All posts under Klischee

Warum Tinder uns zu boshaften Menschen macht

online dating (adapted) (Image by Thomas8047 [CC BY 2.0] via Flickr)

60 Prozent des digitalen Medienkonsums in Amerika geschieht nur noch über Handys oder Tablets und nicht mehr über Desktop-PCs. So wie Menschen und Technik zunehmend mobiler werden, sind es auch die Bemühungen der Menschen, Liebe und Sex zu finden. Laut der Analyse-Seite AppAnnie ist die Dating-App Tinder eine der beliebtesten Methoden, um eine Romanze im modernen Gewand einzugehen. Die App war zwei Jahre in Folge die am meisten heruntergeladene App in den USA.

Als Sozialpsychologe habe ich mich darauf spezialisiert, herauszufinden, warum Tinder – so wie es einer meiner Interviewpartner so schön sagte – uns „so boshaft, aber zufrieden“ macht. Während ich meine Dissertation zum Thema ‚Sexuelle Konflikte auf Tinder‘ beendete, analysierte ich hunderte von Umfragen, Interviews und Posts von Tinder-Nutzern, die deren Erfahrungen mit der App thematisierten. Mein vorläufiges Ergebnis lautete, dass Tinder-Nutzer in der Tat andere Charaktere treffen als die Nutzer anderer Online-Dating-Webseiten oder diejenigen, die gar keine Hilfe per Dating-App in Anspruch nehmen.

Genauer gesagt verursacht Tinder eine so genannte „Rückkopplungsschleife“, in der Männer weniger strenge Kriterien zum Finden eines Partners benutzen, weil sie die Teilnehmer oft nur schnell wegwischen. Frauen dagegen nutzen als Antwort auf die vielen Matches und Anfragen anspruchsvollere Kriterien. Aber wir sollten nicht schon jetzt Alarm schlagen, da das Wischen eventuell mehr über unsere geistigen Verknüpfungen aussagt als unsere unterschiedlichen romantischen Bedürfnisse.

Wie ein Spiel

Während die meisten Online-Dating-Webseiten wie Match oder eHarmony versuchen, die Nutzer auf Grundlage eines sorgfältig entworfenen Algorithmus miteinander zu verknüpfen, bedient sich Tinder keiner dieser Vorgaben. Stattdessen nutzt die App die Standortinformationen, um möglichst viele Fotos von möglichen Partnern aus der Umgebung aufzurufen. Die Nutzer wischen nach rechts, um die Profile der Personen, die sie interessieren, sehen zu können. Sie wischen nach links, um diejenigen, die sie nicht ansprechend finden, loszuwerden. Wenn zwei Personen nach rechts gewischt haben, nachdem sie das Profil des anderen gesehen haben, werden sie informiert, dass sie ein „Match“ haben und sich nun gegenseitig Nachrichten schicken können. Laut Tinder wird täglich 1,4 Milliarden Mal gewischt. Die App ist in fast 200 Ländern verfügbar, von Frankreich bis Burundi.

Die Art und Weise, wie Tinder mit Romantik umgeht, mag eher schlicht sein, ist aber sehr effektiv. Matches werden aufgrund von dürftigen Kriterien gemacht: Aussehen, Verfügbarkeit und Standort. Weil Menschen die Attraktivität mit nur einem kurzen Blick bemessen können, hetzen Tinder-Nutzer meist mit einer erstaunlichen Geschwindigkeit durch die Profile.

In Bezug auf psychologische Konditionierung ist die Oberfläche von Tinder perfekt geeignet, um die Geschwindigkeit der Suche zu unterstützen. Da die Nutzer nicht wissen, welcher Wisch ein Match ergibt, nutzt Tinder eine variable Anzahl an zufälligen Erfolgserlebnissen. Das bedeutete, dass potentielle Matches zufällig gestreut werden. Es ist dasselbe Belohnungssystem, das in Spielautomaten, Videospielen und sogar bei Experimenten mit Tieren, wie beispielsweise eines, bei dem Tauben trainiert wurden, kontinuierlich auf ein Licht an einer Wand zu picken, genutzt wird.

Bei einer Studie über die Gehirnaktivitäten von Drogensüchtigen fanden Forscher heraus, dass die Erwartung auf die Droge mehr von dem Wohlfühl-Botenstoff Dopamin freisetzt als die eigentliche Droge. Ganz ähnlich funktioniert die Erwartung auf Tinder, dass das nächste Wischen zu einem Match führen kann. Permanentes Wischen kann also schnell wie eine Sucht aussehen und sich auch so anfühlen. Es dürfte niemanden überraschen, dass Tinder seit 2015 für die Nutzer, die nicht die Premiumversion TinderPlus nutzen, die Wischbewegungen nach rechts auf 100 Mal pro Tag begrenzt hat. Manche sprechen bereits von Tinder-Entzugserscheinungen, wenn jemand seinen Tinder-Account deaktiviert hat.

Wenn es nun darum geht, einen Partner zu finden, wendet Tinder sich an unsere am einfachsten gestrickte intellektuelle Funktion: Ist jemand in der Nähe? Ist er frei? Ist er attraktiv? Wenn ja, dann wische nach rechts. Für kurze Affären ist das vielleicht genug.

Eine Geschlechterunterscheidung

Aber ist das wirklich alles, für das Tinder gut ist? Forscher haben gezeigt, dass Männer und Frauen eventuell verschiedene Motivation haben, die App zu benutzen. Während Frauen sich eher auf eine rasche Auswahlstrategie einlassen, zeigen Männern zunehmend mehr Interesse an Kurzzeitbeziehungen. Außerdem haben Studien ergeben, dass Männer eher hoffen, Partner für eine Beziehung zu finden, indem sie direkte und schnelle Anmachen benutzen. Sie wenden außerdem mehr Zeit und Energie als Frauen dafür auf, diverse Kurzzeitbeziehungen zu führen. Weil Tinder-Nutzer die App meistens benutzen, wenn sie allein sind, können sie bei potentiellen Partnern ablehnen oder Interesse zeigen, ohne sich ihrer Auswahl rechtfertigen zu müssen. Vielleicht lockt auch das schnelle Wegwischen gerade Männer besonders an.

Daraus resultiert, dass Frauen und schwule Männer mehr Matches erhalten als heterosexuelle Männer. In einer der ersten repräsentativen Untersuchungen erstellten die Forscher ein gleichermaßen attraktives männliches sowie weibliches Fake-Profil. Mit diesem wischten sie bei jedem erscheinenden Profil nach rechts. Daraufhin notierten sie die Anzahl von Matches und Nachrichten, die jedes Profil erhalten hat. Während das weibliche Profil eine Match-Quote von 10,5 Prozent hatte, hatte das männliche Profil nur 0,6 Prozent. Die meisten Matches waren hier von schwulen oder bisexuellen Männern.

Aber obwohl Frauen mehr Matches erhalten, genießen sie nicht unbedingt eine riesige Auswahl an vielversprechenden möglichen Partnern. Forscher fanden heraus, dass Frauen dreimal eher eine Nachricht nach einem Match verschicken als Männer und dass ihre Nachrichten fast zehnmal so lang waren (122 Zeichen bei Frauen verglichen mit dürftigen 12 Zeichen bei den Männern – was gerade genug ist, um „Hi, wie gehts?“ zu schreiben).

Männer schicken zwar mehr Nachrichten an potentielle Partnerinnen, geben sich aber weniger Mühe oder fühlen sich einfach weniger verbunden mit ihren Matches. Frauen fühlen sich zunächst geschmeichelt bei der Flut an Matches, sind später dann aber oft enttäuscht, wenn sie versuchen, die Kontaktanfragen weiterzuverfolgen und tiefergehende Gespräche zu führen.

Liebe an einem hoffnungslosen Ort?

Das bedeutete nicht, dass man auf Tinder nicht auch Liebe finden kann. Eine 2017 veröffentlichte repräsentative Studie untersuchte die Motivation der Tinder-Nutzer und fand heraus, dass Liebe ein größerer Motivator ist als Gelegenheitssex. Meine eigenen vorläufigen Daten (dies bedarf noch immer einer Überprüfung) spiegeln diese Ergebnisse wieder. Ich habe diese Umfrage an hunderte Tinder-Nutzer, Online-Dating-Nutzern und an andere Teilnehmer, die keines dieser Portale nutzen, geschickt und habe deren Erwartungen hinsichtlich Täuschung, Sex und romantischer Befriedigung verglichen.

Während ich keine statistischen Unterschiede zwischen Tinder-Nutzern und den anderen beiden Gruppen hinsichtlich der erwünschten Beziehungslänge und der Wahrscheinlichkeit für Sex beim ersten Date gefunden habe, haben Tinder-Nutzer jedoch berichtet, dass sie nach einem Treffen mit ihren Matches oft enttäuscht waren. Mehr noch, sie berichteten auch öfter, dass sie von ihren potentiellen Partnern, die sie mit Hilfe der App getroffen haben, getäuscht wurden, und dass sie mit ihren letzten Dates weniger zufrieden waren als die anderen beiden Gruppen. Anders gesagt unterscheidet sich die Motivation zur Nutzung von Tinder nach unseren Befragungen nicht nicht so sehr von dem, was wir vermutet haben. Der Spaß, den die Nutzer beim Wischen haben, kann nur vielleicht nicht immer auf ein Treffen in der echten Welt übertragen werden.

Obwohl Liebe und Sex meist mit dem Schlafzimmer in Verbindung gebracht wurden, bringen Untersuchungen von Matching-Systemen wie Tinder erfolgreiche Einblicke in das menschliche Paarungsverhalten. Während einige behaupten, dass Tinder den „Untergang des Datings“ hervorgerufen hat, scheint es, als würde es keine neuen menschlichen sexuellen Verhaltensmuster erzeugen, die wir nicht bereits vollziehen würden. Tatsächlich führt es nur dazu, dass sich Männer und Frauen eher geschlechtsstereotypisch verhalten – was durchaus auch als Rückschritt angesehen werden kann.

Doch wenn die Menschen immer weniger an konventionellen Beziehungen interessiert sind und sich mit bestimmten Arten von Technik in ihrem Alltag wohler fühlen, ist der Reiz des Wischens vielleicht zu befriedigend, als dass man es einfach lassen könnte.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation“ unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) „online dating“ by Thomas8047 (CC BY 2.0)


The Conversation

Weiterlesen »

Ticken Entrepreneure anders?

lisbon-image-by-stefy-89-cc0-public-domain-via-pixabay

Was haben Entrepreneure, was andere Menschen nicht haben? Diese Frage fasziniert seit jeher die Finanzwelt und die Wissenschaft gleichermaßen. Was treibt jemanden an, völlig neue Wege zu gehen? Und wie schaffen es diese kreativen Denker, nicht nur neue Produkte auf den Markt zu bringen, sondern damit unsere Gesellschaft zu verändern?

Geschäftsmänner wollen Gewinne machen, Entrepreneure die Welt verändern

Entrepreneure ticken einfach anders. Das ist die einfache Antwort auf all diese Fragen. Dabei muss man zunächst den Entrepreneur, Gründer oder Unternehmer vom klassischen Geschäftsmann unterscheiden. Denn nicht jeder Mensch, der ein Unternehmen hat, ist auch automatisch ein Entrepreneur. Viele von ihnen sind schlicht und einfach Geschäftsleute. Ein Geschäftsmann will Geld verdienen. Ein Unternehmer dagegen möchte Dinge fundamental verändern. Während Manager etwa eine klare Zielvorgabe haben – nämlich Gewinne maximieren – definieren Unternehmer ihre Ziele selbst, in Form von vielen Möglichkeiten.

Unternehmerisches Denken vs. Geschäftssinn
Unternehmerisches Denken vs. Geschäftssinn via Effectuation.org (Quelle:Effectuation.org)

Diese Grafik zeigt, wie Entrepreneure sich von anderen Menschen unterscheiden. Sie denken nicht in Zielsetzungen, sondern in Problemstellungen. Wissenschaftler nennen dieses Mindset auch Effectuation.

Dieser Begriff ist vornehmlich von Saras D. Sarasvathys bahnbrechender Forschungsarbeit zum unternehmerischen Denken geprägt. Nach Sarasvathy wird den meisten von uns beigebracht, kausal-rational zu denken. Das bedeutet: Es gibt ein Ziel und verschiedene Wege, um zum Ziel zu gelangen. Wir lernen unser Leben lang, den optimalen – also den schnellsten, billigsten, effizientesten – Weg zum Ziel zu finden. Unternehmer wiederum ticken ganz anders. Sie werden oft von Idealismus angetrieben. Geldverdienen steht für sie oft erst an zweiter Stelle. Das erlaubt es ihnen auch, um die Ecke zu denken. Das ist es was Sarasvathy „Effectuation“ nennt. Die Society for Effectual Action definiert den Begriff folgendermaßen: „Effectuation ist eine Idee mit Zielstrebigkeit – ein Wunsch, durch die Schaffung von neuen Firmen, Produkten, Märkten, Dienstleistungen und Ideen, den Zustand der Welt und das Leben von Individuen zu verbessern.“

Vorsicht vorm Klischee „Entrepreneur“

Es braucht also einen ganz bestimmten Typ Mensch für solch unternehmerisches Denken. Effectuation ist dabei nicht alles, was einen Entrepreneur ausmacht. Studien haben gezeigt, dass Entrepreneure generell offener, selbstbewusster aber auch neurotischer sind als Otto Normalverbraucher.

Psychologischer Vergleich Entrepreneure vs. Angestellte.(Quelle: Barclays (PDF))
Psychologischer Vergleich Entrepreneure vs. Angestellte.(Quelle: Barclays (PDF))

Auch wenn es natürlich nicht DEN Entrepreneur gibt und Wissenschaftler immer wieder davor warnen, das Klischee des risikobereiten, kreativen, ehrgeizigen Unternehmers zu verbreiten, scheint es trotzdem etwas zu geben, das Forscher an Entrepreneuren fasziniert. Vielleicht liegt das gerade daran, dass Unternehmer anders denken, wir aber immer noch nicht ganz verstehen, warum. Das erklärt wahrscheinlich auch, warum es so viele oft auch widersprüchliche Studien zu diesem Thema gibt.

Neue Studie zeigt: Entrepreneure haben „kundschaftlerische Hartnäckigkeit“

Eine neue Studie der Universität Trier versucht, darauf neue Antworten zu geben. In ihrer Arbeit legen die Forscher nahe, dass es grundlegende psychologische Unterschiede zwischen Entrepreneuren und anderen Menschen gibt. In einem Experiment mit knapp 450 Teilnehmern konnten sie feststellen, dass Gründern so etwas wie eine kundschaflterische Hartnäckigkeit inneliegt. Die Forscher nennen dies „exploratory perseverence“ und meinen damit eine grundlegende Offenheit beim Treffen von Entscheidungen. Diese „exploratory perserverence“ ist nach Meinung der Forscher eine grundlegende Eigenschaft von Unternehmern.

In ihrem Versuch zeigen die Wissenschaftler, dass Entrepreneure ihre ganz eigene Art haben, Entscheidungen zu treffen. Das gilt nicht nur für Geschäftsentscheidungen, sondern grundsätzlich. Damit zeigen die Forscher, dass Entrepreneure tatsächlich psychologisch anders gestrickt sind.

Zunächst brauchen sie oft viel länger, um sich zu entscheiden. Das liegt daran, dass Unternehmer gerne erst alle Fakten, Statistiken und Informationen sehen und abwägen möchten, bevor sie einen bestimmten Weg einschlagen. Gleichzeitig ist ihnen dabei auch klar, dass jede Entscheidung auch schief gehen kann. Der Studie nach haben Unternehmer für Fehlentscheidungen eine höhere Toleranz als andere Menschen. Das liegt laut Forschungsteam auch daran, dass Entrepreneure dieses Scheitern eher als Lernprozess begreifen und sie auch daraus wertvolle Informationen für zukünftige Geschäftsentscheidungen ziehen können.

So waren die Unternehmer in der Studie bereit, auch offensichtlich fehlerhafte Entscheidungen länger zu verfolgen. Während also ein typischer Mensch bei einer Fehlentscheidung schnell einen neuen Kurs einschlägt, warten Entrepreneure länger ab und schauen, wohin dieser fehlerhafte Kurs eigentlich führt.

Ein weiteres interessantes Ergebnis der Studie: Entrepreneure haben oft das Gesamtbild im Kopf. Sie denken bei Lösungswegen eher parallel als linear. Das heißt: Wenn es eine Auswahl an mehreren Optionen gibt, sind Unternehmer eher bereit, mehrere dieser Optionen zu betrachten und sie dabei auch immer wieder aus neuen Blickwinkeln zu prüfen. Denn es könnte ja sein, dass ihnen beim ersten Mal etwas entgangen ist. So sind Entrepreneure auch eher bereit, gescheiterten Ideen eine zweite Chance zu geben.

Auch wenn es also keinen typischen Entrepreneur gibt, Gründer ticken offensichtlich anders. Ihre Form zu denken ist nicht geradlinig und selten nur an finanziellen Ergebnissen orientiert. Sie sind im Grunde Idealisten mit einem riesigen Tatendrang. Während es also in vorigen Jahrhunderten oft die Entdecker waren, die uns neue Wege aufzeigten, sind vielleicht die Entrepreneure die Weltveränderer des 21. Jahrhunderts.


Image „Lissabon“ by stefy89 (CC0 Public Domain)


Weiterlesen »

Wie die Digitalisierung kurzen Prozess mit kulturellen Klischees gemacht hat

she spy (adapted) (Image by Kangrex [CC BY 2.0] via flickr)

Löcher in der Zeitung, geheime Gespräche am Münztelefon und falsch gehaltene Landkarten sind Vergangenheit – die Digitalisierung beraubt die Kultur um Klischees. Es gibt seit Jahrzehnten bestimmte Kniffe, die Regisseure und Autoren benutzen, um einer Szene Spannung zu verleihen, einen Dreh in die Handlung zu bringen oder bestimmte Personengruppen abzubilden. Die fortschreitende Digitalisierung hat dazu beigetragen, dass diese klischeehaften Handlungsoptionen mehr und mehr verschwinden. Mittlerweile wird dieser Agententrick wohl nur noch scherzhaft angewandt: Kein ernsthafter Geschichtenerzähler wird seinen Detektiv noch ein Loch in die Zeitung schneiden lassen, damit dieser eine Person beschatten kann. Doch das Schema ist bekannt. Am besten trägt der Protagonist dazu noch einen langen Trenchcoat und Hut. Wer damit angefangen hat, ist nicht mehr zu ermitteln, doch das Prinzip hat sich über Jahrzehnte gehalten. Wer sich beim Trierer Informationsbüro für Kinder einen der Spielekoffer in Detektiv-Ausführung sichert, bekommt sogar direkt eine Zeitung mit Loch. Die Zeitungskrise mit schwindenden Auflagen wird wohl irgendwann (lieber später als früher) dazu führen, dass gedruckte Nachrichten nur noch von Exoten gelesen werden. Wer dann mit einer Zeitung in der Gegend rumsteht oder in einem Café sitzt und sich das Blatt vor das Gesicht hält, fällt unweigerlich auch ohne Loch darin auf. Wer liest heute noch gedruckte Zeitungen? Pff, niemand, wird die Antwort früher oder später heißen. Zeit für neue Überwachungsmethoden. Doch ein Loch ins Tablet oder Smartphone bohren und durch dieses blinzeln, wird keine Lösung sein. Wenn Drohnen erst einmal Einzug in jeden Haushalt gefunden haben, wird sich kein Verbrecher mehr wundern, wenn eine Drohne über ihm surrt. Ist ja vollkommen normal geworden, oder? Der Detektiv von morgen steuert die Beschattung mit dem Smartphone.

Münzzelefon (Image by Hendrik Geisler)
Münztelefon (Image by Hendrik Geisler)
Münzzelefon (Image by Hendrik Geisler)
Münztelefon (Image by Hendrik Geisler)

Das Münztelefon ist ein weiterer Stereotyp, der dem Rezipienten zeigt: „Hier passiert was Geheimes.“ Der Held auf der Flucht muss einen wichtigen Anruf machen? Entweder bricht er bei jemandem ein und benutzt dessen Telefon (siehe „Die drei Tage des Condor“ mit Robert Redford) oder, klar, der Klassiker: Ein Münztelefon. Und wenn ein Bösewicht verhindern möchte, dass er geortet wird, benutzt er auch einen der Fernsprecher. Hier natürlich ganz wichtig: Bloß nicht länger als 15 Sekunden telefonieren, so lange brauchen die Ermittler nämlich, mal länger, mal kürzer. In der klassischen Detektiv-Serie „The Lone Wolf“ wird eine Telefonzelle auch schon mal als klandestines Versteck benutzt. Man könnte meinen, dass Münztelefone bloß noch als Zeugen des Verfalls und der fortschreitenden Digitalisierung als mahnende Beispiele in Städten hängen, die den Passanten sagen wollen: „Auch ich war früher unersetzlich. Jetzt seht mich an!“ In Köln hängt ein besonders schönes Exemplar. Der Hörer ist mitsamt Schnur abgerissen worden, ein paar rote Kabel kommen aus der Verkleidung, und an der Seite hängt ein Schild: Öffentlicher Fernsprecher. Ganz ehrlich: Wer hat das letzte Mal eine Telefonzelle benutzt außer als Schutz vor Regen (klassische, gelbe Ausführung) oder weil sie einen Hot Spot hat (pinke Telekom-Version)? Ein direkter Ersatz für das Münztelefon als Mittel des Erzählens ist aber nicht in Sicht. Für geheimes Telefonieren reicht es auch nicht, die Nummer auf dem Handy zu unterdrücken. Wer schon einmal erlebt hat, wie detailliert Ermittler heutzutage den Standortverlauf eines Handys nachvollziehen können, weiß, dass sie dafür keine 15 Sekunden in der Leitung sein müssen. Der Verbrecher muss dafür nicht mal telefonieren. Dass das Handy angeschaltet ist, reicht schon aus. Eine Handlungsoption, die auch immer wieder in Stories eingebaut wurde, war das falsche Halten einer Landkarte. Ein Roadtrip endet im Nirgendwo, eine Familie im Urlaub landet am falschen Ort und die Schatzsucher sind auf dem Holzweg. Da hat doch wieder einer die Landkarte auf dem Kopf gelesen. Wer als Geschichtenerzähler glaubhaft die Gegenwart abbilden will, wird auf andere Mittel zurückgreifen müssen. Landkarten sind noch immer ein gutes Mittel – halt dann, wenn der Handy-Akku leer ist. Natürlich kann das Orientieren mit einer Landkarte noch etwas Abenteuerliches und Aufregendes an sich haben, aber Navigationsdienste auf dem Smartphone sind so viel praktischer. Allein die Aufgabe, eine Karte wieder richtig zu falten, ohne dass man sie zerreißt, kann eine schwierige Aufgabe sein. Und dann erst mal herauszufinden, wo man eigentlich ist. Viel zu umständlich. Puristen werden mir widersprechen, aber ich meine: Papierlandkarten werden wieder wichtig, wenn die Zombie-Apokalypse kommt und das Internet zusammenbricht. Selbst eigenstehende Navigationssystem sind schon überflüssig geworden. Es gibt noch mehr Beispiele für das Verdrängen erzählerischer Klischees durch die digitalisierte Gegenwartstechnik. Zum Beispiel der Polizist, der Cop, der nachts durch das schrille Klingeln seines Telefons geweckt wird. 2016 stellt er mit einem Handgriff das Smartphone lautlos und schläft ohne Unterbrechung. Oder der Haufen von Papierkugeln, den ein Schriftsteller oder Journalist produziert, weil der von ihm gewählte Ansatz wohl doch nicht der richtige war. Hat er einen Einstieg geschrieben, der ihm kurz darauf nicht mehr gefällt, löscht er ihn heute einfach und schreibt einen anderen. Der Cursor, der die Wörter frisst, ist das Motiv, das als Ersatz gewählt werden kann. Kultur ist immer ein Spiegel der Realität. Und die Realität ist heute, dass das Digitale zum Alltäglichen geworden ist. Jeder trägt sein Telefon mit sich rum und ebenso die Landkarte. Wir sind leichter zu verfolgen und das, was wir mit unseren Geräten produzieren, schlechter greifbar. Kulturmacher haben auch die Aufgabe, Wege zu finden, unsere Lebenswirklichkeit zu zeigen. Es ist eine andere geworden. Auch Stereotype ändern sich.


Image (adapted) „she spy“ by Kangrex (CC BY 2.0)


Weiterlesen »