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Wie authentisch ist unser fotografisches Gedächtnis?

Auge (adapted) (Image by 2488716 [CC0 Public Domain] via pixabay)

Seit der Erfindung der Fotografie nutzen die Menschen Fotografie-Metaphern, wenn sie über Erinnerungen nachdenken oder sprechen. Wenn wir beispielsweise Erinnerungen aus dem Alltag behalten wollen, dann machen wir ‚Schnappschüsse‘ im Kopf. An bedeutungsvolle Ereignisse erinnern wir uns als ‚Blitzlicht-Momente‘ zurück. Aber sind Erinnerungen wirklich wie Fotos?

Zumindest glaubt dies die Mehrheit der Menschen. In der Tat stimmten in einer aktuellen öffentlichen Studie 87 Prozent der Befragten – zumindest bis zu einem gewissen Grad – zu, dass einige Menschen wirklich ein fotografisches Gedächtnis haben. Als dieselbe Aussage jedoch einer wissenschaftlichen Gesellschaft für Hirnforschung gezeigt wurde, stimmte dieser Aussage lediglich ein Drittel zu. Die zahlreichen Wissenschaftler, die an der Existenz eines fotografischen Gedächtnisses zweifeln, wissen, dass uns viele Erinnerungen wie Fotos erscheinen. Bisher kann keiner der bisherigen Beweise diese Skeptiker vom Gegenteil überzeugen.

Bedeutungsvolle Ereignisse

Viele von uns haben bereits ein persönlich oder weltweit wichtiges Ereignis erlebt, das auch nach Jahren noch in unseren Köpfen so lebendig und detailliert vorhanden ist, als wäre an diesem Tag ein Foto geschossen worden. Dennoch zeigen aktuelle Studien, dass diese sogenannten ‚Blitzlicht-Erinnerungen‘ von einem echten Foto weit entfernt sind.

In einer Studie, die von US-Studenten durchgeführt wurde, wurden Menschen einen Tag nach dem Anschlag des 11. September 2001 in New York aufgefordert, zu dokumentieren, wie sie als erstes vom Anschlag erfahren hatten. Außerdem sollten sie auch ein alltägliches Ereignis beschreiben, dass sie erst kürzlich erlebt hatten. Diese Testpersonen wurden noch einmal nach einem Zeitraum von entweder jeweils einer Woche, sechs Wochen oder sogar 32 Wochen nach den beiden Ereignissen befragt.

911 Memorial (adapted) (Image by Rebecca Wilson [CC BY 2.0] via Flickr)
Viele Leute behaupten, dass sie sich an die Anschläge vom 11. September wie an Fotos erinnern. Image (adapted) „9/11 Memorial“ by Rebecca Wilson (CC BY 2.0)

Die Ergebnisse zeigen, dass die Teilnehmer ihr Alltagsereignis nach einiger Zeit immer weniger lebendig in Erinnerung hatten. Ihre Berichte über diese Erinnerungen wurden über die Zeit ebenso weniger detailliert und passten auch nicht mehr so gut zu ihrer ursprünglichen Aussage. Im Gegensatz dazu berichteten die Teilnehmer, dass ihre Erinnerungen an 9/11 auch nach 32 Wochen noch genauso lebendig seien wie direkt nach dem Tag des Anschlages. Ihre Berichte zeigten jedoch, dass diese ‚Blitzlicht-Momente‘ ebenso viele Lücken und Ungenauigkeiten aufwiesen wie die der Alltagsereignisse.

Außergewöhnliche Ereignisse

Wenn unsere Blitzlicht-Erinnerungen nicht fotografischer Natur sind, was ist dann mit anderen überwältigenden Erinnerungen? Es gibt zahlreiche historisch dokumentierte und gegenwärtige Fälle von Menschen mit einem erstaunlichen Erinnerungsvermögen, die visuell eine scheinbar unmöglich riesige Menge an Informationen aufsaugen – und das mit sehr geringem Aufwand. Es ist, als würden sie mentale Fotos schießen und diese später vor ihrem geistigen Auge durchgehen. Meist jedoch schärfen diese sogenannten “Erinnerungskünstler” ihre Fähigkeiten durch intensives Trainings und uralte Erinnerungstechniken, nicht jedoch mit mentaler Fotografie. Es gibt nur sehr wenige, die die Ausnahme darstellen und den Skeptikern neue Rätsel aufgeben.

Wenn wir diese Erinnerungskünstler einmal beiseitelassen, gibt es eine weitere bemerkenswerte Gruppe von Menschen: jene mit sogenannten ‚besonders starken autobiografischen Erinnerungen‘ (englisch: highly specified autobiographical memories, kurz: HSAM), die sich an jeden Tag ihres Lebens seit der Kindheit mit oft erstaunlich vielen Details zu erinnern scheinen.

Nachdem immer mehr Menschen mit dieser Art Fähigkeit entdeckt wurden, wurden diese meist Gegenstand von wissenschaftlichen Studien, die einhellig behaupten, dass diese Fähigkeiten kein Ergebnis jahrelangen Trainings ist, sondern weitgehend unbeabsichtigt auftritt. Die Fähigkeit ist sicherlich verblüffend, aber auch hier argumentieren einige Wissenschaftler, dass das Erinnerungsvermögen dieser Menschen nicht als fotografisch bezeichnet werden kann. Tatsächlich zeige eine Studie mit 20 HSAM-Fällen, dass diese genauso anfällig für falsche Erinnerungen sind wie eine Kontrollgruppe im selben Alter.

Fotografien verblassen

Unter bestimmten Umständen wären wir also bereit, einigen Skeptiker zuzugestehen, dass, obwohl einige Erinnerungen sehr detailliert und konsistent erscheinen, nur ganz wenige tatsächlich mit Momentaufnahmen zu vergleichen sind. Sind aber nicht alle diese Entdeckungen ein Hinweis darauf, dass unser Gedächtnis wie eine Fotografie funktioniert? Schließlich waren Fotografien schon lange vor Begriffen wie „postfaktisch“ und „Fake News“ nie ganz zuverlässige Quellen.

Ebenso wie unsere Erinnerungen können sich auch anschauliche und detaillierte Fotografien sich als gefälscht und bearbeitete herausstellen und die Ereignisse, die auf den Bildern zu sehen sind, in ein falsches Licht rücken. Ebenso wie unsere Erinnerungen sehen wir Fotografien auch nicht objektiv, sondern durch den Filter unserer eigenen persönlichen Prägungen und Vorurteile. Und wie auch in unseren Erinnerungen verblasst eine Fotografie über die Zeit, selbst wenn wir sie noch genauso wertschätzen wie zu Beginn. Letztlich hat wohl jeder von uns ein fotografisches Gedächtnis – auch wenn es nicht ganz der Art entspricht, wie wir es zunächst vermutet haben.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation“ unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) „Auge“ by 2488716 (CC0 Public Domain)


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Filmreife Videospiele: „Es gibt eine Fan-Kultur für gute Synchronisation“

Bei fremdsprachigen Filmen und Serien ist es gang und gäbe. Und auch bei hochwertigen Videospielen gehört es immer öfter zum guten Ton, die Original-Sprache durch prominente Stimmen auf deutsch zu übersetzen. Ebenso wie in einer Hollywood-Produktion befeuert professionelles Stimmhandwerk Emotionen und Atmosphäre. Doch wie verleiht man einem animierten Computerspiel-Helden Authentizität und Gefühl? Wir sprachen darüber mit Peter Flechtner. Als Feststimme von Ben Affleck gehört er zu den meistgebuchten Synchronschauspielern. Mit JD Fenix sprach er den Protagonisten in „Gears of War 4“ , einem Blockbuster für PC und Xbox, der anerkennende Kritiken für die Synchronisation verbucht hat.

Ein Videospiel, na toll. Das ist doch gar keine „echte“ Schauspielerei! Oder?

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Ohne gut synchronisierte Kampfschreie oder toughe Oneliner wären Videospiele wie Gears of War 4 nur halb so populär. Screenshot by Microsoft

Im Gegenteil. Hier ist mehr Handwerk und Erfahrung gefragt als viele denken. Computerspiele zu sprechen ist wahnsinnig herausfordernd. Mehrere Stunden lang am Stück Schreianweisungen eines Soldaten einsprechen und zwischendurch glaubwürdig die Atmosphäre von Action auf Humor oder Enttäuschung zu wechseln – das geht auf die Stimme. Unerfahrene Sprecher haben da ihre Schwierigkeiten. 

Werden deshalb gefühlt immer öfter prominente Synchronschauspieler für Videospiele gebucht?

Das liegt eher am Kino-Effekt, den hochwertige Videospiele erzeugen sollen. Die Produktionen sind inzwischen so „high-class“, dass Spielefiguren sehr realistisch aussehen. Je besser man sich den Charakter vorstellen kann, desto eher wollen und können sich die Leute mit ihm identifizieren. Weniger begabte Stimmen stören diesen Eindruck. Wiederum bekannte Stimmen kommen einem vertraut vor. Ich habe mir zur fertigen deutschen Fassung von Gears of War 4 ein „Let’s Play“ -Video angeschaut. Der Spieler erkannte meine Stimme, konnte sie aber nicht einordnen. Daraufhin haben rund 20 Kommentatoren diverse meiner Rollen aus Film und Serie aufgezählt. Jeder hatte einen anderen Ansatzpunkt. Dieser Wiedererkennungswert trägt auch dazu bei, dass sich Videospiele wie Kino anfühlen.

„Let’s Play“-Video: Welche Synchronstimme ist das?

Geht bei Videospielen – wie bei Filmen auch – mit dem Original-Ton nicht Authentizität verloren?

Eine 1:1-Übersetzung ist tatsächlich fast nie möglich. Einfach, weil deutsche Sätze oft länger sind als englische. Auch Akzente und Dialekte gehen verloren, weil es eher satirisch wirkt, wenn man eine Figur Bayerisch oder Österreichisch sprechen lässt. Dass in Deutschland die Synchronisation dennoch so beliebt ist, liegt daran, dass es als eine Kunstform behandelt wird, die ihren eigenen Beitrag leistet. Oft hat der deutsche Synchronsprecher ja eine andere Stimmfarbe und klingt fast besser als das US-Original. Arnold Schwarzenegger wäre ohne seine deutsche Stimme Thomas Danneberg möglicherweise hierzulande nicht so populär geworden. Genauso wie bei Filmen und Serien bildet sich auch bei Videospielen immer stärker eine Fan-Kultur für gute Synchronisation heraus.

Spiele wie Gears of War 4 stehen nicht für dialogintensive Szenen: Wie viel Storytelling können Sie durch einen Schmerzensschrei oder einen toughen Oneliner vermitteln?

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Im Videospiel Gears of War 4 von Microsoft Studios spricht Peter Flechtner den Helden JD Fenix. Screenshot by Microsoft

Meine Aufgabe als Synchronschauspieler ist es, glaubwürdig zu sein. Dafür kommt es nicht auf die Textlänge an. „Ich bin verletzt“ kann ich unbetont und langweilig oder auch schmerzerfüllt und dramatisch sprechen. Ein Oneliner reicht, um im besten Fall ein Gefühl zu transportieren oder im schlechtesten Fall zu verraten, dass da jemand nur einen Satz abliest. Jede Rolle ist Schauspiel, unabhängig vom Medium. In Gears of War 4 hatte ich übrigens für ein Spiel relativ viele Zeilen, weil es etliche alternative Aktionen gibt, die die Figur JD Fenix kommentiert. 

Wie haben Sie sich auf eine Figur wie JD Fenix vorbereitet? Sie sprechen viele markante Typen, aber keinen 80er-mäßigen, muskelbepackten Action-Helden.

Ben Afflecks Rolle als Batman oder die Figur Johnny Rico in Starship Troopers kommen dieser Rollenbeschreibung schon ziemlich nahe. Daher habe ich mit solchen Typen Erfahrung. Wichtig ist mir, dass ich die Figur nicht als stereotypen Helden spreche, sondern buchstäblich als Mensch. Da darf die Stimme auch mal soft klingen. Und um ehrlich zu sein: Die Produktionszyklen sind in der Branche so kurz, dass ich meist prima vista, also ohne nennenswerte Vorbereitung ins Studio gehe.

Erzählen Sie bitte von der Produktion von Gears of War 4. Wie lief das ab?

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Ob Hollywoodfilme, Netflix-Serien oder Videospiele – Peter Flechtner ist einer der meistgebuchten Synchronschauspieler hierzulande. Image by Tobias Jahn

Aus schauspielerischer Sicht waren die Bedingungen vergleichsweise komfortabel. Es lagen bereits rund 20 Zwischenvideosequenzen vor, sodass ich mir ein Bild von der Figur JD Fenix machen konnte. Das war sehr hilfreich zum Reinkommen. Bei den meisten anderen Computerspielen gibt es nur ein Fact-Sheet und ein Render-Bild zur Figur. Dann höre ich die Original-Audiospur, lese die Übersetzung von einem Display ab und spreche sie in einem vorgegebenen Zeitfenster nach. Bei Gears of War 4 konnte ich für die Videos wenigstens lippensynchron aufs Bild sprechen. Dann sind Ton und Bild noch einen Tick mehr wie aus einem Guss. Ansonsten war die Arbeit im Studio bei weitem nicht so actionreich wie sich das im Spiel anhört. Ich folge zwar dem emotionalen Ausdruck des Originals, aber letztendlich stehe ich mit Kopfhörern vor einem Mikro. 

Weitere Figuren aus Gears of War 4 sind ebenfalls prominent besetzt, etwa mit Oliver Stritzel (Stimme von Philip Seymour Hoffmann) und Maria Koschny (Stimme von Jennifer Lawrence). Waren die Kollegen inspirierend?

Ich denke, man hört es dem Spiel an, dass die beiden ebenfalls sehr profilierte Synchronschauspieler sind. Aber anders als im Theater oder vor der Kamera werden Synchronrollen separat eingesprochen. Insofern konnte ich nicht vom Team-Play profitieren. Das hat auch einen Vorteil. Auf diese Weise ist die Konzentration auf die eigene Figur einfacher. 

Wie attraktiv ist der Markt der Videospiele für Synchronschauspieler?

Mein Eindruck ist, dass bei Computerspielen heutzutage mehr Wert auf gute Synchronisation gelegt, allerdings zum Teil weniger dafür bezahlt wird. Viele Spiele haben ein relativ schnelles Verfallsdatum und stehen unter Kostendruck. Die Honorar-Schere zwischen Haupt- und Nebenrollen ist zudem groß. Generell wird Synchronschauspielerei mehr wertgeschätzt als früher. Insofern ist das ein wachsender Arbeitsbereich, für den sich mehr und mehr Schauspieler interessieren. Allerdings ist die Synchronbranche nicht jedermanns Sache.

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So sieht die deutsche Stimme von Ben Affleck aus. Peter Flechtners Stimme ist bekannter als sein Gesicht. Image by D.B. Brückmann

Ich kenne viele tolle Theaterschauspieler, die nicht mit der engen Taktung der Produktionen klarkommen. Für mich gibt aber nicht das Medium den Ausschlag. Mich reizt es auch, bei etwas Kultigem dabei zu sein. So gesehen habe ich mich über eine Rolle in der „Gears of War“-Reihe ebenso gefreut wie über eine in dem „Star Wars“-Ableger „Rogue One“.

Spielen Sie die Spiele, die sie sprechen, auch privat mal an?

Das beschränkt sich darauf, Videoausschnitte im Internet zu googlen oder meinem Neffen ab und an über die Schulter zu schauen und mich darüber zu freuen, wenn er sagt: „Oh, ich höre dich!“. Meistens widme ich meine Freizeit meiner Liebsten und den Kindern.


Über Peter Flechtner

Schauspieler Peter Flechtner (54) trat bereits in großen Hollywood-Produktion wie „Wie ein Licht in dunkler Nacht“ (1992) und „Schindlers Liste“ (1993) vor die Kamera. Bekannter als sein Gesicht ist jedoch seine Stimme. Mit über 2.650 Synchronsprechrollen in diversen Medien gehört er zu einem der profiliertesten Vertretern seiner Zunft. Unter anderem synchronisiert er Ben Affleck, William Fichtner und David Harbour. Serienfans kennen seine Stimme von Hauptrollen in Lost, Prison Break, Gotham, House of Cards und Modern Family. Gears of War 4 ist nicht Peter Flechtners erste Videospiel-Produktion. Zuvor war er unter anderem in Far Cry 4, Call of Duty: Black Ops III und Halo 5: Guardians zu hören.

Mehr über Peter Flechtner findet ihr bei Wikipedia und in der Synchronkartei


Image (adpapted) „Gears-of-War-4-Marcus-JD-Fenix-Netzpiloten“ by Microsoft


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Worin liegt der Sinn in Bildung, wenn uns Google alles sagen kann?

Google Education Summit 2013 (adapted) (Image by txnetstars [CC BY-SA 2.0] via flickr)

Erinnern sie sich auch nicht mehr an die Namen der zwei Elemente, die Marie Curie entdeckt hat? Oder daran, wer 1945 die Nationalratswahl in Großbritannien gewann? Oder wie viele Lichtjahre die Sonne von der Erde entfernt ist? Fragen Sie einfach Google.

Der konstante Zugang, der nur ein Klick oder eine Smartphone-Berührung entfernt ist, um am Überfluss an Online-Informationen teilzuhaben, hat die Art und Weise, wie wir uns sozialisieren und die Art und Weise, wie wir uns über die Welt um uns herum informieren und unser Leben organisieren, radikal verändert. Wenn alle Fakten sofort online abrufbar sind, welchen Sinn ergibt es noch, die selben Fakten an der Schule und der Universität zu erlernen? Die Zukunft könnte so aussehen, dass junge Menschen, nachdem sie sich die Grundlagen des Lesens und Schreibens angeeignet haben, ihre gesamte Bildung über Suchmaschinen wie Google aus dem Internet erhalten –  wann und wo auch immer sie etwas wissen wollen.

Einige Pädagogen streiten sich darüber, ob Lehrkräfte, Klassenräume, Bücher und Unterricht zu ersetzen seien, indem Schüler auf sich selbst gestellt sind und sich einfach online zu bestimmten Themen Informationen suchen. Derartige Ideen stellen den Wert eines traditionellen Bildungssystems, in dem Lehrer ihr Wissen an Schüler weitergeben, infrage. Natürlich warnen andere auch vor dieser Denkweise und betonen die Relevanz des persönlichen Kontakts zwischen dem Schüler und dem Lehrpersonal.

Diese Debatten über den Sinn und Zweck von Online-Suchen im Rahmen von Bildung und Bewertungen sind keineswegs neu. Statt nach neuen Wegen zu suchen, die Schüler abzuhalten, in ihren Hausarbeiten zu schummeln oder zu plagiieren, sollten wir unserer Besessenheit nach “Authentizität” ihrer Hausarbeiten Einhalt gebieten. Möglicherweise werden dann erst andere wichtige Aspekte der Bildung sichtbar, die zuvor nicht beachtet wurden.

Digitaler Inhaltsverwalter

In meinen jüngsten Recherchen, in denen ich die Methoden analysiert habe, mit denen Schüler ihre Aufgaben bewältigen, habe ich herausgefunden, dass sie zunehmend Arbeiten abgeben, die nicht wirklich “authentisch” sind. Allerdings ist diese Erkenntnis gar nicht so bedeutend, wie man annehmen könnte. Viel wichtiger ist es, dass sich die Schüler durch die erfolgreiche Internetnutzung darin üben, nach bereits existierenden Inhalten zu suchen. Gleichzeitig werden diese Inhalte im Lernprozess überprüft, kritisch beurteilt und neu präsentiert. Dank einer genauen Untersuchung der Vorgehensweise, wie Schüler ihre Aufgaben bearbeiten, konnte ich erkennen, dass alle geschriebenen Texte von ihnen Elemente fremder Texte beinhalten. Diese Vorgänge müssen besser verstanden und untersucht werden. Abschließend können eben diese neue Formen der Wissensbeschaffung in die Ausbildung und Beurteilung integriert werden.

Bei dieser Vorgehensweise handelt es sich um das Ausnutzen eines Überflusses an Informationen von einer Vielzahl an Quellen, inklusive Suchmaschinen wie Google, was ich als eine Form der “digitalen Inhaltsverwaltung” bezeichnen würde. Inhaltsverwaltung in diesem Sinne beschreibt, wie Lernende bestehende Inhalte verwenden, um im Rahmen von Problemlösungen und intellektueller Arbeit neue Inhalte erstellen. Somit entsteht eine neue Erfahrung für den Leser.

Ein Teil dessen ist die Entwicklung eines kritischen Urteilsvermögens, der wie ein “Schwachsinns-Detektor” fungiert, während man sich einen Weg durch die Flut an verfügbaren Informationen bahnt. Dieser Punkt ist im Bildungsprozess für jede Form der Inhaltsverwaltung entscheidend, weil Lernende das Internet beim Suchen nach Informationen mehr und mehr als Erweiterung ihres eigenen Gedächtnisses verwenden.

Schüler müssen zunächst einmal verstehen, dass die meisten Inhalte im Netz von Suchmaschinen wie Google mithilfe des PageRank-Algorithmus und weiteren Algorithmen verwaltet werden. Diese Form der Inhaltsverwaltung dient somit als eine Art von Verwaltung über die Arbeiten anderer Menschen, und setzt eine Aufarbeitung mit den Autoren dieser Texte voraus. Es ist ein wesentlicher Bestandteil “digitaler Bildung”.

Aufgrund der weit verbreiteten Konnektivität hat die Verwaltung von digitalen Inhalten ihren Weg in das Bildungssystem gefunden. Dadurch entsteht das Verlangen , die Nutzungsart der Onlinesuche und die Art und Weise des Schreibens, die aus der Verwaltung von Inhalten entsteht, in die Art und Weise wie wir Studenten beurteilen, einzupflegen.

Wie können diese neuen Fähigkeiten  in der Bildung beurteilt werden?

Während sich das prüfungsbezogene Schreiben tendenziell auf die eigene, “authentische” Arbeit des Schülers bezieht, könnte es genauso gut auf der Inhaltsverwaltung aufbauen. Nehmen wir als Beispiel ein Projekt, das ein Teil eines digitalen Portfolios ist. Das könnte von Schülern erfordern, Informationen zu einer bestimmten Fragestellung herauszusuchen, bestehende Auszüge aus dem Netz anzuordnen, sodass sie lesbar sind und die Quellen anzugeben. Abschließend kann aus den Ergebnissen eine Abschlussarbeit präsentiert werden.

Die Kernkompetenzen der informationsgestützten Wirtschaft des 21. Jahrhunderts bestehen daraus, Probleme durch das Zusammenfassen größerer Mengen an Informationen zu lösen, die vordergründig darauf basieren, Zusammenhänge zu erforschen und deren Probleme zu analysieren (anstatt lediglich Fakten und Daten auswendig zu lernen). Wie die Londoner Handelskammer betont, müssen wir sicherstellen, dass junge Menschen mit diesen Kernkompetenzen ins Berufsleben starten.

Meine eigene Forschung hat ergeben, dass junge Menschen zum Teil bereits Experten in Sachen Inhaltsverwaltung sind, als Folge ihrer tagtäglichen Interneterfahrung und ihrer heimlichen Schreibstrategien. Lehrer und Dozenten müssen diese Praktiken besser verstehen und erforschen, sowie Gelegenheiten zum Lernen und Beurteilen dieser “schwer zu bewertenden” Fähigkeiten.

Im Zeitalter des Informationsüberflusses müssen Endprodukte der Bildung – also die Klausuren oder die Hausarbeiten – weniger daran geknüpft sein, dass ein Schüler einen “authentischen” Text schreiben kann, sondern an eine digitale Bildung, die sich das Wissen des Netzwerks an Informationen zu Nutze macht, das auf Knopfdruck verfügbar ist.

Dieser Artikel erschien zuerst auf “The Conversation”unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) „Google Education Summit 2013“ by txnetstars (CC BY-SA 2.0)


The Conversation

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Heady Up: Eine App, die Menschen im echten Leben zusammenführt

mobile generation (adapted) (Image by Stefano [CC BY-SA 2.0] via Flickr)

Zwei junge Schweizer haben mit HeadyUp eine neue Handy-App herausgebracht, die Menschen über’s Internet auch im echten Leben miteinander verbinden soll. Fotos uploaden und sofort Menschen im direkten Umfeld kennen lernen. So funktioniert HeadyUp. User können Fotos hochladen, die dann auf einer interaktiven Landkarte erscheinen. Registrierte Nutzer können so nicht nur ihre eigenen Fotos sehen, sondern auch, wer ebenfalls Bilder in ihrer Nähe hochlädt. Eine einfache Form, um spontan andere Menschen im Umkreis kennen zu lernen. Das Besondere von HeadyUp: Nutzer können nur unbearbeitete Fotos hochladen, die nach 24 Stunden automaisch wieder gelöscht werden. Anders als bei image-lastigen sozialen Netzwerken wie Facebook oder Instagram geht es bei HeadyUp also um die reale Welt in Echtzeit. Aber: Hat eine App, die auf Natürlichkeit und Unverfälschtheit setzt, überhaupt eine Chance?

HeadyUp ist die Geschichte von zwei Schweizern, die auszogen, um die Welt der Handy-Apps neu aufzumischen. Armin Juon und Hans Stuffer, 23 und 21 Jahre jung, lernten sich beim Studium im Kanton Wallis kennen. Wie viele junge Menschen, sind auch sie auf Twitter, Instagram und Facebook unterwegs. Doch ihnen fiel auf, dass es außer zahlreichen Dating-Apps, keine App gab, mit der sie tatsächlich neue Menschen in ihrer Nähe kennen lernen konnten. „Wir fanden es einfach schade, dass so viele Möglichkeiten gab, mit denen sich Menschen in virtuellen Welten treffen können, aber eben nicht in der realen Welt,“ sagt Armin. Also setzten sie sich mit zwei Programmierern zusammen und erstellten kurzerhand genau so eine Applikation – HeadyUp. Kopf hoch, Brust raus, zeigt wer ihr seid – dafür steht der Name „HeadyUp“. Die kostenlose App wurde vor ca. vier Wochen auf den Markt gebracht und ist für’s Erste nur für iPhones (mindestens iOS 8) zu haben. Eine Android-Version ist aber schon in Arbeit. Doch was genau kann HeadyUp? Wie funktioniert die App? Und bringt sie tatsächlich Menschen zusammen?

HeadyUp ist spontan, direkt und vor allem ungefiltert

User können über HeadyUp auf eine interaktiven Landkarte Fotos von sich oder ihrer Umgebung hochladen. Diese erscheinen dann direkt auf der Karte. So sehen Nutzer nicht nur ihre eigenen Fotos, sondern auch, wer weitere Fotos direkt in ihrer Nähe hochlädt. Es entsteht somit eine Landkarte voller Bilder.

Das soll User dazu anregen, andere Menschen in ihrer unmittelbaren Umgebung in Echtzeit kennen zu lernen. Nun braucht die Welt sicherlich keine weitere App, die nur Fotos hochladen kann. Doch Armin Juon und Hans Stuffer geht es um etwas anderes. Die Fotos, die hochgeladen werden, können nicht mehr bearbeitet werden und sie werden automatisch nach 24 Stunden von der Karte gelöscht. Es geht also um’s Spontane, um das Hier und Jetzt, erklärt Hans Stuffer: „Wenn du Beispiel auf ein Konzert gehst und niemanden kennst, dann postest du einfach ein Foto von dir beim Konzert auf HeadyUp und andere Nutzer, die dort sind, können dich dann direkt ansprechen. So lernst du dann ganz einfach neue Leute kennen.“

Den Machern von HeadyUp ist es wichtig, dass Menschen sich wirklich live und in Farbe kennen lernen können, ohne dass sie vorher aufwendige Profile kreieren und Fotos bis zur Unkenntlichkeit verändert können. Über die Landkarte von HeadyUp können User auch nach anderen Nutzern um sie herum suchen und sich so direkt im echten Leben begegnen.

Ein Gegentrend zur Scheinwelt der sozialen Netzwerke?

HeadyUp ist nicht einfach nur eine neue Applikation, sie zeigt auch eine Gegenbewegung zu sozialen Netzwerken wie Facebook, Twitter oder Instagram. Armin Juon und Hans Stuffer sehen sich zwar nicht als Gegner von Facebook, aber sie legen mit ihrer App den Finger auf die Wunde von Social Media: Jeder schafft sich seine virtuelle Welt, wie sie ihm gefällt und keiner weiß am Ende, was noch echt ist. Doch kann HeadyUp tatsächlich einen Gegentrend erzeugen? Wollen sich Menschen überhaupt noch so zeigen, wie sie wirklich sind?

Bisher haben sich 10.000 User bei HeadyUp registriert, die meisten davon in der Schweiz. In Deutschland sieht die Fotolandkarte dagegen noch recht mager aus. Im Selbstest zeigte die App gerade mal einen anderen aktiven User im Umkreis von 200 Kilometern an – zu wenig und zu weit weg, um tatsächlich reale Kontakte herzustellen. Denn es ist klar, wenn HeadyUp tatsächlich Menschen miteinander verbinden möchte, steht und fällt dies mit der Userzahl. Je mehr Menschen sich auf der HadyUp-Karte tummeln, umso interaktiver und interessanter wird die App. Die Zeit wird zeigen, ob sich HeadyUp tatsächlich durchsetzen kann.

Doch so spannend diese neue Entwicklung von HeadyUp auch ist, am Ende bleibt die Frage: Warum brauchen wir eigentlich eine App, um uns gegenseitig im echten Leben anzusprechen?


Image (adapted) „mobile generation“ by Stefano (CC BY-SA 2.0)


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Mit Filter, #OhneFilter und das Hier und Jetzt

Selfie (adapted) (Image by Patrik Nygren [CC BY-SA 2.0] via Flickr

TapTalk definiert Real-Time-Kommunikation neu. Wird es damit zum neuen Instagram, Whatsapp oder Facebook? Nein, denn für TapTalk gibt es einen ganz eigenen Anwendungsfall.

Auf dem Laufsteg würde man echt wohl “Nude Look” nennen, auf Instagram den Hashtag NoFilter benutzen: Echt sein – oder wenigstens so aussehen – ist die Königsdisziplin der Selbstdarstellung. Während wir alle, sind wir mal ehrlich, gerne zwei oder drei Bilder mehr machen, bevor wir entscheiden, welches wir online teilen, um möglichst vorteilhaft vor Freunden, Verwandten und Kollegen zu glänzen, möchten andere Apps mehr Echtheit in unsere Kommunikation bringen. Damit stellen sie sich nicht in Konkurrenz zu Facebook, Whatsapp und Instagram, sondern liefern einen neuen Nutzungsfall.

Erste Anfänge waren bei Vine zu sehen: Das Nicht-Editieren der Videos brachte ein „Nimm das Video so wie es ist oder wirf das ganze Stück weg” mit sich. Weiter geht es mit TapTalk, mit dem man hauptsächlich Bilder hin- und herschickt, die sich von alleine löschen. Anstatt Fotos erst aufzunehmen, eventuell zu bearbeiten und sie dann zu verschicken, versendet diese Apps nur was aktuell vor der Linse steht.

Damit entfällt, dass man endlos viele Bilder macht und das Beste auswählt. Dafür kommt mehr Echtzeit, mehr Teil der Wirklichkeit. Die Bilder werden außerdem nicht automatisch gespeichert, sondern sind dann eben weg. „Wir möchten das Leben wieder etwas echter machen. Den ‘Jetzt Gerade Moment’ miteinander teilen, anstatt 20 Fotos zu stellen und dann einen Moment zu zeigen, der längst vergangen ist„, erklärte mir Onno Faber, Mit-Gründer von TapTalk.

Das ist doch nur Bilder verschicken. Falsch. Es ist ein komplett anderes Kommunikationsverhalten.

Während bei Instagram gezielt auf die Ästethik und bei Facebook auf Masse gesetzt wird, geht es bei TapTalk darum den Moment (bzw. das Bild) kurz festhalten und mit einer Person zu teilen. Im Freundeskreis schicken wir uns Bilder vom blauen Himmel, der Aussicht, die wir gerade haben, oder wenn wir einen gemeinsamen Freund treffen, a la „Sieh an, wen ich gerade getroffen habe!“.

Anders als bei Instagram und Facebook, ist es in diesem Fall eine Eins-zu-eins-Unterhaltung, die weniger auf Reaktionen (Likes, Kommentare), sondern auf reinem Mitteilen beruht. So sehr ich TapTalk für die Schnelligkeit mag, so sehr wünschte ich manchmal, dass ich Bilder behalten könnte und ärgere mich, dass sie z.B. nicht über Whatsapp geschickt wurden. Dabei liegt die Antwort auf der Hand: Der Absender will sich nicht darüber unterhalten, will nicht, dass es kommentiert wird. Er will nur einen Moment mit mir teilen. Und das hat er getan.

Kann TapTalk Whatsapp, Instagram oder Facebook ablösen? Nein, denn es ist ein anderer Kommunikationsweg. Wenn der häufiger genutzt wird als andere Messangerdienste, dann nicht, weil er „besser“ ist, sondern weil er für diese besondere Art der Unterhaltung besser geeignet sind.

Update: Beim Testen der Snapchat-App habe ich das Feature aufgenommene Fotos zu verschicken und sie zu bearbeiten nicht gefunden und wurde erst später auf diese Funktionen aufmerksam gemacht. Der Artikel wurde daraufhin angepasst.


Image (adapted) „Selfie“ by Patrik Nygren (CC BY-SA 2.0)


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