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Warum Menschen an Verschwörungstheorien glauben und wie man ihre Meinung ändert

Ich sitze im Zug, als seine Gruppe Fußballfans hereinströmt. Direkt vom Spiel – ihr Team hat offenbar gewonnen – besetzen sie die leeren Sitze um mich herum. Eine Frau nimmt eine weggeworfene Zeitung und kichert hämisch, als sie über die neuesten „alternativen Fakten“ liest, die von Donald Trump verbreitet wurden.

Die anderen mischen sich schon bald mit ihren Gedanken über die Vorliebe des US-Präsidenten für Verschwörungstheorien ein. Das Gespräch geht bald in andere Verschwörungen über und ich höre gerne zu, als die Gruppe sich erbarmungslos über Klimaleugner, Chemtrails Mems und die neueste Erleuchtung von Gwyneth Paltrow lustig macht.

Dann herrscht Stille und einer nutzt dies als Möglichkeit, Folgendes anzuführen:

Dieses Zeug mag Unsinn sein, aber versucht nicht, mir zu erzählen, dass man allem vertrauen kann, was einem von der breiten Masse zugeführt wird! Denkt an die Mondlandung. Sie waren offensichtlich gefälscht – und das nicht einmal gut. Ich habe vor ein paar Tagen diesen Blog gelesen, in dem stand, dass nicht einmal Sterne auf den Bildern zu sehen waren!

Zu meinem Erstaunen führt die Gruppe weitere „Beweise“ an, die die Falschmeldung über die Mondlandung unterstützen: Widersprüchliche Schatten auf Fotos, eine wehende Fahne, obwohl es auf dem Mond doch keine Atmosphäre gibt oder wie Neil Armstrong gefilmt wurde, als er auf der Mondoberfläche herumstapfte, wenn doch keiner da war, der die Kamera gehalten hatte.

Noch eine Minute zuvor schienen sie rational denkende Menschen zu sein, die fähig waren, Beweise zu beurteilen und eine logische Schlussfolgerung zu ziehen. Aber nun gehen die Dinge den Bach hinunter. Also atme ich tief durch und entscheide mich dazu, mich einzumischen: „Eigentlich kann das alles recht einfach erklärt werden…“

Sie drehen sich zu mir, entsetzt, dass ein Fremder es wagt, sich in ihr Gespräch einzumischen. Ich mache unbeirrt weiter und konfrontiere sie mit einem Schwall von Fakten und rationalen Erklärungen.

„Die Flagge flatterte nicht im Wind, sie bewegte sich nur, als Buzz Aldrin sie in den Boden gesteckt hatte! Die Bilder wurden zur Tageszeit auf dem Mond gemacht – und natürlich kann man tagsüber die Sterne nicht sehen. Die komischen Schatten sind da wegen der sehr weitwinkligen Linsen, die die Fotos ein wenig verzerren. Und es hat niemand das Bildmaterial genutzt, auf dem Neil die Leiter hinuntersteigt. Eine Kamera war außen an der Mondfähre angebracht. Die hat gefilmt, wie er seinen gigantischen Sprung gewagt hat. Wenn das noch nicht reicht, liefern die Fotos vom Landeplatz des Lunar Reconnaissance Orbiter den letzten entscheidende Beweis, auf denen man ganz deutlich die Spuren sehen kann, die die Astronauten hinterlassen haben, als sie über die Mondoberfläche gingen.“

So, jetzt habe ich es ihnen gezeigt, denke ich bei mir. Aber es scheint, als wären meine Zuhörer noch lange nicht überzeugt. Sie wenden sich von mir ab und geben jede Menge seltsame Behauptungen ab. Stanley Kubrick hat alles gefilmt, Mitwissende sind auf geheimnisvolle Weise gestorben, und so weiter…

Der Zug hält. Es ist nicht meine Station, aber ich steige trotzdem aus. Als ich etwas verschüchtert auf die Lücke zwischen Zug und Bahnsteigkante starre, frage ich mich, warum es meine dargelegten Tatsachen absolut nicht geschafft haben, ihre Meinung zu ändern.

Die einfache Antwort ist, dass Fakten und rationale Argumente nicht wirklich so gut dafür geeignet sind, die Überzeugungen der Leute zu ändern. Das kommt daher, dass unsere rational denkenden Hirne sich an unsere nicht so weit entwickelte, evolutionär bedingte Verbindungen in unserer Wahrnehmung angepasst haben. Ein Grund, warum Verschwörungstheorien so oft auftauchen, ist unser Wunsch, der Welt eine Struktur zu geben. Wir sind außerdem bestrebt, in allem, was uns begegnet, bestimmte Muster zu erkennen. Tatsächlich zeigte eine kürzlich durchgeführte Studie einen Zusammenhang zwischen dem Verlangen nach Struktur und der Tendenz, an eine Verschwörungstheorie zu glauben.

Schauen Sie sich beispielsweise diese Sequenz an:
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Können Sie ein Muster erkennen? Sehr wahrscheinlich – und Sie sind nicht alleine. Eine kurze Twitter-Umfrage (die einer weitaus strengern kontrollierten Studie nachempfand) behauptete, dass 56 Prozent der Leute mit Ihnen übereinstimmen, obwohl die Sequenz nur entstanden ist, weil ich eine Münze geworfen habe.

Es scheint, als wäre unser Wunsch nach Struktur und unsere Fähigkeit, Muster zu erkennen, lebhaft ausgeprägt, was eine Tendenz herbeiführt, Muster zu erkennen – wie Konstellationen, Wolken, die wie Hunde aussehen und Impfstoffe, die Autismus herbeiführen – wenn eigentlich gar keine da sind.

Die Fähigkeit, Muster zu sehen, war für das Überleben unserer Ahnen wahrscheinlich sehr nützlich – es war wohl besser, fälschlicherweise Anzeichen eines Raubtieres zu vermuten, als eine echte große hungrige Katze zu übersehen. Aber wirft man dieselbe Tendenz in unsere informationsreiche Welt hinein, sehen wir nichtexistente Verbindungen zwischen Ursachen und Effekten – also Verschwörungstheorien – einfach überall.

Gruppenzwang

Ein weiterer Grund, warum wir so erpicht darauf sind, an Verschwörungstheorien zu glauben, ist der, dass wir soziale Wesen sind. Unser Status in der Gesellschaft ist von einem evolutionären Standpunkt aus weitaus wichtiger, als Recht zu haben. Daher vergleichen wir unsere Handlungen und Vorstellungen immer mit denen unserer Mitmenschen und passen sie an, um dazuzugehören. Das bedeutet, dass wir sehr wahrscheinlich dem folgen, was die Gruppe glaubt, der wir uns zugehörig fühlen.

Der Effekt sozialer Beeinflussung auf unser Verhalten wurde gut im Jahr 1961 durch das Straßenecken-Experiment demonstriert, das von dem US-Psychologen Stanley Milgram, der wegen seiner Untersuchungen, wie man Gehorsam gegenüber Autoritäten einfordert, berühmt geworden ist, und seinen Kollegen durchgeführt wurde. Das Experiment war einfach und unterhaltsam genug, um es nachzumachen. Entscheiden Sie sich einfach für eine belebte Straßenecke und starren Sie 60 Sekunden lang in den Himmel.

Mit großer Wahrscheinlichkeit werden nur ein paar Menschen stehen bleiben und schauen, was Sie sich ansehen – in dieser Situation fand Milgram heraus, dass nur etwa vier Prozent der Passanten mitmachten. Nun bringen Sie einige Freunde mit und probieren Sie es noch einmal. Wenn die Gruppe wächst, werden immer mehr Fremde stehen bleiben und nach oben starren. Hat die Gruppe erst einmal eine Größe von 15 Leuten erreicht, die in den Himmel starren, werden um die 40 Prozent der Passanten stehen bleiben und ihr Gesicht zusammen mit Ihnen in die Höhe strecken. Sicherlich hat jeder von uns Erlebnisse dieser Art schon einmal in Kaufhäusern bemerkt, wenn man sich zu den Ständen hingezogen fühlt, um die eine ganze Menschentraube steht.

Das Prinzip gilt genauso für Gedanken. Wenn mehrere Leute etwas glauben, ist es wahrscheinlicher, dass wir dies als wahr akzeptieren. Und wenn wir durch unsere soziale Gruppe einer bestimmten Idee extrem ausgesetzt sind, wird diese in unsere Weltanschauung eingebettet. Kurz gesagt ist der soziale Beleg eine weitaus effektivere Überzeugungstechnik als ein Beleg, der rein auf Fakten basiert. Das ist auch der Grund, weshalb diese Art von Beleg in der Werbung so beliebt ist („80 Prozent der Mütter stimmen zu“).

Der soziale Beweis ist nur einer aus einer Menge logischer Täuschungen, die ebenfalls dazu führen, dass wir Beweise übersehen. Ein verwandtes Problem ist der omnipräsente Bestätigungsfehler. Hier tendieren viele Leute dazu, jenen Daten zu glauben, die ihre Ideen unterstützen und die Beweise zu ignorieren, die sie nicht bestätigen. Wir alle leiden daran. Denken Sie einfach an das letzte Mal zurück, als im Fernsehen oder im Radio eine Debatte lief. Wie überzeugend war das Argument, das gegen unsere Ansichten war im Vergleich zu jenem, das mit unserer Überzeugung übereinstimmte?

Aller Wahrscheinlichkeit nach haben wir, ganz egal, wie rational die jeweilige Seite war, die Gegenargumente hauptsächlich ausgeblendet, während wir uns auf die Seite derer schlagen wollten, die mit unserer Auffassung übereinstimmten. Bestätigungsfehler manifestieren sich auch als eine Tendenz, Information aus Quellen zu wählen, die bereits mit unseren Anschauungen übereinstimmen (die wahrscheinlich aus dem sozialen Umfeld stammen, aus der wir kommen). Daher bestimmten Ihre politischen Anschauungen wahrscheinlich ihren Nachrichtenkonsum.

Natürlich gibt es ein Glaubenssystem, das logische Täuschungen wie Bestätigungsfehler erkennt und versucht, sie aus dem Weg zu räumen. Die Wissenschaft macht durch Wiederholungen von Beobachtungen aus Anekdoten reine Daten, reduziert Bestätigungsfehler und akzeptiert, dass Theorien durch neue Beweise aktualisiert werden können. Das heißt, sie ist offen genug, ihre Kerntexte zu bearbeiten. Trotzdem werden wir alle von Bestätigungsfehlern geplagt. Der Starphysiker Richard Feynman beschrieb ein Beispiel, das in einer der schlüssigsten Gebiete der Wissenschaft auftrat: Der Elementarteilchenphysik.

„Millikan hat die Ladung eines Elektrons durch ein Experiment mit fallenden Öltropfen gemessen und bekam eine Antwort, von der wir nun wissen, dass sie nicht ganz richtig ist. Sie weicht ein wenig ab, weil er den falschen Wert für die Viskosität der Luft hatte. Es ist interessant, sich die Geschichte der Messungen der Ladungen von Elektronen nach Millikan anzusehen. Wenn man sie als eine Funktion der Zeit darstellt, kommt man darauf, dass eines etwas größer ist als die Millikans und das nächste etwas größer als dieses und das nächste wiederum größer, bis sie letztendlich auf eine höhere Zahl kommen.“

„Warum kamen sie nicht gleich darauf, dass die neue Zahl höher war? Für Geschichten wie diese schämen sich Wissenschaftler. Wenn sie eine Angabe erhielten, die die Millikans überstieg, dachten sie, sie hätten eine Fehler gemachtsuchten und fanden eine Lösung, warum etwas eventuell falsch war. Wenn sie eine Zahl hatten, die näher an Millikans Wert war, suchten sie nicht so gründlich.“

Mythos-erweiternde Pannen

Manch einer mag sich nach den populären Medien richten und Irrglauben und Verschwörungstheorien durch den Mythos-erweiternden Zugang zu bewältigen. Den Mythos neben der Realität zu nennen scheint eine gute Möglichkeit zu sein, um die Tatsachen und die Lügen zu vergleichen, sodass die Wahrheit ans Licht kommen wird. Aber wieder stellt sich heraus, dass dies ein schlechter Zugang ist. Es scheint einen Fehlschlageffekt hervorzurufen. Hierbei ist der Mythos letztendlich das, was im Kopf bleibt – und nicht die Tatsache selbst.

Eines der hervorragendsten Beispiele dazu hat eine Studie gezeigt, die Flyer zu Mythen und Fakten über Grippeimpfstoffe bewertete. Direkt nach dem Lesen erinnerten sich die Teilnehmer genau an die Fakten als Fakten und die Mythen als Mythen. Doch nur 30 Minuten später schien dies völlig auf den Kopf gestellt worden zu sein, da man sich an die Mythen viel eher als „Fakten“ erinnerte.

Man glaubt, dass das reine Erwähnen der Mythen hilft, diese zu untermauern. Wenn dann die Zeit vergeht, vergisst man den Kontext, in dem man den Mythos gehört hat – in diesem Fall während einer Erklärung – und erinnert sich nur mehr an den Mythos selbst.

Was noch schlimmer ist: Führt man einer Gruppe mit einem sehr festgesetzten Anschauungskatalog neues Wissen vor, kann dies ihre Anschauungen noch bestärken, obwohl die neue Information diese eigentlich schwächen sollte. Neue Beweise führen zu Widersprüchlichkeiten in unserem Weltbild und zu einem damit assoziierten emotionalen Unwohlsein. Aber anstatt unsere Anschauungen zu modifizieren, tendieren wir dazu, sie vor uns selbst zu rechtfertigen und anderslautende Theorien umso mehr abzulehnen, was uns noch mehr in unserem Weltbild bestärkt. Diese Tatsache kennt man als „Bumerang-Effekt“. Tatsächlich ist dieser Effekt ein großes Problem, wenn man versucht, Menschen zu besserem Verhalten umzupolen.

Beispielsweise haben Studien gezeigt, dass öffentliche Informationsanzeigen, die dazu dienen sollten Rauchen, Alkohol- und Drogenkonsum zu reduzieren, alle den gegenteiligen Effekt erzielten.

Freundschaften können helfen

Wenn wir uns also nicht auf die Fakten verlassen können, wie bringen wir Leute dann dazu, ihre Verschwörungstheorien oder andere irrationale Ideen zu verwerfen? Wahrscheinlich kann hier nur Bildung langfristig helfen. Damit meine ich nicht eine Vertrautheit mit wissenschaftlichen Fakten, Zahlen und Techniken. Was tatsächlich notwendig ist, ist Bildung in der wissenschaftlichen Methode, wie beispielsweise analytisches Denken. Tatsächlich zeigen Studien, dass das Verwerfen von Verschwörungstheorien mit mehr analytischem Denken verbunden ist. Viele Leute werden nie in der Wissenschaft tätig sein, aber wir nutzen sie oft genug. Daher brauchen die Bürger die Fähigkeiten, wissenschaftliche Behauptungen kritisch zu beurteilen.

Natürlich würde es mir bei der Situation im Zug nicht helfen, den Lehrplan eines Landes zu ändern. Für einen direkteren Zugang ist es wichtig, zu verstehen, dass es sehr hilft, Teil einer Gemeinschaft zu sein. Bevor man beginnt, jemanden bekehren zu wollen, sollte man erst einmal gemeinsame Werte feststellen.

Um den Fehlschlageffekt zu vermeiden, sollte man die Mythen ignorieren. Man sollte sie gar nicht erwähnen. Wichtig sind nur die Kernpunkte: Impfstoffe sind sicher und reduzieren die Chance, Grippe zu bekommen, um 50 bis 60 Prozent. Und das reicht. Man sollte keine Missverständnisse benennen, da man sich an diese oft besser erinnert.

Man sollte seine Gegner auch nicht provozieren, indem man deren Weltbild in Frage stellt. Stattdessen sollte man Erklärungen anbieten, die mit den bereits existierenden Vorstellungen harmonieren. Beispielsweise verändern konservative Klimawandel-Leugner ihre Meinung eher, wenn man ihnen auch die Geschäftsmöglichkeiten für die Umwelt präsentiert.

Ein weiterer Vorschlag: Nutzen Sie Anekdoten, um ihren Argumente zu präsentieren. Menschen engagieren sich mit Hilfe von persönlichen Erzählungen weitaus mehr als durch Diskussionen oder Situationsbeschreibungen. Erzählungen verbinden Ursache und Effekt. So werden die Schlussfolgerungen, die präsentiert werden sollen, unvermeidlich mit abgespeichert.

All das soll natürlich nicht heißen, dass die Fakten und wissenschaftlicher Konsens nicht wichtig sind. Sie sind es sogar sehr. Aber wenn man sich der Makel in unserem Denken bewusst ist, ist es einfacher, seinen Standpunkt auf überzeugendere Weise zu präsentieren.

Es ist unverzichtbar, dass wir Lehrsätze herausfordern. Aber statt willkürliche Punkte miteinander zu verbinden oder eine Verschwörungstheorie zu erschaffen, müssen wir von den Entscheidungsmachern die entsprechenden Beweise verlangen. Fragen Sie nach den Daten, die eventuell eine Anschauung untermauern und suchen Sie nach Informationen, die sie auf die Probe stellen. Ein Teil dieses Prozesses bedeutet, unsere eigenen voreingenommenen Instinkte, Begrenzungen und logische Täuschungen zu erkennen.

Wie wäre also mein Gespräch im Zug verlaufen, hätte ich meine eigenen Ratschläge beherzigt? Gehen wir zu dem Moment zurück, als ich begriff, dass die Dinge den Bach runtergingen. Dieses Mal atme ich tief durch und mische mich ein. „Hey, tolles Ergebnis beim Spiel. Eine Schande, dass ich kein Ticket bekommen konnte.“ Bald sind wir vertieft ins Gespräch und diskutieren über die Chancen des Teams in dieser Saison. Nach ein paar Minuten des Gesprächs, wende ich mich an den Verschwörungstheoretiker. „Hey, ich dachte gerade an diese Sache, die du über die Mondlandung gesagt hast. War nicht auf einigen Fotos auch die Sonne zu sehen?“ Er nickt. „Was bedeutet, dass es am Mond Tag war. Würdest du denken, dass man dort, wie hier auf der Erde, Sterne sehen kann?“„Hm, wahrscheinlich nicht, daran habe ich nicht gedacht. Vielleicht war in diesem Blog nicht alles richtig.“

Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation“ unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) „Arbeitsplatz“ by Free-Photos (CC0 Public Domain)


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Verfolgt WikiLeaks eine politische Agenda?

Moscow Rooftops (adapted) (Image by Evgeny) [CC0 Public Domain] via Pixabay

WikiLeaks wird in einem Bericht der Website “Foreign Policy” beschuldigt, Dokumente, die die russische Regierung inkriminieren, abgelehnt zu haben. Es wird spekuliert, dass das politische Gründe haben könnte. In den letzten Jahren häufen sich Indizien dafür, dass WikiLeaks auf Betreiben von Chefredakteur Julian Assange seine politische Neutralität zumindest ein Stück weit aufgegeben hat und nun eine politische Agenda verfolgt. Sollte es so sein, wäre dies höchst problematisch und würde den Idealen, auf die WikiLeaks sich beruft, widersprechen.

Ignorierte WikiLeaks Dokumente aus Russland?

Foreign Policy berichtet, WikiLeaks habe 2016 Dokumente angeboten bekommen, die inkriminierende Interna über die russische Regierung enthüllen. Diese habe die Website jedoch abgelehnt. Foreign Policy beruft sich bei seinem Bericht auf einen der Whistleblower, der der Website gegenüber sagte:

    „Wir sorgten dafür, dass mehrere Leaks, darunter der russische Hack, an WikiLeaks geschickt wurden. Das hätte russische Aktivitäten aufgedeckt und gezeigt, dass WikiLeaks nicht von russischen Sicherheitsbehörden kontrolliert wird.Viele WikiLeaks-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeiter und Freiwillige oder ihre Familien haben unter russischer Korruption und Grausamkeit gelitten, wir waren sicher, dass WikiLeaks es veröffentlichen würde. Assange nannte uns Ausrede um Ausrede.“

Zum Beweis legte der Informant Foreign Policy Teile eines Chatlogs vor, die seine Kommunikation mit WikiLeaks dokumentieren sollen. Schließlich wurden die Dokumente auf einer anderen Plattform veröffentlicht. Diese konnte allerdings nicht das gleiche Ausmaß an redaktioneller Aufarbeitung leisten. Auch erhielten die Dokumente dort weniger Aufmerksamkeit, als es wohl bei WikiLeaks der Fall gewesen wäre.

Julian Assange hat bislang weder gegenüber Foreign Policy noch über den offiziellen WikiLeaks-Twitteraccount Stellung zu den Vorwürfen genommen.

Wenig Leaks aus Russland

Zur Begründung für die Ablehnung der Dokumente führte WikiLeaks-Chefredakteur Julian Assange damals unter anderem an, sich auf den US-Wahlkampf konzentrieren zu wollen, da dieser ohnehin die öffentliche Aufmerksamkeit für sich beanspruche.

Auch sonst gibt es einige mögliche legitime Gründe für die Entscheidung von WikiLeaks. So erklärte Assanges ehemaliger Stellvertreter Daniel Domscheit-Berg (der WikiLeaks nach einem spektakulären Streit verließ und ein Enthüllungsbuch schrieb) bereits im März gegenüber dem französischen TV-Sender France 24: „Es sollte mehr Leaks aus Russland geben.“ Der Grund dafür, dass das nicht der Fall ist, liegt jedoch Domscheit-Bergs Meinung nach eher in der Tatsache begründet, dass die Leserschaft von WikiLeaks primär englischsprachig ist. Deswegen gebe es womöglich schlichtweg nicht genug Interesse an Leaks aus Russland, mutmaßt der Aktivist.

Julian Assange und seine politische Agenda

In den letzten Jahren häuften sich Anzeichen dafür, dass Julian Assange – der zunehmend im Alleingang die Vorgehensweise und das öffentliche Auftreten von WikiLeaks vorzugeben scheint – durchaus eine politische Agenda verfolgt. Schon die Tatsache, dass er politisches Asyl ausgerechnet in Ecuador in Anspruch nimmt – einem Land, das im Pressefreiheits-Ranking von Reporter ohne Grenzen aktuell auf Platz 105 (von 180) steht – macht stutzig, lässt sich allerdings noch mit äußeren Notwendigkeiten erklären.

Ohne Zweifel freiwillig allerdings moderierte Julian Assange im Jahr 2012 eine eigene Show beim Kreml-nahen TV-Sender RT (ehemals „Russia Today“) und führte für diesen Interviews durch. Auch war er nach eigener Aussage maßgeblich daran beteiligt, NSA-Whistleblower Edward Snowden nach Russland zu schaffen, wo dieser bis heute im Exil lebt. Zudem gibt es bereits seit Jahren Gerüchte darüber, dass Assange Leaks über russisches Fehlverhalten nicht oder nur sehr schleppend bearbeitet. Zudem warf er der Presse vor, in der Berichterstattung über die sogenannten „Panama Papers“ westliche Politikerinnen und Politiker zu leicht davonkommen zu lassen und sich stattdessen unter anderem auf Russland einzuschießen, obwohl in den Publikationen durchaus reichlich Berichte über fragwürdige Finanztransaktionen westlicher Polit-Größen auftauchten.

Auch im US-Wahlkampf, auf den sich die Website zeitweise konzentrierte, wirkten die Aktivitäten von WikiLeaks deutlich unausgeglichen. Fast im Wochenrythmus wurden kompromittierende Informationen über die demokratische Kandidatin Hillary Clinton und ihre Verbündeten veröffentlicht. Auch Assange selbst äußerte sich häufig sehr negativ über Clinton. Hingegen gab es keinen einzigen Leak über Clintons republikanischen Widersacher Donald Trump (dessen fragwürdiges Geschäftsgebahren spätestens seit der Trump University weithin bekannt ist, so dass es schwer fällt, zu glauben, er habe eine blütenweiße Weste und keinerlei an Leaks interessierte Feinde).

Im August 2016, kurz vor der Wahl, sagte Assange, er habe Material über Trump, dieses sei jedoch keiner Veröffentlichung würdig. Gegenüber „Foreign Policy“ erklärte er später, WikiLeaks habe „keine Original-Dokumente über die Kampagne erhalten, die nicht bereits öffentlich waren.“

Es gibt Spekulationen, dass die zahlreichen Leaks zu Lasten Hillary Clintons von russischen, der Regierung nahe stehenden Hackern stammen. Sie sollten, so die Theorie, dem Russland-freundlicheren Donald Trump einen Vorteil verschaffen. Schlüssig bewiesen wurden diese Mutmaßungen bislang jedoch nicht.

Rückbesinnung auf Gründungswerte erforderlich

Steckt Assange mit dem russischen Regime unter einer Decke? Möglich, aber unwahrscheinlich. Naheliegender ist, dass der WikiLeaks-Chefredakteur sich – wie auch Daniel Domscheit-Berg vermutet – von seinen eigenen politischen Meinungen und Vorurteilen zu kurzsichtigen und der Demokratie nicht zuträglichen Entscheidungen im Namen von WikiLeaks hinreißen lässt.

Es steht außer Frage, dass auch Journalistinnen und Journalisten politische Meinungen haben und diese öffentlich, auch im Rahmen ihrer Arbeit, äußern dürfen. Fakten selektiv auszuwählen, damit sie zur eigenen Agenda passen, ist jedoch etwas ganz anderes. Wer so vorgeht, betreibt keinen guten, die Demokratie fördernden Journalismus. Guter Journalismus präsentiert die Fakten und gibt den Leserinnen und Lesern, Zuschauerinnen und Zuschauern oder Hörerinnen und Hörern die Möglichkeit, sich eine eigene Meinung zu bilden. Das gilt umso mehr, wenn sich eine Publikation politische Neutralität und das kompromisslose Veröffentlichen von Informationen auf die Fahnen geschrieben hat, wie WikiLeaks.

Durch konsequentes Befolgen der eigenen Grundsätze wären die nun erhobenen Vorwürfe leicht zu vermeiden. So hätte WikiLeaks die angeblich nicht relevanten Informationen über Trump durchaus veröffentlichen und der Leserschaft die Entscheidung, ob diese Informationen einen wertvollen Beitrag zur Diskussion darstellen, überlassen können. Dergleichen wurde in der Vergangenheit oft getan. Von dieser Linie ausgerechnet an einer derart ideologisch aufgeladenen Stelle abzuweichen, ist zumindest taktisch unklug.

Es steht außer Frage, dass eine angebliche Komplizenschaft mit den ‚Bösen Russen‘ seit jeher ein gerne gegen politisch missliebige Personen, insbesondere Aktivistinnen und Aktivisten, erhobener Vorwurf ist. Alle kritischen Nachfragen in diese Richtung jedoch als „neo-McCarthyistische Propaganda“ abzutun, wie es Assange tut, ist angesichts seiner Äußerungen der letzten Jahre ein wenig zu billig. Bekanntermaßen neigt der Australier dazu, in jeder Kritik an seinen Handlungen eine Verschwörung der Mächtigen zu sehen. Dies mag in Einzelfällen zutreffen, jedoch sollte Assange durchaus dazu übergehen, sich zu fragen, ob die Kritik nicht in Einzelfällen doch zumindest teilweise berechtigt ist.

WikiLeaks kann einen wichtigen und wertvollen Beitrag zur Demokratie leisten, auch und gerade in diesen turbulenten Zeiten. Dazu muss es sich jedoch auf seine Gründungswerte besinnen Zu diesen zählt auch politische Unabhängigkeit. Steht diese in Zweifel, muss auch WikiLeaks als Quelle und einflussreiche journalistische Publikation hinterfragt werden. Das jedoch wäre sehr schade. So bleibt zu hoffen, dass bei WikiLeaks doch noch ein Umdenken, hin zu mehr Transparenz und politischer Unabhängigkeit, stattfindet.


Image (adapted) „Moscow Rooftops“ by Evgeny (CC0 Public Domain)


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Inokulationstheorie: Fehlinformationen benutzen, um Fehlinformationen zu bekämpfen

Tablet (adapted)(image by Kaboompics -Karolina [C00]via pexels)

Als Psychologe, der zum Themenbereich der Fehlinformation forscht, konzentriere ich mich darauf, den Einfluss dieser zu verringern. Im Wesentlichen ist es mein Ziel, meinen eigenen Job irgendwann abzuschaffen. Die neuesten Entwicklungen zeigen, dass ich damit wohl keine gute Arbeit geleistet habe. Fehlinformation, falsche Nachrichten und „alternative Fakten“ sind beliebter denn je. Das Oxford Dictionary benannte „post-truth“ (dt.: „postfaktisch“) als das Wort des Jahres 2016. Wissenschaft und wissenschaftliche Beweise werden gerade massiv attackiert.

Glücklicherweise hat die Wissenschaft einen Weg gefunden, sich selbst zu schützen. Dieser stammt von einem Zweig der psychologischen Forschung, die als Inokulationstheorie bekannt ist. Diese Logik ist abgeleitet von der Impfungen: Eine kleine Dosis von etwas Schlechtem hilft, eine ausgewachsene Krankheit zu verhindern. In meine kürzlich veröffentlichten Forschungsbericht habe ich versucht, Leute einer schwachen Form der Fehlinformation auszusetzen, um sie auf den echten Fall vorzubereiten – die Resultate waren vielversprechend.

Zwei Möglichkeiten, bei denen Fehlinformation schaden kann

Fehlinformation wird schnell generiert und verbreitet. Eine aktuelle Studie, die Argumente gegen Klimawissenschaft mit Argumenten bezüglich Richtlinien gegen Klima-Maßnahmen vergleicht, fand heraus, dass die Verweigerung der wissenschaftlichen Untersuchungen relativ ansteigt. Aktuelle Forschung indiziert, dass diese Art der Anstrengung einen Einfluss auf die Wahrnehmung und auch auf die wissenschaftliche Kompetenz der Menschen hat.

Eine aktuelle Studie, die der Psychologe Sander van der Linden leitete, hat ergeben, dass Fehlinformationen zur Klimawissenschaft einen wesentlichen Einfluss auf die öffentliche Wahrnehmung haben. Die Fehlinformation, die genutzt wurde, ist der am meisten geteilte Klimaartikel des Jahres 2016. Es handelt sich um eine Petition über globale Erwärmung und der Grundthese, dass die Menschen das Klima nicht zerstören, die von 31.000 Leuten mit einem Abschluss in Bachelor of Science oder höher unterstützt wurde. Dieser eine Artikel verringerte die Wahrnehmung der Leute zum wissenschaftlichen Konsens. Dabei akzeptieren die meisten Menschen einen gewissen wissenschaftlichen Konsens. Dieser Zugang ist bei Wissenschaftlern bekannt als „Zugangsglaube“, der die Einstellung zum Klimawandel und der Unterstützung der Aktionen gegen Klimazerstörung stützt.

Zum selben Zeitpunkt, als van der Linden seine Forschung in den USA durchgeführt hat, war ich in Australien mit der Ausführung meiner eigenen Forschung betreffend des Einflusses von Fehlinformationen beschäftigt. Per Zufall habe ich denselben Mythos benutzt und den gleichen Text des Petitionsprojektes genommen. Nachdem ich die Fehlinformation aufgezeigt hatte, habe ich die Leute gebeten, den wissenschaftlichen Konsens der von Menschen verursachten globalen Erwärmung einzuschätzen. Ziel war es, den Effekt zu messen. Ich fand vergleichbare Resultate, dass Fehlinformation die Wahrnehmung der Leute betreffend des wissenschaftlichen Konsens‘ verringert. Weiterhin fand ich heraus, dass Fehlinformation manche Menschen mehr betraf. Je konservativer eine Person war, desto größer der Einfluss der Fehlinformation.

Dies passte gut mit den anderen Forschungsergebnissen zusammen, die herausstellten, dass Menschen Nachrichten gemäß ihren bereits existierenden Überzeugungen interpretieren – völlig egal, ob es nun Informationen oder Fehlinformationen waren. Wenn wir etwas sehen, das wir mögen, ist es wahrscheinlicher, zu denken, dass es wahr ist und es unsere Überzeugungen stärkt. Wenn wir stattdessen Informationen dazu finden, die im Konflikt zu unseren Überzeugungen stehen, ist es wahrscheinlicher, dass wir die Quelle diskreditieren.

Allerdings geht das noch tiefer. Jenseits der fehleraften Information, mit denen der Mensch zu tun hat, besitzt die Fehlinformation einen noch hinterlistigeren und gefährlicheren Einfluss. In der Studie von van der Linden stellte sich heraus, dass die Menschen ihre Meinung nicht änderten, wenn sie sowohl mit den Fakten als auch den Fehlinformationen konfrontiert wurden. Die zwei gegensätzlichen Informationen heben sich also gegenseitig auf.

Fakten und „alternative Fakten“ sind wie Materie und Antimaterie. Wenn diese aufeinandertreffen, gibt es eine Hitzeexplosion, auf die dann nichts mehr folgt. So kann auf subtile Weise gezeigt werden, wie Fehlinformationen Schaden anrichten. Sie geben nicht nur die falschen Informationen preis, sondern hindern die Menschen daran, an Fakten zu glauben. Oder, wie Garry Kasporov es eloquent ausdrückte: Fehlinformationen „vernichten die Wahrheit“.

Die wissenschaftliche Antwort auf Klimaverweigerung

Der Angriff auf die Wissenschaft ist beeindruckend und, wie die Forschung indiziert, ebenso imstande, deutlich zu effektiv zu sein. Passenderweise besitzt die Wissenschaft die Antwort auf Klimaverweigerung. Die Inokulationstheorie bedient sich des Konzeptes des Impfens, bei dem wir einer schwachen Form eines Virus ausgesetzt sind, um gegenüber dem echten Virus eine Immunität aufzubauen. Dies wird auf unser Wissen angewandt.Ein halbes Jahrhundert der Forschung hat nun ergeben, dass wir, wenn wir einer „schwachen Form der Fehlinformation“ ausgesetzt sind, eine Abwehr aufbauen, sodass wir nicht von echter Information beeinflusst werden.

Der sogenannte „Impf-Text“ beinhaltet zwei Elemente. Zuerst enthält er eine explizite Warnung über die Gefahr, von Fehlinformation fehlgeleitet zu werden. Zweitens muss man zusätzlich Gegenargumente bieten, um die Fehler der Fehlinformation aufzuzeigen. Bei der Herangehensweise von van der Linden zeigt er, dass viele Unterzeichner eine gefälschte Identität besaßen (beispielsweise war (beispielsweise war fälschlicherweise eines der Spice Girls auf der Unterschriftenliste aufgeführt), so dass 31.000 Beteiligte nur ein winziger Teil (weniger als 0,3 Prozent) aller US-Wissenschaftsabsolventen seit 1970 darstellen, und dass insgesamt weniger als ein Prozent der Unterzeichner eine Expertise in der Klimawissenschaft aufweisen konnten.

In meinen neulich veröffentlichen Untersuchungen testete ich die Impf-These mit einem anderen Ansatz. Während ich Patienten gegen das Petitionsprojekt geimpft habe, habe ich es überhaupt nicht angesprochen. Stattdessen sprach ich mit ihnen über die Fehlinformationstechnik der Nutzung von „falschen Experten“ – Leute, die gegenüber der Masse den Eindruck erwecken, dass sie Erfahrung besitzen, wobei dies jedoch nicht der Fall ist.

Ich fand heraus, dass die Erklärung der Fehlinformationstechnik den Einfluss der Fehlinformation ohne die spezifische Nennung der Fehlinformation komplett gegeneinaner aufhob. Nachdem ich beispielsweise erklärte, wie falsche Experten in der Vergangenheit für frühere Fehlinformationsprojekte benutzt wurden, waren die Teilnehmer nicht überzeugt, wenn sie von falschen Experten des Petitionsprojektes konfrontiert wurden. Weiterhin wurde die Fehlinformation über das politische Spektrum hinweg neutralisiert. Ob man nun also konservativ oder liberal ist, ist egal – niemand will von irreführenden Techniken getäuscht werden.

Die Inokulation zur Anwendung bringen.

Die Inokulation ist eine mächtige und vielseitige Form der wissenschaftlichen Kommunikation, die unterschiedlich genutzt werden kann. Mein Ansatz war es, meine Erkenntnissse zur Inokulation mit der kognitiven Psychologie der Widerlegung zusammenzutun, um einen Trugschluss aus Fakten und Mythen zu schaffen.

Diese Strategie beinhaltet die Erklärung der Fakten, gefolgt von der Einführung eines Mythos, der in Verbindung zu diesen Fakten steht. An diesem Punkt werden den Menschen zwei gegenseitige Informationen präsentiert. Der Konflikt wird damit in Einklang gebracht, dass erklärt wird, wie die Technik funktioniert, die einen Mythos benutzt, um den Fakt zu verzerren.

Wir haben den Ansatz in größerem Umfang in einem kostenfreien Onlinekurs über Fehlinformation zum Klima benutzt, um die Klimaverweigerung zu erklären. Jede Vorlesung nahm die Struktur einees Trugschlusses aus Fakten und Mythen an. Wir begannen damit, eine Tatsache zum Klima zu erklären und führten dann einen verwandten Mythos ein, daraufhin folgte eine Erklärung des Trugschlusses, auf dem die Annahme basierte. Auf diesem Weg bereiteten wir unsere Studenten gegen die 50 häufigsten Klimamythen vor, während wir zugleich die Grundlagen der Klimaveränderung erklärten.

Wir wissen beispielsweise, dass wir Menschen die globale Erwärmung verursachen, weil wir in der Klimaveränderung viele Muster beobachten, die typisch für Treibhauseffekte sind. Anders ausgedrückt kann der menschliche Faktor beim Klima beobachtet werden. Jedoch besagt einer der Mythen, dass das Klima sich in der Vergangenheit auf natürliche Weise verändert hat, bevor es die Menschen gab; deswegen muss das, was nun passiert, auch natürlich sein. Dieser Mythos geht dem Irrtum nach, dass man in vielen Fällen (unlogische) Schlüsse zieht, in denen die Prämisse nicht zur Schlussfolgerung führt. Es ist, als ob man eine Leiche mit einem Messer im Rücken findet und argumentiert, dass Menschen bereits zuvor an natürlichen Effekten in der Vergangenheit gestorben sind, also muss dieser Tot ebenso von natürlichen Ursachen herbeigeführt worden sein.

Die Wissenschaft hat uns darüber aufgeklärt, dass die Antwort auf die Klimaverweigerung der Menschen nicht sein kann, diese Menschen mit Wissen zu bombardieren. Die Fehlinformationen stellen eine Realität dar, deren Ignoranz wir uns nicht leisten können – wir können die Verleugnung der Wissenschaft nicht verleugnen. Wir sollten es stattdessen als eine Möglichkeit der Bildung betrachten. Fehleinschätzungen im Klassenzimmer znzusprechen, ist eines der mächtigsten Werkzeuge, um Wissenschaft zu lehren. Es stellt sich heraus, dass der Schlüssel zur Beendigung der Wissenschaftsverleugnung darin liegt, die Leute nur ein bisschen der Wissenschaftsverleugnung auszusetzen.


Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation“ unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.

Image (adapted)„Tablet“ by Kaboompics-Karolina (CC0 Public Domain)


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chalabala / 123RF Lizenzfreie Bilder


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Worin liegt der Sinn in Bildung, wenn uns Google alles sagen kann?

Google Education Summit 2013 (adapted) (Image by txnetstars [CC BY-SA 2.0] via flickr)

Erinnern sie sich auch nicht mehr an die Namen der zwei Elemente, die Marie Curie entdeckt hat? Oder daran, wer 1945 die Nationalratswahl in Großbritannien gewann? Oder wie viele Lichtjahre die Sonne von der Erde entfernt ist? Fragen Sie einfach Google.

Der konstante Zugang, der nur ein Klick oder eine Smartphone-Berührung entfernt ist, um am Überfluss an Online-Informationen teilzuhaben, hat die Art und Weise, wie wir uns sozialisieren und die Art und Weise, wie wir uns über die Welt um uns herum informieren und unser Leben organisieren, radikal verändert. Wenn alle Fakten sofort online abrufbar sind, welchen Sinn ergibt es noch, die selben Fakten an der Schule und der Universität zu erlernen? Die Zukunft könnte so aussehen, dass junge Menschen, nachdem sie sich die Grundlagen des Lesens und Schreibens angeeignet haben, ihre gesamte Bildung über Suchmaschinen wie Google aus dem Internet erhalten –  wann und wo auch immer sie etwas wissen wollen.

Einige Pädagogen streiten sich darüber, ob Lehrkräfte, Klassenräume, Bücher und Unterricht zu ersetzen seien, indem Schüler auf sich selbst gestellt sind und sich einfach online zu bestimmten Themen Informationen suchen. Derartige Ideen stellen den Wert eines traditionellen Bildungssystems, in dem Lehrer ihr Wissen an Schüler weitergeben, infrage. Natürlich warnen andere auch vor dieser Denkweise und betonen die Relevanz des persönlichen Kontakts zwischen dem Schüler und dem Lehrpersonal.

Diese Debatten über den Sinn und Zweck von Online-Suchen im Rahmen von Bildung und Bewertungen sind keineswegs neu. Statt nach neuen Wegen zu suchen, die Schüler abzuhalten, in ihren Hausarbeiten zu schummeln oder zu plagiieren, sollten wir unserer Besessenheit nach “Authentizität” ihrer Hausarbeiten Einhalt gebieten. Möglicherweise werden dann erst andere wichtige Aspekte der Bildung sichtbar, die zuvor nicht beachtet wurden.

Digitaler Inhaltsverwalter

In meinen jüngsten Recherchen, in denen ich die Methoden analysiert habe, mit denen Schüler ihre Aufgaben bewältigen, habe ich herausgefunden, dass sie zunehmend Arbeiten abgeben, die nicht wirklich “authentisch” sind. Allerdings ist diese Erkenntnis gar nicht so bedeutend, wie man annehmen könnte. Viel wichtiger ist es, dass sich die Schüler durch die erfolgreiche Internetnutzung darin üben, nach bereits existierenden Inhalten zu suchen. Gleichzeitig werden diese Inhalte im Lernprozess überprüft, kritisch beurteilt und neu präsentiert. Dank einer genauen Untersuchung der Vorgehensweise, wie Schüler ihre Aufgaben bearbeiten, konnte ich erkennen, dass alle geschriebenen Texte von ihnen Elemente fremder Texte beinhalten. Diese Vorgänge müssen besser verstanden und untersucht werden. Abschließend können eben diese neue Formen der Wissensbeschaffung in die Ausbildung und Beurteilung integriert werden.

Bei dieser Vorgehensweise handelt es sich um das Ausnutzen eines Überflusses an Informationen von einer Vielzahl an Quellen, inklusive Suchmaschinen wie Google, was ich als eine Form der “digitalen Inhaltsverwaltung” bezeichnen würde. Inhaltsverwaltung in diesem Sinne beschreibt, wie Lernende bestehende Inhalte verwenden, um im Rahmen von Problemlösungen und intellektueller Arbeit neue Inhalte erstellen. Somit entsteht eine neue Erfahrung für den Leser.

Ein Teil dessen ist die Entwicklung eines kritischen Urteilsvermögens, der wie ein “Schwachsinns-Detektor” fungiert, während man sich einen Weg durch die Flut an verfügbaren Informationen bahnt. Dieser Punkt ist im Bildungsprozess für jede Form der Inhaltsverwaltung entscheidend, weil Lernende das Internet beim Suchen nach Informationen mehr und mehr als Erweiterung ihres eigenen Gedächtnisses verwenden.

Schüler müssen zunächst einmal verstehen, dass die meisten Inhalte im Netz von Suchmaschinen wie Google mithilfe des PageRank-Algorithmus und weiteren Algorithmen verwaltet werden. Diese Form der Inhaltsverwaltung dient somit als eine Art von Verwaltung über die Arbeiten anderer Menschen, und setzt eine Aufarbeitung mit den Autoren dieser Texte voraus. Es ist ein wesentlicher Bestandteil “digitaler Bildung”.

Aufgrund der weit verbreiteten Konnektivität hat die Verwaltung von digitalen Inhalten ihren Weg in das Bildungssystem gefunden. Dadurch entsteht das Verlangen , die Nutzungsart der Onlinesuche und die Art und Weise des Schreibens, die aus der Verwaltung von Inhalten entsteht, in die Art und Weise wie wir Studenten beurteilen, einzupflegen.

Wie können diese neuen Fähigkeiten  in der Bildung beurteilt werden?

Während sich das prüfungsbezogene Schreiben tendenziell auf die eigene, “authentische” Arbeit des Schülers bezieht, könnte es genauso gut auf der Inhaltsverwaltung aufbauen. Nehmen wir als Beispiel ein Projekt, das ein Teil eines digitalen Portfolios ist. Das könnte von Schülern erfordern, Informationen zu einer bestimmten Fragestellung herauszusuchen, bestehende Auszüge aus dem Netz anzuordnen, sodass sie lesbar sind und die Quellen anzugeben. Abschließend kann aus den Ergebnissen eine Abschlussarbeit präsentiert werden.

Die Kernkompetenzen der informationsgestützten Wirtschaft des 21. Jahrhunderts bestehen daraus, Probleme durch das Zusammenfassen größerer Mengen an Informationen zu lösen, die vordergründig darauf basieren, Zusammenhänge zu erforschen und deren Probleme zu analysieren (anstatt lediglich Fakten und Daten auswendig zu lernen). Wie die Londoner Handelskammer betont, müssen wir sicherstellen, dass junge Menschen mit diesen Kernkompetenzen ins Berufsleben starten.

Meine eigene Forschung hat ergeben, dass junge Menschen zum Teil bereits Experten in Sachen Inhaltsverwaltung sind, als Folge ihrer tagtäglichen Interneterfahrung und ihrer heimlichen Schreibstrategien. Lehrer und Dozenten müssen diese Praktiken besser verstehen und erforschen, sowie Gelegenheiten zum Lernen und Beurteilen dieser “schwer zu bewertenden” Fähigkeiten.

Im Zeitalter des Informationsüberflusses müssen Endprodukte der Bildung – also die Klausuren oder die Hausarbeiten – weniger daran geknüpft sein, dass ein Schüler einen “authentischen” Text schreiben kann, sondern an eine digitale Bildung, die sich das Wissen des Netzwerks an Informationen zu Nutze macht, das auf Knopfdruck verfügbar ist.

Dieser Artikel erschien zuerst auf “The Conversation”unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) „Google Education Summit 2013“ by txnetstars (CC BY-SA 2.0)


The Conversation

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