zwischen Stammgast und Service ist ähnlich wie die zwischen Coworker und Community Manager. Ähnlich wie durch das Community Management in einem Coworking Space entsteht somit eine Bindung zu dem Café als Ort an sich und zugleich auch wieder eine Form der Aufforderung, zu verzehren. Kellner sollten im perfekten Fall auch grundlegende Prinzipien des Community Managements beherrschen, die Nöte und Bedürfnisse erkennen und Menschen miteinander vernetzen. Sie sollten durch Ihren Service den Arbeitsalltag der Gäste erleichtern und nicht erschweren. Coworking-Cafés könnten Ladekabel, Kopfhörer, sogar Papier und Stift, anbieten, um das Nutzungserlebnis positiv zu beeinflussen. (Im St. Oberholz verkaufen wir täglich im Schnitt drei Lightning-auf-USB-Kabel.)

Coworking funktioniert in seiner vollen Blüte nur mit Elementen der Gastronomie. Im besten Fall erschreckt sich der Gast am Ende seines Arbeitstages über die Rechnung, erfreut sich aber zugleich über den produktiven Tag im Café. Wenn die Qualität des Service und der angebotenen Produkte stimmt, wird sich der Gast daran erinnern und nicht an die Höhe der Rechnung.


Image (adapted) „Service“ by La Citta Vita (CC BY-SA 2.0)

Image (adapted) „St. Oberholz“ by Andreas Louca


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Netzpiloten-Stopover bei der #COWORK2017

cowork2017 (Image by Katharina Kremkau [CC BY 4.0])

Strahlendes Wetter, schöne Locations (inklusive Terrassen) und eine klasse Organisation der drei Tage COWORK 2017 Konferenz & Barcamp in Leipzig. Mir gefällt immer wieder die zivilisiert-wissensorientierte Form der Barcamps. Die Beteiligten einigen sich aus dem Stand auf die Themen und Vortragenden. Es gab viel Insider-Learnings zu Coworking auf dem Lande oder Coworking mit Kinderbetreuung oder Coworking Spaces als Genossenschaft.

Die junge Branche ist im Aufbau, agiert sensibel, offen und ist auf Nachhaltigkeit ausgerichtet. Viele interessante Ideen werden vorgestellt (z.B. wie man die Kreativität und Energie eines Makers-Labs in einen Coworking Space integriert). Sorgen gibt es natürlich auch – vor allem: Wie gelingt es der neuen Branche, die breite Öffentlichkeit für die schöne neue Arbeitswelt zu begeistern? Und andererseits, wie hält man die Besuchsdelegationen der Großkonzerne aus, die derzeit neugierig durch die Coworking-Flächen tigern um zu wittern, was da auf sie zukommt.

Die rund 150 Macher, die sich hier am Wochenende versammelt haben, sind keine Start-up Flasher, wirken auf mich auch nicht wie hungrige Unternehmer. Ich spüre eine sympathische Mischung aus Selbstverwirklichung, Social Entrepreneurship und Aufgekratztheit durch die Bestätigung derer, die in ihre Spaces kommen und „hinterher keinen Stein mehr auf dem anderen lassen wollen“ – wie es Tobias Schwarz vom Berliner Coworking Space St. Oberholz formuliert. Er ist Vorstand der German Coworking Federation e.V. und seit Jahren eine der Zentralgestalten der Coworking-Szene. Er ist überzeugt davon, dass die jungen Männer und Frauen hier entscheidend unsere Zukunft des Arbeitens gestalten.

Mein persönlicher Eindruck ist das auch. Sehr wahrscheinlich entsteht hier eine kräftige, vielfältige Alternativkultur zum herkömmlichen Arbeiten. Deshalb blinzle ich an diesem strahlenden Wochenende hoch über Leipzig auch nur ganz verstohlen nach oben, ob eines der riesigen Raumschiffe den Himmel verdunkelt, mit denen WeWork und Mindspace sich derzeit anschicken den Planeten zu erobern.


Image by Katharina Kremkau, CC BY 4.0


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FYI: Corporate Innovation geht nicht nach Blaupause, sie zu kennen lohnt sich aber

Business (adapted) (Image by jarmoluk [CC0 Public Domain] via pixabay)

Dieser Beitrag ist Teil einer Artikelreihe im Vorfeld der Digitalkonferenz EXPLAINED von Microsoft Deutschland. Die Konferenz findet am 23. März 2017 in Berlin statt.


Unsere Sprache gibt uns den Rahmen vor, indem wir dazu in der Lage sind, Gedanken zu formulieren. Verallgemeinerungen sind deshalb die sprachlichen Ursprünge von Missverständnissen. Wie beispielsweise der Annahme, dass Jugend ein Garant für Innovation sei (Startups) oder das Erfahrung mit Leistung gleichzusetzen ist (Corporates).

Wir kennen Beispiele für beide Behauptungen, das bedeutet aber nicht, dass dies deshalb auf alle Startups oder eben alle Corporates zutrifft. Obwohl es sicherlich Muster gibt, aus denen vermeintliche Vorlagen abgeleitet werden können, muss jedes einzelne Unternehmen in der Wirtschaft selbst herausfinden, wie es innovativ und leistungsfähig sein kann.

Um zu innovieren, müssen Corporates die verschiedenen Wege kennen und dann mit den Fähigkeiten und der Struktur des eigenen Unternehmens abgleichen. Die ausschließlich auf Geld setzenden Lösungen – Übernahmen, Investitionen, Sponsoring (in externe Accelerator) – lasse ich aus und widme mich den Wegen, die wirklich Veränderungen abverlangen.

Entweder: Innovation im Unternehmen

Die meiner Meinung nach wirklich lohnenswerten Lösungen können in zwei Gruppen aufgeteilt werden: firmeninterner und kooperierender Natur. Der ersten Gruppen gehören Strategien wie ein „Innovation Team“ an, ein internes „Innovation Lab“ und vor allem Intrapreneur-Programme für die eigene Belegschaft innerhalb des Unternehmen.

Für ein „Innovation Team“ braucht man Mitarbeiter, die Veränderungen verstehen und kommunizieren können. Diese entwickeln neue Prozesse und etablieren diesen im Unternehmen. Ein „Innovation Lab“ wiederum besteht aus Mitarbeitern verschiedener Bereiche, um funktionsübergreifend Wissen zu teilen und so Innovationen zu entwickeln.

Beide Lösungen habe ich bereits von Unternehmen, die Mitglieder im Berliner Coworking Space St. Oberholz sind und solche Gruppen dort hingeschickt haben, beobachten können. Eine wichtige Lektion hierbei für mich war, wie wichtig dieser Tapetenwechsel, also in einer Umgebung wie einem Coworking Space statt einem Hauptquartier zu arbeiten, sein kann.

Ein Intrapreneur-Programm gibt Mitarbeitern eine Plattform und die Ressourcen zur Umsetzung eigener Ideen innerhalb des Unternehmens. Die Mitarbeiter wissen meist am besten, was nicht gut läuft. Sie zu motivieren, dies zu lösen, halte ich für äußerst spannend. Wir haben dies einem unserer Mitglieder vorgeschlagen, die dass bald wagen werden.

Oder: Innovation durch Kooperation

Image by Tobias Schwarz
Das St. Oberholz in Berlin.

Es lohnt sich aber auch, einmal umzuschauen, wie andere es machen. Das muss aber nicht eng auf den Corporate-Bereich fokussiert sein, gerade im vermeintlich Exotischen findet man oft die interessanteste Inspiration. Hier wirkt das Phänomen der Serendipität am besten und eine überraschende Beobachtung erweist sich als für einen selbst besonders wertvoll.

Das St. Oberholz ist feste Station solcher Touren in Berlin. Auch andere Coworking Spaces in der Stadt kennen dieses Phänomen, der wie Touristen nach Berlin reisenden Unternehmen. Aufgrund der Nachfrage habe ich inzwischen, als ein Projekt des von mir im letzten Jahr mitgegründeten Institut für Neue Arbeit, ein Reisebüro für Corporate-Tourismus entwickelt.

Nach Innovation suchend zu reisen sorgt für die größte Veränderung im Denken und darauf kommt es an. Branchen sollten Innovation-Stützpunkte in anderen Regionen eröffnen, um vor Ort neue Ideen, andere Märkte und mögliche Partner kennenzulernen. Für „Das Netz 2016/2017“ habe ich 16 Orte, die das nächste Silicon Valley sein wollen, einmal vorgestellt.

Je nach Branche und Standort lohnt sich unter Umständen auch die enge Kooperation mit den hiesigen Hochschulen und Initiativen, vor allem beim Thema Forschung und Entwicklung. So können erste Schritte mit neuen Akteuren zusammen gemacht werden, positive Erfahrungen adaptiert, wenn nicht sogar ganze Projekte danach integriert werden.

Reminder: Corporate Innovation geht nicht nach Blaupause

Diese drei internen und drei externen Strategien sind kein Garant für Erfolg und Innovation. Sie sind aber ein Weg dahin, der, wenn er richtig gegangen wird, den Grundstein für Erfolg legt: ein verändertes Denken und Handeln. Ohne ein sich vom Status Quo unterscheidendes Mindset kann keine Innovation entstehen. Egal wie viel Geld man wem auch hinterherwirft.

Auf der EXPLAINED-Digitalkonferenz am 23. März 2017 wird Kai Jäger vom Deutsche Bank Labs darüber sprechen, wie Banken sich in Corporate Innovation durch Zusammenarbeit mit Startups versuchen. Ich bin auf den Vortrag gespannt (wie auch auf den Vortrag von Peter Jaeger), denn Banken haben oft eine sehr herausfordernde Unternehmenskultur im Gepäck.


Image (adapted) „Business“ by jarmoluk (CC0 Public Domain)


 

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Coworking Insights: Die richtige Person auf dem richtigen Arbeitsplatz

Arbeitsplatz (adapted) (Image by Unsplash [CC0 Public Domain] via pixabay)

Seit November 2016 werde ich als Coworking Manager von einer Assistentin unterstützt, die mich vor allem im Bereich Öffentlichkeitsarbeit entlasten sollte. Wie alle Mitarbeiter in einem Coworking Space ist sie eine Quereinsteigerin – ausgebildete Coworking-Experten gibt es nicht. Doch schon in den ersten Wochen stellte sich heraus, dass ihre wahre Stärke woanders liegt. Ihre beste Fähigkeit war und ist ihr Lachen, der persönliche Umgang mit unseren Mitgliedern.

Ich habe wenige Mitarbeiter eines Coworking Spaces gesehen, die mit einer derartigen Wärme und Herzlichkeit mit anderen Menschen umgehen können. Mir selber ist dies nicht in die Wiege gelegt worden. Auch wenn ich ein freundliches Verhältnis zu Mitgliedern pflege, ist eine professionelle Distanz bei Themen wie offenen Rechnungen auch nützlich. Dies kann ich mir aber nur erlauben, da ich mit meiner Assistentin einen mich ergänzenden Gegenpol habe.

Wir hatten die richtige Person für die falsche Stelle eingestellt. Unser sehr lehrreicher Fehler war die fixe Fokussierung auf das Stellenprofil. Die letzten Wochen haben mir gezeigt, dass die wohl größte Herausforderung für ein jeden Coworking Space, noch vor der Schaffung einer eigenen Mitglieder-Community, die Zusammensetzung des eigenen Teams ist.

Mitarbeiter sind Menschen mit eigenen Persönlichkeiten und Erfahrungen. Je vielseitiger diese sind, desto besser kann dies für das eigene Team und die eigene Community sein. Auch die eigenen Mitarbeiter sind ein Teil des Serendipitäts-Phänomens, das man in von Offenheit geprägten Räumen beobachten kann. Sie beeinflussen mit, dass Menschen etwas entdecken können, nach dem sie gar nicht gesucht haben.

Menschenzentrierte Arbeit mit dem Team vorleben

Doch auch wenn berufliche Expertise im Hospitality-Management und der Umgang mit anderen Kulturen (wie beispielsweise im Hotel, Restaurants, Tourismus, etc.) ein Vorteil sein kann, muss sich jeder Mitarbeiter als individueller Mensch ebenfalls in einem Coworking Space zurechtfinden. Dies kann in einem von Hierarchien, Strukturen und Traditionen wenig bis gar nicht geprägten Umfeld eine persönlich sehr schwere Aufgabe sein.

Deshalb ist es wichtig zu beachten, wie man sein Team und seine Prozesse zusammensetzt, und dabei immer zu bedenken, was Menschen an ihrem Arbeitsplatz brauchen. Tracy Brower, Leiterin der Abteilung „Human Dynamics + Work“ beim US-amerikanischen Möbelhersteller Herman Miller, hat mit ihrem Team die Forschung der letzten 80 Jahre in den Bereichen Psychologie, Soziologie und Anthropologie dahingehend untersucht.

Ergebnis ihrer Recherche sind sechs Kernbedürfnisse von Menschen an einem Arbeitsplatz, unabhängig vom Geschlecht, Ethnie und sozioökonomischem Status:

  • 1. Wir streben u.a. nach Sicherheit und Handlungskompetenz.
  • 2. Wir möchten, dass sich unser Status nach unserer Leistung richtet.
  • 3. Wir streben nach Erfolg und sind stolz auf unsere Leistung.
  • 4. Wir streben nach Unabhängigkeit in unserem Handeln.
  • 5. Wir wollen mit unserem Handeln etwas Sinnvolles bewirken.
  • 6. Wir wollen sinnstiftende Verbindungen mit anderen eingehen.

Diese unterschiedlichen Bedürfnisse als Manager eines Coworking Spaces zu verstehen, hat einen massiven Einfluss darauf, wie wir ein Team führen und verwalten, welche Technologien wir unseren Mitarbeitern zur Verfügung stellen und auf die Definition der Aufgaben an sich. Coworking Spaces werden als Beispiel für menschenzentrierte Arbeitsplätze gesehen, dies muss aber auch für das eigene Team gelten.

Auf den Werten der Neuen Arbeit aufbauen

Im St. Oberholz besprechen wir regelmäßig unsere Aufgabenprofile mit den beiden Gründern Koulla Louca und Ansgar Oberholz. Eine Stelle kann so innerhalb von drei Monaten neu definiert werden, abhängig von den Entwicklungen im Coworking Space, aber auch den persönlichen Bedürfnissen der einzelnen Mitarbeiter. Ziel ist es, den Wert von Mitarbeitern zu maximieren, indem die Kosten der übertragenen Aufgaben minimiert werden.

Nahezu alle Aufgaben in unserem Team sind horizontal verteilt und nicht, wie meist, in vertikalen Silo-Strukturen. Dadurch bekommen Mitarbeiter einen Gesamteindruck vom Unternehmen und können ihren Kollegen individuell zu Hilfe kommen. Tools wie Slack, Redbooth und Trello unterstützen das, indem sie Transparenz innerhalb der Belegschaft schaffen, woran Kollegen gerade arbeiten und was sie in ihrem Bereich beschäftigt.

Diese horizontale Vernetzung der einzelnen Mitarbeiter führt zu einem besseren Verständnis des Unternehmens als lebender Organismus, der Hervorhebung individueller Leistungen zum gemeinsamen Erfolg und der Motivation des Einzelnen, sich nach besten Kräften und seinen individuellen Fähigkeiten einzubringen. Seine Individualität, die auch geprägt ist von eigenen Erfahrungen, wird so als besondere Fähigkeit erlebbar.

Unser Handeln und unsere Organisation beruht auf der Ausrichtung unserer eigenen Arbeit nach den Idealen der Neuen Arbeit, wie sie der austro-amerikanische Sozialphilosoph Frithjof Bergmann entwickelte. Ziel ist es, dass die Arbeit der Mitarbeiter des St. Oberholz nach den Werten Selbstständigkeit, Freiheit und Teilhabe an der Gemeinschaft gestaltet ist.


Image (adapted) „Arbeitsplatz“ by Unsplash (CC0 Public Domain)


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Das Café, in dem Sascha Lobo die E-Mail für tot erklärte

St. Oberholz in Berlin (Image: Tobias Schwarz)

Dieser Beitrag ist Teil einer Artikelserie in Kooperation mit Microsoft, die sich mit der Digitalisierung in kleinen und mittleren Unternehmen auseinandersetzt:


Das St. Oberholz am Rosenthaler Platz in Berlin ist das wohl bekannteste Café der deutschen Startup-Szene. Hier wurde fast (aber auch nur fast) Coworking erfunden, mit SoundCloud Berlins einziges Unicorn-Startup gegründet, Zalando traf sich im ersten Stock mit ihren ersten Investoren und in dem Coworking Space des St. Oberholz haben einst Startups wie Deliveroo und HelloFresh angefangen.

Aber auch ein Ort wie das St. Oberholz hat inzwischen eine fast zwölf Jahre lange Entwicklung hinter sich. Was sich in dieser Zeit alles veränderte, wie digital die Gastronomie heute arbeitet und was noch immer besser auf die altmodische Art und weise klappt, erklärt Ansgar Oberholz, Gründer und Namensgeber des St. Oberholz, im Interview mit den Netzpiloten.

Ansgar-Oberholz_middle_by_Carolin-Saage
Der Gastronom der Berliner Startup-Szene: Ansgar Oberholz.

Wie viel Digitales steckte schon im Sommer 2005 im St. Oberholz, als du zusammen mit deiner heutigen Frau Koulla Louca das Café eröffnet hast?

Wir verschickten unsere wöchentliche Lunchkarte per E-Mail an die umliegenden Agenturen. Und gaben Ihnen den Rat, eine Mailadresse mittagessen@agenturxyz.de einzurichten, damit alle Mitarbeiter diese Mail abonnieren konnten. Das war damals ziemlich weit vorne. Denn Gastronomie und Digitales waren nicht wirklich miteinander verwandt. Aber natürlich war das freie Wifi für die Gäste digitale Herzstück des Unternehmens.

Heutzutage gibt es für fast alles eine App. Wurde im Jahr 2005 wirklich alles noch auf Papier und dem Fax-Gerät organisiert oder ging es „moderner“ zu?

Lieferanten wollten Bestellungen gefaxt haben und haben ihre Angebotslisten auch wöchentlich per Fax verteilt. Aber das wichtigste Tool für Gastronomen im Jahre 2005 war das Telefon. Die meisten Bestellungen und sonstigen Abläufe organisierte man mündlich darüber.

Wie habt ihr beispielsweise Schichtpläne für die Belegschaft im Café organisiert?

Ursprünglich wollten wir die Schichtpläne per E-Mail als PDF verschicken. Es gab damals noch kaum Kalenderdienste wie heutzutage, die wurden erst später gestartet. Aber es gab zu viele Mitarbeiter, die entweder keine E-Mailadresse hatten oder aber das Abrufen ihrer Mails sogar nicht als Push-Dienst verstanden und nur alle paar Tage mal E-Mails in einem Internet-Café abriefen. Manche hatten auch einfach keinen Internetzugang.

Somit schwenkten wir zum guten alten Dienstplan zurück, der im Keller an der Wand hing und auf dem die Mitarbeiter ihre Schichten ablesen konnten. Auch hier war das Telefon wichtig, denn man rief die Kollegen während ihrer Schicht an, damit sie mal auf dem Plan im Keller schauen konnten, wann die nächste Schicht sein würde. Immerhin war das Festnetztelefon im Café bereits drahtlos, sonst hätte das Kabel gar nicht bis in den Keller gereicht.

Wann und was haben eigentlich eure Gäste an digitalisierten Diensten von euch eingefordert und was habt ihr von euch aus angeboten?

Auf dem Tresen hatten wir eine Liste ausliegen, auf der Gäste ihre E-Mailadressen hinterlassen konnten, um unseren Newsletter zu empfangen. Im Sommer 2007 hatte Sascha Lobo, der damals Stammgast war, quer über die Liste geschrieben: „twitter.com/saschalobo checkt das aus. E-Mail ist tot.“ Spätestens da haben wir begonnen, uns mit Social Media zu beschäftigen.

Nach kurzer Zeit hatten wir zwei Stammgäste, die ein starkes Eigeninteresse entwickelten, unser WiFi stabil und schnell zu machen. Beides waren Systemadministratoren von Beruf. Sie brachten ungefragt getunte Router mit, die wir dann gemeinsam verkabelten und in Betrieb nahmen. Der Linksys WRT54 war beliebt, da man die Firmware durch Open-Source-Software ersetzen konnte. Mit OpenWrt konnte man dann beispielsweise viele wechselnde Nutzer besser organisieren als mit den handelsüblichen Geräten. Da die beiden sowieso täglich zu Gast waren, hatten wir auch einen super Support. Ein organischeres Crowdfunding, ist mir seitdem nicht mehr untergekommen.

Welchen Digitaldienst der letzten Jahren fandest du aus Sicht eines Gastronoms am besten und was funktionierte überhaupt nicht?

Aus gastronomischer Sicht sind sicherlich die iPad-Kassensysteme, die sich über das Internet steuern lassen, die wichtigste und mächtigste Neuerung. Was nach wie vor verbesserungswürdig ist, sind alle Online-Schichtverwaltungssysteme. Vor allem bei der Vergabe von offenen Schichten an die „Mitarbeiter-Community“ scheint die analoge Welt recht resistent zu sein. Das Telefon als effektivstes Gerät schlägt noch lange alle halbautomatischen Prozesse einer Schichtplansoftware.

Du warst Juror beim Gastro-Gründerpreis 2016 gewesen. Wie ist dein Eindruck vom Status Quo der Digitalisierung der Gastronomie? What’s next?

Business Intelligence wird immer wichtiger, denn die Branche hat sich selbst bei kleineren Betrieben professionalisiert. Es geht gar nicht mehr anders. Aber immer öfter habe auch ich das Gefühl, dass vor lauter Technikgläubigkeit das eigentliche Produkt vernachlässigt wird. Dann nützt auch die beste digital Strategie nichts.

What’s next? Ich glaube, die größte Veränderung im Foodbereich findet im Zusammenhang mit sich rasant entwickelnden Lieferservices, deren Akzeptanz und der daraus veränderten Märkte, statt. Unter anderem glaube ich, dass genau deshalb aber der Restaurantbesuch wichtiger wird und der Kunde neben dem Vorgang der Nahrungsaufnahme immer dringender noch andere, eher weiche Effekte konsumieren will. Das wird die Gastronomie indirekt verändern. Im besten Fall verlässt der Gast mit einem gefühlten Distinktionsgewinn das Lokal. Und bestellt am nächsten Tag die Produkte zu sich nach Hause.


Image (adapted) „St. Oberholz am Rosenthaler Platz in Berlin“ by Tobias Schwarz


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Stehaufmaennchen: Gegen die Statik am Arbeitsplatz

Flexibilität ist ein in der Wirtschaft zurzeit sehr nachgefragter Status, den vor allem größere Unternehmen nur noch sehr schwer erreichen und deshalb neidisch auf wesentlich agiler agierenden Startups schauen, bevor sie dann manchmal einfach aufkaufen. Doch wie wir arbeiten, und das trifft oft auch auf Startups zu, ist oft von dem Wesen her überhaupt nicht flexibel.

Das zeigt sich schon bei der Inneneinrichtung. Höhenverstellbare Tisch und andere Lösungen, um beispielsweise im Stehen zu arbeiten, werden oft aus Unwissenheit über die Vorteile erst gar nicht nachgefragt oder überhaupt angeboten. Oft liegt es natürlich an den Kosten für neue Möbel, aber noch öfters fehlt ein Bewusstsein für das Thema und der Wunsch nach Veränderung.

An diesem Punkt setzt ein Startup namens Stehaufmaennchen aus Niedersachsen an. Der Name erklärt das Konzept ziemlich gut (wenn auch nicht gerade geschlechtsneutral.) Es handelt sich bei dem gleichnamigen Produkt um eine flexible Tischerhöhung aus Wellpappe, die den Arbeitsalltag mit wenigen Handgriffen erleichtern soll.

Einer der beiden Gründer, Jannik Schäfer, hat mir vor ein paar Wochen ein Testgerät ins St. Oberholz vorbei gebracht, damit wir unserer Community die Möglichkeit bieten können, flexibel auch einmal im Stehen zu arbeiten. Inzwischen haben wir sechs Stehaufmaennchen an unseren beiden Standorten im Einsatz und auch schon einen Café-Gast gehabt, der damit arbeiten wollte.

Wie bist du auf diese Produktidee gekommen?

Es gibt, denke ich, einige Produkte auf dem Markt, die sich mit dem Stehen am Arbeitsplatz befassen. Im Zuge dessen haben wir uns gefragt, wie können wir so etwas, was sich schon auf dem Markt befindet, aus einer anderen Materialität schaffen und mehr Flexibilität gewinnen. So entstand die Idee Pappe zu nutzen.

Und den Wunsch, auch im Stehen zu arbeiten, konntest du gleich nachvollziehen?

Ja, denn der Wunsch nach dem Arbeiten im Stehen ist eine Sache von Bewegung verbunden mit der Frage: Wie frei kann ich mich am Arbeitsplatz bewegen?. Um das zu verstehen, muss man nicht schon seit Jahren in einem Büro arbeiten. Es ging aber auch darum, ein Problem für ein Startup zu finden, dass lösbar ist.

Was war das Problem, dass ihr gesehen habt?

Rückenschmerz ist für die meisten Menschen fast schon ein Synonym für den Arbeitsalltag. Mein Mitgründer Johannes Meisenheimer und ich haben uns gefragt, wie flexibel und dynamisch man eigentlich heutzutage arbeiten kann und daraufhin ein Produkt in diese Richtung weitergedacht.

Jannik kommt aus der Nähe von Frankfurt/Main, Johannes ist in der Nähe von Osnabrück aufgewachsen, wo die beiden ihr Produkt aus einer Garage heraus verkaufen. Sehr romantisch für zwei Männer mit einem Abschluss in International Business Management Studies. Die beiden Gründer haben sich beim Studium im holländischen Groningen kennengelernt.

Nach ersten Erfahrungen in der Arbeitswelt in Irland und Hamburg, haben sich die beiden für die Gründung ihres Startups zusammengeschlossen. In dieser Zeit ist die Idee für „Stehaufmaennchen“ geboren und weitergedacht worden. Anfang dieses Jahres haben die Beiden begonnen erste Prototypen zu bauen. Wie man laut der Theorie ein Unternehmen führt, wissen sie, der Rest ist learning by doing wie Jannik es formuliert. Ähnlich ist es beim übergeordneten Thema – Gesundheit am Arbeitsplatz, der Kontext in dem man ein Produkt wie das Stefaufmaennchen betrachten muss.

Welche Rolle spielt außeruniversitäres Wissen für eure Produktentwicklung?

Wissen anzuhäufen ist ein enorm wichtiges Thema. Wir haben im Zuge der Wissensbeschaffung einige Unternehmen befragt: Wie steht es bei euch um das Thema Ergonomie? Wie arbeiten eure Mitarbeiter? Bietet ihr schon Möglichkeiten für mehr Bewegung im Arbeitsalltag? – Beispielsweise im Bereich des Mittelstands, der für uns von großem Interesse ist, oft eine Frage der Ressourcen. der, eher so, dass wir die Ressourcen gar nicht haben? So rückte das Thema Ergonomie für uns in den Vordergrund.

Wir haben viel im Internet recherchiert und einige interessante Lösungen gesehen, wie Leute sich einen eigenen Standing Desk zusammengebaut haben, beispielsweise mit einem Stapel Bücher oder einem alten Karton. Das haben wir dann versucht zu verstehen, weiterentwickelt und uns über Möglichkeiten einer Umsetzung informiert.

Welche Vorteile bietet einem das Stehaufmaennchen?

Der größte Vorteil ist die Flexibilität. Es lässt sich sekundenschnell aufbauen und zusammengefaltet wieder zur Seite stellen. Dieser Ansatz entspricht voll dem heutigen Gedanken vom flexiblen Arbeiten. Gerade in Coworking Spaces, die Menschen helfen ortsunabhängiger zu arbeiten, ist Flexibilität, ein essentieller Wert den wir durch das Angebot unseres Produkts vor Ort erweitern wollen.

Und das Potenzial geht drüber noch hinaus. Vielleicht haben wir den richtigen Einsatzbereich noch gar nicht gefunden. Es könnten Coworking Spaces sein, weshalb wir das Stehaufmaennchen auch im St. Oberholz gern getestet sehen, aber auch Bibliotheken oder Universitäten. Eigentlich jeder Ort, an dem ein Mensch sich bewegen kann, um nicht nur statisch sitzend seiner Arbeit nachzugehen.

Noch ist „Stehaufmaennchen“ ein sehr junges Startup, dass ein erstes Produkt auf den Markt gebracht hat, welches sogar einen leicht zu verstehenden Sinn erfüllt. Damit haben die beiden Gründer vielen anderen Startups schon einmal etwas voraus. „Wir sind momentan noch bei Version 1.0“, erklärt Jannik, zeigt sich aber zugleich auch sehr zufrieden mit dem bereits erreichten. Wie eines Tages Version 2.0 aussehen wird, ob es aus einem anderen Material als Pappe und vielleicht sogar noch flexibler sein wird, ist ungewiss.

Image by Tobias Schwarz (CC BY 4.0)

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„Coworking ist ein Evolutionsschritt“ – Ansgar Oberholz im Gespräch über Neue Arbeit

St. Oberholz in Berlin (Image: Tobias Schwarz)

Im Sommer 2015 unternahm ich als Projektleiter der Netzpiloten eine zweimonatige Reise durch Europa. Dies war kein Urlaub, ich leitete die Redaktion von unterwegs und suchte dafür jeden Tag ein anderes Coworking Space auf, um meinen täglichen Aufgaben nachzugehen. Auf diese Art besuchte ich zusammen mit meiner Freundin Katharina-Franziska Kremkau, die so ihrer Arbeit als Freelancerin nachging, mehr als 29 Coworking Spaces in 18 europäischen Städten in 10 verschiedenen Ländern.

Das Thema Coworking faszinierte uns. Ich glaube, darin einen Teil der Zukunft entdeckt zu haben. Schon im März 2015 gehörten Katharina und ich zu den Gründungsmitgliedern der German Coworking Federation, deren Vorstand ich heutzutage zusammen mit Christian Cordes und Silke Roggermann bilde. Seit Januar 2016 arbeite ich als Coworking Manager im Berliner St. Oberholz und bin Mitgründer des Instituts für Neue Arbeit. Im Gespräch mit Ansgar Oberholz möchte ich den Wandel ergründen, den Coworking auslöst.

Vor über sieben Jahren kam das Thema Coworking endgültig in Deutschland an. Doch die Ursprünge sind wesentlich älter und liegen in Berlin-Mitte. Die erste C-Base am Hackeschen Markt bot bereits ein an Coworking erinnerndes Konzept der Kollaboration und des Zugangs zu WLAN und Strom in den 1990er Jahren an. 2005 eröffnete mit dem St. Oberholz ein Kaffeehaus am Rosenthaler Platz, das den Gedanken des Coworkings, noch vor der Eröffnung des offiziell ersten Coworking Spaces in San Francisco, Realität werden ließ.

Gründer des Instituts für Neue Arbeit: Tobias Schwarz und Ansgar Oberholz (Foto: Carolin Saage)
Gründer des Instituts für Neue Arbeit: Tobias Schwarz und Ansgar Oberholz (Foto: Carolin Saage)

Tobias Schwarz (TS): Wann hast du eigentlich das erste Mal den Begriff Coworking gehört?

Ansgar Oberholz (AO): Als wir Ende 2004 das Konzept für das ehemalige Burger King am Rosenthaler Platz erarbeiteten, gab es den Begriff Coworking noch nicht. Ich kann nicht ganz genau sagen, wann und wo ich den Begriff Coworking zum ersten Mal gehört habe, aber ich meine, er fiel in einem Gespräch mit Christoph Fahle, dem Gründer vom Betahaus, als er mir 2007 das Konzept erklärte und wir darüber diskutierten. Bis vor kurzem noch musste ich den Begriff fast jedesmal, wenn ich ihn verwand, kurz erklären, das ändert sich seit ungefähr zwei Jahren stetig und mündete jüngst darin, dass das Wort Coworking es als Buzzword in die Marketingmaschine geschafft hat.

TS: Wieso war das Thema Arbeiten ein wesentlicher Teil des Café-Konzeptes?

AO: Meine Frau Koulla Louca und ich wollten an diesem historischen Ort ein ganz neues, urbanes Café-Konzept aufbauen. Etwas, das es so noch nie gab und das dem Erfinder- und Innovationsgeist der Aschinger-Brüder, die das Haus am Rosenthaler Platz 1898 erbauten und hier ihre neunte Bierquelle betrieben hatten, gerecht wurde. Daher war für uns das Arbeiten im Café und damit Stromversorgung und Wifi wichtig, aber auch viele verschiedene Sitzmöglichkeiten, für Meetings, für inspirierende Blicke über den Platz. Für uns war es von Anfang an auch ein Experiment, wie das Konzept angenommen würde und was die Gäste damit anstellen würden.

TS: Wie reagierten die Gäste zum Anfang darauf, dass andere da auch arbeiteten?

AO: Innerhalb kurzer Zeit gab es kaum noch Gäste, die nicht zum Arbeiten kamen, und die damit also keinen Laptop auf dem Tisch stehen hatten. Obwohl es damals wie heute auch Gäste gab, die analog bei uns arbeiten. Der Anblick der arbeitenden Menschen polarisierte in den ersten Jahren ungemein. Es gab regelrechte Anfeindungen und wütende Reaktionen, die meiner Meinung nach vor allem auf Neid basierten. Unsere Gäste wirkten bei ihrer Arbeit offensichtlich fröhlicher und hatten auch noch einen besseren Kaffee als man selber im Büro. Als ich merkte, dass wir mit dem Konzept und dass unsere Gäste polarisieren, freute ich mich, da ich wusste, die Idee geht auf!

Im Frühjahr 2009 eröffnete mit dem Berliner Betahaus das erste Coworking Space in Deutschland. Der damalige Netzpiloten-Leiter Peter Bihr interviewte bereits einen Monat später mit Chris Messina, Axel Hillman und Tony Bacigalupo internationale Pioniere der Coworking-Szene und die Journalistin Anja Krieger ahnte bereits Ende 2009 in einem Artikel auf Netzpiloten.de, „wenn sich diese Entwicklung fortsetzt, gehört das gute, alte Büro vielleicht bald schon zur Vergangenheit.“ Coworking veränderte bereits die Arbeitswelt.

TS: Wann und warum wurde aus dem St. Oberholz auch noch ein Coworking Space?

AO: 2009 eröffneten wir als Vorstufe Apartments im gleichen Haus, sie sollten neben ganz normalen Übernachtungen auch Events oder Workshops beherbergen. 2011 nutzte Soundcloud die Apartments als Büro für ihr Community Team, denn die Eröffnung der Factory Berlin verzögerte sich und das Team platzte aus allen Nähten. Als dann im gleichen Jahr die letzte Etage im Haus frei wurde, war es ein logischer Schritt, den Bedürfnissen der Community zu folgen und direkt über dem Café einen Coworking Space mit Flexdesks und Besprechungsraum anzubieten.

TS: Gibt es eine kausale Verbindung zwischen Kaffee und Coworking?

AO: Unbedingt! Und zwar eine viel wichtigere als zwischen Bürokultur und Coworking. Eines der größten Missverständnisse in der Rezeption und Verständnisses von Coworking ist, dass es eben nicht aus der Bürokultur, sondern aus der Kaffeehauskultur geboren wurde. Schon immer zog es eher kreativ arbeitende andersdenkende Menschen in Kaffeehäuser, um dort zu arbeiten und Gleichgesinnte zu treffen, das ist kein neues Phänomen. Coworking ist ein Evolutionsschritt in dieser Tradition und vereint Elemente aus Cafés und Büros und dem privaten Lebensraum in einer perfekten halböffentlichen Symbiose.

TS: Welche Veränderungen hast du beim Arbeiten im Café beobachten können?

AO: Die eindringlichste und anschaulichste Veränderung spiegelt sich im Telefonverhalten unserer Gäste. Ging man vor einigen Jahren noch zum Telefonieren hinaus aus dem Café, um durch die Hintergrundgeräusche nicht den Eindruck erwecken zu wollen, gar nicht wirklich zu arbeiten, sondern in einem Café herumzusitzen, ist das heute gar kein Problem mehr. Im Gegenteil, man hat den Eindruck, dass die Gäste sich möglichst nah an der Kaffeemaschine aufhalten, damit die passenden Zisch- und Mahlgeräusche klarstellen, wo man ist und vermitteln, dass man selber unkonventionell und innovativ ist.

Im St. Oberholz sind MacBooks und Flat Whites beliebte Nachbarn (Foto: Melanie Samat)
Im St. Oberholz sind MacBooks und Flat Whites beliebte Nachbarn (Foto: Melanie Samat)

Doch was ist eigentlich Coworking? Für den ehemaligen Netzpiloten-Praktikant Lukas Menzel war es „eine Faszination für sich“, wie er nach einem Gespräch mit Alex Ahom erstaunt zusammenfasste. Ahom gründete mit Shhared bereits den zehnten Coworking Space in Hamburg. Peter Bihr beschrieb es in seinem Interview mit Chris Messina als „miteinander arbeiten, gemeinsam arbeiten, zusammenarbeiten“ und als „eine neue Philosophie des Arbeitens“. Coworking ist kein Hype, sondern Ausdruck von einer Entwicklung namens Neue Arbeit.

TS: Was macht für dich eigentlich den Reiz an Coworking aus?

AO: Coworking ist die Petrischale der Neuen Arbeit. In Coworking Spaces geht es um viel mehr als nur eine Modeerscheinung. Hier werden Grenzen der Zukunft der Arbeitswelt ausgelotet. Kollaboration, Serendipität und Selbstbestimmtheit füllen die Köpfe und Räume. Das macht für mich den Reiz aus! Orte zu erschaffen, an denen ich selber gerne arbeite. Orte, bei denen man nicht weiss, wohin die Entwicklung gehen wird. Das fasziniert mich und lässt mich meine Arbeit lieben.

TS: Inwiefern ist Coworking Ausdruck von Neue Arbeit und nicht nur ein Trend?

AO: Das Digitale und Coworking Spaces haben in den letzten Jahren der Idee der Neuen Arbeit Flügel verliehen. Nie war es so einfach und mit so wenig Investition verbunden, frei und selbstbestimmt zu arbeiten und Unternehmen zu gründen. Gerade die in Berlin bestehende Coworking-Landschaft ist der Beweis, dass es sich längst nicht mehr nur um einen Trend handelt. Anzahl, Größe und Vielfalt der Coworking Spaces hier sprechen für sich.

TS: Welche Prinzipien sind deiner Meinung nach im Coworking maßgebend?

AO: Leichte Zugänglichkeit, Authentizität und Community. Das fängt bei bezahlbaren Mitgliedschaften an und hört bei wertvollen Netzwerkeffekten auf. Gerade in letzter Zeit wird der Community-Aspekt immer wichtiger und auch mehr von Membern eingefordert. Denn Kollaboration und das damit einhergehende Vertrauen untereinander wird immer bedeutsamer und unabdingbarer in einer sich schneller verändernden Welt.

Auf meiner Reise durch die europäische Coworking-Landschaft stellte ich einen interessanten Unterschied fest: In von Wirtschaftskrisen betroffenen Ländern war Coworking ein finanziell lukratives Geschäft und seitens der Politik als Form der Wirtschaftsförderung verstanden worden. In wirtschaftlich starken Ländern war Coworking kaum ein Thema, es gab weniger Spaces und das Geschäftsmodell nur schwer zu betreiben. Die Politik nahm eher von Startups allgemein Kenntnis als von Coworking Spaces.

TS: Wie haben Coworking Spaces und Startups eine Stadt wie Berlin beeinflusst?

AO: Ich sehe Berlin selber als ein Startup an. Es gibt kaum einen anderen Ort, an dem „realease early, release often“ und „trial and error“ so exzessiv praktiziert wurde. Die heutige Gründerwelle und das damit verbundene Erblühen der Coworking-Szene ist das Ergebnis einer lange überfälligen Lösung für die Stadt, die seit dem Zweiten Weltkrieg kein funktionierendes Geschäftsmodell mehr hatte. Allerdings sollte Berlin aufpassen, dass es nicht im Lauf dieser Entwicklung und in dieser Euphorie die Wurzeln verrät, weshalb die Gründer und Entrepreneure überhaupt an diesen Ort kommen.

TS: Welche Rolle spielt Coworking außerhalb von Berlin im Rest von Deutschland?

AO: In Europa gibt es zwei Coworking-Hochburgen, Barcelona und Berlin. In Deutschland ist aber keine andere Stadt vergleichbar mit der Coworking-Szene in Berlin, das unterstreicht die bereits erwähnten besonders günstigen Rahmenbedingungen in der Hauptstadt.

TS: Wie bewertest du Coworking als ein eigenständiges Geschäftsmodell?

AO: Coworking alleine in Reinform ist als Geschäftsmodell schwierig. Es müssen die Komponenten Gastronomie, Event und Community Management professionell abgedeckt sein und auch als Einnahmequellen dienen, sonst bleibt der wirtschaftliche Erfolg aus. Und genau das sind auch die Herausforderungen für die Betreiber von Coworking Spaces.

Das Coworking Space im neuen St. Oberholz in der Zehdenicker Straße 1 (Foto: St. Oberholz)
Das Coworking Space im neuen St. Oberholz in der Zehdenicker Straße 1 (Foto: St. Oberholz)

Der Blogger Ben Capper schrieb im März 2016 auf Netzpiloten.de, dass Coworking die wohl zeitgemäßeste Form des Arbeitens ist und wunderte sich, dass es immer noch Anbieter von „gewarteten Büroräumen“ gab, die sich in einem Mix aus „grauen Teppichen und Sesseln aus schwarzem Leder“ präsentierten. Er vermutet, dass nicht nur Café-Ketten, Banken, und Büroraumvermieter in Zukunft eigene Coworking-Modelle entwickeln werden, sondern auch größere Unternehmen könnten sich diesem Ort der Arbeit öffnen.

TS: Welche Rolle spielt deiner Meinung nach das Design in einem Coworking Space?

AO: Design matters! Jeder, der schon mal an hässlichen dunklen Orten versucht hat, kreativ zu sein, weiß das. Leider sind immer viele der konventionellen Arbeitsstätten genau so. Wie ein Space designt ist, ist egal, aber es muss designt sein. Das kann sehr unaufwändig oder mit viel Investition verbunden sein. Aber es muss durchdacht und mit dem Herzen gestaltet sein. Dann springt der Funke über.

TS: Wie sollte ein Coworking Space heutzutage strukturiert sein?

AO: Für mich ist ein Coworking Space perfekt, wenn er mühelos und spielerisch gastronomische Elemente mit Büroelementen verbindet. Wenn es den Nutzern möglich ist, durch die verschiedenen Nutzungsarten zu gleiten und trotzdem Rückzugsorte geboten und Privatheit vermittelt werden.

TS: Wie unterscheidet sich Coworking vom Vermieten von Büroflächen?

AO: Ganz grundsätzlich dadurch, dass man im Coworking eine Mitgliedschaft erwirbt, ein Zugangs- oder besser Nutzungsrecht des gesamten Spaces und seiner Infrastruktur und nicht einen einzelnen Raum anmietet. Am ehesten ist das vielleicht vergleichbar mit der Nutzung von Spotify – mit dem Zugang zu sehr viel Musik versus eine CD kaufen. Zudem ist die Membership sehr flexibel kündbar, da kommt kein noch so kurz gestrickter Mietvertrag mit.

Inzwischen sind es nicht nur die Freelancer, die in Coworking Spaces arbeiten. Immer mehr Unternehmen wechseln zu flexibleren Bürolösungen, die vom Coworking inspiriert sind, um so Raum für Innovationen zu schaffen und noch mehr den modernen Ansprüchen ihrer Angestellten an einen Arbeitsplatz zu entsprechen. Firmen wie die KPMG und Microsoft, aber auch Pepsi und Heineken, sind die bekanntesten Corporates, die Teams in Coworking Spaces auf der ganzen Welt geschickt haben.

Microsofts neues Büro in München wurde vom Arbeiten in Coworking Spaces inspiriert (Foto: Microsoft)
Microsofts neues Büro in München wurde vom Arbeiten in Coworking Spaces inspiriert (Foto: Microsoft)

TS: Warum zieht es immer mehr Unternehmen in Coworking Spaces?

AO: Angst vor Disruption. Und die Frage: Wo findet eigentlich Innovation statt, wenn nicht mehr in den uns bekannten Strukturen? Und auch: Wo sitzen all die jungen Talente, die wir mit Geld nicht mehr zu uns locken können?

TS: Welche Erfahrungen hast du bisher mit Corporates im St. Oberholz gemacht?

AO: Alle großen Konzerne bauen eigene Innovation-Hubs auf, die meisten in Berlin. Eine andere Möglichkeit ist, sich mit einem Team in einem Coworking Space einzumieten, das machen immer mehr Unternehmen. Beispielsweise die BVG, um nur eines zu nennen, das mit ihrem Innovationsteam bei uns am Rosenthaler Platz sitzt und jüngst von dort eine App für Fahrradfahrer rausgebracht hat. Vermutlich wäre im eigenen Büro ein ganz anderes Produkt zustande gekommen.

TS: Was können Corporates in Coworking Spaces lernen?

AO: Für die meisten Corporates steht schon nur nach einer einfachen Führung durch das St. Oberholz fest, dass sie keinen Stein mehr auf dem anderen lassen wollen. Häufig sind sie wie durch ein Fieber gepackt und wollen vieles ändern in ihrem Unternehmen. Fragen und Fragezeichen entstehen.

Dann den nächsten Schritt zu tun und wirklich in diese Welt einzutauchen, die eigene Komfortzone zu verlassen, wird dann zum elementaren Erleben, das hoffentlich soweit in die Konzerne strahlt, dass sich auch dort die Arbeitsbedingungen verändern. Was zu einem immer größeren Effekt wird, auch wenn nicht immer die korrekten Rückschlüsse gezogen werden. Zudem können Corporates ganz praktisch in Coworking Spaces mit Startups in Kontakt treten und kollaborieren.

Coworking stellt die Zukunft der Arbeit dar, dies drückt sich aber in verschiedenen Formen aus. In Ländern mit Wirtschaftskrisen, wie beispielsweise Frankreich und Spanien, stellen Coworking Spaces schon heute den Nährboden für neue Innovationen dar. In starken Volkswirtschaften, wie zurzeit in Deutschland, wirken Elemente und Idee aus dem Coworking in die Corporates rein, die sich den neuen Entwicklungen langsam anpassen. Der kollaborative Gedanken des Coworkings wird ein zentraler Bestandteil von Arbeit.

TS: Welche aktuellen Entwicklungen werden die Zukunft der Arbeit beeinflussen?

AO: Es gibt einen neuen Turbolader für die Neue Arbeit. Das sind die Blockchain-Technologien und damit verbundene Smart Contracts. Die Blockchain hat das Zeug, das Internet zu reparieren und den gleichen aufregenden Geist wieder aufleben zu lassen, der mit dem Aufkommen des Internets selber in den 90er Jahren vorherrschte, aber in der Aktienblase erstickt wurde. Mit dieser autonomen und dezentralen Technologie können sich Teams und Arbeitsgruppen auf völlig neue Weise vernetzen.

Ich denke, wir werden über kurz oder lang starre Strukturen verlassen. Agile Teams, die sich immer wieder neu zusammsetzen und verflüchtigen, werden ein Motor sein. Denkt man dann noch an die rapide Senkung der Grenzkosten und das damit verbundene Stichwort 3D-Druck, dürften spannende und schmerzhafte Jahre auf uns zukommen, die auch politisch eine Herausforderung sein werden. Und ich sage vorher, dass die Festanstellung, wie wir sie heute kennen, in absehbarer Zeit verschwinden wird.

TS: Was ist deine Prognose für die Entwicklung von Coworking in den nächsten Jahren?

AO: Trifft die oben genannte Entwicklung ein, werden Coworking Spaces – oder Strukturen, die dem Prinzip entsprechen, also Co-Strukturen – weiter aufblühen und immens wichtig sein. Konzepte wie Co-Living, Co-Kindergarten und Co-Krankenhaus könnten entstehen. Nutzungsrecht wird Besitz ablösen und Communities die Idee der geschlossenen Büros.

TS: Wie wird sich das St. Oberholz durch diese Entwicklungen verändern?

AO: Wie in all den Jahren davor werden wir versuchen, unsere Konzepte entlang den Bedürfnissen der Community und der Neuen Arbeit auszurichten und immer einen Schritt voraus zu sein, ohne zu überfordern. Vermutlich stehen wir noch ganz am Anfang von tiefgreifenden Veränderungen der Arbeitswelt und ich wünsche mir, dass das St. Oberholz im Auge des Sturms agieren wird.


Image „St. Oberholz am Rosenthaler Platz in Berlin“ by Tobias Schwarz


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