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Zweisam gegen einsam: Mein erstes Digital Nomad Treffen.

Von allem kann man zu viel bekommen. Auch von den Dingen, die man liebt wie nichts anderes. Bei mir und meiner Frau ist das auch so. Im Süden Thailands hatten wir einmal knapp sechs Wochen nahezu keinen persönlichen Kontakt zu anderen Menschen.

Viele Telefonate mit Kunden, einige mit Freunden und auch welche mit der Familie, aber der direkte Kontakt war sehr überschaubar: die Lady, zu der wir fast jeden zweiten Mittag zum Lunch gefahren sind, das Ehepaar auf dem Markt, auf den wir jeden Dienstag und Donnerstag gingen und der Weinhändler, bei dem wir freitagabends unseren Rausch einleiteten. Oh! Und die russische Rezeptionisten unseres Apartmentkomplexes, die wirklich sehr nett war und sich über gleichaltrige Menschen freute, die mal was anderes machen, als sich zu sonnen und sie herumzukommandieren. Ansonsten waren wir von chinesischen und russischen Familien umgeben, die mit uns merkwürdigen, arbeitenden Zentraleuropäern offensichtlich nichts zu tun haben wollten. Echte Gespräche? Fehlanzeige.

Wer braucht schon Meetups?

Noch nie war es uns bis dahin in den Sinn gekommen, mal auf so etwas wie ein “Digital Nomad Meeting” zu gehen. Aber als wir nach diesen sechs Wochen in Chiang Mai ankamen, hatte sich dieses Event heimlich auf unsere Agenda gemogelt. Und so saßen wir plötzlich in einem Uber-Auto auf dem Weg zu unserem “ersten Mal”. Erwartungen oder Vorstellungen: keine. Nur irgendwie das Gefühl, dass das jetzt sein müsste.

Am Eingang werden wir begrüßt, nach unseren Namen gefragt und bekommen sie auf Aufkleber geschrieben, die wir uns an die Brust heften sollen. Ich komme mir vor wie auf einer Kanzleiveranstaltung oder einem dieser ganz schlimmen “Networking”-Abende. Meiner Meinung nach wachsen Netzwerke, wenn sich Menschen menschlich mögen, weil sie etwas gemeinsames tun. Beim Wandern habe ich viele nette Leute kennengelernt, beim Surfen, bei Kochkursen oder Stadtführungen. Wenn das irgendwann an einer Bar endete: umso besser; und wenn danach etwas Geschäftliches dabei herauskam: brilliant. Aber überall wo Netzwerk drauf steht, halte ich mich eigentlich fern.

Smalltalk ist auch Talk

Wir betreten eine Hotelbar. Kein Sterneluxus, aber schick. Das hier ist hier vollkommen angemessen für die mittelglamouröse Realität von uns Nomaden. Es sieht sehr nett aus. Etwa zwanzig Leute stehen um einen Pool herum, über den Abend werden es bestimmt knapp 60. “Bali und so weiter, Uluwatu, ja da fanden wir es auch am besten…” Schon stecke ich im ersten Gespräch. Meine Frau zieht sich aus der Affäre, unter dem Vorwand Bier zu holen. “Toll, in dem Land warst Du gerade? Da wollten wir als nächstes hin. Ach, interessant. Jaja, wir sind aus Deutschland, unterwegs, Texter, Designer, Künstler, jaja. Da waren wir vor zwei Monaten, ja, gib mir mal deine Nummer, ich schick dir ein paar Tipps.”

Keiner wohnt hier für länger, alle sind auf der Durchreise. Einige arbeiten gar nicht, sind nur alleine und reisen und suchen Gesellschaft, finden diese Szene irgendwie interessant. Das ist etwas, was sich bei allen Treffen wiederholen wird, egal wo auf der Welt ich zu einem Nomad Treffen hingehen werde. Wo ist meine Seniora und mein Bier? “Hallo, hier ist dein Bier”, sagt sie aus dem Nichts und verschwindet genauso schnell wieder. Das nächste Gespräch. Israelis, Inder, Amerikaner, da hinten höre ich Deutsche und als anständiger Deutscher stelle ich mich weit weg. Schweizer, ein Rempler gegen den Ellbogen: “Sorry mate.”. Oh Australier! “Woher denn genau, wir waren gerade hier und da und so weiter… ”.

Drei Stunden später sitzen wir mit ausgeleierter Zunge und viel Bier im Bauch im Tuk-Tuk nach Hause. Wir grinsen uns müde an. “Das war schön”, sagt meine Frau. “Ich mag dich ja ganz gerne, aber ich hatte irgendwie mal das Bedürfnis…”, “…mit jemand anders zu reden!”, falle ich ihr ins Wort. Wir lachen.

Während Taxifahrten, bei denen man nicht auf seinem Handy spielt, kann man zu gar nicht so abwegigen Gedanken kommen. Foto: Katsche Philipp Platz

Herausforderungen für eine Partnerschaft

Sich alleine durchzuschlagen, sei es reisend oder als Nomade, hat viele Vorteile. Dieses einfache “heute reise ich ab oder bleibe noch drei Wochen länger”-Ding, ist zu zweit kaum möglich. Der eine will nach Süden, der andere gen Westen, die eine in die Stadt, der andere aufs Land, nach Japan, raus aus Asien, zurück nach Asien, in die Wärme, auf einen Roadtrip oder ins Schweigekloster. Partnerschaft heißt auch, bei den Fragen, die beide betreffen, Kompromisse zu machen. Jeden Tag sind Entscheidungen zu fällen, die “normale” Menschen vielleicht alle paar Monate fällen. Ohne festes Zuhause ist man ständig auf Wohnungssuche, kauft ein Auto, plant Reisen, neue Jobs oder schließt irgendwelche Handyverträge (für die gesamte Familie) ab. Das Ende vieler Ehen beginnt mit einem Urlaub.

Manchmal ist weniger mehr. Diese zwei vergnügten sich zwei Stunden lang in drei verschiedenen Outfits mit nur einer (!) Kokosnuss. Danach hatten sie genug Bilder, um die restlichen zwei Wochen ohne Handy verbringen zu können. Schlau. Foto: Katsche Philipp Platz

Ich erinnere mich an einen Abend in Phuket, als wir den Laptop zugeklappt hatten und noch schnell zu einen kitschigen Sonnenuntergang am Strand runterfuhren: knallroter Himmel, ein weißer Schimmel reitet vor uns, Kinder planschen im Andamanen-Meer. Ich nahm mein Handy aus der Tasche und wollte jemanden live dazuschalten oder vielleicht eine Story auf Instagram posten. “Mit wem wollen wir das teilen?”, fragte ich sie. Sie schaute mich an und sagte etwas, was ich mir eigentlich hätte denken können.

Anderer Sonnenuntergang, auch ganz nett. Foto: Katsche Philipp Platz

 

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Wie schaffen wir es, dass uns Social Media nicht einsam macht?

Einsam (adapted) (Image by Jad Limcaco [CC0 Public Domain] via Pixabay)

Montagmorgen, 8 Uhr, es regnet. Wie ein Mantra scrollst du deinen Facebook und Instagram-Feed im Bett durch: Die Bilder vom Wochenende geben deinem Ego digitale Streicheleinheiten, die es leichter machen, aufzustehen. Doch spätestens wenn du am Montag Nachmittag zum hundertsten Mal dein Handy entsperrt hast, ohne genau zu wissen, warum, wird die Suchfunktion auf Instagram genau eine Funktion haben: Dich daran zu erinnern, dass Frauen mit thigh gap und operierten Nasen eine andere Liga sind. Wie Real Madrid für Eintracht Frankfurt: sie sind einfach unerreichbar.

Den Drang zur übertriebenen Selbstdarstellung nennt man performative Ökonomie. Wie so oft im menschlichen Verhalten ist der Wunsch nach Belohnung der Antrieb. Soziale Belohnung in diesem Fall, in Form von Likes, Abonnenten, Klickraten, Pressenennungen, Interviews.

Dass so ein Verhalten nicht lange gut gehen kann, ist nichts Neues: Eine Studie der University of Pittsburgh hat herausgefunden, dass junge Erwachsene, die mindestens zwei Stunden täglich in den sozialen Medien verbringen, doppelt so anfällig für das Gefühl der sozialen Isolation sind. So können zum Beispiel das Gefühl des Ausgeschlossen-Seins, wenn man Bilder von Unternehmungen der Freunde sieht, und die Auslassungen der negativen Ereignisse in einem zu Hochglanz polierten News-Feed eine geradezu bleierne Einsamkeit auslösen.

Das Alice-im-Wunderland-Syndrom: Es macht uns krank

Die Social Media Studie #StatusOfMind geht zudem davon aus, dass jeder sechste Jugendliche momentan an Angststörungen leidet. So geben vier von fünf Heavy Usern in der Studie an, dass Social Media sie ängstlicher macht. „Fomo“ nennt sich dieses Phänomen: Fear of Missing Out. Es entsteht somit Stress, wenn man immer die glücklichen Bilder seiner Freunde aus dem Urlaub sieht.

Eine weitere schlechte Nachricht für Heavy User: Wer mehr als zwei Stunden am Tag auf Social Media verbringt, hat ein schlechteres Selbstbild. Das eigene Leben scheint nicht mehr so attraktiv zu sein, wenn man die unrealistischen Ausschnitte aus dem Leben der Anderen sieht. Vielleicht ist es das Alice-im-Wunderland-Syndrom, das in uns steckt, und uns die Scheinwelt immer als schöner erachten lässt als sie eigentlich ist.

Selbstdarstellung und Körperkult: Und der Geist verkümmert

In dem Video „Wie perfekt wollen wir sein?“ spricht der Philosoph David Richard Precht mit der Schriftstellerin Juli Zeh über den heutigen Körperkult und Fitnesswahn. Es ist nicht zu leugnen, dass wir in einer Zeit leben, in der der Geist immer mehr verkümmert. Dies hat nicht nur mit der Abkehr von Religionen zu tun, sondern auch mit unserem Drang, uns vergleichbar und messbar zu machen. Hier zeigt sich die performative Ökonomie in ihrer vollen Pracht, denn der Köper ist im Gegensatz zum Geist greifbar.

Plattformen wie Instagram und Facebook spornen diese Entwicklung weiterhin an. Zudem werden die User immer jünger. Dies sind sehr beunruhigende Umstände, wenn man die Auswirkungen von sozialen Netzwerken auf die mentale Gesundheit betrachtet. So sind Jugendliche die am meisten gefährdete Gruppe für Suchtverhalten, da ihre neurobiologischen Prozesse anders verlaufen als bei Erwachsenen.

Das Gegenteil von Einsamkeit: Verbindung

Die Frage ist also: Wie können wir soziale Medien nutzen, ohne dass sie das Gefühl der Einsamkeit fördern?

Auf der Suche nach einer Antwort, bin ich auf einen sehr sehenswerten Ted Talk von der Forschungsprofessorin Bréne Brown gestoßen. Dort beschreibt sie, wie sie durch ihre Arbeit als Sozialpädagogin bereits lange Zeit wusste, dass es die Verbindungen mit anderen Menschen sind, die unserem Leben Sinn und Bedeutung verleihen.

In ihren Forschungen kam sie zu einer bedeutenden Erkenntnis: Menschen, die sich mit anderen verbunden fühlen, haben die Fähigkeit, sich anderen gegenüber verletzlich zu zeigen. Sie glauben daran, dass Verletzlichkeit wertvoll ist – obwohl es risikoreich ist und es keine Garantie gibt. Zum Beispiel wenn man als Erster „Ich liebe dich“ sagt. Brown schlussfolgert somit, dass Verletzlichkeit nicht nur mit Schande, Angst und dem Verlangen nach Selbstwert in Verbindung zu bringen ist – sondern auch essenziell  für Glück, Kreativität, Zugehörigkeit und Liebe ist.

Lassen wir das mal kurz sacken. Es scheint keineswegs so, als würde unser Drang nach Selbstdarstellung in den sozialen Medien es erlauben, sich verletzlich zu zeigen (auch nicht überraschend: Instagram wurde zu der Plattform mit dem größten negativen Einfluss gekürt). Dabei ist die meisten Zeit unseres Lebens Alltag – doch wo findet man im World Wide Web das Plätzchen,  wo sich die fettige Haut und die Speckröllchen verstecken?

Wie werden soziale Medien wieder sozial?

Einen Alltag ganz ohne Internet zu führen, ist heutzutage kaum möglich und auch für die meisten nicht erstrebenswert. So schlussfolgerte der Internetjunkie Paul Miller nach einem Jahr Internet-Abstinenz, dass diese Erfahrung nicht nur positiv war. Sein Fazit nach der Rückkehr in die Online-Welt: „Kann sein, dass ich mit dem Internet Zeit verschwende oder mich ablenke – aber zumindest hab ich wieder Anschluss.“

Es ist somit unsere Entscheidung, was dieser Anschluss im fördert: Sei es Neid, Hass, Einsamkeit – oder Zugehörigkeit und Verständnis. Denn es lassen sich auch starke Gegenbeispiele im Netz finden. So ging zum Beispiel der Instagram-Account von Celeste Baber viral. Und das nicht, weil sie Modelmaße hatte – sondern weil sie darstellte, wie absurd die Modelposen der Stars sind und absolut gar nichts mit der Realität zu tun haben. Ein weiteres Beispiel wäre Bodyposipanda: Megan Jayne Crabbe zeigt durch ihren harten Weg aus der Magersucht heraus, dass nicht die Klamottengröße bestimmt, ob man glücklich ist.

Was schlussfolgere ich daraus? Nicht das Perfekte schafft Verbindung – sondern vor allem das Verletzliche und Authentische, in dem wir uns selbst wiedererkennen. Denn das Netz eröffnet uns diese grandiose Möglichkeit, mit anderen Menschen von überall in Kontakt zu treten und unsere Ängste und Sorgen gemeinsam von Bord zu werfen. So können soziale Medien wieder sozial werden. Zudem sind die beiden genannten Accounts Beispiele für wahrhaftig mutige und selbstbewusste Frauen – ganz ohne Photoshop und Size Zero. Und sie sind in jedem Fall einen Klick auf den Folgen-Button wert.


Image (adapted) „Einsam“ by Jad Limcaco [CC0 Public Domain]


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Kontakte sind wichtig – ein gutes Gespräch ist wichtiger!

Businessman (Teaser by Unsplash (CC0 Public Domain), via Pixabay)

Die sozialen Netzwerke und ihre Kontakte haben viele Vorteile – aber auch einige Nachteile. Denn Technik, die alles möglich machen kann, kann auch einiges zerstören: wir verlernen, ein richtig gutes Gespräch zu führen. Ein US-Häftling, der wegen versuchten Mordes an einem Polizisten in Haft saß, wurde nach 44 Jahren Haft entlassen. Als der nun 69jährige Otis Johnsen die Straßen von New York City betrat, traute er seinen Augen kaum. Die Menschen schienen auf den Straßen Selbstgespräche zu führen, während ihnen futuristische Kopfhörer an den Ohren hingen. All das erinnerte ihn an Agenten der CIA. Es war, als würden die Menschen in ihrer eigenen kleinen Blase leben, denn sie beachteten ihre Umgebung kaum, stattdessen starrten sie ihre Smartphones an, während sie die Straße überquerten.

Die moderne Technik hatte Johnsen einen massiven Kulturschock beschert, den Schock, in einer Welt zu leben, in der Technik rasend schnell die Art, wie wir leben und wie wir miteinander umgehen, verändert hat.

Die Psychologin und angesehene Professorin Sherry Turkle verfasste im Jahr 2013 am renommierten Massachusetts Institute of Technology ihr Werk „Alone Together“. In diesem Buch hinterfragt sie, in welchem Ausmaß soziale Medien Menschen tatsächlich zusammenbringen. Nachdem sie jahrzehntelang der Frage nachging, inwiefern moderne Technologien zwischenmenschliche Beziehungen beeinflussen, schlussfolgerte sie, dass wir uns durch die allgegenwärtige Technik von Konversationen zu Konnektivität, also von Gesprächen zu Beziehungen, bewegen.

Zwischenmenschliche Beziehungen scheinen, im Vergleich zu einfachen Gesprächen, eine grundverschiedene Qualität sozialer Interaktion zu vermitteln. Turkle benutzt dabei die Metapher eines kontinuierlichen Flusses kleiner Informationen, ganz wie die hübsch verpackten 140 Zeichen auf Twitter.

Das Gespräch beruht auf den Bedingungen des Zuhörens und der Empathie, zudem muss aktiv Beachtung geschenkt werden, statt nur online ein Statusupdate zu kommentieren und gleichzeitig am Telefon zu sein, Wäsche zu waschen oder Essen für die Kinder zuzubereiten.

So ähnlich geht es auch in der Welt des Online-Dating zu. Man entfernt sich von traditionellen, detaillierten Dating-Profilen, die es früher möglich gemacht hatten, einen passenden Partner auf der Grundlage von umfangreichen psychologischen Bewertungsbögen zu finden. Stattdessen werden oberflächliche Apps wie Tinder genutzt, die sich um keine der Möglichkeiten scheren, wie man zusammenpassen könnte, sondern auf die Reaktion des Nutzers auf ein Profilbild angewiesen sind. Du kannst den Haarschnitt dieser Tinderella nicht ausstehen? Wisch sie weg. Du magst den Schnurrbart dieses Typen nicht? Ein Wisch – und er ist weg.

Dies könnte nicht weiter entfernt sein von wertvollen Unterhaltungen und echten vertrauten Menschen. Die Entstehung dieser neuen Aufreißerkultur wirft neue Fragen auf: wie stehen wir zueinander und welche Kriterien nutzen wir für die Partnersuche? Die Forschung auf diesem Gebiet ist praktisch nicht existent, es wird sich erst noch zeigen, welche Auswirkungen das auf entstehende und anhaltende Beziehungen hat.

Zusammen allein?

Das Internet erhöht die Anzahl an zwischenmenschlichen Beziehungen, aber zugleich schmälert es möglicherweise unsere Fähigkeit, echte, tiefgründige und bedeutungsvolle Unterhaltungen miteinander führen zu können. Dieses Phänomen wurde 1998 in einer Untersuchung von Robert Kraut und Kollegen als das ‚Internet-Paradoxon‘ bezeichnet. Es beschreibt, wie die zunehmende Vernetzung durch neue Technologien unser soziales Engagement entgegen der Intuition vermindert und dadurch Einsamkeit fördert. Sind wir tatsächlich zusammen allein, wenn wir soziale Medien nutzen?

Meine eigene Recherche untersucht die möglichen negativen Konsequenzen der Internetnutzung. Ich habe mir angeschaut, wie Psychotherapeuten Menschen weltweit behandeln, die sich aufgrund einer Internetsucht in ihre Praxis einfinden. Einer der 20 von mir interviewten Therapeuten erzählte mir:

„[Meine Patienten] glauben tatsächlich, dass Menschen mehr von ihnen wollen, als sie tatsächlich wollen. Zweifellos befürchten sie die Unnachgiebigkeit eines dauernden Nachrichtenstroms… Aber gleichzeitig herrscht die Angst ausgeschlossen zu werden.“

Dieser Befragte weist auf einen Zustand hin, der als FOMO („fear of missing out“) bezeichnet wird, also die Angst, etwas zu verpassen. Es beschreibt die „allgegenwärtige Befürchtung, dass andere möglicherweise eine befriedigende Erfahrung erleben, bei der man abwesend ist“. FOMO ist der Druck. ständig mit sozialen Medien verbunden und präsent zu sein, 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche.

FOMO kann zu zwanghafter Nutzung von sozialen Medien führen, was sich wiederum zu einer Sucht entwickeln kann. Die Erforschung dieser Sucht ist relativ selten im Vergleich zur Spielsucht, aber in einer Arbeit aus dem Jahr 2011 behandelte ich die Nutzungsmuster, Beweggründe, Persönlichkeiten der Nutzer und negative Konsequenzen der Nutzung sowie potentielle Abhängigkeit.

Ich konnte in meinen Nachforschungen zeigen, dass soziale Netzwerke hauptsächlich für gesellschaftliche Verpflichtungen genutzt werden, besonders um wirklich existierende Beziehungen aufrecht zu erhalten. Unterschiedliche Menschen nutzen soziale Netzwerke auf unterschiedliche Art und Weise. Zum Beispiel nutzen es extrovertierte Menschen für eine Verbesserung des sozialen Zusammenhalts, introvertierte Menschen nutzen es hingegen zur sozialen Kompensation. Dies lässt darauf schließen, dass soziale Netzwerke verschieden ausgeprägte Vorteile für ihre Nutzer bieten.

Die Kehrseite der Medaille ist allerdings, dass die Nutzung sozialer Netzwerke zu weniger Beteiligung am realen Leben führen kann sowie zu geringeren akademischen Leistungen und Beziehungsproblemen, sodass sie als Indikatoren für einen krankhaften Gebrauch gelten könnten. Dies lässt darauf schließen, dass soziale Medien bei mäßigem Gebrauch gewisse Vorteile bieten, aber andererseits bei exzessiver Nutzung zu mit Sucht gleichgesetzten Problemen führen.

Wohin führt uns das nun also? Vielleicht sollen wir uns einmal selbst beobachten, um das herauszufinden.

Wir sollten alle unsere Smartphones, Tablets, Laptops und Smart Watches in der Schublade lassen, um ein paar ruhige Stunden mit unseren Lieben zu verbringen. Vielleicht sollten wir uns bemühen, diesmal nicht die witzigen Bemerkungen des merkwürdigen Onkels zu twittern, unsere Follower über unsere Mahlzeiten zu informieren oder witzige Hundebilder zu präsentieren. Wer weiß, vielleicht erleben wir dann auch das eine oder andere gute Gespräch, ohne dass uns die Technik dabei stört.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation“ unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Teaser & Image „CC0 Public Domain)


The Conversation

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5 Lesetipps für den 9. Dezember

In unseren Lesetipps geht es heute um Facebook als Podcast-Plattform, alleiniges Glück, ein RFID-Fahrrad-Projekt in Aarhus, Twitter und Berlin-Gemälden. Ergänzungen erwünscht.

  • PODCAST Nieman Journalism Lab: Could Facebook be the next big platform for podcasts?: Ich habe im Oktober die erste Folge der aktuellen Homeland-Staffel in voller Länge auf Facebook gesehen. Das ging sehr gut und ich war wohl seit Jahren nicht mehr so lange am Stück auf Facebook. Deshalb, und weil gefühlt gerade jede Medienplattform diesen Weg einschlägt, überrascht es mich gar nicht, dass Facebook sich zu einer Podcast-Plattform wandeln könnte. Diese Entwicklung kommt (noch) nicht direkt von Facebook selbst, WNYC hat ein Podcast mit einem statischen Bild in ein Video verwandelt und veröffentlicht. Mit Erfolg: 12.000 Plays in wenigen Stunden und das bei einem 48-minütigen Podcast.

  • EINSAMKEIT The Washington Post: More Americans are dining and traveling alone: Die US-amerikanische Psychologieprofessorin Bella DePaulo berichtet in einem Artikel für die Washington Post über einen inzwischen normal gewordenen Trend, etwas alleine zu machen. Alleine reisen, alleine zum Essen gehen, ist inzwischen vollkommen normal. Ein Grund dafür ist die uns umgebende Technologie, die uns stets mit anderen Menschen verbindet. Deshalb ist dieser Trend nicht auf die USA beschränkt, sondern kann auch hierzulande beobachtet werden.

  • FAHRRAD Grist: Danish cyclists play God, use sensors to turn traffic lights green: Im dänischen Aarhus, immerhin die zweitgrößte Stadt Dänemarks, läuft ein spannender Test: 200 Fahrradfahrer sind mit der Sender-Empfänger-Technologie RFID ausgestattet, die Ampeln meldet, wenn sich die Radfahrer nähern und diese dann umstellen. Dadurch müssen Radfahrer seltener anhalten und sind auch sicherer unterwegs. Ein schönes Projekt, das einen großen Vorbildcharakter für den urbanen Verkehr in anderen Städten hat.

  • TWITTER Wall Street Journal: Twitter Reorders Tweets in Timeline Test: Es sieht so aus, zumindest behaupten das ein paar Beta-Tester, dass Twitter eine nach Relevanz geordnete Darstellung der Tweets testet. Ehrlich gesagt, weiß ich nicht, was ich davon halten soll. Mich überrascht meine erst einmal ablehnende Haltung dieser Neuerung, da mir Twitter wie es jetzt ist, vollkommen ausreicht. Die App wirkt zwar langsam überladen, aber im Grunde ist es ‚das‘ soziale Netzwerk meiner Wahl. Mit diesem neuen Feature würde Twitter kein Echtzeit-Dienst mehr sein.

  • BERLIN iHeartBerlin.de: 19th Century Berlin in Paintings: Ich habe in Venedig studiert und bin viel durch Norditalien gereist. Städte, die man auch in phantastischen Gemälden der Kunstgeschichte sehen kann, sind mir vertraut. Meinen derzeitigen Wohnort Berlin habe ich seltsamerweise nie so gesehen. Berlin war Berlin – nicht sehr schön, aber unglaublich spannend. Im sehr hipsteresquen Berlin-Blog überzeugt mich eine gewisse Kate vom Gegenteil. Ein perfekter Abschluss für die Lesetipps.

CHIEF-EDITOR’S NOTE: Wenn Ihnen unsere Arbeit etwas wert ist, zeigen Sie es uns bitte auf Flattr oder indem Sie unsere Reichweite auf Twitter, Facebook, Google+, Soundcloud, Slideshare, YouTube und/oder Instagram erhöhen. Vielen Dank. – Tobias Schwarz

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