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Sollten Roboter Steuern zahlen?

Andrey Popov - adobe stock com

Wenn immer mehr Roboter statt Menschen arbeiten, wer zahlt dann eigentlich noch Steuern? Die Roboter! Das hat zumindest Bill Gates vorgeschlagen und damit eine interessante Diskussion um die Zukunft der Arbeit angeregt.

Neue Technologien verändern unsere Arbeitswelt nachhaltig: Psychologen beraten uns über Skype, Architekten entwickeln Baupläne für Berlin-Mitte in einem Coworking-Space in Thailand und nette Roboterdamen beantworten unsere Fragen am Flughafen. Und das ist nur der Anfang.

In Zukunft stehen uns noch größere Umwälzungen bevor. Aktuelle Studien gehen davon aus, dass in Deutschland bis zum Jahr 2035 rund 1,5 Millionen Arbeitsplätze abgebaut werden – nur um gleichzeitig mit fast genau so vielen neuartigen Berufen ersetzt zu werden. Das bietet uns nicht nur neue Möglichkeiten, das wirft auch viele neue Fragen auf: Was passiert mit dem klassischen Büro? Welche Jobs, die wir heute kennen, wird es in 20 Jahren noch geben? Wie verdienen wir Geld, wenn unsere Arbeit von Algorithmen erledigt wird?

Auf die letzte Frage hat Unternehmer und Multimilliardär Bill Gates jetzt eine Antwort gegeben. Er schlägt vor, dass künftig auch Roboter Steuern zahlen sollten.

Wenn Roboter unsere Arbeit erledigen, sollten sie nicht auch unsere Steuern zahlen?

In einem Interview mit dem Magazin Quarz sagte Gates: „Momentan ist es so: Wenn ein Mensch mit seiner Arbeit in einer Fabrik vielleicht 50.000 US-Dollar an Wert produziert, dann wird dieses Einkommen besteuert. Dann haben wir Einkommenssteuer, Sozialversicherungssteuer und so weiter. Wenn ein Roboter das gleiche tut, würde man meinen, dass man den Roboter ähnlich besteuert.”

Diese Einnahmen könnten nach Gates das Problem der wegfallenden Arbeitsplätze lösen. Denn wenn Menschen nicht mehr arbeiten, verdienen sie auch kein Geld mehr und zahlen dementsprechend keine Steuern. Uns fehlt damit das Geld, um uns Dinge zu kaufen, dem Staat fallen wiederum Steuereinnahmen weg, mit denen sie Dinge wie Schulen, Krankenversicherungen oder die Rente mitfinanzieren.

Experten machen sich deshalb seit einiger Zeit darüber Gedanken, wie wir dieses Problem in Zukunft lösen können. Die meisten Vorschläge zielen darauf ab, Steuereinnahmen von der Sozialversicherung zu entkoppeln. Das bedeutet, dass sowohl die Einnahmen der Bürger als auch die des Staates nicht mehr von unserer Arbeit abhängen. Ein Lösungsansatz ist das bedingungslose Grundeinkommen, ein anderer die Robotersteuer.

Die Idee der Robotersteuer ist nicht neu. Sie wurde in Deutschland und Österreich bereits in den 1970er und 1980er-Jahren als Maschinensteuer eingeführt. Dahinter steckte schon damals die Sorge, dass Computer sozialversicherte Arbeitsplätze ersetzen und Städten, Ländern sowie dem Bund wichtige Einnahmen fehlen würden.

Genau hier käme nach Meinung von Bill Gates die Robotersteuer ins Spiel. Der Staat könnte die fehlenden Einnahmen darüber ausgleichen und wir hätten mehr Zeit, um uns auf die Jobs zu konzentrieren, die uns Spaß machen und bei denen Menschen Robotern (noch) überlegen sind, wie etwa soziale Arbeit mit älteren Menschen oder Kindern.

Robotersteuer könnte Innovationen verhindern

Das klingt alles sehr gut – doch wie genau stellt Bill Gates sich das in der Praxis vor? Gates geht natürlich nicht davon aus, dass ein Roboter seine Steuererklärung abgibt. Vielmehr möchte er den Einsatz von Roboterarbeit besteuern. Wenn also ein Unternehmen fünf Roboter einsetzt, soll pro Roboter ein fixer Steuersatz bezahlt werden. Damit wäre die Robotersteuer keine Einkommenssteuer, sondern eher so etwas wie eine Kapitalsteuer.

Einige Wirtschaftsexperten finden die Idee gut. So glaubt Malcolm James, Finanzfachmann und Dozent an der britischen Cardiff Metropolitan University, dass das aktuelle Steuersystem nicht fair sei. Im Moment sei es so, dass die Kapitalsteuer für Unternehmen niedrig gehalten werde, um Investitionen, Innovationen und Unternehmensgründungen zu fördern. James rechnet vor, wie im Vereinigten Königreich die Unternehmenssteuer von 52 Prozent im Jahr 1981 auf aktuell 20 Prozent gefallen. Bis 2020 soll sie auf 17 Prozent sinken. Gleichzeitig zahlen Arbeitnehmer immer mehr Steuerbeiträge, in Form von Einkommenssteuer oder Mehrwertsteuer. Ihr Steuerbeitrag liege aktuell bei 20 Prozent. Eine Robotersteuer könnte dieses Ungleichgewicht ausgleichen, sagt James.

Oliver Bendel, Professor für Wirtschaftsinformatik an der Hochschule für Wirtschaft der Fachhochschule Nordwestschweiz, sieht dies skeptisch. Zwar begrüßt Bendel die Diskussion um die Robotersteuer, für ihn überwiegen aber die Nachteile einer solchen Steuer, sagt er gegenüber den Netzpiloten. Er glaubt, dass eine solche Robotersteuer gerade den Unternehmen schaden könnte, die Innovationen vorantreiben.

Was ist der Stundenlohn für einen Algorithmus?

Darüber hinaus sei es sehr schwierig, in der Praxis eine einheitliche Steuer für Roboter festzusetzen, sagt Bendel: „In der Tat stellen sich mehrere Probleme bei einer solchen Steuer. Zum Beispiel: Was ist der fiktive Stundenlohn eines Roboters, von dem man ausgehen kann? Verdienen Industrieroboter unterschiedlich viel, je nach Qualifikation oder Spezialisierung? Um welche Roboter geht es überhaupt, nur um Industrieroboter oder auch um Serviceroboter? Nur um Hardwareroboter oder auch um Softwareroboter?

Auch gibt es nach Ansicht von Bendel viele Bereiche, in denen die Arbeit von Menschen und Robotern ineinander übergehen. Wo setzt man dort die Grenze?

Eine Möglichkeit könnte tatsächlich sein, den „Stundenlohn“ eines Roboters auszurechnen und dann so wie ein reales Einkommen zu besteuern. Doch auch das klingt einfacher als es in Wirklichkeit ist, gibt Bendel zu bedenken. Denn zunächst müsste man klären, was ein Roboter oder ein Robotereinsatz eigentlich ist: „Man könnte zum Beispiel beim Kauf eines Industrieroboters ansetzen, beim Einsatz in der Produktion oder ähnliches. Grundsätzlich stellt sich aber die Frage: Gibt es eindeutig identifizierbare Einheiten? Nicht in jedem Fall. Und was ist, wenn der Roboter nicht gekauft oder selbst entwickelt, sondern geleast ist?

Doch nur weil es viele ungeklärte Fragen gibt, heißt es nicht, dass man nicht über das Thema diskutieren und Antworten finden kann. Genau das ist es wahrscheinlich auch, was Bill Gates mit seinem Vorschlag erreichen wollte. Er scheint sich zumindest keine Gedanken über die konkrete Umsetzung seiner Robotersteuer zu machen: „Ich glaube nicht, dass die Roboter ausflippen werden, wenn es eine Steuer geben wird. Das ist schon okay.“


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FollowUs – Die Netzpiloten-Tipps aus Blogs & Mags

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  • YAHOO heise: Yahoo leitet Mails wieder weiter: Yahoo ermöglicht es seinen Nutzern wieder eingehende E-Mails an andere E-Mail-Adressen automatisch weiterzuleiten. Der Internetdienstleister hat, die in der vergangenen Woche deaktivierte, automatische E-Mail-Weiterleitung wieder aktiviert. Zuvor war es Anwendern nicht mehr möglich gewesen, neue Weiterleitungen einzurichten. Als Grund für den Wegfall der Funktion hatte Yahoo Wartungsarbeiten angegeben, jedoch legte das Vorgehen den Verdacht nahe, dass es das Abwandern von Nutzern in Folge der Überwachungsaffäre „Yahoo-Gate“ erschweren sollte.
  • GOOGLE t3n: Android Wear 2.0: Zwei neue Google-Smartwatches kommen Anfang 2017: Im Sommer wurde bekannt, dass Google an zwei neuen Android-Wear-Uhren arbeitet, jetzt gibt es neue Informationen dazu. Die Smartwatches kommen im ersten Quartal 2017 auf den Markt und werden das aktualisierte Betriebssystem Android Wear 2.0 haben. Weitere Features sind derzeit nicht bekannt – nur, dass die Wearables den neuen virtuellen Assistenten Google Assistant erhalten. Ursprünglich sollte es sich bei den neuen Android-Wear-Produkten um Nexus-Uhren handeln, doch das Unternehmen zieht auch bei den Wearables seine neue Hardware-Strategie durch. Wie die neue Smartphone-Serie Pixel könnten auch die Smartwatches das Label „Made by Google“ erhalten.
  • SONY golem: Produktionsmenge von Playstation VR soll erhöht werden: Das Virtual-Reality-Headset Playstation VR ist so gut wie überall ausverkauft, nun plant Sony eine Steigerung der produzierten Menge. Bis sich an der Liefersituation etwas ändert, dürfte es aber noch dauern. Das hat Jim Ryan, Chef von Sony Interactive Entertainment Europe, vor einigen Tagen im Gespräch mit CNBC gesagt. Der Manager geht davon aus, dass innerhalb kurzer Zeit mehrere Hunderttausend PS VR einen Käufer finden. Das Marktforschungsunternehmen Superdata Research hatte in einer (allerdings etwas älteren) Prognose sogar den Absatz von bis zu 2,6 Millionen Playstation VR allein bis Ende 2016 erwartet.
  • FACEBOOK The Next Web: Future versions of Facebook Messenger will come with a Data Saver mode: Facebook arbeitet zurzeit an einem Datenspar-Modus für seinen Messenger. Nutzer des Android-Beta-Programms können dieses neue Feature bereits testen. Ohne den Datenspar-Modus wurden alle Bilder und Videos, die der Nutzer empfangen hat, automatisch runtergeladen. Mit dem neuen Feature muss man die Bilder und Videos zuerst anklicken damit sie runtergeladen werden. Für Textnachrichten gibt es keine Veränderungen.
  • FUJITSU Handelsblatt: Fujitsu streicht in Deutschland hunderte Jobs: Der japanische Elektronikkonzern Fujitsu will einem Zeitungsbericht zufolge in Deutschland 400 bis 500 Arbeitsplätze abbauen. Eine endgültige Entscheidung solle nach Verhandlungen mit den Beschäftigten fallen, berichtete die japanische Wirtschaftszeitung „Nikkei“. Insgesamt beschäftigt der Konzern hierzulande 12.000 Menschen. Die Stellenstreichungen beträfen hauptsächlich Entwicklung und Informationstechnik. Insidern zufolge könnte sich Fujitsu zukünftig auf IT-Dienstleistungen konzentrieren. Mit dem weltgrößten Computer-Hersteller Lenovo verhandelt das Unternehmen offenbar über einen Verkauf des PC-Geschäfts von Fujitsu.
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Apples Steuernot wird den Erfolg nicht schmälern

Apple Store Scottsdale Road (adapted) (Image by Dru Bloomfield [CC BY 2.0] via Flickr)

Apple-Panikmacher haben einen neuen Pfeil in ihrem Köcher. Dazu, dass Apples Erfolg zu sehr vom iPhone abhängt und sein Wachstum nicht mehr die historischen Höhen erreicht, kommen jetzt noch Apples Konflikte mit der EU über die irischen Steuerangelegenheiten. Das bedeutet aber nicht, dass Apple zum Scheitern verurteilt ist. Mit einer Marktkapitalisierung von rund 580 Milliarden US-Dollar ist es immer noch das wertvollste Unternehmen der Welt – und das aus gutem Grund. Die Aufregung um die neueste Produktveröffentlichung ist ein Beweis für Apples anhaltende Beliebtheit bei den Verbrauchern und Investoren gleichermaßen. Die Entscheidung der Europäischen Kommission bezüglich Apples Steuerregelung mit Irland hatte „staatliche Beihilfen“ und die Forderung, dass Apple 13 Milliarden Euro zuzüglich Zinsen zurück an die irische Regierung zahlen sollte, zum Gegenstand. Diese Entscheidung hat eine Debatte über den aktuellen Zustand des globalen Steuersystems, das Recht und Unrecht der Unternehmensbesteuerung und die gesellschaftliche Rolle von Unternehmen entfacht. Einige haben es in Frage gestellt, dass Apple und anderen Unternehmen Steuerschlupflöcher nutzen, um ihre Steuerzahlungen zu minimieren. Allerdings sollte man sich einige Dinge ins Gedächtnis rufen. Zunächst betrachte man den Fall aus einer Perspektive der sozialen Verantwortung heraus: Apple hat in Irland eine Produktionsstätte seit 1980 in Betrieb, beschäftigt dort derzeit etwa 6000 Menschen und unterstützt indirekt knapp 1,5 Millionen Arbeitsplätze in ganz Europa. Zweitens haben Apple (und Irland) betont, dass ihre Steueranordnung kein besonderes Abkommen ist, sondern auf jedes Unternehmen Anwendung finden kann, das sie nutzen möchte. Drittens haben globale Unternehmen die Pflicht, ihre eigene Rentabilität als wettbewerbsfähige Unternehmen zu unterstützen. Sie haben auch eine Pflicht gegenüber ihren Aktionären, die Einhaltung ihrer Steuerpflichten innerhalb der gesetzlich festgelegten Anforderungen zu optimieren. Jeder CEO, der entscheidet, mehr zu zahlen, als gesetzlich  verpflichtend ist, begibt sich mit dem Vorstand und dem Aktienmarkt in wilde Gewässer. Viertens wird Steuerrecht schon aus historischer Sicht innerhalb der Hoheitsgewalt der Staaten festgelegt und nicht von supranationalen Organisationen wie der EU. Die Nationalstaaten haben günstige Steuersysteme etabliert, um mit ausländischen Investitionen von globalen Konzernen zu konkurrieren. Die EU-Vorschrift hat, wenn sie den rechtlichen Herausforderungen standhält, erhebliche Auswirkungen auf das Souveränitätsprinzip.

Entscheiden, was fair ist

All dies bedeutet aber nicht, dass Unternehmen ihren fairen Steueranteilen entgehen sollten. Aber wie stellen wir fest, was ein fairer Anteil ist? Apple ist ein US-Unternehmen; es führt fast alle Forschungs- und Entwicklungsaufgaben für seine Produkte und Dienstleistungen in den USA aus, wo es auch am meisten Steuern zahlt. Wie einige andere US-Unternehmen hat sich Apple dafür entschieden, die Rückführung der Gewinne in die USA zu verzögern, wo das Unternehmen einem effektiven Steuersatz von 40 Prozent unterliegen würde. Apple unterhält rechtliche Strukturen, die von den meisten globalen Unternehmen eingesetzt werden, um ihren Steuersatz zu optimieren – und zwar innerhalb der von den verschiedenen Rechtsordnungen festgelegten Grenzen, wo die Unternehmen tätig sind, wie es von den Aktionären und dem Aktienmarkt zu erwarten ist. Was oft ignoriert wird, ist, dass Apple der größte Steuerzahler in Irland, den USA und dem Rest der Welt ist. Die Steuerfrage um Apple wird seinem Erfolg aus einer Vielzahl von Gründen keinen wesentlichen Schaden zufügen. Es wird für seine Beschwerde gegen die EU-Entscheidung den Rechtsweg über mehrere Jahre beschreiten müssen und es könnte passieren, dass der Betrag doch nicht gezahlt werden kann, zumindest nach den derzeitigen Umständen. Sowohl Apple als auch die irische Regierung werden sich gegen die EU-Entscheidung zur Wehr setzen – Irland hat bekundet, die entsprechende Zahlung nicht zu verlangen, da Apple bis dato das irische Steuerrecht gewahrt habe und daher nichts schuldig sei. Selbst wenn der Betrag zukünftig gezahlt werden kann, ist Apple fähig,  ihn zu entrichten, ohne seine Position in finanzieller Hinsicht oder im Hinblick auf den globalen Wettbewerb einzubüßen. Es gibt Schätzungen,  nach denen sich Apples Barreserven auf rund 200 Milliarden US-Dollar  belaufen. Die Steuersumme ist hoch, egal nach welchem Maßstab, aber für Apple dürfte es ein Leichtes sein, sie zu zahlen.

Mehr als nur das iPhone

Was die Kritiker des Unternehmens leicht vergessen, ist, dass Apple nicht nur auf Hardware aufbaut. Das iPhone steht im Zentrum eines Ecosystems, das auch Apps, Musik, Medien, Onlinespeicher, und andere Dienste als bloß Hardware mit einbezieht. Noch wurde dieses Ecosystem durch kein anderes Unternehmen übertroffen. Es macht eine Differenzierung im Wettbewerb möglich, und durch das System können Premium-Preise eingesetzt werden. Es ist zudem ein Ecosystem, das expandiert – und zwar nicht nur im Rahmen der eingesetzten Produkte und verfügbaren Dienstleistungen, sondern auch im geografischen Sinne. Der Mittelstand in aufkommenden Märkten wächst und Apple ist, was den Wettbewerb angeht, gut platziert, um von diesem Wachstum zu profitieren. Hinzu kommt die immense Leistungsfähigkeit von Apples Abläufen – die von Hauptkonkurrenten lange nicht erreicht werden – und es wird deutlich, warum Apple das wertvollste Unternehmen der Welt ist. Die Steuerdebatte ist wichtig und sie muss verfolgt werden. Es kann allerdings nicht die Lösung sein, hierzu ein Unternehmen allein aufgrund seiner Marktdominanz auszuwählen. Alle globalen Unternehmen versuchen, ihre Steuerabgaben zu verringern. Nationalstaaten wie Irland haben daher günstigere Steuersysteme etabliert, um mit ausländischen Investitionen von weltweiten Konzernen konkurrieren zu können. Auf diese wesentliche Art kann das Wirtschaftswachstum angeregt und die Gesellschaft unterstützt werden. Die Steuerfrage ist komplex und kann nicht durch bloßes Niedermachen von Unternehmen beigelegt werden. Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation“ unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) „Apple Store – Scottsdale Road“ by Dru Bloomfield (CC BY 2.0)


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Industrie 4.0 – Gehirn-Vernebelung am Fabriktor

Indtustrie-Skyline (adapted) (Image by Nico Kaiser [CC BY-SA 2.0] via flickr)

Industrie 4.0 ist nach Auffassung von Thomas Sattelberger der deutsche Kastrat für Digitalisierung. Man könnte auch von einer Gehirn-Vernebelung sprechen. „Die ganze Frage, wie es mit Smart Services aussieht, mit Dienstleistungen allgemein, mit Bildung, Pflege oder Gesundheit, wird total vernachlässigt“, monierte Sattelberger auf der Next Economy Open in Bonn. Es ist tragisch, dass die Industrie 4.0-Prediger im alten Effizienz-Denken der Massenfertigung verharren.

Fordismus verpuffte vor 60 Jahren

Dabei war die Dynamik des fordistischen Produktionsmusters bereits in den 1960er Jahre verpufft, wie der Wirtschaftshistoriker Werner Abelshauser in seinem Standardwerk „Deutsche Wirtschaftsgeschichte seit 1945 belegt“. Seit rund 50 Jahren schrumpft die Zahl der Arbeitsplätze in der Massenproduktion. Da ist keine Umkehr in Sicht.

Industrie 4.0-Denkfehler

Wenn wir unsere fabrik-fixierte Nabelschau mit dem ausschließlichen Ziel der Effizienzverbesserung nicht ablegen, schaffen wir keine Perspektiven für neue Arbeitsplätze und für neue Märkte. Am Beispiel der Speed Factory, die Adidas mit dem fränkischen Unternehmen Oechsler realisiert, kann man das eindrücklich nachvollziehen. Ziel ist es, den ‚individuellen’ Schuh in Ansbach zu produzieren. Nur 160 Mitarbeiter werden in den nächsten Jahren eine halbe Million Sneakers produzieren. Wenn wir uns dabei nur auf den Akt der Fertigung fokussieren, sieht die Beschäftigungsbilanz eher mickrig aus. „Wenn wir blindlings den Protagonisten von ‚4.0’ folgen, gibt es keine Arbeit mehr für die allermeisten in unserer Gesellschaft“, moniert Ralf Volkmer in einem Thesenpapier für den YouBusiness-Talk, der am 6. September in Bonn stattfindet. Ein Denkfehler. Auch der Autor von Lean-Knowledge-Base reduziert den Blickwinkel auf die Fabrikproduktion und sitzt damit im gleichen Boot wie die Industrie 4.0-Denker.

Vernetzung für Kunden

Die Amerikaner machen es anders und nennen dieses Thema ‚Industrial Internet‘, schreiben Andreas Syska und Philippe Lièvre in ihrem Buch „Illusion 4.0“: „Sie vernetzen intelligente Produkte, Supply Chains und Fabriken. Das ist aus unserer Sicht auch der richtige Ansatz.“ Deutsche Ingenieure denken in technischen Schnittstellen. Der Gedankenschritt reicht nur von Maschinen zu übergeordneten Steuerungssystemen. „Wir sehen hierzulande größtenteils fabrikinterne Lösungen….Der eigentliche Sinn der digitalen Vernetzung und ihre enormes Potenzial liegt vielmehr in datenbasierten Geschäftsmodellen und damit außerhalb der Fabrik. Das hat man in Deutschland noch nicht verstanden, weshalb in Deutschland auch nichts Entsprechendes zu sehen ist. Industrie 4.0 kommt hierzulande gedanklich einfach nicht aus dem kleinen Karo der Fabrik heraus“, monieren Syska und Lièvre. In den USA werden Plattformen geschaffen und mit intelligenten Produkten sowie Services vernetzt.

Schnittstellen schaffen keine neuen Märkte

Die Deutschen hingegen tüfteln an Schnittstellen, faseln von höherer Produktivität, ergötzen sich an neuen Maschinen und vertrödeln ihre Zeit mit der Frage, wie man das Ganze technisch ans Laufen bringt. Die Amerikaner fragen, welches Geschäft damit gemacht werden kann. Die Rollenverteilung ist für uns nicht lukrativ. Jenseits des Atlantiks werden die digitalen Claims abgesteckt und das Gold geschürft, Deutschland liefert als verlängerte Werkbank die Spitzhacken und Spaten. Die deutsche Industrie hat sich widerstandslos in die zweite Reihe drängen lassen – zum austauschbaren Hardware-Lieferanten.

Die eigentliche Produktion findet außerhalb der Fabriken statt. Das erkennt man aber nicht, wenn der eigene Denkhorizont am Werkstor endet, führen die Illusion 4.0-Autoren aus.

Rollrasen, Mähdrescher und grüne Beratung

Wir laufen immer noch dem industriekapitalistischen Irrtum hinterher, dass Maschinen und Fabriken das eigentliche Geschäft sind. Sie sind aber nur Mittel zum Zweck. Plattformen und Anwendungen sind der Umsatztreiber. Wir marschieren in kleinen Schritten in ein Desaster, wenn das perfekt produzierte, aber nicht digitalisierte Produkt nicht mehr nachgefragt wird. Die reine Herstellung eines iPhones bringt doch für Apple nicht die Wertschöpfung. Design, nutzerfreundliches Interface, Vertrieb, Marketing, Software-Applikationen und die höchst erfolgreiche Internetplattform iTunes waren entscheidend für den Erfolg von Steve Jobs. Beim Landmaschinenhersteller John Deere war man bis in die 1990er Jahre auf den Maschinenverkauf fokussiert. Der Landmaschinenhersteller erkannte frühzeitig die Wachstumspotenziale auf dem gesamten Green Market und kaufte mehrere Unternehmen aus dem Garten- und Landschaftssegment. Aus John Deere wurde JDL. Die frühere Mähdrescherfirma verkauft jetzt Rollrasen, Landschaftskonzepte, Beratung, vergibt Kredite für Gartenbauunternehmen und baute eine Fortbildungsakademie auf. Mit der reinen Maschinen-Zentrierung wäre das Unternehmen schon längst untergegangen.

Die größte Niederlage unserer jüngeren Wirtschaftsgeschichte

Und wer machte und macht aus dem vom Fraunhofer-Forscher Karlheinz Brandenburg erfundenen Musikstandard mp3 in Kombination mit Produkten, Software und Plattform noch mal das größte Geschäft auf diesem Planeten? Das Notiz-Amt kennt die Antwort und sieht dieses Faktum nicht als Erfolgsbilanz einer deutschen Instanz für Grundlagenforschung, sondern als eine der schlimmsten Niederlagen in der deutschen Wirtschaftsgeschichte. Man hört, sieht und streamt sich zu dieser Debatte am 6. September um 16 Uhr.


Image (adapted) „Industrie-Skyline“ by Nico Kaiser (CC BY-SA 2.0)


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Warum wir immer verlängerte Wochenenden haben sollten

Car driver (image by Unsplash [CC0 Public Domain] via Pexels)

Wenn wir uns ein paar freien Tagen im August oder einem verlängerten Wochenende nähern, könnten wir über die Zeit nachdenken, die wir der Arbeit widmen. Was wäre, wenn jedes Wochenende drei oder sogar vier Tage dauern würde? Was wäre, wenn der Großteil der Woche für Aktivitäten zu Verfügung stehen würde, statt für die Arbeit? Was wäre, wenn unsere Zeit für arbeitsfreie Aktivitäten unserer Wahl reserviert wäre?

Diese Fragen zu stellen, lädt geradezu zu utopischem Denken ein. Während weniger Stunden zu arbeiten prinzipiell eine gute Idee ist, ist es in der Praxis nicht durchführbar. Tatsächlich würde diese Errungenschaft mit dem Risiko des niedrigen Verbrauchs und der erhöhten wirtschaftlichen  Not einhergehen.

Für einige Befürworter der Arbeitsmoral liegt der Weg zu Gesundheit und Glück in der Verewigung in der Arbeit und nicht in dessen Reduktion. Arbeit macht uns gesünder und glücklicher. So eine arbeitsbejahende Ideologie wird für die Legitimation von Sozialreformen eingesetzt. Damit werden die Arbeitslosen, unabhängig von deren Lohnsätzen und qualitativen Merkmalen, zur Arbeit gezwungen. Es bietet auch eine ideologische Barriere für den Fall, weniger Zeit bei der Arbeit verbringen zu wollen. Weniger zu arbeiten, wird als eine Bedrohung für unsere Gesundheit und unser Glück präsentiert – und nicht als eine Möglichkeit, diese zu verbessern.

Dennoch ist die Idee, weniger zu arbeiten, nicht nur möglich, sondern auch die Grundlage für eine bessere Lebensqualität. Es ist ein Zeichen dafür, wie es dazu kam, dass wir Arbeit und dessen Einfluss in unserem Leben akzeptieren und wir diese Idee nicht sogleich begreifen.

Der Preis für mehr Arbeit

Immer mehr Studien zeigen die Kosten der Verlängerung der Arbeitszeit für die Menschen auf. Dazu kommt noch eine schwindende körperliche und geistige Gesundheit. Lange Arbeitszeiten können das Risiko für einen Schlaganfall, koronare Herzerkrankungen und die Entwicklung von Typ-2 Diabetes erhöhen.

Weil wir die meiste Zeit arbeiten, verlieren wir potentielle Zeit für unsere Freunde und Familie. Desweiteren geht uns die Möglichkeit verloren, einfach zu leben und Dinge zu tun, die das Leben wertvoll und lebenswert machen. Unser Leben ist oft zu sehr mit unserer Arbeit verbunden, als dass wir wenig Zeit und Energie für die Suche für alternative Lebensweisen finden – kurz gesagt, unsere Fähigkeit, unsere Talente und Potenziale zu finden, ist durch unsere Arbeit eingeschränkt. Arbeit lässt uns nicht selbständiger werden, sondern sie hemmt uns und macht es schwieriger, unsere Wünsche auszuleben.

All dies spricht für die Notwendigkeit, weniger zu arbeiten. Wir sollten die Arbeitsmoral herausfordern und alternative Lebensweisen vorantreiben, die weniger arbeitsorientiert sind. Und wenn weniger Lebenszeit bei der Arbeit verbracht wird, sondern wir uns mit der Beseitigung von Arbeitsausbeutung beschäftigen, können wir auch die eigenen Vorteile von Arbeit an sich besser erkennen. Weniger zu arbeiten, mag nicht nur ein Mittel sein, um besser zu arbeiten, sondern auch, um das Leben mehr zu genießen.

Hindernisse für weniger Arbeit

Der technologische Fortschritt wurde in den vergangenen Jahrhunderten kontinuierlich vorangetrieben, um die Produktivität zu steigern. Nicht immer hat der Produktivitätsgewinn jedoch zu kürzeren Arbeitszeiten geführt. Zumindest in der Neuzeit wurde dieser Überfluss dazu verwendet, um die Erträge der Kapitalseigentümer zu erhöhen. Dies geschah zumeist auf Kosten der gleichbleibenden Löhne für die Arbeiter.

Der mangelnde Fortschritt bei der Arbeitszeitverkürzung in den modernen kapitalistischen Wirtschaften spiegelt stattdessen den Einfluss von Ideologie und Macht wider. Einerseits haben die Auswirkungen des Konsums starke Kräfte zugunsten längerer Arbeitszeiten geschaffen – die Arbeitnehmer sind ständigen Überredungsversuchen ausgesetzt, mehr zu kaufen und sind damit zu mehr Arbeit gezwungen, um mit dem neuesten Trend oder Mode mitzuhalten und bei ihren Kollegen nicht hintenanzustehen.

Andererseits hat die geschwächte Kraft der Arbeit verglichen mit der des Kapitals ein Umfeld geschaffen, das sich zur Verlängerung der Arbeitszeit eignet. Die kürzlich bekannt gewordenen Arbeitspraktiken bei Amazon sprechen für die Macht des Kapitals, den Arbeitern schlechte Arbeitsbedingungen einschließlich übermäßiger Arbeitsstunden aufzuerlegen. Die Auswirkungen der steigenden Ungleichheit hat auch eine Kultur langer Arbeitszeiten genährt, welche durch die Erhöhung der wirtschaftlichen Notwendigkeit mehr zu arbeiten hervorgerufen wurde.

David Gräber tätigte die provokante Behauptung, dass sich zeitgleich mit der Weiterentwicklung der Technologie die – wie er es nennt – „bullshit“ oder sinnlosen Arbeitsplätze vervielfacht haben. Das ist der Grund, warum wir bei Keynes Vorhersage nicht umsetzen konnten, dass wir alle als Folge des technischen Fortschritts im 21. Jahrhundert nur 15 Stunden in der Woche arbeiten.

Stattdessen leben wir in einer Gesellschaft, in der Arbeit geschaffen wird, die keinen sozialen Wert hat. Der Grund dafür ist nach Gräber die Notwendigkeit der herrschenden Klasse die Arbeiter in der Arbeit zu halten. Während die Technik mit dem Potenzial, die Arbeitszeit zu verkürzen, existiert, ist die herrschende Klasse nicht bereit, dieses Potenzial zu erkennen. Dies begründet sich mit der politischen Herausforderung einer arbeitenden Bevölkerung mit verfügbarer Zeit. Weniger arbeiten wäre möglich und wünschenswert, wird jedoch durch politische Faktoren blockiert.

Arbeiten für den Wandel

Wie oben erwähnt, sind die Kosten für lange Arbeitszeiten schlechtere Gesundheit und ein geringeres Wohlbefinden der Arbeiter. Für die Arbeitgeber entstehen dadurch Kosten in Hinblick auf eine geringere Produktivität und eine geringere Rentabilität. Jedoch bleiben diese Kosten trotz Beweise für deren Existenz unbemerkt. Auch hier kann politisch erklärt werden, warum kürzere Arbeitszeiten von vielen Arbeitgeber nicht angenommen wurden.

Experimente für kürzere Arbeitszeiten existieren bereits. Uniqlo, ein japanischer Einzelhändler für Bekleidung, ermöglicht es seinen Mitarbeitern, für vier Tage in der Woche zu arbeiten. Über dieses Modell wurde auf positive Weise ausschweifend berichtet. Die Mitarbeiter profitieren von einer besseren Work-Life-Balance, während das Unternehmen die Vorteile von niedrigeren Arbeitskosten aufgrund der geringeren Umsatzkosten erntet.

Doch bei näherer Betrachtung hat das neue Schema von Uniqlo seine Schattenseiten. Als Gegenleistung für eine viertägige Arbeitswoche wird von den Arbeitern erwartet, dass sie in zehnstündigen Schichten während ihrer Einsatztage arbeiten, eine 40-Stunden-Woche wird also in vier Tage gequetscht.

Dies ist nicht nur eine Erweiterung der normalen Länge eines Arbeitstages, sondern bringt die möglichen Gewinne einer viertägigen Arbeitswoche in Gefahr. Arbeiter könnten nach dieser vier-Tage-Woche dermaßen erschöpft sein, dass sie einen ganzen Tag für die Erholung dieser Strapazen benötigen. In diesem Fall wird sich ihre Qualität der Arbeit und des Lebens überhaupt nicht verbessert haben, sondern diese wird durch die möglicherweise erlittenen negativen Auswirkungen gemindert, die erst durch Übermüdung verursacht werden.

Ironischerweise veranschaulichen die Systeme, wie sie von Uniqlo eingeführt wurden, die Hindernisse, welche bestehen bleiben, um weniger Arbeit zu erreichen. Nur eine Reduktion der Wochenarbeitszeit auf 30 Stunden oder weniger kann als ein echter Fortschritt für das Erreichen der kürzeren Arbeitszeit angesehen werden.

Damit wir ein drei- oder idealerweise viertägiges Wochenende erreichen – und genießen – können, bedarf es einer Gesellschaft, die die vorherrschende Arbeitsmoral untergräbt. Wir müssen die Idee,  weniger zu arbeiten, als ein gut gelebtes Leben wahrnehmen. Wir müssen ein leben ablehnen, in dem Arbeit als Ein und Alles und das Ende allen Erlebens gilt.

Genießen wir unsere freien Tage, solange wir können. Wir sollten es als eine Erinnerung an ein Leben ansehen, das machbar sein könnte – ein Leben, das wir zu erreichen versuchen, indem wir  Lösungen finden, um die wirtschaftlichen und politischen Barrieren für weniger Arbeit zu überwinden.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation“ unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image „Car driver“ by Unsplash (CC0 Public Domain)


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Hirnintensive Arbeit als Konjunkturmotor

Industrie-Skyline (adapted) (Image by Nico Kaiser [CC BY-SA 2.0] via Flickr)

Ständig wird einem von Lobbyisten und Regierungspolitikern eingetrichtert, wie wichtig die Industrie sei als Stabilitätsfaktor der Konjunktur. Länder wie Frankreich hätten es da nicht so gut.Die gallische Wirtschaft sei weitgehend deindustrialisiert, produziere nichts mehr Gescheites oder müsse wie Peugeot Citroën von chinesischen Konzernen aufgefangen werden. Was da wohl noch mit VW passiert. Ein anständiger industrieller Anteil wird als Voraussetzung für eine ausgewogene ökonomische Entwicklung gesehen. Die VWL-Berater flöten es Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel ins Ohr: Es müsse wieder mehr produziert, gebaut, geschraubt werden. Das war auch nach der Finanzkrise das Allheilmittel.

Abwrack-Politik

Abwrackprämie statt Investitionen in Wissensberufe oder den Ausbau der digitalen Infrastruktur. So konnte der Industriesektor seinen Anteil an der Wertschöpfung bei 25 bis 26 Prozent stabilisieren. Gleiches gilt für die Zahl der Industriebeschäftigten. Für die globalen Märkte hat sich Deutschland auf Luxusautos, Maschinenbau und Chemie spezialisiert – allerdings mit einer sinkenden Fertigungstiefe im eigenen Land. Wird ein großer industrieller Sektor auch künftig noch von Vorteil sein, fragt sich der Wirtschaftspublizist Henrik Müller. Diese trügerischen Stärken können sich sehr schnell und gut in Schwächen umkehren.

“Osteuropäische, später asiatische Volkswirtschaften, allen voran China, industrialisierten sich im Zeitraffer. Davon profitierte Deutschland wie kein anderes Land: Weil es hierzulande noch potente Firmen gibt, die Fabriken mit Maschinen ausstatten oder gleich ganze Fabriken errichten, weil es Infrastrukturanbieter wie Siemens gibt, die etwa ganze Bahnsysteme zu installieren in der Lage sind, weil es Luxusautohersteller gibt, die die neuen Reichen in den Schwellenländern mit Statussymbolen versorgen. Kurz: Deutschland hat all das noch im Angebot, was es anderswo längst nicht mehr gibt – weil der Strukturwandel in den 1980er und 1990er Jahren hierzulande verzögert ablief.”

Wissensintensive Dienstleistungen als Wettbewerbsfaktor

Wenn sich aber der Aufholprozess in diesen Schwellenländern abschwächt, was derzeit der Fall ist, wenn ausländische Autohersteller lernen, die Bedürfnisse der neuen Mittelschichten zu befriedigen, dann fragt sich, wer denn künftig die Kunden der deutschen Industrie sein sollen. Der Niedergang des Wolfsburger Konzern könnte das im Zeitraffer beschleunigen. Generell wird die Industrie in der Massenproduktion an Bedeutung verlieren.

“Wirtschaft und Gesellschaft wachsen über das Produzieren und Konsumieren von physischen Produkten hinaus und verlegen sich aufs Dienen und später aufs Wissen. Dienstleistungen, zunehmend auch wissensintensive Dienstleistungen dominieren heute in allen entwickelten Ländern die Wirtschaftsstrukturen. Es werden nicht mehr zuvörderst physische Güter hergestellt, viel wichtiger sind Leistungen an Mensch oder Materie”, schreibt Müller in seinem Opus “Wirtschaftsirrtümer”.

Postindustrielle Arbeitsplätze

Gesundheit, Bildung, Freizeit, Ernährung, Haushaltsservices, Vernetzungskonzepte, Apps oder Cloud-Technologien werden wichtiger.

“Auch Deutschland hat diese Entwicklung seit den 1970er Jahren durchgemacht, allerdings ist sie im Zuge der Globalisierung zum Stillstand gekommen. Um 1997 hat sich die industrielle Produktion stabilisiert. Die absolute Zahl der produzierenden Beschäftigten ist dabei in den vergangenen Jahren in etwa stabil geblieben. Die beeindruckenden deutschen Beschäftigungsgewinne haben in anderen Sektoren stattgefunden. Im Jahr 1995 waren ein Viertel der Arbeitnehmer mit Produzieren beschäftigt, heute sind es nur noch ein Fünftel. Beschäftigungszuwächse konnten vor allem die Unternehmensdienstleister verbuchen, teils durch Outsourcing von Aktivitäten aus traditionellen Industriekonzernen sowie Informations-und Kommunikationsservices”, so Müller. Er sieht keinen Grund, dass die Schwellenländer einen fundamental anderen Weg gehen werden. Wir sollten uns deshalb neue Vorbilder suchen, die besser dastehen als wir selbst. Schweden zum Beispiel.

“Das skandinavische Land genießt ein höheres Wohlstandsniveau als Deutschland (eine Differenz von 2.000 US-Dollar pro Kopf). Beschäftigungsstand, Lebenserwartung und Lebenszufriedenheit sind höher, die Einkommensverteilung gleichmäßiger. Staat und Wirtschaft geben einen größeren BIP-Anteil für Forschung und Entwicklung aus als alle anderen OECD-Länder (außer Finnland): Stabil zwischen 3 und 4 Prozent des BIP. Das Vertrauen ins politische System ist hoch. Um nur einige Wohlfahrtsindikatoren zu nennen. Man muss Schweden nicht in allen Facetten als vorbildlich ansehen, aber dass das Land ökonomisch und gesellschaftlich gegenüber Deutschland einen Vorsprung hat, ist offensichtlich. Schwedens Wirtschaft ist hochgradig wettbewerbsfähig, was sich in ähnlich hohen Leistungsbilanzüberschüssen niederschlägt, wie sie Deutschland verzeichnet”, weiß Müller. Folgt man der Litanei der Industrievertreter, dürfte es das nicht geben.

Skandinavisches Wirtschaftswunder dürfte es eigentlich nicht geben

Denn Schweden habe einen vergleichsweise kleinen industriellen Sektor: 20 Prozent trägt die Industrie noch zum BIP bei, deutlich weniger als im Jahr 2000. Die Zahl der Jobs, im produzierenden Gewerbe, ist von 19 auf 15 Prozent der Gesamtbeschäftigung gefallen.

“Aber das skandinavische Land verfügt über eine große Stärke, die Deutschland nicht hat: Es verdient sehr erfolgreich im Handel mit Dienstleistungen. Mehr als 20 Milliarden US-Dollar Überschuss erwirtschaftete Schweden 2011 mit dem Verkauf von Services, Patenten und Lizenzen – viermal so viel wie noch 2004. Deutschland hingegen machte im selben Zeitraum ein Defizit im Dienstleistungshandel von knapp 32 Milliarden US-Dollar”, führt Müller aus.

Der Handel mit hirnintensiven Dienstleistungen und der Verkauf von Wissen ersetzen in Schweden zunehmend den Handel mit physischen Produkten – postindustrielle, hochproduktive Aktivitäten mit großem Input von Wissen. Dafür sind andere Qualifikationen und ein anderes Umfeld vonnöten. Mit der dualen Berufsausbildung auf IHK-Niveau kommt man nicht mehr weit. Ralf T. Kreutzer und Karl-Heinz Land sprechen gar vom digitalen Tsunamie der “Dematerialisierung”, der selbst den so hochgelobten Maschinenbau bedrängt. Wie viel Industrie wird also noch in der Netzökonomie stecken, fragt sich das Notiz-Amt.

Mit Professor Kreutzer wird es dazu in Vorbereitung der Next Economy Open in Bonn ein Bibliotheksgespräch geben.


Image (adapted) “Industrie-Skyline” by Nico Kaiser (CC BY-SA 2.0)


 

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Langsames Internet: Arbeitsplätze in Gefahr

Saison Box (adapted) (Image by rawpixel [CC0 Public Domain] via Pixabay)

In Deutschland stockt der Ausbau des Breitbandnetzes. Besonders außerhalb von Ballungszentren verhindert das neue Arbeitsplätze. Oder wann haben sie zuletzt von einem Start-up aus Brandenburg gehört? Wer sagt denn, dass wir für das Fernsehen noch Fernsehsender brauchen, so die provokative Frage von Richard Gutjahr beim NRW-Journalistentag in Dortmund. „Warum nicht direkt vom Produzenten kaufen? Viele preisgekrönte Filme und Serien kommen von einer Videothek namens Netflix oder von Amazon. Selbst Microsoft dreht gerade eine große Serie mit Steven Spielberg. Ich mache mir ein bisschen Sorgen um das Konzept Fernsehsender“, frotzelt der TV-Journalist und Blogger.

Gemeint ist der Abschied vom linearen TV-Programm. Heute geht alles mehr oder weniger bequem über Video on demand. Man schaut sich nur dann Filme an, wenn man es möchte. TV-Programme oder gar -Zeitschriften werden obsolet. Theoretisch. Man braucht irgendwie einen Internet-Anschluss mit einer Standardqualität von drei Megabit pro Sekunde.

Die zerfressene Breitband-Deutschlandkarte

Für hochauflösende HD-Filme sind sechs bis 16 Megabit vonnöten. Eigentlich keine so große Herausforderung für die TV-Kunden, wo doch die Bundesregierung behauptet, dass wir in Deutschland eine fast 100-prozentige Grundabdeckung mit 10 Megabit pro Sekunde erreicht haben. Was die Merkel-Regierung in ihre Digitale Agenda reingeschrieben hat, ist in der Realität aber nicht vorhanden, moniert der GFT-Geschäftsführer Thomas Dehler bei einer IT-Fachveranstaltung im brandenburgischen Herzberg: „Netflix hat jüngst eine Deutschlandkarte gezeigt, wo man Video on demand reibungslos empfangen kann. Diese Karte ist zerfressen von nicht vorhandener Breitbandigkeit.“

Wenn er sich als Unternehmer das deutsche Internet anschaut, bekommt Dehler Angst. Und dabei geht es nicht um die fehlende Möglichkeit, populäre Serien wie „House of Cards“ mit dem Oscar-Gewinner Kevin Spacey zu genießen.

Keine neuen Arbeitsplätze ohne schnelles Internet

Die mittelmäßige Netzinfrastruktur außerhalb der Ballungszentren führt zu negativen Arbeitsmarkteffekten. Besonders bitter ist die digitale Rückständigkeit für strukturschwache Gebiete, die junge Talente an Städte wie Köln, Berlin, München oder Hamburg verlieren. Zwischen 2002, dem Jahr des Bevölkerungshöchststandes, und 2008 haben 202 von 413 Landkreisen und kreisfreien Städten mehr als ein Prozent ihrer Einwohner verloren. Wo die Lebensbedingungen schwierig sind, wo es an innovativen Betrieben und gut bezahlten Jobs mangelt, verschärft sich meist auch die demografische Lage.

„Wir verlieren rund 20 Prozent unserer Leistung, weil wir Bewerber für dezentrale Arbeit in unserem Pilotprojekt im Elbe-Elster-Kreis nicht einstellen können – aus technischen Gründen“, sagt Dehler bei der Präsentation einer Studie über die Notwendigkeit von neuen Arbeitskonzepten für ländliche Regionen. „In einer hoch entwickelten Volkswirtschaft wie Deutschland darf es so etwas nicht geben. Die Nichtverfügbarkeit von schnellem Internet wirkt diskriminierend“, kritisiert Dehler.

Neue Arbeitskonzepte gegen Abwanderung und Überalterung

Dabei zählt besonders in strukturschwachen Regionen wie dem Elbe-Elster-Kreis jeder neu geschaffene sozialversicherungspflichtige Arbeitsplatz, betont Marion Richter, operative Geschäftsführerin der Agentur für Arbeit Cottbus. Die Abwanderung und Überalterung könne nur mit neuen Arbeitskonzepten gestoppt werden. „Wenn noch mehr Menschen die Region verlassen, können wir irgendwann zuschließen. Wir wissen gar nicht mehr, wie wir unsere alten Menschen betreuen sollen. Wir würden hier praktisch aussterben.“

Teilweise gehen ganze Ortschaften auf die Barrikaden, weil es keine vernünftige technische Anbindung gibt und Arbeitsplätze abwandern. Dieser Tatbestand sei schon sehr traurig, erklärt Gabriele Knütter, eine Mitarbeiterin der ersten Stunde in dem Elbe-Elster-Modellprojekt für dezentrale Arbeit.

Statt sich jährlich beim IT-Altherren-Gipfeln gegenseitig auf die Schulter zu klopfen, sollten vor allem jene Minister, die für die Digitale Agenda der Bundesregierung verantwortlich sind, die Kommunen im Umland von Berlin besuchen. Auf solchen Reisen kann man seinen Horizont erweitern. Die liebwertesten Gichtlinge des Merkel-Kabinetts könnten das gut gebrauchen.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf The European.


Image (adapted) „Saison Box“ by rawpixel (CC0 Public Domain)

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