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Freelancing statt Festanstellung: Sieht so die Arbeit der Zukunft aus?

Cafe (adapted) (image by 5StarsDay [CC0] via pixabay)

Heutzutage repräsentieren Freelancer 35 Prozent aller Arbeitskräfte in den USA. In der EU liegt die Rate bei 16,1 Prozent. Beide Zahlen zeigen denselben globalen Trend: Vom kreativen Unternehmer bis hin zu den Leuten, die pro Aufgabe bezahlt werden. Freelancing ist weltweit auf dem Vormarsch.

So auch die Analysen über dieses Phänomen, während Journalisten, Soziologen, Human Ressource-Spezialisten, Lifecoaches und auch Freelancer selbst versuchen, „die Wahrheit“ über Freelancing herauszufinden.

Das ist wichtig, denn die „Gig Economy“, wie sie manchmal genannt wird, ist ein janusköpfiges Phänomen, das sich unaufhörlich weiterentwickelt. Freelancing wird oft als befreiend, ermächtigend und manchmal sogar glamourös dargestellt. Aber die Realität ist viel komplexer. In OECD-Ländern zeigen Studien, dass Freelancer hauptsächlich im Dienstleistungssektor arbeiten (hier etwa 50 Prozent der Männer und 70 Prozent der Frauen). Der Rest ist alles andere, vom Online-Assistent bis hin zu Architekten, Designer und Fotografen.

Von der kreativen Klasse bis hin zum Prekariat

Eine neue Studie zeigt, dass die Mehrheit der Freelancer sogenannte „Slasher“ (engl. Slash = Schrägstrich) sind. Das heißt, dass ihre Auftragsarbeit durch eine andere Teilzeit- oder Vollzeitanstellung ergänzen. Diese Nebenverdienste können deutlich variieren. Diejenigen, die ein paar Stunden im Monat damit verbringen, Anleitungen von zu Hause aus zu erstellen, können vielleicht ein paar hundert Euro im Monat verdienen. Freelance-Therapeuten können dagegen bis zu zehnmal so viel verdienen als ihnen ein Vollzeitjob in diesem Sektor einbringen würde.

Der vielleicht glamouröseste Teil der Freelancer sind die Kreativen: sie sind beweglich, immer im Netz unterwegs, hoch gebildet und haben Kontakte auf der ganzen Welt. Sie haben sich unter anderem auf Kommunikation, Medien, Design, Kunst und Technik spezialisiert, sind Architekten, Webdesigner, Blogger und Berater. Ihr Job ist es, bei allen Trends den Überblick zu behalten. Die Besten der Besten von ihnen kennen wir heute als Influencer.

In London ist diese Gruppe teilweise dafür verantwortlich, was der Ökonom Douglas Mcwilliams als „Flat-white Economy“ bezeichnet hat. Es handelt sich hierbei um einen florierenden Markt voller Kreativer, der mit Kaffee als natürlichen Treibstoff funktioniert. Dieser Markt kombiniert innovative Herangehensweisen mit Geschäftlichem und einem modernen Lifestyle. Diese Hipster, die teilweise auch als “Proficians” bezeichnet werden, sind relativ erfolgreich mit ihrer Selbstbeschäftigung mit zahlreichen „Gigs“ und einem großen Portfolio. Für McWilliams stellen sie aber auch die Zukunft des Wohlstands in Großbritannien dar.

Wer ebenfalls ähnlich hart arbeitet, dabei aber längst nicht so erfolgreich ist, ist die untere Arbeiterschicht. Das Präkariat arbeitet stundenlang monotone Aufgaben ab – und das oft für eine einzelne Plattform, wie beispielsweise die „Mechanical Turk“ von Amazon. Für die meisten ihrer Aufgaben benötigt man kein hohes Level an Expertise und Kreativität – die Arbeiter sind also problemlos austauschbar. Eine Jobsicherheit ist für diese Online-Helfer nicht garantiert. Und obwohl sie für das gleiche Unternehmen arbeiten wie andere Angestellte, haben sie fast keine Vorteile.

Zwischen der kreativen Klasse und diejenigen, die um jede Aufgabe kämpfen müssen, um sich über Wasser zu halten, gibt es zahlreiche Leute dazwischen: Blogger, die von ihrer Leidenschaft zum Schreiben angetrieben werden und trotzdem ums Überleben kämpfen. Online-Assistenten, die früher arbeitslos waren und jetzt zufrieden mit ihrem Job sind. Studenten, die ein paar Stunden pro Woche als Grafikdesigner arbeiten, um sich ein Paar Euro dazuzuverdienen.

Freelancer gibt es in allen Farben und Formen. Ihr Bildungshintergrund, ihr Antrieb und ihre Ambitionen, Bedürfnisse und ihr Arbeitswille unterscheidet sich von Mensch zu Mensch. Und daraus resultiert auch die Schwierigkeit, diese Gruppe realistisch abzubilden, ohne dass sie überspitzt dargestellt werden.

Freelancing ist eine Entscheidung, die oftmals getroffen wird, um dem Nine-to-five-Arbeitstag zu entfliehen. Viele Freelancer – egal mit welcher Expertise – haben sich ursprünglich für dieses Arbeitsmodell entschieden, weil es augenscheinlich Freiheit anbieten soll: Die Freiheit, arbeiten zu können, wann und wo sie wollen. Nur 37 Prozent der Freelancer in den USA geben derzeit an, dass sie auf dieses Arbeitsmodell aus Notwendigkeit zurückgreifen. Noch 2014 war diese Zahl mit 47 Prozent deutlich höher.

Natürlich ist das nicht das Ende des “Saläriats”. Vollzeit und eine unternehmensbasierte Arbeit ist immer noch Standard in den westlichen Ländern. Trotzdem wird es mit dem Aufkommen der Telearbeit und der Automatisierung sowie dem uneingeschränkten Potential des Crowdsourcing immer wahrscheinlicher, dass immer mehr Firmen ihre Geschäfte mit deutlich weniger Angestellten durchführen – und dabei sogar wachsen können.

Das heißt allerdings nicht, dass es unbedingt eine höhere Arbeitslosigkeit geben wird. Stattdessen bedeutet es eher, dass es mehr Freelancer geben wird, die sich um solche Projekte und konstant entwickelnde Netzwerke herum formen. Der Aufstieg des Freelancings ist vielleicht der Schlüsselindikator für die Zukunft der Arbeit, vor allem, wenn es um die Zusammenarbeit geht. Freelancer machen bereits das Co-Management von Projekten aus. Bald werden diese auch im großen Stil mit Firmen, Kunden und der Gesellschaft produzieren, kommunizieren und kollaborieren.

Da sie aber keine homogene Klasse sind, wird die Verwaltung dieser neuen Selbstverwalter nicht einfach. Zurzeit gibt es noch kein Sozialsystem, das alle Freelancer – vom Raumpfleger über den Taxifahrer bis hin zum Architekten und den Nachrichtenredakteur – anspricht. Wie können diese individuellen Gruppen zusammen arbeiten und ihre unterschiedlichen Interessen bewahren? Sicherlich arbeitet irgendein ambitionierter Freelancer bereits an einer Lösung für dieses Problem.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation“ unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) „Cafe“ by 5StarsDay (CC0 Public Domain)


The Conversation

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Wie der Google-Algorithmus und seine Suchergebnisse zu Verschwörungstheorien führen kann

anonymous-438427_1920 (Image by SplitShire [CC0 Public Domain], via pixabay

Wer eine Frage hat, wendet sich meist an Google. Man erwartet hier durchaus hochwertige, treffende Antworten. Gab man Ende letzten Jahres bei Google die Frage Ist der Holocaust passiert? ein, wurde man auf eine von Neonazis und Anhängern der Überlegenheit der Weißen geprägte, den Holocaust leugnende Seite geführt. Der Protest, der daraufhin folgte, war enorm. Bei Google Ads wurden zugleich Werbeanzeigen für das U.S. Holocaust Memorial Museum eingekauft, sodass es ebenfalls bei den obersten Suchergebnissen erscheint. Nach anfänglichem Widerstand korrigierte Google seinen Algorithmus – aber nur insofern, dass die falschen und voreingenommenen Informationen etwas weiter unten bei  den Ergebnissen erscheinen.

Diese Reaktionen jedoch lassen jedoch einen wichtigen Zusammenhang zwischen den Methoden der Holocaustleugner (und den Verschwörungstheoretikern generell) und dem Suchalgorithmus von Google vermissen. Google möchte Fragen beantworten und erfüllt diese Aufgabe oft sehr gut. Wenn die Frage selbst mit einem verborgenen oder implizierten Unterton gestellt wird – wenn historische Fakten angezweifelt werden – wird die Dringlichkeit der reinen, inhaltlichen Beantwortung dieser Frage schwächer und rückt im Kontext in den Hintergrund.

Das wichtigste Anliegen der Holocaustleugner und jeglicher Verschwörungstheorien ist es, historische Aufzeichnungen anzuzweifeln. Betreiber von Verschwörungsseiten geben an, dass sie schlichtweg neugierig, dabei aber unschuldig seien und in Bezug auf historische Ereignisse und weit verbreitete Ansichten ‚nur Fragen stellen würden. Entgegen ihrer Behauptung, unschuldig zu sein, versuchen sie jedoch zugleich, Antisemitismus und rechten Hass zu verbreiten.

Als Soziologe und Holocaustforscher ist es für mich klar, dass Seiten, die bewusst falsche Informationen und Propaganda präsentieren, das Bestreben Googles, Fragen zu beantworten, ausnutzen. Diese Seiten, auf denen die sogenannten „Fake-News“ verbreitet werden, schlagen Kapital aus der Tendenz, dass diese Fragen direkt bei Google eingegeben werden. Dies ist ein wichtiges Beispiel für Algorithmen und ihre Auswirkungen. Programmierer müssen sich bewusst sein, dass es wirklich und tiefgreifende Konsequenzen nach sich ziehen kann, wenn sie eine Anfrage an das System einfach nüchtern herunter programmieren.

Viele Seiten beantworten die Frage nicht

Zuerst muss beachtet werden: Natürlich gab es den Holocaust. Es gibt tonnenweise Beweismaterial, die belegen, dass es passiert ist. Die Täter haben es zugegeben. Es gibt Dokumente, die den Transport und die Vernichtung darstellen. Es gibt forensische Beweise von den Orten der Vernichtung und reichlich Aussagen von Augenzeugen. Aber hier zählt nur der Code: Googles Suchalgorithmus nutzt mehr als 200 Faktoren, um festzustellen,  wie Ergebnisse priorisiert werden, damit die Nutzer die Informationen erhalten, die sie suchen. Eines  der wichtigsten Dinge, die beachtet werden, ist, inwiefern der Inhalt der Seite mit der speziellen Anfrage übereinstimmt.

Wenn zum Beispiel eine Person nach „Laufschuhen” sucht, weiß Google durch die reine Abfrage nicht, was genau die Person über Laufschuhe wissen möchte. Demnach werden Ergebnisse angezeigt, die von Bewertungen von Laufschuhen bis zu Läden, die Laufschuhe verkaufen, reichen.

Die Lage verändert sich, wenn man bedenkt, dass jemand die Frage stellen könnte, ob es den Holocaust tatsächlich gab, oder als Äquivalent dazu, die Frage „Ist der Zweite Weltkrieg passiert?“. Normalerweise geht niemand bei einer ernstzunehmenden Quelle davon aus, dass der Zweite Weltkrieg unter Umständen nicht passiert sei. Neben ausführlichen Diskussionen über das Was, Warum und Wie stellen die glaubwürdigen Seiten, die den Holocaust faktenbasiert thematisieren, eben nicht die eine Frage heraus, ob es überhaupt passiert sei. Sie wissen, dass es so war. Sie setzen dieses Wissen schlicht voraus.

Dennoch scheint es so, dass der Google-Algorithmus diese Art Seiten nicht als Quellen  anerkennt, die die wertvollsten Informationen besitzen, um die spezielle Frage des Fragestellers zu beantworten. Dieses Problem wird noch erweitert, denn der Google-Algorithmus versucht, die Glaubwürdigkeit der Seiten zu bewerten. Die Reihenfolge, in der sie in den Ergebnissen auftauchen, ist ebenso mitbestimmend. Wenn die glaubwürdigen Seiten die Antwort nicht zu liefern scheinen, ist die Chance größer, dass die weniger vertrauenswürdigen Seiten, die die direkte – aber eben falsche – Antwort geben, weiter oben in den Suchergebnissen erscheinen.

Hinzu kommt, dass der Algorithmus maschinelles Lernen nutzt, um verwandte Vorschläge anzuzeigen, selbst, wenn nicht die genauen Suchbegriffe verwendet werden. Eine anfängliche Abfrage, die mit der Holocaustleugnung begann, wird das System dazu bringen, dass es mehrere Optionen anbietet.

Eine Lösungsmöglichkeit für Experten?

Alles in allem führt die Art, auf die Leugner Fragen formulieren und die Art, auf die Google-Algorithmen versuchen, spezifische Fragen zu beantworten dazu, dass sich Verschwörungstheorien im Internet verbreiten. Jedoch bedeutet die Betonung der Glaubwürdigkeit Googles, dass Experten viele Möglichkeiten haben, diese Themen anzusprechen: offene Briefe, Blogs und Verlinkungen zu faktenbasierten, inhaltlich angemessenen Arbeiten.

Würde auf der Homepage des Holocaust-Museums ein Artikel mit dem Titel “Gab es den Holocaust?“ erscheinen und einige grundlegende Fakten darlegen, würden der Inhalt und die Glaubwürdigkeit der Seite an die Spitze der Suchergebnisse springen. Die aktuelle Seite, die sich mit der Leugnung des Holocausts auseinandersetzt, könnte  mit einem Satz wie „Oft kommt die Leugnung in Form der Frage, ob es den Holocaust tatsächlich gegeben hat“, ganz einfach angepasst werden. Dies würde die entsprechenden Keywords einführen, die die Relevanz der existierenden Seite in Bezug auf Googles Algorithmus fördern. (Und ob dies nun durch permanentes Auf-den-Wecker-Fallen bei Google oder die Einstellung der Beantwortung des Algorithmusgewesen sein mag, ist der Content der Seite des US-Holocaust-Museums mittlerweile sehr viel einfacher bei Google auffndbar.)

Sicherlich wird man dadurch nicht alle Seiten, die den Holocaust leugnen, aus den Suchergebnissen von Google ausklammern, und vielleicht verschwinden diese noch nicht einmal von der ersten Seite der Suchergebnisse. Auch werden engagierte Leugner davon nicht abgehalten, Informationen zu finden, die ihre vorgefertigten Ansichten über Geschichte unterstützen. Die Leugnung des Holocausts basiert auf einer selektiven Interpretation der historischen Aufzeichnung und einer tiefsitzenden antisemitischen Auffassung. Keine Internetseite wird diese Auffassungen auf einen Schlag korrigieren oder ausrotten können.

Trotzdem könnte das Anbieten von faktenbasierten Ergebnissen, die man den „kritischen  Fragestellungen“ der Populisten gegenüberstellt, einige Personen zum Nachdenken anregen. Diejenigen, die die Wahrheit und die Fakten im Angesicht von Leugnung und Verschwörungstheorien verbreiten wollen, können hierdurch vielleicht auch auf einen neuen Weg geführt werden.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation” unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image „anonymous“ SplitShire(CC0 Public Domain)


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Fake News: Das geplante Gesetz ist nicht die Lösung

Das Fake-News-Gesetz soll politische Manipulationen und Propaganda, insbesondere im Umfeld der bevorstehenden Bundestagswahl, sanktionieren und somit hoffentlich unterbinden. Allerdings birgt ein solches Gesetz auch Nachteile und Risiken. Kritiker, unter anderem der IT-Branchenverband Bitkom, befürchten eine gefährliche Verschiebung von Machtverhältnissen und auch ganz praktische Probleme bei der Umsetzung. Die Kritik ist berechtigt. Das durch das Fake-News-Gesetz adressierte Problem ist real, aber das Gesetz ist keine taugliche Lösung.

Fake News: ein reales Problem

„Fake News“ – also unwahre, meist in propagandistischer oder zumindest manipulativer Absicht veröffentlichte Nachrichten – sind derzeit in aller Munde. Der aktuelle Hype ist in gewisser Hinsicht übertrieben, das zugrunde liegende Problem jedoch ist real.

Das Internet erlaubt es allen seinen Nutzerinnen und Nutzern, Informationen und Meinungen zu veröffentlichen, auf Wunsch sogar anonym. Das hat viele Vorteile. Es wirkt demokratisierend, untergräbt alte, häufig schädliche Hierarchien und erschwert Zensur. Allerdings ist der Nachteil, dass sich häufig auch die Fachkompetenz des Urhebers oder der Urheberin einer Meldung schwer prüfen lässt. Auch ob diese Person womöglich Hintergedanken bei der Veröffentlichung hat, ist im Internet noch schwerer nachvollziehbar als in der physischen Welt oder bei traditionellen Medien. Viele Menschen mit eher fragwürdigen Meldungen und Ansichten, vom harmlosen Spinner über Scherzbolde mit geschmacklosem Humor bis hin zu verblendeten Ideologen und staatlichen Akteuren, insbesondere beim Geheimdienst, nutzen dies nach Kräften aus. Lügen, Propaganda und Verschwörungstheorien füllen das Internet. Für Laien ist es häufig schwierig, festzustellen, ob es sich bei einer Nachricht um Fake News handelt, oder nicht.

Ein Gesetz soll helfen

Um dieser Problematik Herr zu werden, wird derzeit ein Gesetz diskutiert, das das absichtliche Verbreiten von Fake News unter Strafe stellen soll. Zudem wären Plattform-Betreiber in der Pflicht, entsprechende Inhalte von ihren Diensten fernzuhalten. Entfernen sie nachweislich falsche Meldungen nicht rechtzeitig, würden empfindliche Bußgelder drohen. Unter anderem gilt Bundesjustizminister Heiko Maas als großer Verfechter eines solchen Gesetzes, nachdem er längere Zeit vergeblich versuchte, insbesondere Facebook auf anderem Wege zur Löschung problematischer Inhalte zu bewegen. Unter anderem im Umfeld der nächsten Bundestagswahl, die im Herbst 2017 stattfinden soll, fürchtet die Regierung Manipulationen durch Fake News.

Das Zensurmonster im Sozialen Netzwerk

Das geplante Gesetz allerdings ist – bei aller Besorgnis über die grundsätzliche Problematik – der falsche Weg, um der Flut an irreführenden Meldungen Herr zu werden. Es verschiebt Machtverhältnisse und Deutungshoheiten wieder gänzlich in Richtung offizieller Stellen oder großer Infrastruktur-Betreiber. Das dient nicht in erster Linie der Wahrheit, sondern eher dem Aufrechterhalten von Machtstrukturen.

Berechtigte Kritik übt unter anderem der IT-Branchenverband Bitkom in seiner aktuellen Presseerklärung zum geplanten Fake-News-Gesetz. Bitkom erklärt, man verstehe zwar die Problematik, dass Menschen mit Hilfe von Fake News manipuliert würden, allerdings dürfe es „nicht Aufgabe der Plattformbetreiber werden, über richtig oder falsch [und] wahr oder unwahr zu entscheiden“. Die von den Befürwortern geforderte Rechtsschutzstelle der Provider, die über Nutzer-Beschwerden entscheiden und die Löschung problematischer Inhalte veranlassen soll, bezeichnet Bitkom als „Zensurmonster“.

Hassbotschaften und Diffamierungen, so Bitkom weiter, seien bereits strafbar. Dafür reiche die aktuelle Rechtslage aus. Auch ihre Löschung von Online-Plattformen sei möglich. Falschmeldungen seien hiervon streng zu unterscheiden.

Bitkom schlägt vor, dass Nutzer, die eine Falschmeldung entdecken, diese stattdessen durch eine eigene Nachricht mit entsprechenden Quellen widerlegen. Das ist ein zweifellos aufwändiger, aber dafür ungleich demokratischerer Weg. Zudem soll es auf einigen Plattformen demnächst die Möglichkeit geben, Fake News zu melden und so dafür zu sorgen, dass sie als weniger vertrauenswürdig gekennzeichnet werden.

Neben den ethischen Bedenken sieht Bitkom bei dem diskutierten Gesetz auch ganz praktische. „Die geplante Rechtsschutzstelle wäre im Übrigen auch bei bestem Bemühen zum Scheitern verurteilt. Selbst Gerichte scheitern regelmäßig an der Aufgabe, zuverlässig und nachvollziehbar über den Wahrheitsgehalt von Aussagen zu entscheiden. Wie soll dies einer von Unternehmen betriebenen Rechtsschutzstelle gelingen, die weder über die forensischen Mittel der Sicherheitsbehörden noch über die notwendigen Auskunftsrechte und sonstigen Möglichkeiten von Behörden verfügt?“, fragt der IT-Branchenverband nicht zu unrecht. Es wäre nicht das erste Mal, dass unsere Regierung eine Maßnahme plant, deren technische und praktische Umsetzung alles andere als durchdacht ist.

Letztendlich, so das Fazit der IT-Experten, „ist es aber jedem Nutzer selbst überlassen, Meldungen auf Basis der verfügbaren Informationen hinsichtlich ihres Wahrheitsgehalts einzuschätzen und zu bewerten“. Sie fordern, dass die Regierung dafür sorgt, den Menschen besseres Handwerkszeug für den kritischen Umgang mit Quellen an die Hand zu geben. „Dazu werden die Plattform-Betreiber ihren Beitrag leisten, aber gefragt sind hier vor allem die Schulen, Volkshochschulen oder Institutionen wie die Bundeszentrale für politische Bildung. Nur so bringen wir diese Kompetenzen in die Fläche.“ Auch Freiwillige könnten womöglich – wie es etwa beim Thema Datenschutz und Verschlüsselung schon geschehen ist und weiterhin geschieht – einen wertvollen Beitrag zur Aufklärung der Bevölkerung leisten.

Diskussion und Aufklärung statt Zensur

Das geplante Fake-News-Gesetz ist gefährlich und fehlgeleitet. Lügen, Propaganda und Manipulation sind ein echtes und ernstzunehmendes Problem im Internet. Sie aber mit einer Zensur-Infrastruktur zu bekämpfen, ist eine für unsere Politiker typische Überreaktion, die mehr schadet als sie nützt.

Der Weg einer flächendeckenden Aufklärung und eines Bemühens um informierte Diskussionen und Dialoge ist zwar zweifellos ein langwierigerer und umständlicherer als einfach ein Gesetz zu erlassen und als Allheilmittel zu deklarieren – er ist aber der einzig gangbare Weg, wenn wir gleichzeitig die Meinungsfreiheit und den offenen Dialog im Internet erhalten wollen. Deswegen sind wir alle in der Pflicht, eine solche Zukunft möglich zu machen und gleichzeitig die fehlgeleiteten Gesetzgebungs-Exzesse der Politiker zu bekämpfen. Fake News sind zweifellos gefährlich – sie aber als Ausrede für Zensur zu instrumentalisieren, ist auf lange Sicht ungleich gefährlicher.


Image „magnifying-glass“ by geralt (CC0 Public Domain)


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