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Denken Sie chinesischer Herr Lindner oder lesen Sie Popper

Statue of man reading (adapted) (Image by Carl Cerstrand [CC0 Public Domain] via Unsplash)

Thomas Vašek beschreibt in der Philosophie-Zeitschrift „Hohe Luft“ mit einem Exkurs zu den Schriften von François Julien, wie sinnlos es ist, Pläne für die Zukunft zu schmieden. „Unsere westliche Vorstellung ist geprägt von dem Bild des zupackenden Akteurs, der sich heroisch den jeweiligen Umständen entgegenstellt.“ Man könnte es auch Christian-Lindner-Syndrom nennen. Unsere westlichen Denkgewohnheiten sind davon beseelt, Zweck-Mittel-Relationen festzulegen. Wir wählen ein Ziel und fangen dann mit der Planung an. „Dahinter steht die modellhafte Vorstellung, dass unser Handeln einen bestimmten kausalen Effekt auf den Lauf der Dinge hat. Wenn wir A tun, dann tritt die Wirkung B ein“, schreibt Hohe Luft-Chefredakteur Vašek.

Heroisches Handeln mit Pseudowirkung

Das chinesische Denken misstraut dem heroischen Handeln, weil es oft nur eine Pseudowirkung hat. Nur allzu gern versuchen wir krampfhaft, den Faktor Glück zu ignorieren und für unser Tun eine gehörige Portion Kausalität schlichtweg zu erfinden. Klugheitsstrategen hingegen nutzen die jeweiligen Umstände und loten Handlungsoptionen aus. Geschmeidigkeit und Anpassung ersetzen die rationale Planung. „Wir können die Wirkung unseres Handelns nicht beeinflussen“, betont Vašek. Besser ist das „Nicht-Handeln“. Damit ist nicht Passivität oder Trägheit gemeint, sondern die innere Haltung, Dinge nicht erzwingen zu wollen.

Günstige Entwicklungen abwarten

Für den chinesischen Strategen geht es um den Zeitpunkt, in dem eine günstige Entwicklung beginnt. Diesen Moment muss man erkennen und richtig zu nutzen wissen. In der Lehre vom „Nicht-Handeln“ steckt ein Korrektiv für alle selbsternannten Macher, Berater, Manager und Politiker, die Geschäftigkeit mit Effizienz verwechseln, Aktionismus mit Wirksamkeit.

Wie kann man als Nicht-Handelnder agieren? Beim Wissenschaftstheoretiker und Philosophen Karl Popper wird man fündig. Er spricht von der „Stückwerk-Sozialtechnik“. Sein politisches Ideal ist das schrittweise Herumprobieren oder Herumbasteln. Es geht nicht um die Durchsetzung von Tabula-Rasa-Methoden oder um die Allwissenheit von Politikern, die sich gerne in der Pose des Machers darstellen, sondern um Versuch und Irrtum. Niemand ist in der Lage, alles richtig zu machen. Niemand kann genau wissen, wie sich Gesellschaft und Wirtschaft entwickeln. Politische Ziele können nach Ansicht von Popper ehrgeizig formuliert werden. Im Regierungsalltag können sie aber auch fehlschlagen.

Problematisch in der Politik sei häufig die Kombination von Wirrnis und Aggressivität in der politischen Debatte, so Popper.

Nüchterne Diskussionskultur

Mit der Stückwerk-Sozialtechnik pflege man hingegen eine nüchterne Diskussionskultur, da es nicht um abstrakte Ideale geht, unter denen möglicherweise jeder etwas anderes versteht, sondern um kleine Schritte.

Popper ist der Auffassung, dass uns „die Anwendung der Methode des stückweisen Umbaus über die allergrößte Schwierigkeit jeder vernünftigen politischen Reform hinweghelfen wird, nämlich über die Frage, wie wir es anstellen sollen, dass bei der Durchsetzung des Programms die Vernunft und nicht die Leidenschaft und Gewalt zu Worte kommt.“

Schnelle Lösungen sind eine Illusion der Sprücheklopfer

In einer Politik der kleinen Schritte fällt es leichter, sich zu korrigieren und Fehler zu identifizieren. Für viele politischen Protagonisten ist diese Methode natürlich eine Zumutung. „Ein solches Herumbasteln entspricht nicht dem politischen Temperament vieler Aktivisten“, schreibt Popper. Die wollen eher schnelle Lösungen aus der Tasche zaubern und sich als unfehlbare Staatslenker profilieren. Mit den realpolitischen Gegebenheiten hat das aber nichts zu tun. Das gleicht eher der Schiffsmetapher von Otto Neurath, Mitglied des Wiener Kreises.

Reparaturen auf offener See

Das Schiff liegt auf dem Ozean und passt in keine Werft – jegliche Reparaturen, Verbesserungen, Abänderungen erfolgen auf dem Wasser. Sie können nur stückweise erfolgen, eine Generalüberholung ist niemals möglich.

„Es gibt keine tabula rasa. Wie Schiffer sind wir, die ihr Schiff auf offener See umbauen müssen, ohne es jemals in einem Dock zerlegen und aus besten Bestandteilen neu errichten zu können.“

Es gibt Traditionen, Institutionen, Gesetzbücher und eine über Jahrzehnte gelebte politische Kultur. Die Stückwerk-Methode von Popper macht aus dem Politiker einen Forscher, dem Fehler unterlaufen müssen. Entscheidend ist die Gewissheit, nicht das gesamte System zu zerstören. Altkanzler Helmut Schmidt war von dieser Vorgehensweise beseelt. Nachzulesen im Opus von Jack Nasher: Die Staatstheorie Karl Poppers. Das Notiz-Amt empfiehlt selbstverliebten Politikern wie Lindner eine politische Bildungsreise ins Reich der Mitte und die Lektüre des Wissenschaftstheoretikers Popper.


Image  (adapted) „Statue of man reading“ by Carl Cerstrand (CC0 Public Domain


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Die Netzpiloten sind Partner vom Online Handel 2018

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Unter dem Motto „Picking up speed“ könnt ihr beim Online Handel 2018 am 6. und 7. Februar in Berlin alles über die neusten Trends, Tools, Methoden und Innovationen sowie spannende Best Cases der Branche erfahren, die euch für die Transformation eures Online-Kanals inspirieren können.

Euch erwarten zwei wissensreiche und spannende Networking-Tage mit DEM Jahres Kick-Off der E-Commerce Branche, exzellenten Speakern mit spannenden Themen, Networking mit dem Who is Who der Branche und der Verleihung des 7. Online-Handel-Awards.

Unter anderem dürft ihr euch auf diese Top Themen freuen:

  • New Tech – Artificial Intelligence meets Online Handel, Chatbots & Robotics, AR/VR
  • International Trends 
  • Social + Mobile – Wachstumsfaktor Social Selling & Mobile Commerce
  • Digital Marketing – Storytelling & Content Creation
  • Customer Centricity – Personalisierung für die Online Shopping Experience

Unter den Referenten werden Denis Burger, Mitglied der Geschäftsleitung und Senior Director Seller Growth von eBay Deutschland und Kai Herzberger, Director of eCommerce & Transformational Retail DACH & EMEA und Mitglied der Geschäftsleitung Deutschland Facebook, vor Ort sein.

Also worauf wartet ihr? Hier findet ihr die Anmeldung und weitere Informationen.

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Von Medikamenten zu Hirn-OPs: Die Bewusstseins-Technologien der Zukunft

Thinking (adapted) (Image by Floyd-out [CC BY 2.0] via Flickr)

Unser kompliziertes Gefühlsleben kann sich oft wie ein Gefängnis anfühlen. Unsicherheiten, depressive Phasen und Angst können uns im Leben zurückhalten. Aber was wäre, wenn wir die psychischen Gegebenheiten, die uns nicht gefallen, einfach verdrängen könnten? Oder ganz einfach unsere Laune verbessern könnten? Es gibt genügend Gründe zur Annahme, dass dies in Zukunft alltäglich sein wird. Tatsächlich existieren viele der Technologien, die dies bewirken könnten, bereits. Mehr als die Hälfte von uns hat im Laufe ihres Lebens bereits eine längere Phase der Trauer durchlebt oder an extremer Niedergeschlagenheit gelitten und ungefähr einem Fünftel von uns ist eine ernsthafte Depression diagnostiziert worden, wobei diese Zahlen stark davon abhängen, in welcher Kultur man lebt. Die Tatsache, dass Störungen des Gemütszustandes so häufig auftreten – und auch so schwer zu behandeln sind – bedeutet, dass die Forschung sich auf dem Gebiet der Stimmungsregulierung stetig weiterentwickelt. Wenn man heutzutage in Großbritannien mit dem Verdacht auf Depression einen Arzt aufsucht, beginnt man, den Weg der Fürsorge zu beschreiten, welcher „Rede-Heilverfahren“, wie zum Beispiel kognitive Verhaltens-Therapien oder die Behandlung durch Medikamente, welche die Einnahme von Serotonin-Hemmern wie Prozac beinhaltet. Diejenigen, bei denen diese Behandlungsmethode keine Wirkung zeigt, müssen härtere Maßnahmen über sich ergehen lassen oder diverse Medikamente in Kombination einnehmen. Da die meisten Behandlungsmethoden mit psychoaktiven Drogen mit Nebeneffekten in Verbindung gebracht werden, existiert ein enormer Druck, der Anlass gibt, nach neuen Behandlungsweisen zu suchen, die durch die meisten Menschen mehr toleriert werden. Welche anderen Optionen könnte es möglicherweise noch geben? In der nahen Zukunft ist es wahrscheinlich, dass wir eine vermehrte Nutzung von nicht-invasiven Gehirn-Stimulationen beobachten werden können. Diese Technik nutzt magnetische oder elektrische Energie, um das Hirn zu durchwandern und um somit die Aktivität des Gehirns zu verändern. Da Menschen, die an Depressionen leiden, oftmals eine ungleiche Aktivität der rechten und der linken Gehirnhälfte aufweisen, wäre eine mögliche und sehr vielversprechende Behandlungsmethode, die Balance zwischen den Gehirnhälften durch Stimulation wiederherzustellen. Die Methode erscheint dabei vergleichsweise sicher und frei von den Nebeneffekten einer Behandlung mit Medikamenten. Außerdem handelt es sich hierbei um eine günstige Technologie, welche sogar zu Hause angewandt werden kann (auch wenn ich dies nicht unbedingt empfehlen würde). Leider kann diese Stimulation nur die äußerste Oberfläche der Hirnrinde erreichen. Nicht alle Regionen des Gehirns, auf die Depressionen Einfluss nehmen, können so bequem erreicht werden. In diesen Fällen kann ein operativer Eingriff namens Tiefen-Stimulation möglicherweise dabei helfen, die Funktion bei Menschen mit Stimmungsstörungen wiederherzustellen. Tiefen-Stimulationen beinhalten das Bohren eines kleinen Loches in den Schädel und das Einsetzen feiner Elektroden in die Zielregion des Hirns. Die Methode wurde mit einem gewissen Maß an Erfolg bei der Behandlung von Parkinson angewandt und wird nun als Behandlungsmethode für weitere Krankheiten getestet. Dennoch handelt es sich bei dieser Prozedur um einen risikoreichen operativen Eingriff und die Nebeneffekte können unter anderem Schlaganfälle oder Krampfanfälle sein. Ein andere Möglichkeit zur Verbesserung der Hirnfunktion könnte das Neurofeedback sein. In einer typischen Neurofeedback-Sitzung kann der Patient die eigene Gehirnaktivität auf einem Bildschirm betrachten und lernt dabei, durch Training diese Aktivität zu steigern oder zu mindern. Bei der Behandlung von ADHS wurde Neurofeedback dazu verwendet, die Anzahl der Theta-Wellen mit niedriger Frequenz zugunsten von Beta-Wellen mit einer hohen Frequenz zu verändern. Obwohl Neurofeedback bei der Behandlung von Depressionen getestet wurde, ist der Nutzen dieser Methode noch nicht eindeutig.

Behandlung gegen Verbesserung

Bisher haben wir gesehen, was passiert oder vielleicht passiert, wenn einer Person eine klinische Depression diagnostiziert wird. Aber was ist, wenn man sich nur ein wenig niedergeschlagen fühlt? Oder vielleicht fühlt man sich gut, aber man möchte sich noch besser fühlen – können diese Techniken für eine solche, nennen wir es einmal „kosmetische Verbesserung der Stimmung„, verwendet werden? Wir haben kürzlich gezeigt, dass nicht-invasive Stimulationen des Gehirns zu einer Verbesserung der Stimmung bei ansonsten gesunden und nicht-depressiven Menschen verhelfen können. Die Technologie, die wir verwendeten – hier war es die transkranielle Gleichstrom-Stimulation – ist recht günstig und für viele Menschen zugänglich. Könnte diese Methode also die eigene Stimmung erheblich verbessern, wann immer man dies nach einem harten Tag benötigt? Es sind bereits Produkte erhältlich, die behaupten, sie würden nicht-invasive Techniken der Gehirn-Stimulation verwenden, um den Gemütszustand zu regulieren. In ähnlicher Weise bieten so Privatkliniken kostenpflichtige Neurofeedback-Trainingskurse an. Momentan gibt es relativ wenige Beweise dafür, dass die Techniken die Fähigkeit besitzen, die Stimmung von nicht depressiven Menschen zu verbessern und sind oft nicht besser als Placebo. Damit soll nicht gesagt werden, dass neue Behandlungsmethoden nicht angeboten werden sollten, schließlich wollen manche Menschen gern homöopathische Behandlungen zahlen, obwohl es keine Beweise gibt, dass eine solche Behandlungsweise überhaupt wirkt. Dennoch wirft das Schlagwort der kosmetischen Verbesserung der Stimmung mögliche ethische Fragen auf: Sind wir in der Lage, die Schäden, die im Zusammenhang mit der anpassenden Stimmungs-Technologie stehen, völlig zu verstehen und stehen diese Risiken im Gleichgewicht mit den potentiellen Vorteilen? Könnte eine Person beispielsweise von der Stimulation des Gehirns in gleicher Weise abhängig werden wie man auch von Alkohol oder Drogen abhängig werden kann? Welche Rolle spielen die Hersteller und die Privatkliniken bei der Kommunikation und Überwachung solcher Gefahren? Und ist es gerecht, dass manche (wohlhabenden) Menschen Zugang zu einer Stimmungs-Anpassung haben – und andere nicht?

Stimmungs-Anpassung in der Zukunft

Wir sind gerade erst dabei, zu verstehen, wie sich die Stimmung mit Hilfe von neurowissenschaftlicher Technologien anpassen lässt. Es wäre einfach, sich in Science-Fiction-artigen Spekulationen über „Glücks-Chips“ im Hirn, in die Idee der verpflichtenden Stimmungsverbesserungen zur Erhöhung der Effizienz am Arbeitsplatz oder sogar in noch weitergehende Verbesserungen, die den schlimmsten Häftling für seine kriminellen Taten leiden lassen, zu verrennen. Aber mit einer vernünftigen Entwicklung dieser Technologie besitzen wir das Potential, das Leben von zahlreichen Menschen zu verbessern. Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation“ unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) „Thinking“ by Floyd-out (CC BY 2.0)


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